Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Emma <Bothmann> in <Baden-Baden> v. 25.5.1852 (Marienthal)


F. an Emma <Bothmann> in <Baden-Baden> v. 25.5.1852 (Marienthal)
(Brieforiginal nicht überliefert, ed. Marquart in: Zeitschr. für Friedrich Fröbels Bestrebungen, Heft 5, 1852, 19-39 ohne Adressatangabe; Wiederabdruck Lange 1862/II, 501-527. Die Redaktion (Marquart) der „Zeitschrift“ gab der Veröffentlichung dieses Briefs den Titel: „Die Fröbel’sche Vorschule oder die Vermittelung zwischen Kindergarten und Schule. Ein Brief Fröbel’s an eine seiner Schülerinnen.“ Lange gibt dieser Briefabhandlung den Titel „Die Vermittelungsschule“, übernimmt den Untertitel Marquarts von 1852, klärt das Problem der Adressatin nicht. Aus dem Untertitel in Verbindung mit der Brieferöffnung „Werthgeschätzte, liebe Emma“ ergeben sich mögliche Rückschlüsse auf F.s Briefpartnerin. Es könnte sich um Emma Habicht [Kursteilnehmerin Dresden 1848/49] oder Emma Bothmann [Kursteilnehmerin 1849 Liebenstein] handeln. Beide Schülerinnen haben 1852 F. geschrieben, E. Habicht am 2.2.52 [BlM XXII,4, Bl 147-148, 1 B 8° 2 S.] und E. Bothmann am 19.2.52 [BlM XXII,4, Bl 160-161, 1 B 8°4 S.]. Für Emma Bothmann als Adressatin sprechen mehrere Indizien, zum einen E.B.s eigene Bekundung in ihrem Brief als „verehrende Schülerin“[Schlussfloskel], zum anderen ihr auf Weiterbildung gerichtetes Interesse in Verbindung mit kritischer Intelligenz, zum dritten ihr Hinweis, dass sie nicht nur in Georgens Kindergarten, sondern auch in der dortigen „Vermittelungsschule“ arbeite. Eine eindeutige Bitte, F. möge ihr die Bildungskonzeption der „Vermittlungsschule“ darstellen, enthält dieser Brief vom 19.2.1852 zwar nicht, klingt aber durchaus an und ist eher von diesem Brief als dem wenig problematisierenden Brief Emma Habichts v.2.2.1852 anzunehmen. - F. vermerkte auf dem Briefkopf: „Theils von Luisen theils v. mir beantwortet mit der großen Sendung am 27 Fbr 52“[.] - Eindeutig gesichert ist die Adressatenschaft Emma Bothmanns also nicht. – Hier wird die Edition Marquarts mit deren Seitenzahlen, Sperrungen als Unterstreichungen wiedergegeben.)

Marienthal, am 25. Mai 1852.


Werthgeschätzte, liebe Emma!

Sie wünschen von mir einen Nachweis über die Führung der
Vermittelungs- oder Vorschule, der Verknüpfung zwischen dem Kin-
dergarten und der reinen und eigentlichen Lernschule. Es wird mir
dies freilich schwer werden, indem es hier noch der Anschauung gilt,
welche ich meinem Schriftworte nicht hinzufügen kann; jedoch will
ich es versuchen. Zuvörderst wollen wir die Stufen der Kindes-
und Menschenentwickelung etwas festzustellen suchen. Die erste Stufe
ist die Kindheitstufe; sie zerfällt wieder in den ersten Abschnitt der
überwiegenden Kindheitspflege, besonders zur körperlichen Kräftigung
und Erstarkung des Kindes und in den zweiten Abschnitt, der sorg-
samen Körper-, Glieder- und Sinnenentwickelung und Gebrauch.
