Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Rudolf Benfey in Göttingen v. 27.11.1851 (Marienthal)


F. an Rudolf Benfey in Göttingen v. 27.11.1851 (Marienthal)
(BlM F 604, Mappe XXII, Geschäftstagebuch, Bl. 15R-19R, dat. Abschr. 8° 9 S. nicht von F.s Hand. Weitere kürzere undat. Abschrift von Luise F. ebenfalls im BlM F1058/58, S. 262-267, 1 B ½ Bl 8° 5 S. Luise F. vermerkt eingangs „Brief an Herrn B in Göttingen“. Hinzugefügt wurden von anderer Hand “Rudolf Benfey“, als Datum „Marienthal, 1851“.)

Herrn Rudolph Benfey in Göttingen.

Marienthal am 27. Novbr. 1851.


Werthester Herr Benfey.

In Ihrem jüngsten Briefe haben Sie sich mir abermals
mit vielem Vertrauen ausgesprochen, wie ich es in
meinen früheren, besonders aber in meinem letzteren
Briefe gethan habe, auf welchen Sie in Ihrem ebenge-
dachten jüngsten Briefe wieder zurückkommen. Diese
Beweise Ihres sich mir nicht nur erhaltenden, sondern
steigenden Vertrauens fordern mich in mir auf Ihnen
nun auch das offen auszusprechen, was ich Ihnen in mei-
nem letzteren Briefe nur andeutete. Sie erkennen es
an, und das freut mich, daß ich Ihren literarischen und
sonstigen geistigen Arbeiten volle Gerechtigkeit wieder- /
[16]
fahren lasse; diese Anerkenntniß meiner von Ihrer
Seite ist aber auch nöthig, ist die unerläßliche Grund-
lage weiterer ersprieslichen Mittheilungen über
den angeregten Gegenstand zeitgemäßer besonders
literarischer und geistiger Wirksamkeiten zwi-
schen uns.
Was mich hier die wahre Offenheit und wirkliche
Freundschaft für mehrere mir Vertrauen schenkende
junge Männer auszusprechen drängt, das gilt da-
rum keineswegs [für] Sie allein, oder [für] Sie im besondern
Uebergewicht, sondern gilt alle[n] in dem vorstehen-
den Ausdrucke: - „mir Vertrauen Schenkenden“
Zusammengenommenen jungen Männer, den
einen mehr, den anderen weniger: – so achtungs-
werth nun auch all die literarischen und allgemein
geistigen Arbeiten dieser meiner jungen Freunde
sind, so finde ich doch an allen eine Eigenschaft und
resp. Mangel, den, des directen, bestimmten Bezie-
hens derselben auf die Grundforderung der Zeit,
und diese ist nach meiner festen Ueberzeugung eine
durchgreifende Erneuung des Lebens durch die Erziehung,
durch die Gesammterziehung Aller durch die Einzelnen
und aller Einzelnen. Diese großartige, aber uns
nur einzig zu retten vermögende Erziehungs-
wirkung kann jedoch nur einzig erreicht werden
wenn, wie der Brennspiegel alle Lichtstrahlen in
einem einzigen Brennpunkt vereinigt und so gewal-
tige Glut selbst den härtesten Stoff schmelzend, ver-/
[16R]
brennend oder verflüchtigend hervorbringt, so sollen
auch alle junge, geistig schaffende und geistig wir-
kende Männer in dem Einen und Höchsten Punkte
welcher jetzt Noth thut, in dem der allgemeinen
Menschheitserneuung durchgreifender Erzie-
hung sich einen.
Wie es für jedes, was zu erreichen unerläßlich ist,
es auch ganz gewiß die entsprechenden Mittel, Wege,
Weisen pp. giebt, so muß es auch Wege, Mittel, Wei-
sen pp. geben, um dem Bedürfniß der allgemeinen
Menschheits- und Lebenserneuung durch die Erzie-
hung, durch durchgreifende Erziehung zu erreichen.
Hier müssen sich vor Allem zuerst die Kräfte und
Geister zur Erforschung des wahren Wesens der
Grundbedingungen, ächter Erziehung einen,
dann nach Erforschung des Zieles, Zweckes, der Mit-
tel, Wege, Weisen. Ist dieser Einigungspunkt er-
reicht, dann mögen von dessen klaren und siche-
ren Festhaltung aus die Thätigkeiten nach den
verschiedensten Seiten hin [sich] gliedern und jeder die
zur Bearbeitung wählen, welcher er, mit kurzem
Worte am meisten in sich gewachsen ist. Aber,
aber, der Einigungs- und Ausgangs- wie auch
wieder der Sammelpunkt muß vorher klar er-
kannt sein und allgemein wie gegenseitig ganz
fest gehalten werden. Dieß kann uns allen und der
Menschheit wie dem Volke nur helfen; seit Jahr- /
[17]
zehnten habe ich gestrebt es zu erreichen, allein man
hat mich vereinzelt gelassen. Jeder meint leider
