Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Kantor G. Heusinger in Neustadt a.d.H [auf der Höhe] v. 16.4.18<52> (Marienthal)


F. an Kantor G. Heusinger in Neustadt a.d.H [auf der Höhe] v. 16.4.18<52> (Marienthal)
(BN 478, Bl 1-2, teildatierter Briefentwurf/Fragment 1 B 8° 2 ½ S. mit fehlender Jahresangabe im Datum. Briefliste Nr.1645 dat. „16.4.(51/52)“ Für 1852 sprechen zwei Indizien: Zum einen die Dreieckszeichnung, die an das Schema im Brief an Marenholtz-Bülow vom Nov. 1851 anknüpft, zum anderen gröbere grammatikalische Fehler, die durch F.s Betroffenheit seit August 1851 erklärbar wären. Die Datierung ”1852” könnte verifiziert werden durch das Erscheinungsjahr von Heusingers Schrift bzw. den dazugehörigen vorausgehenden Partnerbrief. Beides ist nicht nachweisbar. Der letzte archivarisch erhaltene Brief H.s an F. datiert v.11.8.1851 und trägt die Notiz: „Beantwortet am 14/Septr durch HE Middendorff“, nennt jedoch keine Beilage. Die 6 erhaltenen Briefe H.s an F. zeigen, dass H. , wohl Ende 1850/Anfang 1851 nach Neustadt a.d.H. umzog. Den Brief v.18.2.1851 schreibt H. bereits in Neustadt. Der Brief F.s kann also am 16.4.1851 oder 16.4.1852 geschrieben worden sein. Trotz genannter Präferenz für 1852 läßt sich also ein gesichertes Jahresdatum nicht feststellen.)

     An Herrn Cantor Heusinger in Neustadt a.d.H. am 16.April


Mein sehr geschätzter, lieber Freund.

