Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Hermann Pösche in <Nordhausen> v. <1851> (Marienthal)


F. an Hermann Pösche in <Nordhausen> v. <1851> (Marienthal)
(Autograph nicht überliefert, tw. ed. Calcar 1883, 187-189 ohne Anfangs- und Schlussteil. Halfter 1930, 150 zitiert 3 Sätze dieses auf 1851 datierten Textes, die Calcars Ed. variieren. Halfters Grobdatierung wird übernommen, obwohl der Hinweis F.s. im Text, vor „41 Jahren“ habe er eine Abhandlung über Pestalozzi verfasst [April 1809] auch eine Datierung auf „1850“ zuläßt. Möglicherweise lag Halfter noch das Brieforiginal vor. Seitenzahlen nach der Edition Calcars.)
Man nennt mich immer einen Schüler Pestalozzis; in dem Sinne aber, in
welchem man dieses Wort versteht, bin ich es keineswegs.
Meine Eigentümlichkeit, oder wenn man lieber will, meine persönliche Welt-
und Lebensanschauung, auf welche im Grunde doch alles ankommt und hinaus-
läuft, wurzelte bereits und war in meiner Kindheit und Jünglingsentwickelung
bestimmt, und diese war, in Bezug auf meine Betrachtung der Menschheit und
Erziehung der Menschheit, wie ich dies bereits vor 41 Jahren in einer Abhand-
lung über Pestalozzis Methode deutlich gesagt habe – der reine Gegensatz der /
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Prinzipien und Ausgangspunkte Pestalozzis, obgleich wir im Zwecke und Streben
insofern einig sind, daß wir beide nichts anderes als das Heil des Menschen im
Auge haben. Pestalozzi ging von der Not und der Armut in den äußeren
Lebensumständen aus, ich dagegen vom inneren Leben, vom Wesen des Men-
schen und dem daraus notwendig hervorgehenden Verlangen nach einer Erziehung,
welche dem Wert und dem Bedürfnis des Menschen entsprechen soll.
Die Not führte Pestalozzi zufällig auf seine Anschauungs- und Erziehungs-
mittel, als er durch Liebe gedrungen in einer niedergebrannten Stadt mit den
armen Kindern von allem entblößt das erste beste ergriff, um ihnen etwas
zu lernen – ich schuf meine Mittel frei aus meinen Grundgedanken. Ich gehe
von der Einheit aus – Pestalozzi von der Vielheit. Deshalb erwarte ich das
Heil auch nicht von einer Methode, sondern von einer Idee, von einem
Gedanken; ich behaupte auch nicht, dass man diesen Gedanken lehren muß und
wohl bestimmt von mir oder von jemand anderem; denn Gedanken und Ideen
sind das freie Eigentum des Menschen als Mensch, und jeder kann unter ge-
wissen Voraussetzungen und in gewissem Maße Gedanken aus sich selbst entwickeln.
Es ist für die Entwickelung der Menschen und der Völker eine sehr ver-
kehrte und sehr beklagenswerte Ansicht und sehr für den Fortschritt hemmend,
anzunehmen, daß der Mensch alles erst kann und muß von anderen lernen.
So wird stets nie etwas Neues gefunden werden können, und wir würden immer
das Alte zu wiederholen haben. Ist denn der Mensch noch weniger als die
Eichel, welche aus sich selbst die ganze Eiche hervorbringt? Ich habe einen töd-
lichen Abscheu vor allerlei ‚ane[r]n’ und ‚anerei’, am meisten aber vor allem vor
den Fröbeliane[r]n, denn ich würde wünschen, daß die Idee der reinen, wahren
Entwickelung, und die Bedingung jeder Erziehung, die doch gewiß im Menschen
begründet ist, auch aus jedem Menschen selbständig durch den Zusammenhang
und unter der Wirkung des allgemeinen geistigen Lebens zum Vorschein käme,
wie in der Natur durch die Frühlingssonne zu gleicher Zeit Tausende von Blu-
men und Blüten hervorgelockt werden, welche es nicht von einander abgesehen
haben zu leben, zu blühen und liebliche Gerüche zu verbreiten, sondern die alle
dem eigenen Lebensdrange folgen – eine solche Menschheit ist die wahre und
nicht die unter einem Stempel geschlagene.
Ich kann daher zu jeder Stunde wohlgemut mit allem, was ich gedacht und
erstrebt habe, von der Erde verschwinden, und bilde mir nicht ein, daß dadurch
für die Menschheit viel verloren sein wird; denn es können nach mir Menschen
kommen, welche unter günstigeren Umständen, als unter welchen ich lebte, arbeiten
und alles auf eine viel vollkommnere Weise aus ihrem Gemüt hervorbringen
werden. Allein das, was ich gedacht habe – natürlich in Verbindung mit dem
allgemeinen Leben und auf der Entwickelungsstufe, welche in unserer Zeit er-
reicht ist – das, was ich that, wie ich es that, das wird man mir, selbst mit
meinen Fehlern, als das Meine lassen – ohne mich zu einem ‚aner’ zu machen,
ebensowenig als der eine Klimoprank [?] der ‚aner’ des andern sein kann.
Ein jeder sei sich selbst, ein freies Gewächs und entwickele sich wie der
Halm mit der Ähre durch innere Lebenskraft. Wann wird man aufhören das
Menschentum, das Volk, jeden Menschen zu beherrschen, zu fesseln, zum mindesten /
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zu stempeln? Wann? – Wenn die Kindergärten überall die Frucht der freien
Entwicklung der Völker sein werden.
Bereits beginnt der Morgen in das schimmernde Grau zu leuchten....
Daß ich aber bekenne, an Pestalozzi sehr verpflichtet zu sein, steht nicht im
Gegensatze zu dem oben Gesagten. Pestalozzi gehört in dem ganzen Plan meiner
geistigen Bildung, welche seit meinem 23sten Jahre fortgesetzt worden ist.
Verzeihen Sie mir, dass ich auf Ihre leichte Anspielung so viel über diesen
Gegenstand sage – es kommt daher, weil es mir bereits lange auf dem Herzen
gelegen hat. Was auf den deutschen Bergen entkeimt ist, das wird vorläufig
noch dort verblieben sein – bis daß die Schweiz auch zu Deutschland gehören
wird.