Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Doris Lütkens in Hamburg v. 11.3.1852 (Marienthal)


F. an Doris Lütkens in Hamburg v. 11.3.1852 (Marienthal)
(BN 550, Bl 1, dat. Briefentwurf 1 Bl fol. 2 S. auf Eingangsbrief von D.L. vom 5.3.1852 auf 1 oben. F. verwendet die restlichen anderthalb Seiten für sein Antwortschreiben, das bei Pösche 1887, 233-236 mit Verkürzungen ediert ist. Abschrift des Brieforiginals durch Luise Levin im BlM F 1058/56/2, Bl 255R-257R, 4 ½ S. mit Datum „10ten März 52“.)

a) Entwurf

Hochgeschätzte Frau.

Ihre Hinzufügung vom 25en v. M. zu Ihrem Aufsatze in No 38
der Hamburger Nachrichten hat mich recht innig erfreut; Sie haben
sich dadurch keinesweges blos um die Sache und den Gedanken, sondern,
wenn derselbe so unerschütterlich wahr ist, als die Überzeugung davon tief im Herzen Geist und Gemüth
Vieler nicht sich nicht nur den Dank der Mitwelt des jetzt urtheilenden Publikums, sondern in Wahr[-]
heit den Dank, der Menschheit verdient. Warum sollten wir, wo die Wahrheit jetzt im Leben so
selten hervortritt sich hervor wagt nicht die Wahrheit sagen wo sie schlagend entgegentritt; denn ist wenn an dem Ge[-]
danken denwelchen wir beide zu vertreten so glücklich sind auch nur die geringste Trübung und Unlauterkeit Einseitigkeit, von
Unwahrheit will ich gar nicht sprechen, so tauchte [sc.: taugte] er auch ganz und gar nichts und wäre verwerflich; dieß kann aber nur durch allseitige <-> Prüfung ermittelt werden; darum <-> dann
wäre auch der Weg welchen Sie geehrte Frau nicht nur für andere gezeigt sondern selbst betreten haben der einzig wahre der zum Ziele führt so ist Ihnen der Dank gesichert ihn gezeigt zu haben. Sie haben mich
ganz richtig erfaßt und warum sollte ich es nicht freudig dankbar gestehen. Mein Streben ist nicht persönliche individuelle u Sonderan-
sichten u Überzeugungen gleichsam auf den Markte der Gedanken zu bringen und für sie um Anerkenntniß nachzusuchen
sondern mein Streben ist auf ganz allgemeine Lebensthatsachen u Wahrheiten hinzuweisen welchen ich ebenso mit
der Gesammtheit meines Denkens und Handelns Fühlens u Wollens unterworfen bin wie
jeder andere und welche so gleichsam die g[an]z allgemeine Lebensgrundlage bilden, von welcher jeder Einzelne
und jede Gemeinsamkeit ihr Leben nach ihrer Überzeugung frisch u fröhlich mit Frieden in Geist u Freudigkeit im
Herzen wie in Freyheit des Handelns heraufbauen kann. Deßhalb habe ich von jeher unter allen Glaubensbekenntnisse[n] die engsten
Freunde gehabt nur die Protestanten innerhalb ihrer Sphäre haben mich angefeindet[.]
Seit 50 Jahren liegt mein Leben in Norden und Süden Osten u Westen von
Deutschland wie vor allem in dessen Mitte der Öffentlichkeit zur Prüfung vor und bei der Festhaltung meiner Überzeug der allgem Lebenswahrheiten ist es [mir] aber nicht eingefallen weder Proseliten noch Propaganda zu
machen, liegt [nicht] in meinem Wirken sondern dasselbe hat nur den Zweck es jene (allgem) Lebenswahrheiten welche die allgem Lebensgrundlage bilden in demselben meine Überzeugung zur Prüfung Aller offenkundig
vorzulegen. So nur werden wir zum Frieden gelangen. Wie ich meine Überzeugung Lebensfest in mir trage, so ehre u achte ich die eines Jeden. Jeder kann nun prüfen, wer aber ohne
Prüfung verwirft verurtheilt sich selbst denn was mit dem Ausdruck allseitiger Gültigkeit auftritt muß sich auch in allseitiger Prüfung bewähren und wer zu der letzte[r]n auffordert sie in ihrer Nothwendigkeit erkennt erwirbt sich dad[urc]h gleichsam den Dank des Gedankens wie der seiner Mit- u Nachwelt wie der Menschheit überhaupt[.] /
[1R]
Möchte nun aber auch Ihr Vorschlag Wunsch und Aufforderung Nachachtung und Befolgung finden
möchten und ”sich ganz in Ihrem Sinn Schülerinnen aller Parteien um die Darlegung des Prinzips ver-
sammeln welche in sich ohne gegenseitige Polemik noch weniger Anfeindung das Ganze prüfend in sich aufnehmen
was sich mit ihrem eigenen innern Leben verschmelzen läßt, wie es auf die Weise wie es in
ihrem ein Ganzes geworden wieder zu geben.” – Denn der halbe unbestimmte ich möchte sagen charakterlose Zustand in welchem
sich jetzt das Leben in Deutschland befindet und bewegt, der ist auch für den Mann
von fester Überzeugung und Charakter [von] Willens[-] u Thatkraft nicht länger mehr zu ertragen; daher denn auch, und ich
spreche es Ihnen im Vertrauen aus, [was] mein fester Entschluß ist, werden die deutschen Zustände
nicht rein menschlichen Bestrebungen zu ihrer Entfaltung Raum geben, (denn bei dem was
man in dieser Beziehung jetzt bekommt muß man immer denken, daß der nächste Augenblick
den Hals zuschnürt oder das Schwert des Damokles in die Scheidel fallen läßt) dann werde ich
spätestens im nächsten Jahre für den Gedanken der Erziehung zur Lebenseinigung und LebensTüchtigkeit in
dem Lande der Union und der Persönlichen Selbstständigkeit entsprechenden Wurzelboden suchen[.]
