Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Richard von Waldeck in Baden-Baden v. 20.2.1852 (Marienthal)


F. an Richard von Waldeck in Baden-Baden v. 20.2.1852 (Marienthal)
(BN 681, Bl 1-6, undat. Briefentwurf 1 B 4° 2½ S. auf 1V, 2R und 2V, auf 1R +2V auch Zeugnis für Emilie Knauer in Sundhausen b. Nordhausen v.6.10.1851. Ferner Abschrift des Briefs 2 B 8° 8 S. auf 3-6R. Die Abschrift (Reinschrift) stammt nicht von Fröbels Hand. Der Adressatort ergibt sich aus dem Briefinhalt: Waldeck ist leitendes Mitglied der Bildungsanstalt von Dr. Georgens in Baden-Baden. – Das Zeugnis für Emilie Knauer aus Sundhausen bei Nordhausen v.6.10.1851 wird hier nicht transkribiert)

a) Entwurf

[1V]
Mein sehr geschätzter lieber Herr Waldeck
Wenn eine Handlungsweise wie die Ihrige in Beziehung auf die sinnige Pflege, durchdachte Klärung
und Darlebung und schöner Gestaltung eines des ächten und sich bewährten wie durchgreifenden Erziehungsgedankens und wie in Hinsicht
auf die begeisterte Anerkennung seines Trägers u Vertreters noch eines Dankes von Außen
her bedürfe, und fordere, so würde ich jetzt nur mit dem Gefühle eines großen
Schuldners zu Ihnen kommen müssen; denn länger als viele mehrere Monate ist es ja schon
her daß Sie die Idee die eins mit meinem Wesen, den Gedanken, welcher mir Lebensgrund-
gedanke ist in so begeistert u begeisternd schöner Sprache in einem schönen wahren Kreis
aufmerksamer Zuhörer u so ins weitere Leben einführten, ja mir selbst wenn
auch mit stummem Wort doch in lauter Rede u würdiger Gestalt zuführten und noch er[-]
innere ich mich nicht Ihnen dafür den von mir doch so tief empfunden gefühlten als Ihnen gebührenden Dank
ausgesprochen zu haben, da treten Sie mit dem Reichthum Ihres überschauenden Geistes
der gestaltenden Kraft Ihres warmen Gemüths von neuem zu mir indem Sie mit
der Idee zugleich auch deren ersten Pfleger in gleicher Weise begeistert und begeisternd feyern, und
endlich jetzt erhalte ich Ihre zweite Rede, welche indem sie den Quellpunkt der Idee
in seiner Klarheit wie in seiner Lebensfülle zeigt gewiß in der Würdigung [Ihrer] warmen Spra[che] der Herzen viele für die Sache
gewinnt, wie die schon gewonnenen inniger einigt
und noch haben Sie von mir für Alles dieses noch nicht das kleinste Wörtchen des Dankes ver-
nommen ob Sie gleich wie der treueste Gärtner, das Gewächs, ja den Baum pflegen
der mir ein ächter Lebens, welcher mir der ächte wahre Lebensbaum ist. Wie kann ich nun
nach diesen Thatsachen dennoch ohne eigentl. Schuldgefühl und mit einer inneren friedige[n] Freudigkeit zu Ihnen kommen, als habe ich Ihnen das Alles schon und besser als jetzt aus[-]
gesprochen und als habe ich Ihnen eigentl. über diesen Gegenstand gar nichts mehr zu
sagen und als verstände sich eigentlich das nicht aussprechen des Auszusprechenden
von selbst, das kommt daher mein lieber Herr Waldeck daß ich mich mit der Idee
nie verwechsele, daß ich mich in meiner Individualität und Eynzelheit Sonderheit nie an
die Stelle der Universalität, Allgemeinheit stelle * daß ich weiß und tägl. erfahre
an das, was die gepflegte Idee, der beachtete Gedanke seinem Pfleger u Beachter an
Duft u geistigen Gaben füran geistige beseeligende Gütern spendet, dafür reicht das nicht, was selbst der erste Vertreter persönl. bieten reichen und ausspr[ech]en [kann]
Der Gedanke meines Lebens ist selbstständig er ist frey geworden, ihre [sc.: Ihre] Reden Gedichte beweisen es , [ist] mündig geworden, Sie selbst haben dazu ehrl u redlich das Ihre beygetragen, der Gedanke als ein frey[ge]gebener Sohn wandert nun hinan wer ihn hören, wer das was er sagt pflegen will
wandert hinan kehret ein wohl den der ihn Pflegen [will] Idee Tochter
da tritt er ein und wohl dem der ihn pflegt im friedigfreudigem einigen Leben, wo er sich gleichsam selbst zurücklassend von Familie zu Fam von Ort zu Ort weiterzieht[.]
