Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an < ? > ["Sie"-Anrede] in < ? > v. zwischen 1840 und 1851


F. an < ? > ["Sie"-Anrede] in < ? > v. zwischen 1840 und 1851
(BN 707a, Bl 92-93) (Reinschriftfragment)
(Die beiden Blätter haben keinen direkten Übergang. Aufgrund der Einfügungszeichen handelt es sich offenbar um Teile eines Briefs, die in einen bestehenden Text integriert werden sollten.)

[92]
Hinzufügung ad. 1 [*Einfügungszeichen I*] Nur in einem Kindergarten ist es möglich den Thätig-
keits- und Beschäftigungstrieb des Kindes zur Erhaltung von dessen
Zufriedenheit, Unschuld und Vertrauen genügend zu pflegen. Deßhalb
ist jedoch keinesweges nöthig, daß die Kinder jede Stunde des Tages in dem
Kindergarten zubringen sollen sondern sie können recht gut alle die Stunden im
elterlichen Hause zubringen, wo die Eltern wahrhaft sie pflegend und be-
achtend sie unter ihren erziehenden Händen und Augen haben können; allein
dieß muß seyn, sonst geht in kurzer Zeit durch unbestimmtes Herumtreiben
im elterlichen Hause mehr verloren als was mehrere Stunden des
Aufenthaltes im Kindergarten hervorbildeten. Wollen aber gern die
Eltern sich ihrer Kinder, deren sinnigen Thätigkeit, deren heiteren Zufrie-
denheit deren beglückenden und glücklichen Unschuld, wie deren kindlichen
Vertrauen erfreuen, so mögen sie dieselben, auch zu deren Freude im
Kindergarten besuchen; dadurch würde abermals Vielfaches erreicht
werden: wahre achtende Anerkennung des Kindesleben und dessen
Würde, Erziehungserfahrungen und Erziehungsmittel der mannichfachsten
Art würden sich da aneignen und so in die Familien einführen lassen;
sollen Geschwister sich nicht entfremden, wie man fälschlicher Weise glaubt -
(denn das Kind geht nun mit gesteigertem Frohsinn in sein väterliches
Haus zu Mutter, Vater und Geschwistern zurück, und wird da mit um
so reinerer herzlichen Liebe empfangen) - so mögen wie die Eltern, so
auch die älteren Geschwister die jüngeren im Kindergarten besuchen
und viel herrlicher Saamen ächter Bethätigung mit all seinen sich
daraus entwickelnden lieblichen Blüthen und Früchten wird dadurch in
die Familien kommen; ja die Erziehung wird so nach und nach werden
was sie werden soll: ächte Familien-, Gemeinde- und Volkssache,
wahre Angelegenheit der Menschheit. Wie aus dem Geiste und Streben
der Kindergärten nach der einen Seite hin ächter frommer deutscher
Sinn und deutsche Sitte, so nach der anderen Seite hin Jugend- und
Volks- ja Nationalspiele und so Sinn für bildende, wie darstellende
Kunst welche besonders die griechischen Völkerschaften so classisch und
unsterblich machten[.] -
Nur auf diesen u.s.w. Soll ich Ihnen noch kurz den Geist dieser Kindergärten,
wie er in der ganzen Form derselben wie in jeder ihrer Einzelnheiten sich ausspricht be-
zeichne[n], so ist es dieser: jedes Kind wird, als zur einstigen Selbstständigkeit und zu
bewußter eigenthümlicher Wirksamkeit in der Kette der menschlichen Gesellschaft u. /
[92R]
Verhältnisse berufen, sowohl in der Eigenthümlichkeit seines Wesens u. dem Grade
seiner Entwickelung, sondern auch zugleich als Glied eines größeren Lebensganzen, also
sowohl nach den Forderungen dieses, als nach dem [sc.: der] theilweise noch in ihm schlummernden Entwicke-
lung sondern auch gleich als Glied eines größeren Lebensganzen, also sowohl nach den Forderungen
dieses, als nach dem theilweise noch in ihm schlummernden Entwickelungsgesetze erfaßt u behandelt;
ebenso wird die ganze Umgebung des Kindes beachtet u. auf dasselbe einwirkend gemacht;
einmal den persönlichen Entwickelungsforderungen genügend, wie den allgemeinen Lebens-
bedingungen entsprechend. Die Forderungen des Besondern, Individuellen und des Allgemeinen
Allumfassenden treten daher, um beide in ihrem Wesen zur Auffassung des Kindes zu bringen
abwechselnd hervor, um das Kind dem in ihm selbst ruhenden wie von Außen ihm überall
entgegentretenden höheren Lebensgesetze gemäß sich entwickeln u. mit steigenden Bewußtwerden
handeln zu machen. Das Leben des Kindes selbst ist darum, wie das seiner ganzen Um-
gebung, ein ruhig, stetig fortgehendes, ohne Zerstücktheit und Stückelei; demgemäß sind
nun auch alle Spiel- und Beschäftigungsweisen, alle Spiel- und Beschäftigungsmittel;
sie führen von dem, noch gehemmten, gefesselten Gebrauch seiner Glieder u. Sinne
immermehr zu den freieren sicheren, sie führen vom Unbewußtseyn, durch Gefühl u. Empfindung,
zu immer höher steigenden Bewußtwerden, so zur Vermeidung des Fehls mit Bewußtseyn.