Und dieß ist schon jetzt Ziel u Zweck meines Handelns. Ihnen sey es [an]vertraut. Heut ist auch schon
meine sehr bestimmte Erklärung nach den V.St. wo ich einen wackern Schwager habe, deßhalb
abgegangen. – Auch ich weiß an wen ich glaube u.sw. Weiß es von Kindsbeinen an.
In vieler Bez Frl. Luise Hertlein scheint in Philip.[pine] G.[össel] Ihnen in mehrfacher Beziehung eine ent-
sprechende Nachfolgerin empfohlen zu haben, wenigstens würden Sie da eine Kindergärtnerin von
entschiedensten evangel. Glaubensbekenntniß erhalten; jedoch kann ich Ihnen jetzt Ihren [sc.: ihren] Aufenthalt
nicht melden, indem sie mir mehrmals geschrieben daß sie denselben aufzugeben willens sey
allein ich denke denselben in der Kürze zu erfahren[.]
Sollten Sie nun bei der Wahl der Gössel beharren dann auch Willens seyn sich damit mit deren Hülfe durch die Vorschule
sich die Brücke zur Seigentlichen Begriffs[-] und Lernschule zu bahnen, so würde ich, da
ich fast fürchte Phil: Gössel hat sich in ihrer Kinderführung etwas zu stark accomodirt die Forderung
machen daß sie bis zu Ihrem [sc.: ihrem] Eintritt bei Ihnen wieder ohngefähr 1 Monat hierher komme um
eigentl daßs seit fast 2 ½ Jahr[en] wohl etwas Zurückgetretene und Vereinzelte zu einem Ganzen zu[-]
sammen zu fügen und neu zu beleben. Überhaupt ist die Zeit von 6 Monaten zu kurz um die Schulung
auch zur tüchtigen Führung einer Übungs[-] oder Vorschule auszubilden; dieß fordert soll das Ganze sich syste-
matisch u organisch principiell fortentwickeln seine ganz eigenthüml Ausbildung[.] Und sollten sich die
erziehlichen deutschen Verhältnisse noch günstig der Idee entwickeln so werde ich auch dafür einen Cursus , und sey
es – bey Vorkenntnissen auch wirklich nur von ¼ Jahr eröffnen. Dann wird es aber auch
ein organisches und lebenvolles Ganze. Auf diese frohe Entwicklung wie überhaupt die ausführung einer voll[-]
endeten Erziehungsanstalt bis zur Berufsreife, nach gleichem ErziehungsPrincip liegt in meinem amerikanischen Plan. –
Die Deutschen <?> aber vergeuten lieber das Geld in Sinngenuß als zur Ausführung eines in sich organisch Abge-
schlossenen ein Theil beyzusteuern. Deutschland ist zu Altersschwach und hat – keine Männer – höchstens ein
paar Egoisten – die Meisten sind Genüßler in der verschiedensten Art. Darum eint in Deutschland gar nichts
mit Gemüth – nicht Geist – nicht Handeln nicht Wissenschaft noch Kunst noch – Religion am wenigsten die
Erziehung. –

b) Abschrift

[255R]
Marienth d 10ten März 52
Ihre Hinzufügung vom 25 v. M. zu Ihrem Brief einen Aufsatz in No 38 der Hamburger
Nachrichten haben mich recht innig erfreut; Sie haben sich dadurch keinesweges
blos um die Sache, um den Gedanken, sondern, wenn derselbe so unerschütterlich
Lebenswahr ist, als die Ueberzeugung davon tief im Gemüth u Geiste Vieler
sich ausspricht, um die suchende Menschheit verdient gemacht. Es ist jetzt ganz
vor allem nöthig daß man sich seines Standpunktes in der Welt u seines Verhält-
nisses zu den verschiedenen Richtungen u. Bestrebungen in derselben möglichst