zu viel von seiner Persönlichkeit zu verlieren,
wenn er sich zuerst dem Allgemeinen hingiebt, und
doch gewinnt jeder eben zuförderst an Allge-
meinheit, wodurch eben, nur recht verstanden an
Sonderheit an individueller Beziehung, möchten
auch Sie mich lieber Benfey verstehen; dieser Punkt
ist es auf welchem wir verschieden zu einander
stehen; auch Sie meine ich verstreuen, vereinzeln
und veräußerlichen zu viel, ehe Sie sich vorher
wahrhaft und innig in Ihrem Wollen einigen
und zwar über das Wesen der von der Zeit ge-
forderten, durchgreifenden Erziehung; denn am
Ende müssen Sie doch gestehen, daß all Ihre lite-
rarischen und Geistes Bestrebungen erziehender
Natur sind; allein die Beziehungen zu der, von der
Zeit, das heißt von der jetzigen Entwickelungs-
Stufe der Menschheit mit Nothwendigkeit geforderten
durchgreifenden Erziehung sind zu lose, zu locker, zu
unbestimmt; darin lese ich den Grund all der
unbestimmten und unbefriedigten Ergebnisse,
welche aus der doch ganz namhaften und treuen
Kraftanwendung hervorgehen. Möchten Sie mich
doch mein werthester Herr B. in diesem Punkte
verstehen, ich glaube Sie könnten dann ein Ziel
erreichen, das Sie dann in jeder Beziehung befrie- /
[17R]
digen würde; allein allem zuvor erst tieferes,
ja das tiefste Studium in Beziehung auf die
von der Zeit unerläßlich geforderte durchgrei-
fende Erziehung. Ich weiß es, man hält mich mit
dieser Forderung für zu einseitig, für zu ego-
istisch, weil sie natürlich und sie kann es gar
nicht anders sein, in der directesten Rückbezie-
hung zu meinen eignen erziehenden Bestrebungen
steht; allein man begreift eben nicht, daß es gar
nicht anders sein kann und darf, sonst würde
es ja eben auch von mir heißen: „thut nach mei-
nen Worten, aber nicht nach meinen Werken.“
Das ist aber eben wieder das Wesen der von
der Zeit gefordert werdenden durchgreifenden
Erziehung, daß sie Wort u That, Erkenntniß
und Ausführung in Einigung fordert. In der
KindergartenErziehung liegt aber eben das ganze
Wesen der, von der Gegenwart mit so unerläß-
licher Nothwendigkeit gefordert werdenden durch-
greifenden Wort und That, Erkenntniß und Leben ei-
nigenden Erziehung allseitig vollkommen im Keime,
eben weil sie durch Entwickelung d.i. durch Selbst-
thätigkeit erziehend bildend ist: - Ich gestehe es
recht gern, meine immer wiederkehrende Auffor-
derung zum recht ernstlichen, so tiefen als allseitigen
praktischen in dem und durch die That eigene Ausfüh-
rung lehrenden und belehrenden Studium der von mir /
[18]
sogenannten Kindergärten oder entwickelnden
Erziehung kann sonderbar erscheinen; allein es ist
wirklich wunderbar, was mich mein tägliches Unter-
richten selbst lehrt, welche Tiefe und Allerfassung in
ihr liegt, aber weil sie 1. das Wesen des Menschen und
Kindes 2) das Wesen der Dinge und 3. die Gesetze
des Werdens oder eben der Entwickelung so er-
schöpfend erfasst und darum so einigend als alle
Dinge erklärend erscheint, besonders auch wieder durch
die aus dem lebendigen Geist gebornen deutschen Ur-
und Muttersprache. - Was eben Ihrem Aufsatz für
mich die Bedeutung giebt, ist eben, daß Sie das, was Sie
schreiben, auch hier durch Selbstthätigkeit erfahren haben.
Allein Sie, eben Sie sollten auf dieser jetzigen Stufe
der errungenen Einsicht nicht stehen bleiben; - (sowie
eben alle die oben gedachten mir u der Sache Vertrau-
en schenkenden jungen Männer.) - sondern tiefer
in das durch Selbstthätigkeit hindurch gehende Studium
des Gegenstandes eingehen; Sie werden da zuletzt zu
und in einen Punkt kommen, von wo aus Richtungen
nach allen Seiten in Sprache, Mathem. Kunst, Geschichte,
Natur u.s.w. u.s.w. gehen, oder worinne sie sich
eigentlich einigen, gleichsam ihren Halt, Grund und Quelle
haben, nemlich in der allgemeinen Weltbestimmung,
des allgemeinen Weltberufes, sowohl für das ganze
Weltall, als jedes Einzelnen in demselben, nemlich der
Selbsterziehung, der Selbstentwickelung im großen
Lebensganzen wie mit demselben und durch dasselbe /
