Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Siegfried Schaffner in Gumperda v. 9.5.1852 (Marienthal)


F. an Siegfried Schaffner in Gumperda v. 9.5.1852 (Marienthal)
(Gratulation zur Geburt der ersten Tochter Anna, die Anfang Mai 1852 geboren wurde. Entwurf, dat. „May 52“, in BlM XXII,2, Bl 94, 1 Bl 8° 1 S.; Reinschrift v. 9.5.52, ehemals Gumperda, nicht nachweisbar, ed. Nohl 1931/32, 483-484 )
(Entwurf Zeilenverh. nicht 1:1)

a) Entwurf

[94]
Mein lieber Neffe.

Du darfst ja nicht die Innigkeit mein[er] Theilnahme an dem Euch beide <gerade>
gewordenen höchsten und schönsten Lebensereigniß nach dem etwas verspäteten
Ausdruck derselben ermessen; im Gegentheil war auch durch den Geist Deiner
Mittheilung und durch die sich darin aussprechenden Gesinnungen mehrseitiger
Lebenseinigung der Eindruck ein so lebenvoll genügender, daß es mir sehr leid
thut, denselben nicht sogleich aus vollem Herzen u mit frohem Gefühl
erwiedern zu können.-
Du mein lieber Vetter zeigst mir, nachdem schon Deine ersten Mittheilungen die Gefühle
der innigsten Lebenseinigung mit Deiner Elise ausgeprägt haben und mich an
denselben theilnehmen lässest [sc.: ließest] den klaren gesunden reinen lebensregen
Blick Deines Neugeborenen und lässest mich d[urc]h denselben von ihr gleichsam begrüßen.
Dieß zeigt mir nun ein Dreifaches, wovon wir schon jedes einzelne, nochmehr aber
das Ganze als ein Einiges wahrhaft lebenswichtig ist: erstl. Das völlig Ungetrübte
Innig-einigseyn der Euch Geschenkten in sich - dieses ursprüngl ungetrübte Innigeinigseyn
des Menschen als in die Welt gebornen halte ich nun fürganz unaussprechlich wichtig
und die Pflege desselben als die höchste Aufgabe der Eltern. Denn nur wer wahr-
haft innig einig in sich ist, so herauf entwickelt u erzogen wird kann sich auch
innig einig mit seiner nächsten Umgebung, der Natur, der Menschheit und Gotte ent-
wickeln; Du lässest mich gleichsam durch den klaren Blick der in sich Einigen
begrüßen und verknüpfst so Einiges mit Einigem und das ist für mich das
zweitWichtigste Deiner Mittheilung denn nur dadurch kann sich Einiges stetig
u vollkommen einig in sich entwickeln u ausbilden, was jetzt in Sproßender
frühe jedes in sich rege Keimchen und jedes Saamenkörnchen beweist welches
sich im Einklang mit dem in sich einigen Naturganzen fröhlich frey u froh
entwickelt. Endlich drittens aber ist mir lieber Neffe Deine Stellung welche
Du Dir in dieser Mittheilung zu der Euch Geschenkten und zu mir giebst nun nicht
minder wichtig möge sie es für Dein liebes Töchterchen in ihrer Reinheit durch sein
ganzes Leben bleiben; es wird die ächte wahre Stellung des ächten Gärtners zu dem
ihm anvertrauten Pflegling denselben im großen Lebensg[an]zen unver<wandt> und
ungetrübt heraufwachsen zu machen; wirst Du nun mit Deiner Elise in solch ächter
Lebenstreue und Einigung das Leben Eures Töchterchens herauf pflegen, so wird
Elise in demselben gleich einer zweiten Anna eine Maria herauf erziehen, welcher
einst die Pflege reiner Menschheit im Keime wie in der Fortentwickelung der
höchste u schönste Lebensberuf seyn wird. Und dieß ist es denn was ich Dir
und Euch zum Dank für Deine freundliche u einigende Mittheilung und zur
auch unserm lieben Töchterchen zur freundlichen und einigenden Begrüßung
im bewußten Menschheitsleben von Herzensgrund wünsche. Willst Du wollt Ihr
diese Zeilen Eurem Töchterchen zum sichtbaren Beweis daß sie anerkennend in
der Einheit ihres Wesens und innig u einigend im Menschheitbunde begrüßt worden ist,
[aufbewahren] so kann dieß nach meiner Erfahrung u <Ermessen> dem Kinde im Fortgang ihres
Lebens für dasselbe manche Ermuthigung geben; und die Wahrnehmung
ist erhebend u kräftigend, daß die Vergangenheit schon der Zukunft gedacht
wer sollte sie seinem Geliebten lieben Gottesgeschenk nicht <wünschen>. In solcher
Gesinnung grüßt Dich u Euch Euer Oheim FriedrichFrö[bel.]

b) Edition

[383]
Marienthal am 9en Mai 1852.