Darum knüpft sich stets an das Thun das mit demselben auch steigend sich erweiternde und fort-
bildende Wort, und, da in dem Kinde Sprache, Rhytmus und Melodie noch ein ganz unge-
bildetes, chaotisches Ganzes ist, es sich aber auf verschiedene Weise wie zur Erfül-
lung der einzelnen, persönlichen, wie zu der, der allgemeineren Lebensforderungen
in den verschiedenen einzelnen Richtungen schon hervorzubilden strebt, so begleitet das sinnige
Thun des Kindes bald die der inneren Entwickelung Raum gebenden Stille, bald das deutende einfach ge-
sprochene, das rhytmische u. melodische, das gesungene u. Gesangswort, daß der äußere
Zusammenklang, den innern Einklang wecke.- Wie die Bethätigungs- die Spiel- und
Beschäftigungsweisen um in sich ein stetiges, sich vom Einfachen zum Zusammengesetz-
teren und Gegliederten, sich fortentwickelndes Ganzes sind, so sind es auch die
Kindesbethätigungs[-], seine Spiel- und Beschäftigungsmittel; wie dieß schon oben in dieser Darle-
gung ausgesprochen wurde, und zwar so, und dieß ist wieder das wesentlich zu Beachtende:
daß die äußere Entfaltung zur innern Erfassung, zur Erfassung des Innern des Dinges und
des eigenen Selbstes führt, daß die äußere Entwickelung eine Erweckung so endlich selbst
Belebung rc des Innern wird.- In gleicher Weise wird nun die ganze Natur und
das gesammte Wechselleben des Kindes mit derselben, aber auch das ganze menschliche,
Berufs-, Bürgerliche u gesellige Leben erfaßt u. behandelt, so, daß das Kind in dem
Fortschritte seiner Ausbildung jedes Ding an seiner rechten Stelle erkennt, in seiner
richtigen Weise, sowohl in seiner Sonderheit wie in seiner Allgemeinheit als Glied [erfaßt.]
[Text bricht ab] /
[93]
Hinzufügung ad. [*Einfügungszeichen II*] seyn. Wohl wird nun diese Aufgabe schon im hohen Grade durch die
sorgsamste Pflege der, des Kindes Thätigkeit begleitenden, vom Unbewußt-
seyn zum Bewußtseyn heraufsteigenden und ihm so gesicherten Zufriedenheit und
Unschuld und durch alles was mit ihnen beiden zugleich gegeben und gefordert wird
gelöst; aber noch ein drittes tritt in dem Leben des Kindes frühe mit den
Forderungen der sorgsamsten Pflege, was auch schon erwähnt wurde, entgegen um das
Kind dem Ziele und Berufe der Menschheit entgegen zu bilden und den Erzieher der
Lösung seiner Aufgabe entgegen zu führen. Es ist dieß das früh in dem Kinde sich
zeigende, aus dem Kinde entwickelnde und bald hervorbildende Vertrauen;
es zeigt sich sehr frühe in dem Vertrauen zur Mutter, zum Vater, überhaupt zu sei-
nen Pflegern, bald im Vertrauen zu andern Menschen, im Vertrauen zu sich, im
Selbstvertrauen, aus welchem sich bald das höhere Vertrauen zum Menschen als Menschen
überhaupt, wie das Vertrauen zu Natur und Gott, der höhere Glaube an Gott
wie die Menschheit und an das eigene Selbst entwickelt. Das Wie? - der Pflege
dieses Vertrauens in dem Kinde und wie es eben wieder vom Unbewußtseyn
zum Bewußtseyn empor geführt werden muß, liegt im bisher Ausgesprochenen
vielfach angedeutet; es sollte auch hier nur in seiner pflegenden Wichtigkeit
hervorgehoben werden.
