Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Luise Hertlein in Hamburg v. 29.3.1852 (Marienthal)


F. an Luise Hertlein in Hamburg v. 29.3.1852 (Marienthal)
(BN 473, Bl 1-4, Abschrift 2 B 8° 6½ S., nicht von Fröbels Hand, ed. Pösche 1887, 210-215. Die in der Abschrift enthaltenen Verkürzungen einzelner Wörter werden in der Transkription nicht wiedergegeben)

Marienth. n. BLiebenstein bei Eisenach 29/III 1852.


Werthgeschätzte, liebe Luise.

Wegen Ihres längeren Schweigens gegen mich, so sehr mich immer die Nachrichten von meinen lieben Schülerinnen
erfreuen, haben Sie keinen Grund sich bei mir zu (rechtfertigen) zu entschuldigen; Sie finden ge-
nug Entschuldigung in meiner eignen Saumseligkeit im Briefschreiben, Sie wissen auch, daß ich zu einer Zeit sehr
lang Ihr Briefschuldner gewesen bin. Übrigens haben Sie auch ganz recht, daß wir uns gegenseitig in solchen
Lebenserscheinungen auf unsern geistigen Lebensverband verlassen und dann gerad in solchen Fällen in unserm
Innern – Gemüth und Geist recht pflegen u erstarken sollen. Es wird gewiß recht erquickend u lebens-
erhöhend für uns,wenn wir uns dieses dieses unseres geistigen Lebensverbandes eben so stetig bewußt
würden u wären, wie die Himmelskörper unter sich durch gegenseitige u stetige Anziehung so harmonisch
verbunden sind. Von diesem Bewußtsein aus u auf dasselbe gestützt muß es meines Erachtens dem
menschl. Gei-
ste und so endlich der Menschheit als solcher in ihren geistigen Entwickelungsstufen möglich werden, sich des
steten, geistigen Zusammenhangs mit der Lebenseinheit an sich bewußt zu sein. – Welche Entwickelungsstufen
sind uns doch für unsere Erde selbst noch vorbehalten! - ! – Doch alle liegen am Ende in der
Kindergartenentwickelung – diese in ihrem Wesen durchdrungen [-] im Keime.
Allein, ohngeachtet der Ihnen wegen Ihres langen Schweigens ausgesprochenen Beruhigung, so freue ich mich
doch auch gar sehr Ihres endlichen Brechens desselben, besonders um seiner Veranlassung willen.
Der Wunsch der Frau R.R. <Berendt> eine Erzieherin für ihre Kinder aus dem Kreise meiner
Schülerinnen zu haben, wird mir wohl nun schon seit ¾ Jahren bekannt sein u hat im vori-
gen Sommer so eine schon eine derselben eine gewisse Fr. Dr. Behrens deßhalb eine Reise
nach Coblenz gemacht. Warum dortmals das Verhältniß nicht zu Stande gekommen ist, kann ich jedoch
nicht sagen; mir aber bleibt es beachtenswerth, daß das, was Fr. Dr. B. so emsig
erstrebte, ihr nicht geworden, während Ihnen dasselbe nun wird und zufällt, ohne daß Sie
das Verhältniß gekannt, nicht einmal ahnen, und noch weniger erstrebten und erstreben
konnten, so merkwürdig sind die Lebensführungen. Also nur Ruhe in den Lebensentwicklungen[.]
Wer diese in sich erringen kann, wie glücklich; nun schon 2- 3- 4mal in Ihrem Leben
hat sich bei ruhig treuer Pflichterfüllung Ihres jederzeitigen Lebensberufs sich dasselbe immer
zu größerer und befriedigenderer Ausbildung hervor entwickelt.
Jedoch noch in einer ganz andern Beziehung ist mir Ihr nun angeknüpftes Lebensverhältniß
sowohl im Allgemeinen als besonderen wichtig, ja, je länger ich darüber nachdenke, hoch-
wichtig: - es wird Ihnen aus Ihrem bei mir genossenen Unterricht in Beziehung auf Lebens-
einigung und Lebenstüchtigkeit noch erinnerlich seyn, welchen Werth ich im Leben auf die Beachtung /
[1R]
Erkenntniß und Verknüpfung, Einigung der Gegensätze durch Vermittelung lege. Ich hoffe Ihnen
jetzt für die Wahrheit meiner Lebensansicht einen großartigen Beweis durch Ihr eigenes Leben u.
zwar nicht in einmaliger, sondern in doppelter Erscheinung zu liefern. Hören Sie, u. achten
u. beachten Sie in Ihrem künftigen Leben u. dessen Erscheinung [Pösche: Entwickelung] die tiefen Natur- und Lebensgesetze, auf
welchen das Lebensganze der Kindergartenerziehung beruht.