Diese Säuglingsstufe knüpft das Kind überwiegend noch an die
Arme und auf den Schooß der Mutter. An diese erste Stufe schließt
sich mit ihr zusammenfließend die zweite Stufe; es ist dies die
Stufe der Familien- oder Kinderstufe. Durch den, dem Kinde frei-
gegebenen Zimmerraum entwickelt sich das Kind zu ganz selbst- und
freithätigem Gebrauch seines Körpers, seiner Glieder und Sinne, /
[20]
und ganz besonder zu vollständiger Entwickelung seiner Sprachfä-
higkeit, so daß es wenigstens im Stande ist, sich über alle seine
Bedürfnisse ihm zunächst genügend mitzutheilen und den ganz einfachen
Lebensforderungen, die sich besonders auf Raumesveränderungen
und Thätigkeitsbestimmungen beziehen, Folge zu leisten. Diese beiden
Stufen bilden in sich wieder ein Ganzes und einen gewissen Gegen-
satz zum Kindergarten; an die Bildung des Kindes und Menschen
in der Haus-, Familien- und Kinderstube schließt sich nun die des
Kindergartens als die zweite Hauptstufe des Kindheitle-
bens, wenn man die Säuglings- und die Kinderstuben-Stufe zusam-
men als die erste Hauptstufe des Kindheitlebens betrachtet. Durch
den Eintritt in den Kindergarten tritt das Kind in ein vielfach
neues Lebensverhältniß, und dies soll von der Kindergärtnerin so
sorgsam als sinnig betrachtet werden. Indem das Kind in den
Kindergarten tritt, tritt es zuerst in Verhältniß zu einer Mehrheit
von Lebensgenossen und diesen einmal als Einzelnes einer Vielheit
gegenüber, zugleich wird es aber auch Glied dieses Ganzen und wie
es so von dem Ganzen Gewinn und Vortheil hat, so hat es aber
auch gegen dieses Ganze Verpflichtungen, und hierin liegt zunächst
das menschlich Bildende des Kindergartens, was sich die Kinder-
gärtnerin recht klar zum Bewußtsein zu bringen hat, um das Kind
selbst recht sorgsam in dieses neue Verhältniß einzuführen und solches
für dasselbe recht fruchtbar zu machen. Zweitens aber tritt das
Kind, wenn es in den Kindergarten kommt, zu einer Mehrheit
von Gegenständen, Sachen, Dingen, die es zum vergleichenden
Anschauen, somit zum vergleichenden Nachdenken, zur Ausbil-
dung des Verstandes und so durch ihr Erscheinen und ihre Ver-
hältnisse unbeachtet und ungeahnet zu mannichfachen Erkenntnis-
sen führen. Diese Mehrheit von Gegenständen, Sachen und Din-
gen, zu welchen das Kind in den Kindergarten tritt, werden aber
auch für das Kind, wie Gegenstände der Wahrnehmung, Anschauung
u.s.w. so zugleich Gegenstände der schaffenden Willensthätigkeit,
also Mittel zur Erkenntniß seiner schaffenden Kraft und deren Er-
gebnisse und lehren das Kind so wieder durch die Sache und das
Thun selbst unmittelbar erstlich die Dinge rc. selbst – zweitens
ihre Verhältnisse zu einander – und drittens ihre Entstehung
und Entwickelungsweise, wie viertens ihre weitere Fortwirkung
kennen. Alles die muß sich nun die Kindergärtnerin recht klar zur
Einsicht und Anschauung bringen, ehe sie ihr Kind zur dritten
Hauptstufe, zur Vermittelungsschule überführt. In dem [Kinder]Garten
handelt es sich bloß um das Anschauen – Auffassen – um das
Thun – das richtige Bezeichnen durch’s Wort, - wie um das
richtige Bezeichnen des durch das Thun Hervorgebrachten, doch noch
nicht um die von dem Gegenstande gleichsam losgerissene Erkennt-
niß und Kenntniß. /
[21]
Gegenstand und Kenntniß, Anschauung und Wort sind noch
vielfach ein innig Einiges wie am Menschen Leib und Seele. Diese
Bildungsstufe des Kindergartens muß also als eine sehr scharf be-
grenzte von der Kindergärtnerin festgehalten werden; sie schließt die
abgezogene, reine Erkenntniß, das abgezogene, selbstständige Denken
noch völlig aus; dazu führt erst die vierte [sc.: dritte] Hauptstufe, die der
Vermittelungsschule“. Der Name bezeichnet schon scharf ihr
Wesen; die Vermittelungsschule steht verbindend in der Mitte zwischen
dem Kindergarten und der eigentlichen Lern- oder Begriffsschule,
das Wesen beider in einer gewissen Beziehung theilend, d. h. von
der Sachanschauung zum Begriff übertretende. – Das bestimmte
und klare insichgeschlossene Ergebniß des Kindergartens ist also: -
scharfe, bestimmte und klare Auffassung und Anschauung des Gegen-
standes, seiner Eigenschaften, seiner Verhältnisse, seiner Entstehung,
seiner Fortentwickelung, seines mehrfachen Zusammenhanges mit
dem Leben; und alles dieses geknüpft an das genau bezeichnende
Wort, so zunächst durch die freischaffende Thätigkeit hervorgerufene
Formen und Gebilde, als Lebensformen, als Formen der Erkennt-
niß und Einsicht und als Formen des Fühlens, als Schönheits-
formen. Hier erscheint das innerlich Einige und Seiende
in äußerer Mannigfaltigkeit, und so kommt das Kind zur wahren
Erkenntniß, besonders Anschauung der Mannigfaltigkeit, welche in
der inneren Einheit ruht und durch gesetzmäßige Entfaltung her-
vortritt; das ist nun eine der wichtigsten Erscheinungen, auf welche
Sie alle den Gegenstand Prüfenden aufmerksam machen müssen; -
denn wie Alles stets von einer Einheit ausgeht und durch Mannig-
faltigkeit, Gegensatz und Vermittelung wieder zur Einheit zurück-
führt, wie mit jeder Sache ihr Gegentheil und Gegensatz gegeben
ist und so das Kind unbewußt durch das bestimmte Thun und
durch das Festhalten im Gefühl und der Auffassung thatsächlich in
die Kunde, ja Darlebung der einfachen und allgemeinen, wie beson-
dere[n] Lebensgesetze eingeführt, ja eingelebt wird; dies müssen Sie
Alles erstlich sich recht klar, lebendig und einsichtig machen und dann
ganz besonders den prüfenden Behörden und namentlich den offenen
oder stillen Gegnern der Sache zeigen. Also die Stufe der Kinder-
garten-Bildung muß Ihnen recht klar, in ihrer Anschauung müssen
Sie recht fest sein, und hier ist es zuvörderst das Entwickelungsge-
setz, dessen stete Anwendung und Befolgung dem Zerstreuungstriebe
namentlich in den Knaben entgegenwirkt, wie den Trieb entwickeln-
der, schaffender, bildender Thätigkeit weckt. Dies das Eine, was
der Kindergarten giebt. Was ist aber das Ergebniß dieser ent-
wickelnden Thätigkeit? – Das Undurchsichtige wird durchsichtig
(in der Kugel erkennt man die Axe), das Unsichtbare wird sicht-
bar (Anwendung auf das Kind). In dem Thun der Eltern erkennt
das Kind die Liebe derselben und umgekehrt; in der durchsichtigen /
[22]
Natur wird uns das einige Wesen und die Liebe Gottes offenbar. -
Zu diesem Durchsichtigwerden des Undurchsichtigen führt – das
Stäbchenlegen – das Verschränken – das Schnüren – die Erbsen-
arbeiten ganz besonders von der hohlen, leeren Ebene zu dem
hohlen, leeren Körper, Würfel, Achtflächner, Vierflächner rc. und
ihrem Zusammenhang und Ruhen im Würfel und Kugel emporstei-
gend, wie Sie ja das Alles durchgearbeitet haben und somit auch
Ihren Prüfenden und Kritisirenden nachweisen können.