Um nun Zufriedenheit, Unschuld und Vertrauen die drei Genien der Kind-
heit dem Kinde und durch sich selbst zu sichern, hat es sich die Erziehung außer dem im Bisherigen schon
Ausgesprochenen, zur Aufgabe zu stellen das Kind nicht nur mit gutem
Beispiele zu umgeben, gleichsam mit Erziehungsmagneten; sondern vor-
züglich dem Kinde das Fehlerhafte eindringlich wahrnehmen, fühlen und emp-
finden zu machen, ohne es selbst durch den Fehl und die Fehlerhaftigkeit hindurch gehen,
es selbst fehlerhaft werden zu lassen; ja die Folgen wie das Wesen des Lasters
und die Sündehafti empfinden und fühlen zu lassen, ohne das das Kind erst
selbst durch Laster und die Sünde hindurch gehe.
Diese Aufgabe nun, so schwer sie auch immer zu lösen ist und bleibend es seyn
mag, so muß sie doch des ächten Menschen- und Menschheitserziehers un-
verrücktes Ziel seyn. Sollte es ihm auch als ein ewig unerreichbares
Ziel - den äußeren Umständen und der bis jetzt errungenen Menschenkennt-
niß nach erscheinen, so muß es ihm doch als Menschheitserzieher stets
ein erreichbares Ziel bleiben. Und es soll erreicht werden dieses Ziel,
und es wird durch die Erziehung einst erreicht werden; denn Gott gab
dem Menschen unmittelbar in und mit seinem Erscheinen drei unsichtbare
Führer zur Seite, deren zusammenwirkende, sanft leitende Kraft bisher aber
wenig erkannt, noch weniger aber gepflegt und als ein wesentliches Glied
mit in die Erziehung des Kindes und in den Gebrauch der zu ihr führenden Mittel /
[93R]
verwebt wurde das der erste ist das Siegel der Menschenwürde, welches
auch dem hülflosesten Kinde aufgedrückt ist, welche die Mutter nö-
thigt den Vater drängt es als eine Gottesgabe zu empfangen, da wo
der Mensch nur nicht entmenschet ist; der zweite ist das in jedem ent-
roheten, dem Zustand der Thierheit entronnenen Menschen, schon
als Kind frühe erwachende Gefühl der Eigenwürde, der Selbstach-
tung
, welches sich besonders in dem, in dem Kinde so früh zu weckenden
Gefühle der Schaam ausspricht, der dritte Führer ist endlich der Geist der Natur, welchen zu erkennen daß
Gott den Menschen und so auch das Kind mit einer nach ewigen Gesetzen
sich gestalteten Natur, gleichsam mit einen nach stillwirkenden, wandellosen
Gesetzen sich entwickelnden Garten, sich s (:hortus, Hürde (Schaafhürde)
Schutz:) sich mit in demselben sich enthaltenden Gewächsen und Bäumen umgab, in welchen der
sinnig beachtende Mensch wahrhaft sein innerstes Leben wie dessen
äußeren Erscheinungen zur Selbstbeachtung wie im Spiegel offen vor sich liegen
sieht. Hier nun kann das Kind frühe, gleich dem Erwachsenen erken-
nen Gutes und Böses, Förderliches und Hemmendes und das Eine im
eigenen Leben anwenden und das Andere darin vermeiden. Darum
sey nun das Kind vor Allem um es, ohne selbst zu fehlen, doch vielfach
zur Erkenntniß des Fehlers und seiner Folgen hinzuleiten, in den Garten
der Natur zu führen; doch dieß nicht allein, die Anschauungen desselben
würden noch öfterer für den noch beschränkten Bereich seines Blickes zu
groß seyn; darum umgebe das Kind in seiner nächsten Nähe ein, von
ihm in der Entwickelung seiner Gewächse u.s.w. zu beachtender Garten,
und in diesem nenne es ein eigenes Gärtchen sein, sey es auch nur so groß,
daß zwei Manneshände seinen Raum bedecken. Doch Sie sagen mir sogleich:
Das ist schon viel, zu viel woher so oft einen Garten nehmen?- Nun ist
es kein Garten im Freien, so sey es ein Stuben- ein Fenstergarten, und
in diesem habe das Kind wieder sein eigenes Topfgärtchen, besonders
mit etwas schnell wachsenden Gewächsen, daß es bemerke, was ihnen
förderlich, was ihnen nachtheilig, damit es sehe, wie alles werde, wie
es geschehe, daß es die Geschichte des Werdens beachte und darin
das Bild der Geschichte seines eigenen Wesens und Lebens wiederfinde.
[*Einfügungszeichen II*]. Aus all dem bisher nun schon u.s.w.
[Text bricht ab]