Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Gertrud Rocliffe in Dresden v. 19.5.1852 (Marienthal)


F. an Gertrud Rocliffe in Dresden v. 19.5.1852 (Marienthal)
(BN 612, Bl 1-2, hier: 2R-2V. Dat. Briefentwurf 1¼ S. auf Briefbogen 8° des Eingangbriefs von G.R. v. 17.5.1852 auf 1-2V. F. nutzt die leeren Seitenteile [2R und 2V unten] des Eingangbriefs.)

[2R]
Mthl am 19 Mai 1852
Sehr geehrte Frau
Auf Ihre vertrauende Zuschrift vom 17. habe ich Folgendes zu antworten.
Zwar war ich in mir fest entschlossen innerhalb eines Bildungscursus
nie wieder Schülerinnen auf in denselben aufzunehmen indem dieses für mich [und] für die Schülerinnen gleich anstrengend ist; da jedoch Ihre
Freundin den versäumten Anfang
des Cursus vollständig nachholen werde
(auch also die volle Zeit von 6 Monat[en] zu ihrer Ausbildung wie auch vielleicht
noch die Ferienzeit zur praktischen Einübung anwenden, ja wenn irgend möglich im günstigsten Fall 8 Monate zu ihrer vollkommenen Ausbildung in der Anstalt verbleiben will, so will ich unter diesen Voraus[-]
setzungen gern in den Wunsch Ihrer Freundin [einwilligen.] Ihre Freundin darf sich dabey
auch [sc.: dennoch] nicht der Meinung hingeben als sei eine Zeit von 8 Monaten zur vollständigen
Aneignung und Eindringung in das Wesen entwickelnd erziehender Menschenbildung
zu viel, könnte im Gegentheil Ihre Freundin noch den ganzen folgenden Cursus
zu ihrer Ausbildung verwenden, so würde dieselbe dann erst recht vollständig
und früchtereichen Seegen von [sc.: für] ihrem g[an]z künftigen Wirken erndten. – Dieses
Wirken hängt aber besonders von einem tieferen, ja tiefen Eindringen in das
Wesen der entw betreffenden Kindheit- und Menschenbildung ab; dieses Eindringen
ist aber nur d[urc]h [sc.: als] Übersicht über das Ganze und Beherrschen des Einzelnen und
das Schauen desselben im großen Lebenszusammenhang [möglich]. Ein frommer beschei-
dener Sinn welchen Sie mir von Ihrer Freundin zusichern ist dazu ganz besonders geeignet[.]
Ihre Freundin muß aber bei ihrer Rückkehr wenn sie zur Ausübung des Erkannten in
ihre Heimath zurücke kehret g[an]z besonders darauf sehen, daß sie die zwei
entgegengesetzten Eigenschaften möglichst vollständig in sich einigt einmal Beherrschung
der Idee und die Kraft sie fortzubilden und [zum andern] so viel Kenntniß des Einzelnen und
des Stoffes, daß es ihr nie an Mitteln fehle das erkannte Rechte Wahre
und Gute auch in das Leben einzuführen, in demselben auszuführen weil sie in
dieser Hinsicht in Livland etwas vereinzelt stehen wird.
Nun wäre gleichsam noch das Wirthschaftl. und Pecuniäre zu erwägen; das Pensions Ihre Freundin wie sie als Schülerin Wohnung u Kost in der Anstalt,
hat, so kann sie solche auch während der kurzen Ferienzeit von <20> 4 Monaten Tagen
wie dieß schon bei vielen andern Schülerinnen der Fall war, fortbehalten, im Fall
sie nicht eine Badereise vorziehen sollte.
Wenn eine Schülerin außer dem Unterricht des Cursus noch Kost, Wohnung, Bett , und im Winter <Erlenholz> u allgem. Heitzung und das Waschen der sämtl. Wäsche
erhält, so daß dieselbe nur für ihre Handwäsche zu sorgen hat be-
trägt das Pensionsgeld eines Halbjährigen Cursus 130 rth prCt.
Bringt die Schülerin jedoch I[h]r Bett mit und sorgt selbst für ihre Putz[-] u Kleider-
wäsche, so beträgt das Pensionsgeld blos 120 rth[.]
Besorgt aber die Schülerin auch außer der Putz[-] u Kleiderwäsche [die übrige Wäsche] selbst
so ist das Pensionsgeld blos Rth 114. Muß nun Ihre Freundin ökonomisch [sein]
so würde ich ihr rathen für letzte[re] Pension anzutreten wo sie dann nur
noch 40 rth für das Bett u Bettwäsche zu vergüten haben würde, indem
es ja lästig seyn würde ein Bett unterzubringen[.] /
[2V]
Die Zahlung geschehe zur Hälfte beim Eintritt zur 2n Hälfte in der Mitte des Cursus
würde Ihre Freundin noch eine längere Zeit in dem folgenden Cursus bleiben so würde sich dann das Pensionsg[eld] [entsprechend] berechnen[.]
Sollten nun diese Bedingungen Ihrer Freundin zu[-]
sagen (billigere zu stellen erlauben die gesammten Verhältnisse nicht) so steht derselben
derselben [2x] der Eintritt im Monat Jul[y] noch frei nur wird gebeten
sich deshalb möglichst bald zu erklären, damit Ihrer Freundin der Platz
offen erhalten werde [.]