Sie wissen u. kennen schon aus dem bekannten Lied Nord u Süd, daß beide in Deutschland
wie in landschaftlicher so in volksthümlicher Beziehung scharfe Gegensätze [sind]. Nur eines, was
ich jedoch noch weiter in Beziehung auf die Entwicklung Ihres Lebens zurückkehren [sc.: führen] könnte: -
Sie, Luise, sind Wienerin, d.i. Süddeutsche vermittelt durch mich u. mein Leben
wurde dem Ihren, durch F. Dr. [sc.: D=Doris] Lütkens, eine Hamburgerin, eine Norddeutsche, die
vollkommenste u. angemessenste Lebensentwicklung. Weiter. Und wie kommen
Sie jetzt mit der Fr. R.R.B. in Lebensverbindung; wo liegt dazu der Keim, der
Anfangspunkt? – Rathen Sie! – Im Gegensatz von Norddeutschland u. von Hamburg! Sie wissen,
daß man Schwaben u den den Oberrhein auch Süddeutschland nennt u. in Baden Baden [Pösche: Baden] in der Wirksamkeit des HErrn Dr. Georgens u in dessen Kindergarten u Bildungsanstalt, [Pösche: ”in der Wirksamkeit ... Bildungsanstalt” gestrichen] lernte Fr. R.R.B.
das Princip der Kindergartenerziehung, dessen Früchte in der Anwendung kennen hielt
es Monate lang in sich pflegend u bewegend fest bis in dem versteinerten Berlin
der Funke zur Flamme wurde u. sich die im Süden Erregte – wieder durch Vermittelung
- zur Gewährung Ihres [sc.: ihres] Wunsches ja Erfüllung Ihres [sc.: ihres] mütterlichen Bedürfniß[es] wieder
ganz nach Norden, zu Ihnen nach Hamburg wand[te], um durch sie [sc.: Sie] zu erringen und
erhalten, was Ihr [sc.:ihr] mütterlicher Sinn, ihre mütterliche Überzeugung bedarf. –Sie wissen
nun weiter, daß man durch Menschenalter von einer Verbindung, einer Einigung des Südens
mit dem Norden spricht; Sie sehen nun worin sie bedingt, wodurch sie erreichbar
ist. Erkennen Sie nun in diesen Andeutungen, welche mir auszuführen, hier
nicht möglich sind [sc.: ist], die Wichtigkeit der Kindergartenerziehung d.i. der entwickelnd erzie-
henden Menschenbildung für Lebenseinigung u. Lebenstüchtigkeit u sehen Sie hierin, wie
sie unter treuem, höheren, mütterlichen Schutz u Walten steht; aber bedenken
Sie auch, welche Pflicht uns zu treuer Verwaltung derselben besonders auch in den
Familien obliegt. – Sehen u. beachten Sie weiter; die Wichtigkeit Ihrer künftigen Stellung u Wirksamkeit, die ich Ihnen hier thatsächlich, natur- u lebensgesetzig (wenn
auch nur andeutend) doch nachwies, diese Wichtigkeit haben Ihnen Ihre Freunde
in Hamburg u – irre ich nicht sehr – auch unsere hochverehrte Frau Dr. Lütkens /
[2]
ahnend wenn auch noch in andere Beziehungen ausgesprochen. Darum halten Sie diese er-
kannte Wichtigkeit nun mit Bewußtsein im Handeln fest. – Sehen Sie, liebe Luise, wir
müssen dahin wirken erstlich daß der Kern des Volkes daß die Familien, daß in Familien
zuerst Mütter, Töchter erziehungsbedürftig, erziehungshungrig, erziehungsdurstig fühlen,
wie so eine R.R.B. u ich jetzt von vielen Hamburger, ganz einfachen Bürger-
familien [höre]; zweitens müssen wir dahin wirken, daß die Regierenden die Gouverne-
ments u. deren Leiter erziehungskundig, erziehungswillig, erziehungsfördernd werden
u dies ihr Streben in der Kindergartenerziehung befriedigt finden; dann treten wir
drittens zwischen beide vermittelnd, erfüllen das Bedürfniß, den Hunger u Durst der
Einen, wie das Streben u. Wünschen der Andern.