Vor dem Stäbchenlegen hätte ich noch des Flächen- oder Plätt-
chenlegens: des Legens der Geviert- und Dreiecksflächen, der Ge-
vierte und Dreiecke erwähnen sollen. Es führt dies zu der hoch-
wichtigen Kenntniß des Verhältnisses der Form zum Inhalte oder
der Gestalt und Form zur Größe, und lehrt uns die wichtigen, zu
tieferer Erkenntniß in das Wesen der Dinge einführenden Gesetze
kennen: - daß gleiche Form ungleiche Größe möglich macht, und
daß gleiche Größe bei ungleicher Form möglich ist, und die sich
daraus weiter entwickelnden Gesetze der Größe und Form (Mathe-
matik), und wie die erste Auffassung und Anschauung dieser Gesetze
bloß ein einfaches Machen, Umwandeln, Thun ohne alle wei-
tere Reflexion, ohne alles Wort ist. Zu diesen Flächenlegen gehört
auch z. B. [Zeichnung: 4 geom. Formen] u.s.w., das Falten und Aus-
schneiden und bildet eigentlich das Letztere, die Vermittelung zwi-
schen dem Flächenlegen und dem Legen der Stäbchen. – Sehen
Sie, meine werthe, liebe Emma, in solcher organischen Weise müssen
Sie Ihren Erziehungs- und Unterrichtsbehörden, wie den strengen
Kritikern das Wesen und die Mittel und Weisen der Kindergarten-
führung selbst wieder vorführen, wenn Sie es so thun, so stehen
Sie gewappnet und unbesiegt da, selbst wenn man Ihnen nicht bei-
stimmt, nicht Recht giebt. Daß man Ihnen nicht Recht giebt,
das hängt gar nicht zusammen mit Ihrem Recht haben; Sie können
aber vollständig Recht haben, ohne daß ein Zweiter Ihnen auch
Recht giebt, weil er es eben nicht einsieht, und das Einsehen
läßt sich nun einmal Niemandem aufdrängen. Recht haben gründet
sich auf mathematischen Beweis, welchen Niemand widerlegen kann,
der durch die Sache spricht (II II = IIII oder [Quadrat mit Diagonale]) Die ganze
Kindergartenführung ruhet aber nur auf ganz einfachen mathema-
tischen Beweisen, nur müssen Sie sich zu ihrer sichern Anschauung
erheben. Nun sind noch zwei Hauptlebensanschauungen, welche der
Kindergarten anbahnt und welche in ihrer begründenden Allgemein-
heit nachzuweisen sind: es ist dies das Verhältniß der Vielheit,
Menge, Zahl zur Einheit wie unter sich und das Verhältniß der
Bezeichnung zur Sache und hier wieder in doppelter Beziehung
einmal als Wort zur Sache, dann des Zeichens zur Sache. /
[23]
Wie die Zahlen in ihrer wesentlichen Verschiedenheit als gerade
und ungerade Zahlen als 3X2 und 2X3 in dem Würfel als
Einheit aufgefaßt werden, dies ist eine wichtige Thatsache unserer
Kindergartenführung, und ich lege darauf großen Werth, wie über-
haupt auf Alles, wo aus der Einheit durch Gegensätze hindurch
sich die Mannigfaltigkeit entwickelt, welche wieder, wie dies bei
Würfel und Kugel der Fall ist, zur Einheit zurückführt. Jedoch
findet die Zahl ihre wahre Anerkennung erst beim Stäbchenlegen,
wo, wie Sie wissen, Alles mit Nothwendigkeit und auf die einfachste
Weise hervortritt, was die Verhältnisse der sich vergrößernden Masse
und vermehrenden Zahl, die Verkleinerung der Theile (Drittel
sind kleiner als Halbe und Sechstel kleiner als Viertel) lehrt. Und so ist
in der Bethätigung der Kinder in dem Kindergarten auch die An-
schauung der Zahl und ihrer Verhältnisse als sogenannte ganze
Zahlen und als gebrochene oder getheilte Zahlen vollständig begrün-
det. Sie müssen sich, liebe Emma, dies nur einmal auf Ihrem
Zimmer wieder recht ruhig ins Gedächtniß zurückrufen und zur
Sachanschauung bringen, so daß Sie wieder das Gefühl der Ueber-
sicht und der Beherrschung bekommen. Dies Gefühl, meine
liebe Emma, dürfen Sie nie in sich schwächen lassen, sondern im
Gegentheil, Sie müssen es kräftigen und erhöhen.