klar bewußt werde. Und warum sollten wir, wo sich jetzt im Leben die
Wahrheit so selten hervor wagt, nicht wenigstens die Wahrheit da sagen wo
sie sich mit Gewalt hervordrängt? - denn wäre an dem Gedanken welchen wir
beide zu vertreten, aus der tiefsten Ueberzeugung uns zur Lebensaufgabe stellten
auch nur die geringste Trübung u Einseitigkeit, - von Unwahrheit will ich gar
nicht reden, - so tauchte [sc.: taugte] er auch ganz u gar nichts u wäre durchweg verwerf-
lich; dieß kann aber nur einzig durch so wirkliche als allseitige Prüfung ermittelt
werden; darum ist nun aber auch, wie der Weg welchen Sie h.F. dazu /
[256]
nicht nur andern gezeigt sondern selbst betreten haben, der einzig richtige
ist, welcher zum Ziel führt, so auch der Dank gesichert welchen Sie sich
dadurch errungen haben. - Sie haben aber auch mich ganz richtig
erfaßt, u warum sollte ichs nicht freudig dankbar gestehen; denn ich
kenne in der späteren Zeit kaum Jemand von dem es in gleichem Maaß ge-
schehen sei. - mein Streben ist keineswegs persönliche Sonderansichten
u individuelle Ueberzeugungen gleichsam auf den Markte der Gedanken
zu bringen um für sie Anerkenntniß nachzusuchen, gleichsam Käufer zu
finden; sondern mein Streben ist auf ganz allgemeine Lebensthatsachen
u Wahrheiten hinzuweisen, welchen ich eben so mit der Gesammtheit
meines Denkens u Handelns, Fühlens u Wollens unterworfen bin,
wie jeder andere u welche so die ganz allgemeine Lebensgrundlage u Be-
dingung bilden, von welcher jeder Einzelne u jede Gemeinsamkeit
(: wie aus einem gesunden kräftigen u fruchtbaren Erdreich u Boden die ver-
schiedenartigsten einzelnen Gewächse u ganze Pflanzengattungen getreu
ihrem Wesen :) ihr Leben nach Ihrer [sc.: ihrer] Ueberzeugung frisch u fröhlich
mit Frieden im Geist u Freudigkeit im Herzen, wie in Freiheit
des Handelns herauf bauen kann; deshalb habe ich bisher mit meinem
Wirken u Streben unter den entschiedenen Bekennern der verschiedenen
Glaubensbekenntnisse die theilnehmen[d]sten Freunde gehabt; nur
die Träger unsrer Kirche haben mich entweder angefeindet oder dem
Gegenstande die größte Theilnahmlosigkeit bewiesen. – Sie aber
haben in Beziehung auf mein Wirken u Streben beide Quellen unsrer
kirchlich religiösen Calamitäten: Anfeindung u Gleichgültigkeit
gerichtet, Sie haben mein nun gerad seit 50 Jahren der Öffentlichkeit
in den verschiedensten Punkten u Verhältnissen zur Prüfung vorliegen-
des Leben durchschaut u erkannt, das[s] bei allem
Festhalten der erkannten Lebenswahrheiten mir nie eingefallen
ist weder Proseliten noch Propaganda zu machen, sondern mein Wirken /
[256R]
hat nur den Zweck jene Lebenswahrheiten, welche sich als allgemeine Lebens-
grundlage u Bedingung unerläßlich zur Beachtung entgegen drängen zur
Prüfung Aller offenkundig zur Prüfung vorzulegen. So nur werden
wir auf allgemein durchgreifende Grundwahrheiten gestützt ( wie wir
z. B. die Jahres- u Tageszeiten in ihren Forderungen anerkennen
müssen :) – auch im Einzelnen zum Frieden gelangen. Jeder kann
nun prüfen, wer aber die Prüfung verwirft, verurtheilt sich selbst.