Sie sehen hieraus, daß ich die Wichtigkeit, welche Fr. Diesterweg [Pösche: ”Frl. D.”] den neuen Verhältnissen
beilegt, nicht nur erkenne, sondern es zu erweitern, ja ganz tief zu be-
gründen suche. Sie haben dadurch zugleich ein Beispiel, wie ich die Lebensverhältnisse
u Erscheinungen prüfe, ordne u mir zur klaren Einsicht u in Lebenszusammenhang zu
bringen suche; auf welche Erkenntniß ich den größten Werth lege u den höchsten u
letzten auf ein Leben, diesem Zusammenhange getreu. – Unser Leben muß der Will-
kühr entrissen werden; es muß, wie ich schon oben aussprach auf der Stufe des klaren
Bewußtseins, der lebendigen Einsicht, des festen Willens eben so unverrückt (d.i.
dem ewigen Streben darnach) im Einklang mit dem Willen u Wollen der
LebensEinheit seyn, wie die Natur u das Weltall auf der Stufe des Unbewußtseyns. –
Das war auch das höchste u. letzte Streben Jesu, indem er sagte: ”ich u. der Vater
sind Eins”.”Ich höre die Stimme meines Vaters [”] pp Deßhalb fallen auch alle
meine erziehenden Bestrebungen mit dem Streben Jesu in Eins zusammen u. zwar
auf der Stufe der Lebensansicht.
Daß Sie nicht auf das Ansinnen der jetzt besonders in einem hochgebildeten
Kreise herrschenden Lügenhaftigkeit, ihren Meister, eigentlich im Grunde die Sache, das
ewige Gesetz derselben zu verleugnen eingingen u. dadurch sogleich von vorn herein Ihr
Wirken bei der besten Absicht auf Lug u Trug gebaut hätten, dafür dan-
ken Sie Gott, u. Sie können ihm nicht genug dafür danken; denn ich muß hier
Ihnen eine tiefergreifende, <nächtische>, ich möchte fast sagen, grausige Erfahrung eines /
[2R]
meines Lebens mittheilen, nämlich die, welche sich durch mein ganzes Leben hindurch-
zieht, seit ich als Volkserzieher aufgetreten bin u das als der Volks- u Mensch-
heitserziehung erkannte Princip ausgesprochen habe – daß alle diejenigen, welche
zu einer Zeit selbst begeistert für die (um sie kurz zu bezeichnen) entwickelnde Er-
ziehung aufgetreten sind, ihr abermals den Rücken gewandt, sie gleichsam ver-
leugnet haben – dann durch ihr ganzes Leben hindurch tiefe Lebenstrübung und Le-
bensstörung zu tragen hatten; ich möchte u. könnte sagen, daß dies in meinem
eignen Leben der Fall ist; deßhalb ist mir unsere ErziehungsIdee selbst heilig, nicht
um meinetwillen – sondern um ihrer tiefen menschheitlichen, menschheitlich allseitigen
Begründung willen. Ich weiß recht wohl u. gut, daß ich die Menschen u. vielleicht
kaum, kaum, kaum einige von der tiefen Wahrheit derselben überzeugen kann,
wie ich solche in mir trage. Dies kann mich aber nicht abhalten, ihr treu
zu bleiben.
Freuen Sie sich also Ihrer Worte Рӟberall mit Freude u. mit Stolz die
Wahrheit zu bekennen”, wie ich mich Ihrer Hoffnung freue noch Ihrer Hoffnung freue [2x]
nach Ihrem Eintritt in Coblenz ”an diesem Orte u dieser Familie auch unsere
Sache nach außen hin einigen Nutzen bringen zu können.” Davon bin ich nun,
meine liebe Luise nicht nur in mir tief überzeugt, sondern ich wünsche Ihnen
dazu auch den reichsten, besten Seegen. –
Wird Ihre mit vollem Rechte auch von Ihnen als mütterliche Freundin hoch-
verehrte Fr. Dr. Lütkens ihrer früheren Wahl treu bleiben, so werden Sie auch ein,
wie ich glaube recht wackeres, ja in manchen Beziehungen treffliches Mädchen zur
Nachfolgerin haben, wenn man will u. Sie mich nicht mißverstehen, aus Gegentheil
von Ihnen, ein weibliches Gemüth. Sehen Sie, im Leben Ihrer werthen Fr. Lütkens
da zeigt sich auch das Gegentheil von dem, was ich auf voriger Seite aussprach.