Frey ist sie geworden die Idee als mündige Tochter u als hohe Jungfrau kehrt u spricht sie ein <ein haus> grünt blüht u fruchtet wo man sie erkannt einladet u anerkennt als die Pflegerinn des heiligen Feuers der Familie Liebe u Entw[icklung]
zu jedem sprachen Sie in seiner Sprache jedoch u in seiner Weise, und so gleich verständl gleich nützlich jedem
zu Ihnen als einem Geweiheten trat ein das her[rliche] Geschwisterpaar der Gedan[ke] entw-<erz.> Mensch[enbildung], die Idee, der Bildung für allseitige
Lebenseinigung, und begeistert gehoben von den hohen herrl. von Himmelslust u himmelsmild strahlenden Gestalten werden
Sie begeistert u geführt von hohen Ahnungen vom tiefen <Glücken>,vom <Luftigen> Sehen u klaren Erken[nen] /
[2R]
u Reden,
Sie sprachen was ihr [sc.: Ihr] Geist sich – sie [sc.: Sie] dichteten u Gestalteten was ihr [sc.: Ihr] Gemüth empfand, vor Ihnen in Ihnen
liegt jetzt die doppelte Frucht wie in jeder Zelle des Kernsamens der Kernfrucht der Doppelkern
von dem jeder die gleiche Ahnung in sich trägt wie das Wesen des G[an]zen Baumes in sich tragend, so denselben
aus sich entwickeln zu kennen in all seiner Fülle in der G[an]zheit seines Lebens; wie also in jedem
der Doppelkerne die Ahnung die Anlage gleichsam das Bewußtseyn schlummert wie den gzen Baum in sich zu tragen
so denselben aus sich zu entwickeln zu können, so ruhen wohl auch gleiche Ahnungen gleiche Hoffnungen gleiche Strebungen
gleichsam gleiche Verheißung u Verkündigung in ihnen.
Doch auch hier offen[b]art ihr Gemüth die Hoffnung – hier durchlebt Ihr Geist das Streben – gleich Gedanken u Idee
zum Heil der Kinderwelt, des Menschengeschl[echts] der Menschheit hinaus zu wirken in Leben einzukehren in den Familien
jedes Standes bei Reichen u Armen zum Wohle u Heile aller – doch wie das Erschein[en] der beiden Gestalten sie
zur Begeisterung erhob, zur Ahnung des Höchsten, zu <Anschauen> Schauen des Größten im Kleinsten erhob so hören Sie nun auf deren
reden – zur Vollendung zur innigsten geschwisterl. Eintracht zum seegensreichen Wirken gelangten wir blos, daß
wir uns nicht blos kindl. Vertrauen andäch[t]igvoll an das große Lebensg[an]ze (u Ein) entschlossen ja mit ihm den Eine u Freye einigten
sondern daß wir auch das Einzelnste u Kleinste in demselben und mit demselben d[urc]hlebten d[urc]hwirkten d[urc]hschaffen d[urc]hhandelten u thaten.
Wie ich nun theurer Waldeck in dem bisherigen anerkennend zu ihnen [sc.: Ihnen] trat um mich Ihnen in meinem Dankgefühl zu zeigen, so erlauben Sie mir nun daß ich
berathend und vorschlagend (ja fordernd u bedingend) zu Ihnen kommen darf um dad[urc]h mein Dankgefühl Ihnen erst zum wahren Dank werden zu lassen. –
Erfasse u verstehe ich Sie lieber Waldeck recht so leben durchfluthen gleichsam große unaussprechliche Gedanken, Hoffnungen, Ahnungen von der hohen Wahr[-]
heit des oben genannten Gedankens, der ausgesprochenen Idee Ihr ganzes Gemüth u Geist; Erfasse, verstehe ich sie [sc.: Sie]
recht so lebt mit und neben diesen Gedanken u Ahnungen zugleich die und das Streben, daß Sie selbst d[urc]h Pflege Darlebungen rc diesen Gedanken zum
Heil u Wohl der Menschheit wirken können, wirken wollen, wirken werden.
