Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Sophie Goose in Neuenburg (im Großherzogtum Oldenburg) v. 4.2.1852 (Marienthal)


F. an Sophie Goose in Neuenburg (im Großherzogtum Oldenburg) v. 4.2.1852 (Marienthal)
(BN 456, Bl 1-2, hier: 2V-2R , dat. Briefentwurf mit 1½ S. auf Eingangsbrief Gooses 1 B 8° 2½ S. v. 2.2.1852. F. vermerkt auf Eingangsbrief 1V oben: ”Wie umstehend beweist, am 4 Febr. beantwortet”)

Marienthal am 4 Febr: 1852         Hochgeehrte Frau.
Mit Vergnügen erfülle ich Ihren mir in Ihrer werthen Zuschrift vom Vorgestrigen ausgesprochenen
Wunsch Sie empfangen demgemäß den ersten Heft meiner jüngsten Zeitschrift worinne Sie aber zugleich S. [Lücke]
eine klare Darstellung der Grundsätze und der Mittel meines Wirkens wie das Urtheil einer Mehrheit von Männern darüber enthalten [sind finden] was
Sie noch nicht zu kennen scheinen indem Sie als letzte Quelle Ihrer Nachricht das July Heft von Kühne[s] Europa anführen
doch Ihr Herr Gemahl wünscht Genaueres über meine BildungsAnstalt zu Erzieherinnen u Kindergärtnerinnen selbst. Da mich
nun bisher immer Gründe zurück gehalten haben einen Prospect oder ein Programm meiner Anstalt und meines Wirken[s]
drucken zu lassen sind und da meine Zeit zu kurz begrenzt ist um hier eine das Ganze umfassende Darlegung meines Wirkens von
neuen niederz[u]schreiben so erlaube ich mir hier die Abschrift einer solchen Darlegung welche kürzl. für Amerika nach Amerika
abgegangen beyzulegen indem die all das Wesentl. darinn enthalten ist was Sie u IhrHErr Gemahl von mir beantwortet
wünscht [sc.: wünschen]; als nothwendige Ergänzung füge ich nur noch hinzu, daß wenn nicht später von Seiten der Eltern, wie dieß
wohl schon der Fall gewesen ist, eine Andere [Regelung] einer Verlängerung betr. Festgetroffen wird für deutsche Schülerinnen der Bildungscursus zunächst
auf 6 Monate mit Wunsch von 15 Tagen Übergangszeit festgesetzt bleibt, so daß also mein nächster Sommercursus am 15. resp. 17 Mai (als[o] Anfang der n.[ächsten] Woche)
beginnt u mit Ende des Mon. Octbr schließt. Auch für das Pensionsgeld findet hier für Deutsche eine Ermäßigung statt nemlich
für den ½ jährlichen Cursus Rth 120. und wenn selbst für die Wäsche gewöhnl Leib[-] und Bettwäsche gesorgt wird (was hier leicht u billig mögl ist)
Rth 114. die Besorgung Wäsche der Kleider- und Putzwäsche bleibt jedoch immer der eigenen Besorgung anheim gegeben /
[2R]
Außerdem aber bringen die Schülerinnen ihr eigenes Bett nebst 2-3 vollständigen Bettbezügen mit, oder
das Bett wird gegen billige Vergütung von der Anstalt besorgt. Dann noch ein Tischbesteck, nebst
Kaffeelöffel und einige Tischservietten u nd Serviettenring oder Band[.]
Von der Häuslichkeit worüber Ihr HE Gem. Auskunft wünscht gilt folgendes: daß wir alle, da die Anzahl
der Schülerinnen immer ein sehr mäßiger ist aber einen innig einigen wenn auch gleichsam künstl eigentl nur geistigen Familienkreis
bilden in dessen Mitte meine Frau selbst geb frühere ausgebildete und praktische Kindergärtnerin als Freundin, Schwester
Mutter (nach Maaßgabe des Alters der Schülerinnen) und als Mitlehrerin der praktischen Gegenstände.
Für das GanzeHaus als ein Ganzes beginnt der Tag um 8 Uhr wo gemeinsam gefrühstückt und der Tag mit Lesung eines Lebensgedankens eröffne[t wird], die frühen Morgenstunden sind dem Privatfleiß oder weibl. Arbeiten frey gegeben.
Um 9 Uhr beginnt der eigentl. Unterricht mit dem angezeigten Vortrag.
Die Übrigen Gegenstände werden nach Maaßgabe ihrer Folge und Dauer oder Beendigung auf die Übrigen Stunden des Tages
vertheilt. Um 11‘ – 11 ½ wird ein kleines 2es Frühbrod gereicht und um 1 Uhr zu Tisch
gegangen. Der Unterricht beginnt nach Tisch gegen nach 2 Uhr und dauert bis 4 Uhr wo das Versperbrot
Kaffe[e] gereicht wird. Nach einiger Pause wird die Thätigkeit bis 7 Uhr fortgesetzt wo es dann
zu Nacht gespeist wird. Der Gebrauch der Abendzeit steht jedem frey, jedoch wird gewöhnl
zu entsprechender Handarbeit oder Vorbereitungsarbeiten, wie solche auch wohl der Unterricht erfordert gemeinsam
etwas vorgelesen[.] Nach 10 Uhr wird der Tag geschlossen in großen hohen Luftigen Zimmern schlafen
nach Maaßgabe der gesammten Schülerinnen Zahl 3 u 4 Schülerinnen zusammen wie sie sich selbst gern zusam es dem Alter, Neigung und
andern Bestimmungen entsprechend gefunden wird.
Obgl eine Wirthschafterin selbst [sc.: vor allem] für Mädchen wo [sc.: die] der Vater zu ihrer weitern praktischen Ausbildung vertrauensvoll übergab meiner Fr[au] in ihrer Häuslichkeit unmittelbar zur Seite steht, so wechseln <sich> doch
die Schülerinnen wöchentl mit den kleinen Tisch u Frühstück rc. Besorgung [ab] um auch wirklich äußerl als Töchter
des Hauses sich zu bethätigen Übung u Gewandtheit Anstelligkeit zu üben, Zur Übung u Beachtung der geselligen Lebens
Formen bietet besonders während des Sommers der Saison das nur ½ Stunde entfernte Bad Liebenstein u der Besuch
von dort, wie der Reisenden überhaupt mannigfache Gelegenheit da[zu].
Sollte hiernach meine Wirksamkeit nach Ihren u Ihres HErrn Gemahl wünschen [sc.: Wünschen] wie dem Bedürfniß Ihre[r] l. Tochter
Entsprechen so ersuche ich Sie mir mit Bestimmt[heit] u bald den Eintritt zu melden anzuzeigen, indem sich nun
schon ein[ig]e junge Mädchen mit g[an]zer Bestimmtheit z nächsten Sommerbildungscursus gemeldet haben.
Mit den freundlichsten Grüßen von mir und meiner Fr. an Sie Ihren HE Gemahl u Tochter unter-
zeichne ich mit [sc.: mich] mit besonderer Achtung u
Ergebenheit.