[18R]
worinne eben die Schöpfung in und durch welchen Zweck
sie eben ihr Dasein hat, darum ist aber auch die Kinder-
gartenerziehung, die entwickelnde Erziehung über-
haupt , wie die entwickelnd erziehende Menschenbil-
dung insbesondere mit dem großen Welt- und
Schöpfungsplane nicht nur nicht im Widerspruche, son-
dern in directer Einigung und Forderung, wie
denn auch mit der in der Zeit und von der Zeit
geforderten durchgreifenden Menschheits- und Kinder-
wie Völkererziehung zu allgemeiner Lebenserneu-
ung, d. h. zur Erhebung einer ganz neuen Entwi-
ckelungs- und Bildungsstufe, die der innern gei-
stigen Anschauung und Auffassung der Dinge, wie
bewußten Darlebung des innern Seins, des Wesens,
als eines Wissenden in Weisheit und mit Lebens-
weisheit. – So wird, was wieder Bestimmung und
Beruf aller Dinge, wie des ganzen Weltalls ist -
das Leben ein im Geist, im Bewußtsein des Geistes
ein einiges; wie ein Einiges in sich, so ein mit
und in Gott einiges und so ein, wie Gotteiniges,
so Seeleneiniges – seeliges; - das in sich vollendete.
Sehen Sie l. B. so meine ich, sollen wir uns, sollen
wir das Leben, sollen wir uns im Leben erfassen,
wenn wir das Leben befriedigen, wenn wir Be-
friedigung im Leben finden wollen; nun so meine
ich sollten sich im Geiste all die einigen, welche ich oben
“Vertrauen Schenkende“ nennen [sc.: nannte]; dann würde durch
sie wenigstens begonnen werden das Leben mit /
[19]
Bewußtsein, wie in Gemeinsamkeit, ächter Gemein-
samkeit zur Entwickelungsstufe zu erheben, welche zu
erringen die Menschheit jetzt bestimmt ist. – Kurz
so würde das Leben werden was es will soll und
kann - ein Ganzes ein - Einiges. -
Haben Sie nun, werthester H. B. überhaupt Zeit u
Lust, so theilen Sie mir, sobald Sie Zeit u. Neigung haben,
über den hier ausgesprochenen Gedanken offen und un-
umwunden Ihre Ansicht und Überzeugung mit, dann
wollen wir sehen, was das Leben weiter zur Errei-
chung Ihrer Wünsche bietet. In diesem Augenblicke
liegen die gesammten Lebensverhältnisse selbst noch
so unklar vor mir, daß ich noch nicht auf die ein-
zelnen Punkte Ihres vertrauenden Briefes eingehen
kann.
So eben erhalte ich einen Brief von einem durchbil-
deten Lebenserfahrenen Manne zugleich schon Fami-
lienvater, auch in höheren Sinne erziehend wirkend,
welchem ich mich weniger [sc.: einiger] Zeit auch über diesen
Punkt mittheilte, dieser schreibt mir darüber im
Augenblicke Folgendes: „Die Einigung der Geister,
die Lebenseinigung ist Ihr Ziel. Ich wüßte nicht,
welches größer wäre u zugleich welches nothwendiger,
wenn es auf Erden gut werden soll. Dafür sollte
wirken, wer irgend Kraft in sich fühlte u das ist
möglich, er stehe auf welchem Felde er wolle. Und
eben so gewiß ist, wenn wir zu dem ursprünglich
Wahren zurückkehren müssen, wenn jene Einigung /
[19R]
erfolgen solle.“ Und so ist es, ich meine eben nicht eine
äußerliche gleichsam additionelle und contractive
Vereinigung, an welcher sich die lahm und todt gear-
beitet haben, sondern eben aus der gemeinsamen
Anschauung und Auffassung gleicher Lebensgesetze,
u. der daraus hervorgehenden gleichen Lebens-
gestaltungen und Wirkungen, u. welche als äußere
Hervortretung eben innerer Lebenseinheit
wieder zu innerer, d.i. geistiger Lebenseinigung
zurückführen, zurückführen zu wahrer Einigung
der Geister, somit zu Lebenseinklang gegensei-
tiger Lebenserkennung, Lebensforderung und
Lebensunterstützung, welche wir alle so sehr bedürfen.
Daher heißt es auch noch in dem angeführten Brief:
„ Eben das wahrhaft Menschliche wieder herzustellen,
ist das Sehnen u. Drängen der Welt.“ – Kann der
Ihnen hier mitgetheilte Gedanke u. diese Lebens-
anschauung u. eigentlich wahre Weltansicht Ihr
Interesse gewinnen, so bearbeiten Sie gel.[egentlich] den
Gedanken und theilen Sie mir die Arbeit mit,
vielleicht läßt sich dadurch ein Weg anbahnen der Ihnen
Ihre Lebensbestrebungen wahr macht. Grüßen Sie
Ihre liebe Schwägerin P. Für heut muß ich Ihnen
Lebewohl sagen.
Ihr
      FrFr.