Nun erlauben Sie mir hier als Ausdruck meines Dankes, ja als mein[en] Dank selbst zu Ihnen mit
der kalten Forderung mit dem nackten Rathe der Lebenserfahrung treten zu dürfen; hören erken[nen] Sie in diesen Erfahrungen das Leben die
Erfassung der Lebens- Jugend[-] u Jünglingsahnungen, Gemüths[-] u Geistes Ahnungen, das sind
recht erkannt tiefe wahre ächte Lebensnahrung die wir hören sollen; und das Leben erfaßt, erfährt
man nur wenn man es allseitig d[urc]hlebt d[urc]hwirkt, d[urc]hschafft - Sie erkennen als Dichter die Wahrheit[:] Was das Gemüthe strebt herauszu[ge]stalten das
muß es in Reichthum und
Fülle in sich enthalten, und was wir im Leben gern möchten
gestalten das muß der Geist auch mit Klarheit bewalten, u. was des Lebens Tiefstes einst soll erregen
das muß der Geist in dier Verborgenheit zurückgezogen oft im Stillen Kleinen mit Stetigkeit pflegen das er [bricht ab]
Genug ich meine sie [sc.: Sie] sollen der Ahnung Ihres Gemüthes u Geistes als Mahnung Gehör geben und sich zum Wohle
der Menschheit besonders aber zunächst zur Vollendung Ihres jetzigen Lebenskreises u d[urc]h diesen zum Heil Wohle
<hin>durch herabsteigen u d[urc]hdringen des Ganzen u Einzelnen, zu einem Träger u Gestalter der Idee, zum Fort-
bildner des Gedankens ausbilden und zwar – verzeihen Sie mir daß ich das Wort entlehne was
andere brauchen an der Hand des Meisters in Stille Verb[unden]heit Stetigkeit ausbilden Geist
Ja, es wird Ihnen etwas kühn u keck vielleicht übermüthig erscheinen wenn ich Ihnen unumwunden aussprech[e]
Ihnen den[sc.:dem] Mann von diesem Geiste, Bildung, Wissenschaft u Sprache dem glückl Lehrer u Erzieher. – Kommen Sie wenigstens auf 1/2 Jahr als Schüler zu mir nach Marienth[al] arbeiten Sie wie wir alle vom ersten Beginn bis zum
letzten gleich jeder meiner übrigen Schüler u. Schülerin[nen] das Ganze durch, dann wird sich Ihnen eine Tiefe, eine
Wahrheit eine Allumfass[endhei]t eine Allanwendbarkeit eine stets fortschreitende u doch stets befriedigende
stets beacht[liche] Entwickelungskraft u Fähigkeit der Idee für alle Lebensverhältnisse zeigen von welcher nur <dErken[nen]> oder <besser>
Ahnungen Ihr Gemüth d[urc]hleuchten, die der gleichen – daß das Göttliche sich auch im Kleinsten des Irdischen zunächst
wahrhaft kund thue. - Empfangen Sie in dem hier Ausgesprochenen meinem wahren Dank, berathen Sie das G[an]ze /
[2V]
weiter mit Ihrem Freunde dem Vater
Ihrer Bildungsfamilie dem ich mich darüber
offen ausgesprochen habe dabey ist meines
Erachtens der [Hauptpunkt] daß die äußere Trennung
nicht die innere fordert sondern viel[-]
mehr die rechte innere geistige Einigung
bedingt denn Sie können z.B. alle Monate
ein Ergebniß Ihrer Bildung Ihres Studiums mit[-]
theilen was dann dort sogleich wieder als
Agens Lebensfähre u <Keim> wirkt[.]
Doch nochmals überl[egen] Sie
aber Ihre [Entscheidung] u hören Sie in der
Stimme des Einzelnen die Stimme des
Ganzen wie ja selbst ich wenn
Ihr u HE Georgens geistiges Auge das G[an]ze
d[urc]hschaut, selbst ich in Beziehung auf
die Erscheinungen Ihres Lebens u Lebens[-]
kreises thue[.]
Ich weiß Ihnen nun nichts weiter
zu sagen als empfangen Sie in schlich[tem]
Gewandt als Ggeg [sc.: Gegengabe] für Ihr
schön<büchlein> - mein[e] Christfest[-]
feier als[.]
Leben Sie recht wohl. Ich werde
mich freuen bald etwas von Ihnen
zu hören[.]
[Notizen] C.W. [Carl Wild] Du bist eine ächt protest[antische] Natur u der Proteste muß früh heraus.
