Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Lisette Kirchner in Nürnberg v. 23.11.1851 (Marienthal)


F. an Lisette Kirchner in Nürnberg v. 23.11.1851 (Marienthal)
(BlM F 604, Mappe XXII, Geschäftstagebuch, Bl 11R-13R, Abschrift 8° 4½ S., nicht v. F.s Hand,, ed. Pösche 1887, 239-241 mit Glättungen und Kürzungen. Bei der angesprochenen „Mitgenossin“ handelt es sich um Johanna Hebarth.)

An Fräulein Lisette Kirchner in Nürnberg.

Marienthal nächst Bad Liebenstein im Meining
schen 23/XI 1851.


Meine liebe Lisetta.

Irre ich nicht, so bin ich Ihr Briefschuldner; doch wäre
dieß auch nicht, so drängt es mich dennoch, Ihnen zu
schreiben. Auch in Bayern sind die Kindergärten
zunächst der freien Gemeinden daher ohne Zweifel
auch der aufgehoben, welchen Sie bisher geleitet haben,
was gedenken Sie nun zu thun? - Recht sehr bitte ich /
[12]
Sie, mir dieß, so bald es Ihnen nur immer möglich ist,
mitzutheilen, damit angemessene, des Gegenstandes
würdige und kann es geschehen, gemeinsame Entschlüs-
se gefaßt und gemeinsam, d.h. übereinstimmend,
sich nicht gegenseitig vernichtend, ausgeführt werden
können.
Wie ich höre, ist Ihrer Mitgenossin, welche sich zur
freien
Gemeinde bekennt, ausgesprochen worden,
daß es ihr gestattet werden würde, unter ihren Na-
men selbstständig einen Kindergarten auch mit
diesem Namen fortzuführen, wenn sie zur Mutter-
kirche zurückkehre. Sie, meine liebe Lisette, sind nun
aber keineswegs aus der Mutterkirche ausgetre-
ten, sondern stehen noch innerhalb derselben, so
gut wie ich; dieß halte ich nun der Bedeutung des
Gegenstandes halber für höchst wichtig, zumal da
Sie hier, während der ganzen Zeit Ihrer hier durch-
lebten Bildung in sich die Erfahrung gemacht,
die Überzeugung gewonnen haben werden, man
kann auf ächt christlichem, überdieß rein prote-
stantisch evangelischen Grund und Boden und
von diesem Standpunkte aus einer vollkommen
freudigen, freien, dem gesammten We-
sen des Menschen entsprechenden, und dessen allsei-
tigen Forderungen genügenden Entwickelung,
Ausbildung und Darlebung seines Wesens leben.
Ihnen, meine liebe Lisette, steht sonach, wenn ich
anders recht unterrichtet bin, nichts entgegen, Ihren
Staatsgesetzen genügend einen Kindergarten als /
[12R]
Kindergarten in Nürnberg auszuführen. Sollte
ich mich hierin nun nicht täuschen und die Ver-
hältnisse bei Ihnen wirklich so stehen, wie sie
mir erscheinen, so wäre dieß ein großer Gewinn
für die Sache; denn dann ging daraus hervor,
daß das Verbot nicht eigentlich dem Prinzip,
nicht den Grundsätzen der Kindergärten gälte u.
dieser thatsächliche Beweis wäre auf das Höchste
wichtig. Schreiben Sie mir nun, was Sie zu
thun Willens sind, und welche Schritte etwa
zur Einleitung des Fortbestehens eines wirk-
lichen Kindergartens
unter Ihrer Leitung in
Nürnberg zu thun wären.
Man hat mich [sc.: mir] berichtet, daß man von Ihnen
meine Schriften verlangt hat, um danach den christ-
lichen Standpunkt oder vielmehr die christl[iche] Un-
terlage meiner Bestrebungen und somit auch der
Kindergärten zu beurtheilen. Ich lege daher für
Sie ein Paar Schriftchen hier bei, welche seit 20 und
30 Jahren meine christlichen und kirchlichen Gesin-
nungen darlegen, denen ich nie untreu, in wel-
chen ich auch nicht einmal je wankend geworden bin;
vielleicht ist es gut, diese Schriftchen an den Orte abzu-
geben, von welchem Ihnen meine früheren abgefor-
dert wurden.
In dem Schriftchen "Durchgreifende Erziehung" mache
ich Sie besonders auf die Stellen S. 6 und 7 aufmerk-
sam. /
[13]
1, Jede Erziehung, soll sie Frucht bringen, muß sich auf
Religion gründen, und so weiter.
2, Die christl[iche] Religion, die Religion Jesu genügt dem
Wechselverhältniß zwischen Gott und Menschen
ganz, und ist dasselbe erschöpfend.
3, Alle und jede Erziehung, die sich nicht auf die
christl[iche] Religion, auf die Religion Jesu, gründet
ist mangelhaft und einseitig.
4, S.20. Durch Jesus ist die tiefste Wahrheit und
Erfahrung: "Gott ist unser Vater" ausgespro-
chen worden.
Weiter in dem Schriftchen: "Grundzüge der Men-
schenerziehung" S.1. S.16. S.23. Woselbst ich Sie bitte
die Stellen über Religion, christliche Religion, Reli-
gion Jesu und Kirche u.s.w. nachzulesen - und dem
Herrn, welchem Sie die Schrift, (was ich für gut halte)
mittheilen werden; Papierzeichen an die genann-
ten Stellen einzulegen. -
Diese ununterbrochene Lebenstreue meiner Ge-
sinnungen, Überzeugung und Bestrebungen in
religiöser und christlicher Beziehung thun nun auch
meine Mutter- und Koselieder (wie Sie wissen,
die Grundlage der Kindergartenerziehung), so
wie alle meine übrigen Schriften kund. Dieses
unverrückte Festhalten (nur stufenweise Klären
und lebenssichere Anwenden) meiner religiösen,
ich verdeutsche mir: gotteinigen Gesinnungen, Ü-
berzeugungen und Bestrebungen im Sinne, Geiste /
[13R]
und Bestrebungen, Lehre und Beispiel Jesu, machen
ja eben meinen Stolz aus, geben meinem Gei-
ste die Ruhe, die Sicherheit, Festigkeit, Ausdauer
meinem Gemüthe den Frieden, die Freudigkeit
meinem Handeln die Freiheit, welches Alles als
ein innig einiges Lebensganze mich beglückt.
Sehen Sie nun, liebe Lisetta, ob und wie Sie, als eine
selbstständige Schülerin, Tochter, Erzieherin, gleich-
viel wie Sie sich nennen und Ihre Stellung zu
mir bezeichnen wollen, - Ihr ferneres Handeln
auf diese Grundsätze gründen können u. wollen,
und schreiben Sie mir recht bald Ihre desfallsige
Entschließung; damit das Leben wo möglich
ein klares, wahres, ein sicheres und gesichertes
werde.
Sie brauchen auch niemals, weder von meinem
Leben, noch meiner Lehre, noch meinen Schriften
noch meinen grundsätzlichen Mittheilungen ein
Geheimniß zu machen; was ich je sagte, werde
ich je und immer vertreten. Lebens- Denk- Re-
dens- und Handelsklarheit ist ja eben die ich in
und mit all meinem Thun anstrebe. -
Meine Frau und ich grüßen Sie mit all Ihren
noch hiesigen Bekannten, Carolinen, Sophien, Kla-
ren und Theresen recht herzlich, besonders aber ich als
Ihr väterlich gesinnter Freund
Friedrich Fröbel.