Nun noch die Abbildung des Gegenstandes durch Wort und
Zeichnung. Das erste gehört in den Kindergarten blos bis zur
Darstellung einiger Namen und giebt Ihnen darüber die Wochen-
schrift in dem Aufsatze „Wie Personen und Sachen – Lina Lesen
lernt“ hinlänglich Nachweisung, und Sie können, wenn Sie das
dort Ausgesprochene als eigene Ansicht und Ueberzeugung in und
aus sich entwickeln, dadurch jeder Kritik und Prüfung mit dem Voll-
gefühl der Genüge sich gegenüberstellen. Dieser Gegenstand ist dort so
klar, so wahr, so in Uebereinstimmung mit der Entwickelung des
Kindes und des menschlich denkenden Wesens behandelt, daß es blos
einer klaren Vorführung bedarf, um für die Wahrheit des dort
Ausgesprochenen zu gewinnen.
Das Darstellen des Gegenstandes durch das Zeichnen, d.h.
durch das Zeichen. In den Kindergarten gehört hiervon wenig,
weil die Fingerchen noch zu schwach; das Legen mit den Stäbchen ver-
tritt das Zeichnen auf der einen Seite, so wie das Kreisemachen,
welches die Kinder mit dem Griffel so sehr lieben, und kann dies
bis zu einfachen Blumen- und Blattbildungen ausgeführt werden.
O = Sonne, = Kugel, = Ball, = Ring, = Reif u. s. w. [Zeichnung Kleeblatt]
= Kleeblatt, [Z. Rosenblatt] = Rosenblatt, [Z. Blüte] = Blume, [Z. Sonnenblume] = Sonnen-
blume u. s. w. Jedoch gehört das Zeichnen wie das Schreiben
eben wegen der noch schwachen Fingerchen überwiegend in die Ver- /
[24]
mittelungsschule, wie auch die Farbenübungen und die eigent-
liche Gesangs- und Singübung, wozu das Singen im Kinder-
garten nur die Vorbereitung ist.
Nehmen Sie hierzu noch die Einführung ins Leben selbst, ein-
mal durch die Bewegungsspiele, dann durch die Pflege der Gärtchen
und des Gartens der Kinder und das dadurch in dem Kinde ge-
weckte und genährte, persönliche, Selbst- und Lebensgefühl und die
mit der Steigerung desselben zugleich gegebene und geweckte Ahnung
eines (väterlichen) Lebensgebers und des Gefühles seiner Lebenspflege,
als dessen Grund ihm gleichsam die Bürgschaft Jesu genannt
wird, daß die Kinder gut sein wollen. Nehmen Sie Alles dies
zusammen und Sie haben den Kindergarten in seiner vollendeten
Ausbildung und das Kind als Zögling desselben an der Schwelle
der Vermittelungsschule.
Hier drängt sich nun Allem zuvor die Frage auf: Was macht
denn die Vermittelungsschule zur Vermittelungsschule? – Der Name
sagt klar, daß sie die Verknüpfung, den Uebergang von dem
Kindergarten zu der eigentlichen Lernschule macht und daß sie so das
Wesen beider in sich faßt und vereint, und ausgehend von der Bil-
dung des Kindergartens, von dem Wesen desselben, und überführend
zur eigentlichen Lernschule und zur richtigen Führung des Kindes
ihrem Wesen und dessen Forderung entsprechend und getreu. -
Was macht nun das Wesen des Kindergartens, und was macht
das Wesen der eigentlichen Lernschule aus? – Man kann dies kurz
so charakterisiren: - Im Kindergarten ist das Kind, sein We-
sen und die Erstarkung, Kräftigung, Entwickelung, die Hervorzie-
hung, die Erziehung desselben überwiegend die Hauptsache; in der
Lernschule ist das rein Umgekehrte; hier ist der Gegenstand, sein
Wesen, die Erkenntniß, die Anschauung und Auffassung seiner Eigen-
schaften und seiner Verhältnisse, deren Bezeichnung u.s.w. die
Hauptsache, die dadurch bewirkte Ausbildung der Kinder aber das
Zweite, gleichsam das Nebensächliche, Zufällige; durch die Anfor-
derung an das Kind, den Gegenstand, die Sache, das Ding in sei-
nem rechten Wesen, in seinen wahren Eigenschaften und klaren Ver-
hältnissen zu erkennen, wird auch wieder das Kind festgehalten,
allein nur die richtige Erfassung und Kenntniß des Gegenstandes
durch die Anschauung ist die Hauptsache; in der Lernschule ist die
Auffassung des Gegenstandes durch das Denken, die innere Vor-
stellung, gleichsam die Entkleidung vom Körper (Abstraction) die
Hauptsache. Die Vermittelungsschule bildet also den Uebergang
von der Realen- und Sach-Anschauung zur abstracten und Denk-Auf-
fassung. Dies nun, meine sehr liebe Emma, müssen Sie sich recht
klar machen; und Sie haben Recht, daß sowohl die richtige Er-
fassung des Wesens der Vermittelungsschule, als noch mehr ihre
Führung sehr schwierig, mindestens nicht leicht ist, eben weil sie so- /
[25]
wohl die ganz genaue Kenntniß des Kindergartens ihrem [sc.. seinem]
Wesen und ihren [sc.. seinen] Einzelnheiten nach als auch wenigstens die all-
gemeine Kenntniß der Lernschule, ihrer Gegenstände, wie ihres
Wesens und ihrer Forderungen voraussetzt.