Du solltest Dich zu einem solchen Mittelpunkt ausbilden vielleicht <sein erzieh Wirken weiter fließen>
L.M. [Middendorff] Beiliegenden Brief habe ich an R.W. geschrieben, was sagst Du dazu ,Du
B.M. [Bruno Marquart?] B[eiliegenden] B[rief] habe ich an R.W. geschrieben auch an Carl Wild mitgetheilt was sagst Du dazu, ich erstreb mir einen Erben meiner Idee meines Lebens Grundgedankens zu erziehen d[urc]h denselben in noch größerer jugendl. Kraft mit noch mehr Bildungs Mitteln begabt in einem jungen Menschen zu wecken.
C.W. habe <sich selbst> Prot[estant]. Genannt[.] <Keitel> Haus in Jena vermiethen [.] meinethalben kannst Du erst selbst nach J. zurückkehren u dort an der Universität Vertreter der Idee werden eine Bildungsanstalt mit Kindergarten anbey Entwickelung vielseitig frey.

b) Abschrift

[3]
Marienthal nächst Bad Liebenstein b.Eisenach
20/II 52.


Sehr geschätzter, lieber Herr Waldeck!
Wenn eine Handlungsweise, wie die Ihrige in
Beziehung auf die sinnige Pflege, durch ächte Klä[-]
rung und schöne Gestaltung des jetzt durchgrei-
fend sich bewährenden Erziehungsgedankens, wie
in Hinsicht auf die begeisterte Anerkennung sei-
nes Trägers u. Vertreters noch eines Dankes
von außen her bedürfte; so würde ich jetzt nur
mit dem Gefühle eines großen Schuldners kommen
können, ja kommen müssen; denn mehrere Mona-
te ist es schon her, daß Sie die Idee, welche eins mit
meinem Wesen, den Grundgedanken, welcher mein
Lebensgedanke ist, in so begeistert u. begeisternd
schöner Sprache in einem gewählten Kreise auf-
merksamer Zuhörer u. so in‘s weitere Leben
einführten, zu mir selbst wieder, wenn auch
mit stummem Wort, doch klarer Rede u. wür-
diger Gestalt wieder vorführten; u. doch erin-
nere ich mich nicht, Ihnen dafür den, von mir
so tief empfundenen, als Ihnen gebührenden Dank
ausgesprochen zu haben. Siehe, da traten Sie
mit dem Reichthum Ihres durchschauenden Geistes,
mit der gestaltenden Kraft Ihres tiefen Gemüths
von Neuem zu mir, indem Sie mit Gedanken und
Idee zugleich auch deren Vater u. somit ersten Pfleger
in gleicher Weise begeistert u. begeisternd feiern,
ja verherrlichen. Jetzt endlich erhalte ich Ihre zwei-
te Rede, welche, indem Sie [sc.: sie] den Quell der Idee den Keim /
[3R]
des Gedankens in solcher Klarheit, wie in ihrer
Lebensfülle, in seelenvoller, würdiger Sprache zeigt,
- der Herzen noch viele für die Sache gewinnen, u.
die schon gewonnenen noch inniger für dieselbe ei-
nen wird. Und dennoch haben Sie, für Alles dieses von
mir noch nicht das kleinste Wörtchen des Dankes ver-
nommen, obgleich Sie dadurch wie der treueste Gärt-
ner das Gewächs, ja den Baum pflegen, welcher
mir ein ächter, welcher mir der wahre, ächte Lebens-
baum ist.
Wie kann ich nun nach solchen Thatsachen dennoch
ohne eigentliches Schuldgefühl u. mit einer inneren
friedigen Freudigkeit zu Ihnen kommen, als habe
ich Ihnen das Alles schon u. besser, als jetzt, ausge-
sprochen, u. verstände sich eigentlich das Nichtaus-
sprechen des Auszusprechenden von selbst? – Dies
kommt, mein lieber Herr Waldeck, daher, daß ich
weiß u. täglich erfahre: an das, was die gepfleg-
te Idee, der beachtete Gedanke seinen Beachtern
u. Pflegern an Duft u. geistigen Gaben spendet,
dafür reicht das nicht, was selbst der erste Ver-
treter derselben durchs bloße Wort bieten u. rei-
chen [kann], wahre Beachtung u. ächte Pflege kann darum
nur wieder in gleicher Beachtung u. selbiger Pfle-
ge Ihres eigenen gedankt werden.
