Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg in Berlin v. 21.1.1852 (Marienthal)


F. an Friedrich Adolph Wilhelm Diesterweg in Berlin v. 21.1.1852 (Marienthal)
(BN 408, Bl 1-2, dat. Briefentwurf/Fragment 1 B 8° 2½ S., ed. Heiland/Hohendorf 1990, 201-203)

Marienthal am 21 Januar 1852


Lieber Diesterweg.

Noch bin ich Dir eigentlich für die freundliche Übersendung Deines
Jahrbuches für 1852 meinen Dank schuldig. Ich wollte denselben
gern an eine Gegengabe von mir, an die Übersendung des 2en
Heftes meiner Zeitschrift knüpfen, und da hat mich denn der Drucker
etwas lang warten lassen, ehe er dem Heftchen die Thür seiner Offizin
öffnete. Du wünschtest aber auch zugleich mein Urtheil über Dein
Jahrbuch; auch dieß wollte ich gern an meine Gegengabe knüpfen.
Streben nach Entwickelung nach innerm Gesetz ist eine Grundforderung,
welche der Schöpfer in jedes Wesen gelegt hat, welches dem seinigen
sein Daseyn verdankt; und wo wäre ein Geschöpf, ein Wesen bei welchem
dieß nicht statt fände?- Behaupten doch diejenigen, welche dieß
Streben für das Allgemeine nicht anerkennen wollen, es für sich selbst
als ausschließendes Recht; Auch ich gehe bei der Forderung einer zum
Ziele der Menschheit führenden Erziehung von dem Streben der Ent-
wickelung nach eigenen inneren Gesetz aus; wie aber diese For-
derung eben in jedem Einzelnen eben als Person, sich auch in persönlich
verschiedener Weise aussprechen muß, so spreche ich mich denn
darüber auch wohl anders als Du aus; ob Dir nun meine Weise
zusagt, oder vielmehr ob Du sie als zum Ziel führend und dem
jetzigen Grundstreben des Menschengeschlechtes, oder eigentlich dem
der Menschheit angemessen hältst, darüber möchte ich wohl auch
Dein ganz bestimmtes Urtheil wissen. Ich denke darüber so: - zu
jeder Zeit wo sich eine große neue Idee frei machen und gleich-
sam in dem Menschengeschlechte heimisch machen will, da muß
es zunächst zweierlei Menschen geben kämpfende und pflegende;
wie der Pflug die Furche bildet, aber die Erde den Saamen
pflegend in sich birgt. Allein beider Handlungsweisen, so zeitge-
/
[1R]
mäß sie jedem der beiden Einzelnen erscheinen, werden schwerlich
dem Tadel der Anderen entgehen: entweder wird zu tief,
oder zu seicht gepflügt seyn, wie die Pflege zu mild oder zu
streng zu gemüthvoll oder zu abstrakt sey u.s.w. Und am Ende wird der Pflegende noch stärker
von seinen Gegnern getadelt als der Kämpfende; ja der
Kämpfende tadelt den Pflegenden wohl gar selbst in einer der ange-
gebenen oder in anderer Weise und es mag ihm recht gut seyn denn in der Pflege kann am leichtesten gefehlt werden. Wie dem nun auch in der
vorliegenden Sache <auch> sey, so hoffe ich soll dieß
[Änderung:] Dieser Tadel der uns beide treffen würde soll ab[er] unserem rein mensch-
lichen Verhältniß zueinander nicht die leiseste Trübung bringen.
Denn nur Klarheit Festigkeit Ausdauer <Stete> und gegenseitiges [Verstehen] kann die Erzieher u die Erziehung zum Ziele führen
[Randeinfügung:]
und wir leben in einer erziehungswichtigen Zeit, aus diesem Grund aber habe ich für den Kampf und seine Form Eigenschaft habe ich aber keinen Tadel, denn ich
kenne weder all die Qual und noch die Thatsachen die ihn hervorgerufen haben; allein die Zeit u die richtige Erfassung derselben ist
wichtig, dieß zeigt mir die Auffassung
- Doch erscheint mir in dieser Hinsicht etwas noch, in der jetzigen
Zeit besonders, noch weit wichtiger als alles Persönliche
[Einfügung:]
und die Zeit ist wie Erziehung fordernd so Erziehungswichtig, dieß lehrt mich nun Dein
Jahrbuch so jüngst als Grabmittel in einer anderen Beziehung
es ist
dieß die  Auffassung der inneren Mission, wie sie ein gewisser
Dr. W. Gwinner in Frankfurt a/m in der Zeitschrift "Germania"
für die Verg[an]genh[ei]t, Gegenw[a]rt u. Z[u]k[un]ft der deutschen Nation (Leipzig
bei Avenarius & Mendelssohn) durch mehrere (3) Lieferungen
hindurch, unter der allgemeinen Überschrift - "Deutschland und
die innere Mission", besonders aber in der Neunten Lieferung
unter dem Titel III Zweck und Mittel der Mission dargelegt hat. Es heißt
hier S. 617:
[zwischen den Zeilen eine alphabetische Liste mit 20 Ortsnamen, nicht ediert:]
Altona Bautzen Baden Baden - Dresden - Erfurth - Eisenach - Gera - Göttingen - Gotha - Hamburg Kiel - Leipzig - Lünen - Merseburg Meiningen Rudolstadt Saalfeld Salzungen Schmalkalden Schwerin
"Es bleibt aber übrig, hier an die Gedankenreihe anzuknüpfen,
"womit wir unser Thema im ersten Artikel einleiteten,
"zu zeigen, wie nun die erziehende Mission, die wir der "innren Mission"
"als praktisches Problem entgegengesetzt haben, sich im wahrsten
"und höchsten Sinne der volksthümlich und zeitgemäß erweise
"und sich rechtfertige gegenüber den bedeutsamen Anforderungen
"die wir jedem umfassenderen Wirken auf die gegenwärtigen
"vaterländischen Zustände mit historischer Folgerichtigkeit
"gestellt sahen."
Du siehst der Verfasser setzt das Wesen der innren Mission /
[2]
gleich jedem Vernünftigen wohl, und wie auch wir in eine
zeitgemäße und volksthümliche, sogar entwickelnde
Erziehung, denn derselbe sagt an irgend einer Stelle:
das Volk müsse seinem Ziele entgegen erzogen werden.
Deßhalb würde es mir schon von dieser Seite lieb seyn Dein
Urtheil über diesen Aufsatz zu hören. Da sich mir nun
durch eine Sendung an Christ[iane] Erdmann dazu eine schöne
Gelegenheit bietet und ich ein Heft dieser Lieferung zur
Verfügung habe, so lege ich Dir dasselbe zur Prüfung
des Aufsatzes hier bei.
Ich bin begierig von Dir zu hören ob es Dir nicht auch
beim Lesen auffällt, daß der Verfasser von einer sich
durch Deutsche darlebenden entwickelnd-erziehenden Volksbildung gar
keine Notiz nimmt, [Text bricht ab]