Wer darum sich die vollständige Führung einer Vor- oder
Vermittelungsschule zur Aufgabe setzt, muß daher, wenn diese Füh-
rung wirklich auf Vollkommenheit und Vollständigkeit Anspruch
macht, mindestens einen Bildungskursus von einem Jahre durch-
arbeiten. Wegen dieses Mangels an Durchbildung für die Ver-
mittelungsschule ist ihre Ausführung auch größtentheils so unvoll-
ständig, und wegen der Doppelseitigkeit der Ausbildung, welche sie
fordert, ohngeachtet ihrer hohen und großen Wichtigkeit, selbst von
Seiten der Lehrer und selbst der Volkslehrer noch sehr selten.
Welchen Weg betritt nun die Vermittelungsschule? – Sie
knüpft ganz genau an die Thatsachen und die Erscheinungen, an
die Anschauungen im Kindergarten an, giebt aber der Be-
achtung des Besonderen, Einzelnen – Allgemeinheit der
Bedeutung, so geistige Auffassung und Denkform, z.B. mein Bäll-
chen leicht beweget sich hin und her (Zeichnung Pfeil nach links), vor, zurück (Z. Pfeil schräg nach
  oben),
auf und ab (Z. Pfeil
  direkt nach oben) (Kindergartenanschauung). Ueberall im Raum
kann ich 3 Linien, drei Richtungen mir denken, in Gedanken ziehen,
vorstellen, welche sich alle drei rechtwinkelig in einem Punkte
durchschneiden (Auffassung der Vorschule). – Oder noch weiter
zurückkehrend: - das Bällchen meiner Hand entschlüpft und hinaus
ins Freie, aus dem kleinen, engen, abgeschlossenen Raum, in den
großen, freien Raum hüpft (Kindergartenanschauung). Jeder Ge-
genstand kann sich im Besonderen oder im Allgemeinen räumlich
bewegen (Auffassung der Vorschule). Uebung der Vorschule oder
Vermittelungsschule: Was ruht, oder was bewegt sich im besonderen
und was im allgemeinen Raume? – Um [sc.. Und] die Anknüpfung an das
Vorhergehende: wie bewegt es sich hauptsächlich im Raume? -
Antwort in der Vermittelungsschule: in drei unter sich Rechtwin-
keligen (zusammenfassende Denkform), sie bestätigt in der Vermit-
telungsschule die Wiederholung der Ballbewegung. Oder:
Ein Ganzes, zwei Halbe; zwei Halbe, ein Ganzes (Kindergarten-
Anschauung). Jedes Ganze kann ich in zwei Hälften theilen und
stets zwei Hälften eines Ganzen wieder zu diesem Ganzen zusammen-
fügen (geistige allgemeine Auffassung der Vorschule). Wo erschei-
nen Ganze wirklich in zwei Halbe oder Hälften getheilt, und welche
Ganze kann ich in zwei vollständige, gleiche Halbe oder Hälften
theilen? (Fortentwickelung der Vermittelungsschule auf dieser Stufe
und für die Anschauung der Zahlen und Mengen). Uebergang zur
Ziffer (verschieden von der Zahl selbst). Seht Kinder, für die /
[26]
Zahlen oder Mengen immer die entsprechende Anzahl von Steinchen
zu machen, das würde viel zu weitläufig sein, und so hat man
Zeichen für die Zahlen oder Mengen erfunden, und zwar zunächst
bis Neun, welche man Ziffern nennt, und welche vielleicht auf
folgende Weise entstanden sein mögen:
[Zeichnung: mit Stäbchen gelegte arabische Zahlen
  1-9, mit Legende „= 4“ u.s.w.]
Nur so weit hat man für jede besondere Menge oder Zahl ein
besonderes Zeichen oder eine Ziffer. Ein Zahl oder Menge von
I I I I I I I I I I betrachtet man aber wieder als ein zu einem Ein-
zigen zusammengezogenes Ganze und nennt es daher von ziehen
die Zehen [sc: Zehn] und bezeichnet es wieder mit 1, stellt diese 1 aber in die
zweite Stelle von der rechten zur linken Hand u.s.w. u.s.w. An-
knüpfung des Zifferrechnens. Es ist merkwürdig, wie sich das
ganze Zifferrechnen und die ganze Lehre von der Zahl an die An-
schauungsformen des Kindergartens anknüpft, und können Sie,
meine l. E., jeden Prüfenden und jeden Kritiker auf das Vollstän-
digste befriedigen. Leider kann ich es Ihnen hier nicht Alles nach-
weisen, eben weil es die unmittelbare Sachanschauung und Sach-
darstellung voraussetzt, welche hier durch Schrift und Wort zu
ersetzen mir Zeit und Raum mangeln.