In Entschuldigung meines wirklich etwas schwer zu begründenden langen Schweigens auf Ihren lieben Brief u Begleitung kein Wort; Sie
kennen selbst das Leben mit seinen Hemmnissen für den bestimmten Willen u Vorsatz [.]
Sie werden sich wundern und nicht begreifen wissen was Sie von mir denken sollen
daß Sie [sc: ich Ihnen] auf Ihren so lebenpflegenden als lebenachtenden Brief und
treffliche Begleitgabe erst heute meinen so herzinnigen als klar erkannten
Dank ausspreche, ja Sie werden es gar nicht begreifen können, daß es
möglich ist wenn ich Ihnen sagen sage [2x], daß ich mir von dem ersten Augen-
blick an wo ich Ihren lieben Brief und Ihr treffliches Büchlein gelesen hatte
sogleich vorsetzte sogleich in dem nächsten Augenblick Ihnen zu schreiben, und daß
dennoch die Ausführung dieses ganz natürlich in der Sache selbst liegenden
Vorsatzes erst am heut[i]gen [Tag] zur Ausführung kommt. Ich glaube recht gern und ich
gebe Ihnen ohne Einschränkungwendung zu daß Sie in Ihrer Stellung in Ihrem Innern Streben und
äußern Berufsforderung in einem recht ordentlichen Lebensgedränge le-
ben; allein von dem Lebensdrange in welchem ich hier lebe, da kann ich Ihnen
kaum einen Begriff geben, wenn ich eine Forderung des Lebens erfüllen will die
mir als unerläßlich erscheint ja welche als wirklich mein erfüllt mein Herzen
und Gemüthe viel Freude bring geben würde, gleich kommt wie eine Wasserwelle
Wasserwoge eine neu[e] Forderung welche die frühere fortdrägt wie bald
eine neue folgt welche mit der jüngsten Lebensforderung in gleicher Weise ver[-]
fährt, so drängt Leben auf Leben u Forderung auf Forderung so daß Briefe an deren
Beantwortung mein Herz hängt seit Jahr oft jetzt mit Ablauf eines Jahres von
mir beantwortet werden können, welche was ich sogleich gern schon im nächsten Augenblick
erfüllt gethan hätte. Warum schreibe ich Ihnen dieß sosehr ausführl. Mein geschätzter
Freund? – eben weil ich Sie schätze u liebe und ich nicht wünsche von Ihnen
mißgekannt zu werden und Sie sich im Kreis Ihrer Lebenserfahrung wohl
nicht denken können, wie man einen so lieben Brief wie der Ihrige begleitet
von einer so freundlichen Gabe so lang unbeantwortet bleiben [sc.: lassen] konnte.
Ja eben das wahr u ist es, daß was mich der reiche Zufall von beiden, der
besonders Frische ich möchte sagen Jugendkraft erforderte ihn in einen Brief
zusammen zufassen an dieser Beantwortung hinderte; doch nun da dieser
Berg von Entschuldigungen der wie ein Fels Steindamm vom <Berg>strom des Lebens her-
bey geführt zwischen Ihnen u mir lag überstiegen ist - zur Sache -
Ihr lieber Brief und noch mehr seine freundliche Begleitung doch nicht wird sie besprochen werden sondern nur das Fruchtbare war mir eine so un-
erwartet[e] als ich will es Ihnen offen gestehen sehr angenehme Üüberraschende
Erscheinung. Des Menschen Wirken gleich den Quellen im Thal an der Bergwand an des BergesFuß sie bilden sich einigen sich dem Thalbach wie dieser, der
Bach <tief> einigt sich dem Fluß; dieser dem Strom u dieser dem großen Weltmeer einigt, von wo er
zu seiner Zeit segnend im Regen unerkannt auf die durstige Flur erqickend niedersenken [.]
Aber der Mensch freut sich auch wenn sein Wirken nun gleich dem Quelle in Thal u Wiese
[qu]illt und liebl. kräftige Blumen in jugendlicher Fülle aus ihm u durch ihm getränkt empor
steigen so freut der lebensgerechte Mannn u der dasden Lebenskreis geschlossen in sich tragenden Geist
wenn er sein Streben besonders das Wesen den Geist das Ziel seines Lebens festgehalten sieht von froher
Jugendlicher u Jünglingskraftmuth ein er als ein neuer verschönt u verjüngt gesund u froh hinaus
zu wachsen zu blühen im Leben um es in schöner Gestalt hinzustellend fest im Leben u im Leben - /
[1R]
Wie sehr auch also mein Lieber geschätzter Freund Ihr freundl. Brief mit
lieblicher Begleitung erfreuen mußte, könnten Sie sich nun schon hieraus sagen
doch Ihr Brief u Sendung Gabe einigt noch des Schönen Wahren u Guten, Ächten u
Rechten viel in sich, viel von dem welchem dies Streben u die Pflege mei-
nes Lebens gielt und deßhalb mußte beides noch weiter erfreul
Gabe seyn. So knüpfen Sie die Worte Ihrer so Gemüthvollen Zueignung an
die kindlich schönen und Maiglöckchengeläut klingenden Schlußworte der
Friedrich Hoffmannschen [sc.: Hofmannschen] Zungen seines Weihnachtsbaumes, wie Sie den <Innigen>
Worten Henschels Leben d[urc]h Ihr Leben wieder mit den mein[en] <-> nicht [nur] äußerl
verbinden. Sie haben mir dad[urc]h lieber Heusinger den höchsten Beweis gegeben
daß Sie, mit welchem Grade der Klarheit u des Bewußtseyns, das ist mir hier
gleich, aber im Gefühl u Gemüthe in der Ahnung mein Leben u Streben ganz
verstehen, als in dem nach wahrer Lebenseinigung nur seinen Grund wie seine Befriedigung
findend. Sie vollbringen auf diese Weise eine <Verwirkung>
3mal zweifache Lebenswirkung, schauen Sie solche wie im Bilde
Zeichnung [Dreiecksverbindung Henschel-Fröbel-Friedrich Hofmann in Anlehnung an Zeichnung im Brief Fröbels an Marenholtz-Bülow v. Nov. 1851, ed. Hoffmann 1951 I,139. Im Zentrum des Dreiecks steht Heusinger]
Und also woran Sie wohl nicht gedacht haben als eine Nothwendigkeit
auch Fr. Hofmann mit Henschel wie sie sich mit uns dreyen [sc.: in Treue verbinden]. Ist dieß nicht eine
wunderschöne Darstellung Ihrer Zueign[ung]sthat? – Einigen sie [sc.:Sie] so in sich
nicht wieder das Wesen, die die [2x] Liebe und Dankbarkeit dreier Menschen
ja Männer? – Sehen Sie wie jede rein menschlich schöne gute wahre That
entspräche dem reinen Gemüth ausgeführt mit reinem Willen ohne
langes Critisiren ihren schönen Lohn danach sich selber bringt; in sich
selber trägt? -           *
Doch gehen wir weiter: * * * Je Dreipunkte bestimmen ein[en] Kreis
oder ein jedes Dreieck faßt/läßt sich ein[en] Kreis beschreiben. Ein Kreis
ist aber das Sinnbild des Allgemeinen der Umgebung der Umwelt. Und ein Kreis bedingt den andern. Sie sagen
Publikum im eigenen Sinn. Sie senden bestimmen Ihr Buch für ein größer[es] Publikum.
Sie senden es hinaus in die Welt in die verschieden[en] Lebenskreise derselben
Lehrerkreise Prediger, dad[urc]h bringen Sie aber aus 4 geeint als die Träger einer
Idee und so die Idee der Lebenseinigung selbst nahe
Zeichnung [Den innersten Kreis der 4 Geeinten umgeben: Kreis der Lehrer, weiterer Kreis der Prediger, äußerster Kreis der Erziehenden]
Ist das nicht eine herrliche treffliche Stellung welcher Sie sich und uns als Träger /
[2]
einer Idee gegeben haben? - - Sehen Sie da den Lohn der Pflege einer
Idee nicht nur überhaupt einer Lebens Idee, sondern dhauptsächlich einer ZeitIdee. Es ist dieß aber die Idee
achten u wahre Lebenseinigung durch Lebenstüchtigkeit, und zwar weiter d[urc]h Erziehung
zur Selbstentwickelung wie Sie drey Männer zusammengestellt haben welche eben
durch ihre freye selbständige u selbstthätige Entwickelung u Ausbildung sich zur
wahren Lebenseinigung in welcher solche von Ihnen aufgefaßt u dargestellt sind
ausgebildet haben. Hierd[urc]h aber beweisen Sie haben wenigstens mir bewiesen
daß Sie eine Zeit Idee zu erfassen, zu pflegen und in das Publikum
einführen solche demselben zugänglich machen können und so komme ich zu Ihrem
Brief zurück wo Sie schreiben [bricht ab]