Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Betty Graue in Altona vom 26.12.1851 (Marienthal)


F. an Betty Graue in Altona vom 26.12.1851 (Marienthal)
(StFSWH, Brieforiginal 1 B 8° 3 S.)

Marienthal nächst Bad Liebenstein am 26/XII 1851


Meine liebe Betty Graue.

Was werden Sie gedacht haben als Sie von Herrn H[offmann] meine
jüngsten Zeilen empfingen und mit denselben keinen Ihrer
Wünsche erfüllt, nicht einmal in denselben erwähnt fanden?
Der Grund davon ist dieser: Ich liebe es die Briefe zu beantworten
indem ich sie mit der Feder in der Hand und auf dem Papier
zugleich nochmals lese. Und so war ich denn auch mit dem
Lesen Ihres Briefes bis zu der Stelle gekommen, wo meine Be[-]
antwortung abbricht; als ich zu anderen Geschäften abgerufen
und dann zur schnellen Absendung der Briefe aufgefordert wurde[;]
so kam es, daß meine Beantwortung die ganze zweite Hälfte Ihres
l[ieben] Briefes übersah. Ich wollte nun, sogleich nach Abgang meines
Briefes als ich meinen Fehler bemerkte denselben sogleich ver[-]
bessern und ich hoffte, daß der directe Brief so viel früher an[-]
kommen würde als der, den Weg über Hamburg gefunden; doch
dieß wollten mir die Festforderungen nicht gestatten, und so
komme ich erst heut zum Schreiben. Bitte deshalb um Nachsicht.-
Zuerst empfangen Sie hierbei das gewünschte Zeugniß, möge
es Ihnen bieten, was Sie erwarteten.
Zweitens fragen Sie mich wegen des Lesenlehrens im Geiste
unserer gesamten Kinderführungsweise und im stetigen
Fortgange mit der Kindergarten-Entwickelung und der dort
beg gewonnenen Fertigkeiten. Ich gestehe, daß mich diese Frage et-
was überrascht; denn ich sehe nicht wohl ein, wie sie möglich
ist wenn Sie meine "Wochenschrift" vom Jahr 1850 besitzen;
denn in derselben ist ein sehr ausführlicher Artikel, welcher
durch mehrere Nummern hindurch geht: - "Wie Lina lesen lernt".
Ihre Frage aber setzt für mich ein Doppeltes voraus: entweder
daß Ihnen der Aufsatz nicht genüge und Sie von der Behand-
lung des Gegenstandes nicht den Übergang finden und machen
können zur Behandlung im Kindergarten oder vielmehr in der
Vorschule - oder, daß Sie die "Wochenschrift" nicht besitzen.
Beides setzt mich aber in einige Verwunderung. Sollten Sie
wirklich die "Wochenschrift["] nicht besitzen, welche ich aber für
jede sich fortbildende Kindergärtnerin unerläßlich halte?-/
[1R]
Ich kann mir dieß nicht wohl denken. Also bleibt mir nur
das zweite übrig, daß Ih Sie der Aufsatz: "Wie Lina Lesen
lernt["] nicht befriedigt, d.h. dessen Anleitung für Ihren Zweck
Ihnen nicht genügt hat. Sehen Sie aber, liebe Graue, man
kann zur Ausführung einer Sache, welche unter verschiedenen
Verhältnissen möglich werden soll, nie eine solche Anweisung
schreiben, welche für alle Verhältnisse gleich angemessen ist,
man kann da nur die wesentlichen Punkte herausheben
das Zufällige und Locale muß man aber dem Urtheile
der Anwendenden überlassen und so kann ich denn auch wirk[-]
lich Ihnen zu jeder Anweisung nicht Wesentliches mehr
hinzufügen. Besitzen Sie oder Frl. Stieler meine "Menschen[-]
erziehung
" nicht, so können Sie solche wohl von Herrn Hoffmann
oder Herrn Beit erhalten, dort finden Sie auch eine Anleitung
zum Lesen lehren; sie ist aus gleichem Geiste geboren, beruht
also auf den ganz gleichen Grundsätzen und führt zu dem
ganz gleichen Ziel, wenn auch einiges im Lehrgang anders
seyn sollte. Dieser besteht im folgenden[:]
1. ganz richtig und rein sprechen der Worte