Meine Anerkennung u. meinen Dank für Ihre
Pflege u. Beachtung meines Lebensgedankens glaube
ich Ihnen darum nicht würdiger u. entsprechender be-
thätigen zu können, als durch gleiche Beachtung, durch
selbige Pflege, durch Beachtung u. Pflege Ihres eige-
nen Lebens, lieber Herr Waldeck; mögen Sie mich nur /
[4]
in dem, was ich in Folgendem sage, nicht nur nicht miß-
sondern im Gegentheil recht klar verstehen; wie
ich mich an die Person wende, an die Individualität
anknüpfe, so gehört doch das, was ich sage, dem
Ganzen, der Universalität, u. ich stelle Sie dabei
zu dem mündig gewordenen Erziehungsgedanken
u. zu der zur Selbstständigkeit herauf gewachsenen
Bildungsidee, wie ich mich selbst auch zu derselben
stelle u. erkenne; u. so kann in gar keiner Hin-
sicht die Reinheit dessen, was ich sage, in Zweifel
sein.
Verstehe ich Sie nämlich, lieber HE. W., aus der
Ferne recht, so durchfluthen gleichsam unaussprech-
liche Hoffnungen u. Ahnungen von der hohen Wahr-
heit u. lebenswichtigen Wirksamkeit der von Ihnen
vielgefeierten Beiden: Gedanke u. Idee, Ihr
ganzes Wesen, Gemüth u. Geist, Streben u.
Ahnen, daß Sie selbst durch ächte Pflege dieser seg-
nenden Zwillingsgeschwister: des Gedankens
entwickelnd-erziehender Menschenbildung u. der
Idee zu allseitiger Lebenseinigung, zum Heil der
Menschheit wirken können, wollen u. werden,
zeigt Ihnen Ihr Leben in seiner vollen Bedeutung,
seiner wahren Würde; Begeisterung dasselbe zu er-
fassen, durchglüht Sie: Nehmen Sie nun hier als er-
stes Dankeszeichen der gereiften Lebens Erfahrung:
- der Jugend u. des Gemüthes Ahnungen sind, recht
erkannt, des Lebens u. des Geistes tiefste Mahnungen, /
[4R]
die wir hören u. beachten sollen. Doch hier eine
zweite, nicht weniger tief gegründete, sich am
Leben u. im Leben selbst bestätigte Wahrheit. Das Le-
ben erfährt, erkennt, erfaßt man aber nur
dann, wenn man es allseitig durchwirkt, durch-
schafft, durchlebt, still u. sinnig beachtend, nach sei-
nem eigenen, inneren Gesetz durchbildet, heraus-
bildet. Sie erkennen aber als Dichter die Wahr-
heit: - was das Gemüth erstrebt, herauszu-
gestalten, das muß es in Reichthum u. Fülle
in sich enthalten, u. muß der Geist auch mit
Klarheit bewalten, u. was des Lebens Tief-
stes einst soll erregen zum Völkerheil zum
Menschensehen, das muß der Geist in der Verbor-
genheit, im Kleinen u. in Stille mit Stetigkeit
pflegen.
Genug, ich meine, Sie sollen der Ahnung Ihres
Gemüthes u. Geistes als Mahnung Gehör geben, u.
sich zum Wohl der Menschheit, zunächst aber zur
Vollendung Ihres jetzigen Lebenskreises u. in die-
sem zum Segen unseres Volkes durch das Durchdrin-
gen des Ganzen u. Herabsteigen zum Einzelnen
zu einem Träger u. Gestalter der Idee, zu
einem Vertreter u. Bestätiger des Gedankens
in der allseitigen Verzweigung seiner Anwen-
dung – ausbilden, u. demgemäß für einige
Zeit aus Ihren jetzigen Verhältnissen heraustreten /
[5]
heraustreten [2x] u. Ihre ganze, volle Kraft ein-
zig dem Studium der entwickelnd erziehenden
Menschenbildung für allseitige Lebenseinigung u.
zwar in Hinsicht auf Mittel, Wege u. Weisen, nach
all ihren Verzweigungen hin widmen; denn in
der Kenntniß des Einzelnen u. Kleinen (weil
es eben der Gegensatz ist, der Alles deutet, Al-
les klärt) keimt die Einsicht in das Einige und
Große, die unser Gemüth ahnet, unser Geist er-
strebt, zu welcher uns die sinnige Betrachtung
des Sinnlichen führen soll; denn wir sind, das
dürfen wir ja nicht vergessen, sinnlich-geistige
Wesen, so daß wir uns durch sinnig-sinnliche An-
schauung nur zum rein geistigen Schauen erheben
können. Darum kann auch nur der die unendliche
Tiefe der Wahrheit u. Einsicht, der Lebensfülle u.