Wie aber die Vermittelungsschule so tief und besonders gründ-
lich in die Zahlen- und Ziffernkunde, in das wahre Rechnen ein-
führt, so führt sie auch in die Raum-, Formen- und Größen-Kenntniß
und Kunde ein, in einem großen und geringen, in einem so großen
oder geringen Umfange, wie es der Ansicht des Lehrers, den Be-
dürfniß des Schülers oder der Schule überhaupt entspricht. – Wie
so sehr gern zeigte ich Ihnen hier, geknüpft an das Wort und die
Anschauung den leichten und wieder so ganz befriedigenden Weg;
allein wie ich Sie bei der Zahl auf meine Menschenerziehung
verweisen muß, so muß ich Sie bei der Form und Größe, besonders
auf das „Sonntagsblatt“ auf die Lithographien zur fünften Gabe
aufmerksam machen; auch mögen Sie sich der Erkenntnißformen
mit den verschiedenen Dreiecken erinnern. Diese und die Erbsenar-
beiten sind das wichtigste Anknüpfungs- und Uebergangsmittel von
dem Kindergarten durch die Vermittelungsschule zu der Lern-, Denk-
und Lehrschule; wir wollen dieselbe, um auch dafür ein gewöhnliches
Wort zu gebrauchen, die „Unterrichtsschule“ nennen. Ich [ge]brauche
diese verschiedenen Ausdrücke, um Ihnen Gelegenheit zu geben, mög- /
[27]
lichst scharf ihr Wesen zu erfassen, d.h. das Wesen der Vermitte-
lungsschule zu erfassen.
Nun haben Sie ganz recht, den Schlußstein der Kindergarten-
Beschäftigung macht die Umwandlung des Körperlichen und somit
die Kenntniß des Verhältnisses der verschiedenen festgestalteten (kry-
stallinischen) Körperformen zu und unter einander, wie ihre Ent-
wickelung aus einander und das Verhältniß aller zur räumlichen
Einheits-Anleitung, dazu geben die 14 Festgestalten, welche Sie er-
halten haben und wo möglich ihre Nachbildung durch Töpferthon
oder durch Würfel aus Kohlrüben oder Runkelnfleisch. Die
Würfel von gleicher Größe lassen sich am besten durch den Tischler
herstellen, wenn er dazu etwas abgelegtes Handwerkszeug benutzen
will. Ist es Ihnen jedoch schwer möglich, dies herstellen zu lassen,
so müssen Sie sich mit den Ihnen gesandten Kästen der 14 Festge-
stalten und deren Ableitung und Entwickelung aus dem Würfel
genügen. -
Lassen Sie mich Ihnen nun erst den Gebrauch dieses Kastens
mit 14 Festgestalten in dem Kindergarten ins Gedächtniß zurück-
rufen. Die entwickelnd-erziehende Menschenbildung oder die voll-
ständig in sich einige Kindergartenbildung beginnt mit der Pflege
und Beachtung der Säuglingsstufe (wie schon ausgesprochen) und
zwar hier mit der Selbstgewahrung, - der Fremdgewahrung (der
Gewahrung des Fremden, Aeußern) – und der Vergleichung beider.
Die zweite Stufe ist die vollständige Entwickelung der Glieder,
Sinne und des Körpers, um sich – als Selbst zu betheiligen, und
um die Dinge sich oder sich den Dingen nahe zu bringen, um sie
zu betrachten – zu behandeln – zu gebrauchen – zu benutzen -
zu verbinden – umzuwandeln.
Hierzu muß das Kind vor allem jedes Ding in seiner Raum-
erfüllung, - in seiner In-sich-Abgeschlossenheit, in seiner Ruhe
und Bewegung – in seiner Form und Größe, auch in seiner
Schwere u.s.w. kennen lernen; dazu genügt dem Kinde der Ball.
Der Ball eint und zeigt an und in sich alle Eigenschaften, welche
allem und jedem körperlichen und räumlichen Gegenstande ganz im
Allgemeinen eigen sind; da der Ball Begrenzung, Sichtbares und
Unsichtbares zeigt, führt er nach dem großen Weltgesetze des Gegen-
satzes und der Vermittelung, sogar zur Gewahrung des In-
nern, des Unsichtbaren und Einigen (in der Mitte), wie des
Vermittelnden, des Sichtbar-unsichtbaren (in der Axe) hin und
führt, wie das Kind zur Gewahrung aller Grundeigenschaften, alles
und jedes Dinges führt, das Kind zugleich in die Außenwelt ein.
Der weiche runde Ball fordert nach dem Gesetze des Gegensatzes die
harte Kugel, welche viele Eigenschaften des Balles noch bestimm-
ter zeigt: /
[28]
Die runde, einflächige, unkantige, uneckige Kugel
fordert ihren Gegensatz, den gerad- und mehrflächigen, kantigen
und eckigen Würfel und führt so zu der Mannigfaltigkeit
der Eigenschaften der Dinge, bei Festhaltung ihrer innern unsicht-
baren Einheit; auch tritt nun bestimmt die Kugel als der Ausdruck
der Bewegung und der leichten Beweglichkeit hervor, wie der Wür-
fel in der besondern Schwere und Ruhe.
