Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Dr. W. Erythropel in Stade v. <nach 6./Ende>12.1851 (Marienthal)


F. an Dr. W. Erythropel in Stade v. <nach 6./Ende>12.1851 (Marienthal)
(BN 421, Bl 4, undat. Briefentwurf 1 Bl 4° 2 S auf 4R-4V Briefbogen des Eingangsschreibens v. 6.12.1851, der Brieftext von W.E. auf 3-4R. Daß der Entwurf nicht direkt nach dem 6.12., sondern erhebliche Zeit später, möglicherweise aber noch im Dezember, geschrieben wurde, ergibt sich aus dem Briefinhalt)

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Hochgeehrtester HE Dr. Sie werden auf Ihren vertrauenden Brief vom 6.d.M. schon seit langem
eine Antwort von mir erwartet haben. Auch ich hatte mir vorgesetzt Ihnen sogleich in den nächsten
Tagen nach Empfang zu schreiben; allein gegen meinen Willen wurde ich durch das [sc.: die] unmittelbaren Drang For[derungen]
des Lebens die Erfüllung dieses Vorsatzes an die Seite gedrängt; deßhalb zuförderst bitte wegen der verspä-
teten Antwort bitte [ich] um Nachsicht. –
Sobald als es die Zeit gestattete theilte ich Ihrer l. Schwester den Inhalt Ihres Briefes an mich mit. Ich
gestehe aufrichtig, daß mich derselbe sehr gegen Ihre Schwester entrüstet hatte, und in dieser Stimmung stellte
ich ihr sehr ernst und eindringl das mindestens sehr unüberlegte ihres Planes u die noch unüberlegtere Ausf[ührung]
desselben vor. Sie erwiderte mir hierauf daß der Inhalt Ihres Briefes nur mit großer Beschränkung wahr sey
und zwar gleich in der Hauptsache, daß Sie Ihre [sc.: ihre] Jahres Einnahme auf 100 rth berechnete ansetzte [sie diese] kaum auf 75 rth berechnen kann. Dadurch sey
sie in die peinlichste Lage gekommen, so daß sie kaum habe bestehen können indem sie sich sehr oft auch das Nöthigste habe ent-
ziehen müssen. Dann seien besonders die Forderungen ihres schwachen Körpers und hinwiederum die Beschwerden ihrer wenn auch kleinen Wirtschaft z.B. das Holz[-]
und Wassertragen gekommen, so daß sie nothgedrungen wenn sie nicht ihren
leibl u geistigen Untergang stets vor Augen sehen und ihm gewiß entgegen gehen wolle
auf Linderung ihres Zustandes habe und daran habe denken müssen wie sie sich eine angemessenere Jahreseinnahme durch eine ihrem leibl. Zustand entsprechendere Thätigkeit verschaffen könne;denn eben die sitzenden wenig abwerfenden Arbeiten habe sie ganz darnieder gebracht – Da sey ihr nun die Übernahme u Führung eines Kindergartens in Verein mit Frl. Luise Schmi[dt]
mit Beibehaltung ihrer häusl. Stellung im Stifte als ein heller Stern besseren Lebens erschienen, um somehr als auch HE
Dr Bödeker diesen Plan gebilligt und ihr zur Ausführung desselben seine Hülfe zugesagt habe. –
Sie gestehe nun zwar offen daß Sie [sc.: sie] gegen Sie zwar sehr gefehlt habe indem Sie [sc.: sie] Ihnen ihre wahre ökonomische
häusliche körperliche u geistische Lage verschwiegen habe, allein dieß sey aus reinsten Gesinnungen geschehen,
um Ihre Lebenssorgen nicht noch mehr zu vermehren. Aufrichtig muß ich nun
weiter gestehen, daß mich im Gegensatz mit [sc.: zu] Ihrem Briefe die Schilderung des Lebenszustandes Ihrer Frl. Schwester
auch tief, tief, ergriffen hat und ich so mir vom Grund meines Herzens eine Verbesserung derselben herbei wünschen kann[.]
Wie aber dieß möglich darüber habe ich kein Urtheil. Wer etwas
und so sehnlich erzielt [sc.: anstrebt] wie Ihre Frl. Schwester eine Verbesserung ihrer Lage stellt natürl die sich ihr zeigende Aus-
sicht dazu im besten Lichte dar, so natürl. auch Ihre Frl. [Schwester] Ihre[sc.: ihre] Hoffnung und die Erreichung derselben. Großen Werth
legte ich auf das Mitwissen und die Mitförderung des Planes durch Herrn Dr. Bödeker, von den Familienverhältnissen
Ihrer Frl. Schwester, wie von denen der Frl. Luise Schmidt wußte ich so viel als nichts. – Was die Erfüllung der Bedingungen [-] mögl einen kleineren Beitrag zu bringen braucht, welcher durch wenige Kinder gedeckt werden kann [-]/
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des Eintrittes in die hiesige Bildungsanstalt betrifft, sohatten beide in einer gewissen Fr. Geheim-
räthin von Marenholz früher in Hannover lebend wohnend, jetzt durch einen günstigen Zufall dortmals gerad in Bad Liebenstein als Curgast
lebend einer Dame der Förderung meiner Bestrebungen mit ganzer Seele lebenden Dame bei mir eine wirksame Vorsprecher[in] erhalten.
Durch diese ließen mir beide Frl. Ihre Schwester u Frl. Schmidt nun wissen, daß sie
durch die Gesammtheit ihrer Verhältnisse wohl im Stande seyen das Pensionsge[ld]
zu bezahlen, wenn ich es nur nicht nach den bestehenden Bestimmungen gleich bei ihrem
Eintritte in die Anstalt als Vorausbezahlung gefordert würde; wer schlägt nun durch solche Führspra[-]
che ausgesprochene Bitte gern ab und wer drängt da auch inquirirend bis auf den letzten Grund wo[rauf]
solche Versprechungen ruhen. Und so habe auch ich dem Fürworte Ihrer für der beider Nachsehens wie den Andeutungen
ihrer Verhältnisse zur Erfüllung ihrer der PensionsBedingungen vertraut. Anders g[an]z anders zeigt aber nun Ihr Brief die pecuniären Verhältnisse u ich sehe tägl nicht ein wie es
jede der beiden Frl. das gesetzmäßige Pensionsgeld für alles in Allem von 120 rth für einen sechsmonatl. Bildungscursus aufbringen wollen