Kraft erschauen, sich aneignen, wieder frei
aus sich anwenden u. gestalten, wie in An-
dern wieder wecken, welcher das Ganze still
u. sinnig vergleichend, beachtend in seinen Verzwei-
gungen in Stetigkeit u. Einzelnsten auch im Äus-
seren durchgearbeitet hat. – Diesem offenbaren
sich im klaren, reinen Schauen des Lebens Tie-
fen, des Lebens Einheit u. Einigung, des Sonderle-
bens friedige Freudigkeit u. Seeligkeit, des ganzen
Lebens Heiligkeit – er ist ein Seher! – Sie er-
kennen hieraus, lieber W: es giebt eine Schule der
Seher, eine wirkliche Seherschule; die Ahnung da /
[5R]
ist es, welche Sie in Ihren Reden, Ihrem Gedicht
begeistert, die Ahnung, daß jede ächte Bildungs-
familie einen solchen Seher unter ihren Gliedern
zählen muß. Nach all diesem bis jetzt Ausgespro-
chenen werden Sie mich nun nicht mißverstehen,
wenn ich Sie einlade, sich in Beziehung auf Ih-
re Bildungsfamilie zu einem solchen Sehenden
auszubilden. Nur einzig, wenn Ihr Kreis ei-
nen solchen in seinen Gliedern, als demselben
innig geeint, zählt, wird derselbe erreichen,
was er ersehnt. Mögen weder Sie sich noch
Herr Dr. Georgens durch den jetzigen Blüthenschmuck
Ihrer Anstalt darin täuschen lassen.
Nach all diesem Gesagten wird es Ihnen nun hoffent-
lich nicht mehr kühn u. keck, oder gar übermü-
thig erscheinen, wenn ich Ihnen unumwunden
ausspreche, Ihnen, dem Manne von diesem
Geiste, dieser Bildung, Wissenschaft u. Sprache,
dem erfolgreichen Lehrer u. glücklichen Erziehen-
den, in seiner vielseitigen Durchbildung achtend
Anerkannten: - Kommen Sie wenigstens auf
1/2 Jahr als Schüler im obigen Sinne zu mir nach
Marienth[al]; aber arbeiten Sie, wie wir Alle,
selbst ich wieder, mit vom ersten Beginn u. Keim
munter bis zur allgemeinen, reichen Erndte,
gleich jedem meiner übrigen Schüler u. Schüler-
innen das Ganze durch; Sie werden dann am
Ziele Ihrer Thätigkeit, als Frucht derselben die /
[6]
Beseeligung empfinden u. in Andern wecken,
die ich eben schon als solche bezeichnete.
Empfangen Sie nun in dem hier Ausgesproche-
nen meinem wahren Dank für alles das,
wofür ich Ihnen Dank zu sagen mich verpflich-
tet fühle. Berathen Sie das Ganze nun mit
Ihrem so wahren als warmen Freunde, dem
Vater Ihrer Bildungsfamilie weiter, wel-
chem ich mich auch schon darüber ausgesprochen;
ein Hauptpunkt der Berathung dabei ist mei-
nes Erachtens der, daß die vorübergehende,
äußere Trennung keinesweges auch die innere
fordert oder bedingt, sondern vielmehr die
ächte u. rechte, innigere u. geistigere Einigung;
denn Sie können z.B. alle Monate ein Ergeb-
niß Ihres Studiums an den Mittelpunkt und
Vater Ihrer Bildungsfamilie mittheilen,
welcher dann sogleich alles das Leben Fördernde
in dasselbe dort aufnimmt, verwebt.
Doch nochmals, überlegen u. prüfen Sie das
Ganze, aber ehren u. hören Sie eben auch in
der Stimme des Einzelnen eben auch die Stimme
des dieses Ganzen, wie ja selbst ich in Beziehung auf die Er-
scheinungen u. <forierende> Forderungen Ihres
Lebens u. Ihres Lebenskreises thue.
Nun weiß ich Ihnen nichts weiter zu sagen
als empfangen Sie im schlichten Gewandt auch /
[6R]
als äußere Gegengabe meine Christfeier
u. nehmen Sie solche freundlich auf. –
Leben Sie recht wohl, u. einigen Sie mich u.
alle Ihre lieben Bildungs- u. Lebensgenossen
durch herzliche Grüße.
Freuen wird sich besonders bald wieder etwas
von Ihnen zu hören
  Ihr
          aufrichtig Ergebener [Unterschrift fehlt]