Diese hochachtbare Frau ist, obgleich nicht zu leugnen ist, daß sie, wenn man
will, mit mir auf einem entgegengesetzten Standpunkt der Welt- u. Lebens- ja
vielleicht sogar Erziehungsansicht steht, so ist sie aber vom ersten Augenblick
an, als sie meine erziehenden Bestrebungen offen anerkannte, dieselben
pflegend treu geblieben, u. sehen Sie (ohne deßhalb Ihnen etwas überhebendes /
[3]
überhebendes Freundliches, sondern nur die ganz einfache Wahrheit zu sagen) Frau
Dr. Lütkens ist auch immer so glücklich gewesen, nun nach einander von meiner Groß-
nichte Alwina
an 3 ihren Bestrebungen förderlich zusagende Gehülfinnen zu erhalten.
Sehen Sie hier nach der entgegengesetzten Seite hin die Bewahrheitung, daß das Leben u.
so die ächte lebenstüchtige Erziehung aus dem Zusammenwirken von Gegensätzen
entsteht; denn ich glaube Fr. Dr. Lütkens wird aussprechen müssen, daß Sie in gewis-
ser Hinsicht das Entgegengesetztgleiche von Alwine sind, wie Ihre Nachfolgerin wohl
als [sc.: auch] das Entgegengesetztgleiche von Ihnen sein wird. –
Sie sehen daraus, liebe Luise, wie sich das Leben überall streng nach Gesetzen
richtet, u v. MM [sc.: Menschheitsmenschen] anerkannt werden sollen, richtet, so muß auch die Einigung
mit Gott stets angestrebt werden. Dies ist es aber besonders, was meine Gegner
nicht einsehen, nicht zugeben wollen; so lang aber als ein solches Handeln nach
objectiven (d.h. gegenständlich) gewordenen Gottesgesetzen aber mit
treuer Selbstbestimmung nicht wenigstens als Welt- u. Lebensgesetzen dem Geistes bei
einer kleinen Anzahl von ich möchte nicht sagen - Lebensgrundgesetz wird -
ehe wird auch nicht das Leben sein ewig Schwankendes, sein Mißverständ[niß] sein
Zweifeln verlieren. Dies ist meine tiefste u feste, sich mir tagtäglich, ich
möchte sagen stündlich u. stetig sich mir bestätigende Überzeugung.
Jedoch soll dies feste u. bestimmte Aussprechen meiner Überzeugung, weder Sie noch
irgend wen bestimmen, dieselbe auch zu der seinigen [zu machen], aber das soll es bewirken,
Sie wie jeden Andern, zu dessen Kunde sie kommt auf das Leben in seinen Erscheinungen
u auf die sich darin klar aussprechenden, festen Lebens- gleich Gottesgesetzen aufmerksam
zu machen, um darin, wie ich so eben aussprach, gleichsam objectiv u. gegenständl.
den Willen Gottes zu erkennen, denn das können u. müssen wir klar, hieraus nach seinen tiefliegenden Gründen einsehen, wir sind – um zu werden was wir – wie wir
es sollen – sinnlich-geistige Wesen. Mit unserm Erscheinen sind wir (aber nicht
zu unserm Bösen sondern zu unserm Guten) an Gegensätze – (wie zB auch Gemüth
u Geist, Empfinden, Fühlen u Denken; Herz u. Kopf an Entgegengesetztgleiches geknüpft, daraus
wir im Leben u durchs Leben das Vermittelnde, Einigende finden sollen. Hierin ist das Le-
ben u. die Erscheinung Jesu bedingt; wie aber auch die Übereinstimmung u der Einklang seines /
[3R]
Handelns u Wirkens [und Wirkens mit dem Einigen und umgekehrt wieder meines Handelns und Wirkens,] meines Lebensziels mit dem Seinigen: - Lebenseinigung, Quell-
einigung, ächte Lebenstüchtigkeit (an ihren Früchten pp) [.] Beachten u. prüfen Sie nun Alles
dies, des Leben[s] tausendfache Erscheinungen u. theilen Sie mir gelegentlich darüber Ihre innern
u. äußern Lebenserfahrungen mit, damit daraus das Leben wenigstens zunächst in ei-
nem von uns beiden klar u so gleicherweise auch in seinen Erscheinungen wahr werde.