Heil u Seegen darum Ihnen in Zeit u Ewigkeit die Sie von ihrem [sc.: Ihrem] Stand-
punkte aus zu solcher allseitigen Prüfung aufforderten. „Möchte nun
aber auch Ihr Vorschlag, Wunsch u Aufforderung Nachachtung u Befol-
gung finden u sich ganz in ihrem [sc.: Ihrem] schönen Sinne Schülerinnen aller Par-
theien
um die Darlegung des pädagogischen Princips versammeln, welche
ohne gegenseitige Polemik noch weniger Anfeindung dasjenige prüfend
in sich aufnehmen, was sich mit ihrem eigenen innern Leben besonders in
religiöser Beziehung verschmelzen läßt, um es auf die Weise, wie es Ihnen
ein Ganzes geworden, wieder zu geben”; denn der halbe, unbestimmte
ich möchte sagen characterlose Zustand in welchem sich jetzt das Leben
in Deutschland befindet u bewegt ist auch für den Mann von Character und
fester Ueberzeugung von Willens[-] u Thatkraft nicht lang mehr zu
ertragen. Daher denn auch, u ich spreche es Ihnen im Vertrauen aus
doch mit der Bitte jetzt noch nicht davon Gebrauch zu machen, mein fester
Entschluß ist: - werden die deutschen Zustände nicht rein menschlichen
Bestrebungen zu ihrer Entfaltung Raum geben, (: denn bei dem, was
das Leben in dieser Beziehung jetzt giebt, muß man immer denken das[s]
der nächste Augenblick den Hals zuschnürt, oder das Schwert des Damok-
les endlich in die Scheidel fällt :) – wird das deutsche Leben -
warum soll ich es im Einzelnen aufführen u zeichnen, da es sattsam offen
kundig u allseitig vorliegt – wird es noch dieß Jahr hindurch bleiben
was u wie es ist in seiner Gleichgültigkeit selbst für das höhere
u höchste Leben, sogar bis in die sogen: gebildeten Familien hin, /
[257]
dann werde ich spätestens bis zu dem Frühling nächst kommenden
Jahre hin, für den Gedanken der Erziehung zur Lebenseinigung
u Lebenstüchtigkeit in dem Lande der Union u der persönlichen Selbst-
ständigkeit, entsprechenden Wurzelboden suchen. Und dieß ist schon
jetzt Ziel u Zweck meines Handelns. Ihnen sei es [an]vertraut, edle
Frau, heut ist auch schon eine sehr bestimmte Erklärung nach den V: Staaten,
wo ich einen sehr achtbaren wackern Schwager habe, deshalb abgegangen.
Auch ich weiß an wen ich glaube rc, Weiß es von Kindsbeinen
an u bin darin ohne Wanken u Zweifel ohne Störung u Trübung
herauf gelebt! –
Da ich mich überzeugt halten darf muß, daß Ihnen bei Ihrem ruhig prüfenden
Streben u Wirken auch Alles in einer klaren Durch[-] u Uebersicht der
Lebensverhältnisse u Lebensansichten, wie solche nun einmal in der jetzigen
Zeit sind u sich gelten zu machen suchen, - liegt, so erlaube ich mir Ihnen
eine Schrift zu nennen, von welcher ich wohl wünschte, daß Sie sich entschließen
könnten von ihrem Standpunkt aus einer kritischen Prüfung zu unterwerfen. -
Was ich meine bezieht sich jedoch nur auf eine einzige Abhandlung, welche
aber in drei Abtheilungen, durch drei Hefte einer Zeitschrift hindurch
geht – welche den Namen „Germania“ führt u von einer Mehrheit
conservativer Männer herausgegeben wird. – Die Abhandlung
führt die Ueberschrift – „Deutschland u die innere Mission“. Die
3e Abtheilung welche das 9e Heft führt die besondere Ueberschrift „von
den Mitteln u Zwecke der innern Mission[“], das Ganze ist in einem höchst
ruhigen objectiven Tone geschrieben von einem Dr Gwinner in Frankfurt
a.M. u ich möchte wohl, daß Sie dem Gegenstande Ihre Aufmerksam-
keit schenkten u sich zu diesem Ende das 6te 7e u 9e [Heft] kommen ließen.
Mich dünkt die Kenntniß des Inhaltes dieser Abhandlung müsste Ihnen
sehr lieb sein, so wie ich wohl Ihre offene Meinung über dieselbe hören
möchte. Besonders wünschte ich die 9e Lieferung des 1n Bandes zur /
[275R]
besondern Beachtung. Denn verstehe ich Sie anders in Ihren Nachträgen recht
so müssen wir uns allem zuvor zu einer pädagogischen Einigung erheben,
um von da aus, durch die Mannigfaltigkeit u deren Anerkenntniß u mindestens
gegenseitiger Duldung hindurch, auch zum kirchlichen <religiösen> Frieden
zu gelangen. Einigen wir um diesen zu gewinnen Herz, Kopf u Hand;
Gemüth, Geist u Thatkraft, Fühlen Denken u Handeln, Religion, Phi-
losophie u Pädagogik, Offenbarung, Erfahrung u Naturbeachtung[.]
DO