Die Vermittelung zwischen beiden, die Ruhe und Beweglichkeit
verknüpfende Bewegung in gerader Richtung zeigt die Walze.
Nun – Sie kennen die zweite Spielgabe der Kinder, die
Kugel, die Walze und den Würfel, der Kinder Lust, - mit
dem Reichthum seiner Erscheinung. An diese knüpft nun die Be-
schäftigung mit den 14 Festgestalten an, und diese Beschäftigung
setzt jene vollständig voraus. Darum bilden Kugel, Walze und
Würfel, und dieser in seiner Doppelgestalt, einmal als reiner gleich-
sam mathematischer Würfel, dann als, gleichsam zu mehrfachen
Veränderungen ausgebildeter, durchbohrter und geöhrter Würfel die
4 ersten Festgestalten.
Wenn nun das Kind diese drei und beziehlich vier verschiede-
nen Körper in ihren verschiedenen Erscheinungen betrachtet, was
haben sie ihm gleichsam gezeigt, gelehrt? – Die Antwort giebt
die vermittelnde Walze: -
Das Runde möchte sich gern das Gerade und das
Gerade möchte sich gern das Runde einen; aus diesem
gegenseitigen Streben entsteht gleichsam aus der Einigung
von Würfel und Kugel die Walze.
Also:
Die Punkte möchten gern Flächen und Linien werden,
die Flächen gern Punkte und Linien.
Genug:
Ein Jedes möchte gern alles Andere und Uebrige aus sich
gestalten und hervorbilden, gleichsam darleben.
Wir sehen also hier aus dem scheinbar äußeren Gesetz des
Gegensatzes und der Vermittelung, das innere organische
und lebendige Gesetz der Umwandlung, der Entwickelung ent-
stehen. Sie werden sich dieser Erscheinung und dieses Gesetzes,
schon hervorgetreten in und bei der Beschäftigung mit den recht-
und gleichwinkeligen Dreiecken, erinnern, wo die äußere, gleichsam
mechanische und unorganische Aneinanderfügung zu einem lebendigen,
inneren, organischen Zusammenhang führte; - was dort auf der
Fläche und beim Verschränken und Schnüren auf der Stufe
der Linien stattfand, das findet nun hier auf der Stufe der Kör-
perlichkeit und Körperräumlichkeit in überwiegend erhöhter
Vollkommenheit statt; daher führt uns und das Kind die Betrachtung der
14 Festgestalten in das Gestaltungsgebiet der Umwelt und Natur, /
[29]
und zwar zunächst in das Gestaltungsgebiet des Körperräumlichen, des
Festgestalteten ein.
Der Würfel (nach seinem ursprünglichen Gebrauch so benannt,
heißt bekanntlich auch der Sechsflächner,
der Achteckner und
Zwölfkantner
von der Zahl seiner Flächen, Kanten, Ecken. –
Nach dem oben ausgesprochenen, organischen Gesetze und Stre-
ben suchen sich die Ecken zu Flächen zu erweitern, bis dahin, wo
sich die Flächen gegenseitig berühren und gleichsam sich gegenseitig
in ihrer Aus- und Fortbildung Grenzen setzen; und es entsteht so
der „Sechsachtflächner“. (Sein Platz ist in dem Spielkasten in
dem dritten Gefach der linken Mittelreihe; die acht Ergänzungs-
formen liegen in dem ersten Kästchen der linken Ergänzungsreihe.)
Wollen Sie nun dies, l. Emma, zunächst in dem Kindergar-
ten von den Kindern, welche das letzte Vierteljahr in dem Kinder-
garten sind (wohin es gehört), an Töpferthon oder sonst leicht
schneidbarem Stoff (Rüben) ausführen lassen, so geben Sie den
Kindern vollkommene Würfel dieser Stoffe und fordern die Kinder
nun auf, durch weniges oder geringes oder gleichmäßiges
Abschneiden an allen acht Ecken, jede Ecke oder Punkt in eine
Ebene oder Fläche zu verwandeln, gleichsam nach dem Wunsche
des Würfels, bis dahin, wo die Flächen in der Mitte der Kanten
sich berühren, und so entsteht durch die Thätigkeit der Kinder
selbst der vorhin schon vorgeführte und genannte
Sechs[acht]flächner.
Haben Sie nun hinlängliches Material, so können Sie diese
festgestellt [sc.: Festgestalt] in ihrer Ausgebildetheit für sich allein stehen lassen, und
mit einem andern Würfel das Geschäft von Neuem bis auf diesen
Punkt beginnen; dann aber mit Abschneiden dünner Scheiben ganz
gleichmäßig fortfahren, bis 8 gleiche, 3 und 3seitige Flächen, endlich 6sei-
tige und zuletzt wieder reine Gedrittflächen an den früheren (Zeichnung) nun
entgegengesetzt (Zeichnung) liegend erscheinen; die sechs Würfelflächen sind
gänzlich verschwunden; an der Stelle jeder erscheint eine vier-
kantige Ecke, und an der Stelle jeder früheren dreikantigen
erscheint nun eine reine Gedrittfläche an der Stelle des Sechs-
flächners
(Würfels) und gleichsam aus dessen Innern gehört der
Achtflächner, als verknüpfende Vermittelungsform erscheint der
Sechsachtflächner, welchen die erste Umwandelungsstufe gab.