Da ich nun weiß, daß auch noch Andere (die ich vielleicht noch nicht persönlich kenne)
gleiches Streben mit mir [haben], so können wir vielleicht hoffen, daß wir dadurch
etwas zu dem Lebensfrieden, welchen wir alle ersehnen, zu der Lebensfreu-
digkeit
, welcher wir Alle bedürfen, beitragen. –
Sie haben recht, wenn Sie sich die Hefte der Zeitschrift zu Ihrem Studium ma-
chen; denn es liegt vielfach mehr darin, als die Worte scheinbar aussprechen, viele
unentwickelte Keime u. Saamenkörner, glauben Sie mir. Ich möchte selbst
gern die Zeitschrift zu meiner eignen Fortbildung d.i. zur Entwickelung jener Keime
u. Kerne studiren, wenn ich nur Zeit dazu gewinnen könnte. – Das 4te
Heft der Zeitschrift, was jetzt unter der Presse ist, enthält in dem Aufsatze
über das Stäbchenlegen wieder eine tiefliegende Welt- u. Lebensansicht, de-
ren Erkenntniß u Anerkenntniß für die bewußte, sichere Lebensführung u. Kinder-
wie Menschheitserziehung wieder sehr wichtig [ist], ob sie freilich von Vielen er-
kannt u. anerkannt werden wird ist eine andere Frage; doch wenn dieselbe
nur von der geringsten Mehrheit, so ist das schon genug; denn 2x2=4 -
mißt 4x=8 pp.
Das Urtheil, was Sie mir über gewisse Aufsätze im 3 Heft schreiben,
freut mich von Ihnen; allein Dr. G. [Georgens] scheint mir für seine Gegend das zu
seyn, was <wir> v. Dr. W sagen, daß derselbe für Preußen sei. So viel ist gewiß,
Dr. G. ist eine offene uns treu zugethane, wenn auch noch nicht genug tief
in die Sache eingedrungene, vielleicht sogar eine etwas zu sehr ins Äußerliche
strebende Person. Vergessen wir nicht, er wirkt an der Grenze zweier
gr. [sc.: großer] Länder, Deutschland u. Frankreich, mit beiden in regen Lebensverkehr, zunächst
mit Straßburg u. Paris. Außerdem wirkt er an einem Orte, welchen man
ein Weltbad nennt: nun so ist er ein vielseitig ausstreuender Sämann /
[4]
Vergessen wir zwei beide nicht, daß er Sie in ein Verhältniß brachte, von
welchem mehrseitig behauptet wird, daß es besonders für die Entwickelung und
Beachtung unseres Lebensgegenstandes in Pr. [sc.: Preußen] u. Bl. [sc.: Berlin] wichtig sei. So viel glau-
be ich, man muß, damit sich endlich das Lebensrechte u. Lebensrichtige frei
machen kann, den Menschen in ihrer Entwickelung auch Freiheit, nur nicht thun
u noch weniger scheinen, als wolle man sie bekehren u. gleichsam zu
einem der Unsern machen. Das Machen thut niemand gut u. hat uns
viel Unheil u. Böses gebracht. Nun – ich werde sehen, was Sie aus
Ihrem alten pppp RR entwickeln.
Zum Schluß des Ganzen werden Sie in all dem von mir hier Ausgesprochenen
finden, daß ich Ihren Entschluß nach Koblenz zu gehen nicht nur billige, sondern daß
Sie in der Ausführung desselben im vollen Einverständniß mit mir gehandelt
haben. Gottes Segen sei mit Ihnen u. Ihrem neuen Wirken. Da dieser
Brief auf ½ Jahr genug sein muß, so bitte ich, vergessen Sie im künftigen
Sommer meine Gabenausspielung zum Besten des Liebensteiner Kinder Garten nicht.
Im August findet dieselbe statt. Lassen Sie die Frau RR in ihrem Kreise
recht dafür thätig seyn. Von Allen Grüße, besonders von Ihrer Namensschwester
und mir FrFr.