Mein lieber Neffe.

Du darfst ja nicht die Innigkeit meiner Theilnahme an dem Euch
geeinten Beiden gewordenen höchsten und schönsten Lebensereigniß nach
dem etwas verspäteten Ausdrucke derselben ermessen; im Gegentheil war
durch den Geist Deiner Mittheilung, durch die sich darin aussprechenden
Gesinnungen mehrseitiger Lebenseinigung der Eindruck ein so lebenvoll
genügender, daß es mir sehr leid that denselben nicht unmittelbar aus
vollem Herzen und mit frischem Gefühl wiedergeben zu können. -
Du, mein lieber Neffe zeigst mir, nachdem schon Deine ersten Mit-
theilungen mir die Gefühle der innigsten Lebenseinigung mit Deiner Elise
ausgeprägt haben, und Du mich an denselben gütig theilnehmen lässest,
den gesunden und klaren, lebensfrischen und lebenseinigen Blick Eurer
Neugeborenen und lässest mich durch denselben gleichsam von ihr be-
grüßen. Dies zeigt mir nun ein dreifaches, wovon mir schon jedes
Einzelne, noch mehr aber das Ganze als ein Einiges wahrhaft lebens-
wichtig ist. Erstlich das volle ungetrübte Innig-einig-seyn der Neuge-
borenen und Euch Geschenkten in sich und so das vollendete Aus- und
Durchleben innerhalb der Sphäre der Natur. Dieses und somit das ur-
sprünglich ungetrübte Innig-einig-seyn des Menschen als in die Welt
geboren halte ich nun für denselben ganz unaussprechlich wichtig und die
Pflege desselben als die höchste Aufgabe der Eltern aber auch wieder
das größte Geschenk, womit der ins Dasein geborene begrüßt werden
kann: denn nur wer wahrhaft innig einig in sich ist, so herauf entwickelt
und erzogen wird, nur der kann sich auch einig innig mit seiner nächsten
Umgebung, der Natur, mit der Menschheit und Gott entwickeln. Du
lässest mich gleichsam durch den klaren Blick der so in sich innig Einigen
begrüßen und verknüpfest so Einiges mit Einigem; und dieß ist mir
das zweit Wichtige Deiner Mittheilung; denn nur dadurch kann sich
Einiges steigern und vollkommen einig in sich entwickeln und aus- /
[484]
bilden – was jetzt im sprossenden Frühling das kleinste in sich einige
Keimchen und jedes Saamenkörnchen zeigt welches sich im Einklange
mit dem in sich einigen Naturganzen frisch, frei und froh entwickelt.
Endlich drittens ist mir aber, lieber Neffe, Deine Stellung, welche Du Dir
in dieser Mittheilung zu der Euch Geschenkten und zu mir giebst, eine
nicht minder wichtige, möge sie es für Dein liebes Töchterchen in ihrer
Reinheit und Lebendigkeit durch sein ganzes Leben bleiben: - es ist dieß
die wahre Stellung des ächten Gärtners zu dem ihm anvertrauten Pflegling,
denselben im großen Lebensganzen ungestört und ungetrübt herauf
wachsen zu machen. Wirst Du nun mit Deiner Elise in solcher Lebens-
treue und Einigung das Leben Eures Töchterchens heraufpflegen, so
wird Elise gleich einer zweiten Anna in demselben eine Maria herauf-
erziehen. welcher einst die Pflege reiner Menschheit als Keim des Gött-
lichen der höchste und schönste Lebensberuf seyn wird. Und dies ist
es denn was ich Dir und Euch zum Dank für Deine freundliche und
einigende Mittheilung und auch unserm lieben Töchterchen zur freund-
lichen und einigenden Begrüßung im bewußten Menschheitleben von
Herzensgrund wünsche. -
Willst Du, wollt Ihr diese Zeilen Eurem Töchterchen zum einstigen
sichtbaren Beweis, daß sie anerkannt in der Einheit ihres Wesens, innig
und einigend im Menschheitsbunde begrüßt worden ist, aufbewahren, so
kann dieß nach meiner Erfahrung dem Kinde im Fortgange der Ent-
wicklung seines Lebens und für dasselbe manche Ermuthigung geben ;
denn die Wahrnehmung ist erhebend und kräftigend daß die Ver-
gangenheit schon der Zukunft gedachte und wer sollte solche Gabe nicht
seiner Geliebten, unser lieben Gottgeschenkten nicht wünschen? In solchen
Gesinnungen grüße ich Dich, Euch und die mit klarem reinem Blick ins
Leben Schauende als Euer treu gesinnter Oheim und Großoheim
Friedrich Fröbel.

Luisens Grüße sind zwar innig und einig in die von mir oben aus-
gesprochenen mit eingeschlossen; dennoch will ich sie auch noch be-
sonders hervorheben.
D.O.