2. Auffassen und Kenntniß der Wörter ihrer Lage oder
Größe nach; also: ob 1- oder 2- oder 3- oder meh[r]gliedig
(mehrsylbig) dieß geschieht indem man jede Sylbe oder jedes
Glied an einen wa[a]grechten Schlag mit der Hand knüp[f]t
und dann zählt: z.[B.] Ohr } Eins. Stirne } Eins, zwei. Fröhlichkeit } 1,2,3.
In meiner "Menschenerziehung" finden Sie dazu klare Anweisung.
3. Das Dritte ist das Tonsprechen und Aussprechen: z.B.
Ohr, derTon? = O, Stirne, der Ton? I.E. - Fröhlichkeit? E,i,ei
4. Ebenso das Suchen der Laute u.s.w.
5. das Bezeichnen a) der Töne, b) d[er] Laute pp.
a) durch Stäbchen, b) durch Striche
Hier kann Ihnen
meine Menschen-
6. das Schreiben der Wörter
a. durch Stäbchenlegen, b. Striche mit
dem Griffel auf die Tafel
erziehung manchen
Wink u.s.w.
geben
5. das Bezeichnen a) der Töne, b) d[er] Laute pp. Hier kann Ihnen
a) durch Stäbchen, b) durch Striche meine Menschen-
6. das Schreiben der Wörter erziehung manchen
a. durch Stäbchenlegen, b. Striche mit Wink u.s.w.
dem Griffel auf die Tafel geben
7. Vergleichung der Linearbuchstaben
mit den Gedruckten u Geschrieben[en]
8. Endlich Lesen des Gedruckten u Geschriebenen
und schreiben, eben so vom Einfachen
aufsteigend /
[2]
Das Rechnen lehren ist nun beiweitem leichter. Doch auch
dazu giebt die "Menschenerziehung", ob gleich ich solche schon
1826 herausgab, Anweisung:
1. Erst lassen Sie mit Benennung der Gegenstände zählen
1 Würfel; dann 1 Fläche 2 Flächen u.s.w. 1 Kante 2 Kanten rc.
1 Ecke 2 Ecken. Hier kommen Sie schon bis 12 Zahlen. Auch
können Sie hier 1 und 1; dann 2 und 2; dann 3 und 3; 4, 4 u 4; 6 und 6
d.h. I I I I I I rc II II II und s.w. III III III III IIII IIII IIII; IIIIII IIIIII zählen
lassen; dann II in I I; III in I I I; IIII in I I I I, II II; IIIIII in II II II, III III, I I I I I I.
Hier sehen Sie nun selbst, wie sich Zusammenzählen (Adition) und Weg[-]
nahme (Substraction) Vervielfältigen (Multiplication) rc anschließt.
Sie können dieß schon bis zu einem bedeutenden Umfange mit den Stäb-
chen und noch weiter mit Strichen auf die Netztafel üben.
Mit Stäbchen erst bis 12; dann bis 24.
2. Mit Strichen auf die Netztafel können Sie bis zur Darstellung
der sogenannten Pestalozzischen Einheitstabelle gehen[:]
I I I I I I I I I I
II II II II II II II II II II
III III III III III III III III III III
und so weiter bis IIIIIIIIII mal IIIIIIIIII
3. Auch beim Zifferrechnen können Sie mit Stäbchen beginnen
nachdem Sie den Kindern ohngefähr deutlich und einsichtig
gemacht haben wie die Ziffern entstanden sind z.B.
I = 1. 2; 3; 4; 5; 6; 7; 8; 9.
Und dann sagen Sie, daß man nur Ziffern habe bis zu den
Zahlen IIIIIIIII; bei IIIIIIIIII aber welche man in Eins zusammenziehe
zehn (zaun) IIIIIIIIII [*Papier umgeklappt*] wieder mit 1 beginne; allein diese 1 um
1 weiter zur linken stelle, so daß nun jede Ziffer in dieser
Stelle jedes mal Zehnmal so viel bezeichne als in der zur rechten
<nun> können Sie mit Stäbchen legen lassen 1 Z und Z 1 spre-
chend 1 Zehner 2 Einer = Zwölf; oder 1 Ze Einer 2 Zehner oder 2 <Zig> = 21.
Ihre Kenntniß des Zifferrechnens wird Ihnen hier bald
das Richtige zeigen, wird Sie das Rechte finden lassen[.]
Sollten Sie im Sommer vielleicht 14 Tage Ferien haben,
so sollten Sie hierher eilen um Ihnen zu all diesem und
noch manchem Anderen mündliche Andeutungen geben zu können.
Für heut und für dieß Jahr muß ich Ihnen und Emilien
nun ein herzliches Lebe wohl und meine besten Wünsche sagen
I.         Frd. Fr. Fr.
[eingekreist]