In dem Kasten der 14 Festgestalten konnte leider die mechanisch-
organische Entwickelung des Achtflächners aus dem Würfel nur sehr
unvollkommen gezeigt werden, indem da gleich ganze Ecken wegge-
nommen werden mußten. Jedoch lernt das Kind dadurch wenig-
stens wie und wo der Achtflächner in dem Würfel liegt. NB. Die /
[30]
Ergänzungsformen zum Achtflächner liegen in dem ersten Kästchen
der Ergänzungsreihe ganz rechter Hand, die Oeffnung des
Kastens gegen den Lehrenden gekehrt.
Wir gehen nun weiter, liebe Emma.
Das Streben, Flächen zu werden, welches die Ecken zeigten
und ausführten, so daß dadurch aus dem
Würfel der „Sechsachtflächner“ und der „Achtflächner“
entstand[en], ganz dasselbe Streben spricht sich aus den 12 Kanten
des Würfels aus. Dieses Streben kann nun einmal durch weiche
Massen, nach Art der Umwandlung der Ecken, oder Wegnahme der
12 Ergänzungsformen gezeigt werden, genug es entsteht auf die
vorhin gezeigte Doppelweise
aus dem Würfel
zuerst der „Sechszwölfflächner“,
dann er reine (Rhomben-) „Zwölfflächner“.
Siehe den Sechszwölfflächner im vierten Gefach der linken Mit-
telreihe, dessen Ergänzungsformen in dem zweiten Kästchen der lin-
ken Ergänzungsreihe und
den Zwölfflächner im vierten Gefach der rechten Mittelreihe,
wie dessen Ergänzungsformen in dem zweiten Kästchen der rechten
Ergänzungsreihe.
Würfel – Achtflächner und Zwölfflächner mit ihren Vermit-
telungs-Formen
Sechsacht- und Sechszwölfflächner
sind die Hauptformen und Gestalten der drei unter sich gleichen,
sich rechtwinkelig durchschneidenden Flächenrichtungen des Würfels:
wovon     der erste von den Flächen}
der zweite von den Ecken}
der dritte von den Kanten} zu der Kugel überführt.
Doch wo Kräfte und Streben sich bewegen, da ist auch ein
Wogen und Abwägen, ein Vor- und Zurück- und zuletzt selbst ein
Verdrängen der Fall; so zunächst bei den Flächen der Ecken:
- 4 Ecken werden gänzlich verdrängt und 4 Eckenflächen treten
überwiegend hervor; es bildet sich hier
zuerst der Sechsvierflächner,
dann der reine Vierflächner.
Siehe den ersten im fünften Gefach der linken Mittelreihe und
den zweiten im fünften Gefach der rechten Mittelreihe nach außen
hin, links und rechts in dem dritten Kästchen die Ergänzungsformen
von und zu beiden. Man kann diese Bildung auch so ansehen, als
sei sie entstanden, indem sechs, sich in ihren Enden berührenden
Winkelschräg- oder Schieflinien sich zu Kanten heraus- und hervor-
gebildet hatten.[sc.: hätten]
Mit der Hervorbildung dieser 6 neuen Festgestalten und der
Kenntniß ihres äußeren Verhältnisses zu einander kann im Kinder- /
[31]
garten d.h. mit dem sechsten Jahre geschlossen werden; jedoch
kann man auch den umgekehrten und fast noch leichteren Gang gehen
und aus Kugeln und weichem Lehmen, Thon oder Sand durch ent-
sprechendes Abschneiden der 2 und 2 und 2 sich rechtwinkelig gegen-
über liegenden Punkte dem Würfel, den Sechsachtflächner und den
Achtflächner bilden lassen.
Also wichtiger als zu den Festgestalten der Kanten und der
Eckenschräg- oder Schieflinien fortzuschreiten ist noch auf der Stufe
der Kindergartenbeschäftigung und Bildung das Undurch-
sichtige zum Durchsichtigen, das Stoffige und Materielle zur mehr
geistigen Anschauung zu erheben; dies geschieht durch die Erbsen-
und Stäbchenarbeiten; so führen Sie mit Ihren Kleinen schon aus:
das Geviert (jede Seite von 2 Würfelkantenlänge), das Rechteck
= ½ Geviert; das rechtwinkelig-gleichwinkelige Dreieck
= ½ Geviert, getheilt durch eine Ecken- oder Winkelschräglinie
u.s.w., wie Ihnen dies ja Alles klar ist, und Sie selbst schon so
mehrfach ausgeführt haben.
Aus zwei ganz genau gleich großen Stäbchengevierten verbun-
den durch vier unter sich wie mit jenen ganz gleichen senkrechten
Stäbchen entsteht der durchsichtige Würfel.
Indem in jeder der durchsichtigen Würfelflächen das Gegenge-
viert ausgeführt wird, entsteht der durchsichtige Sechsachtflächner,
innerhalb des Würfels.
Auf ein Gegengeviert nach den 2 entgegengesetzten Seiten
eine Spitzsäule oder Pyramide von 4 Gedrittflächen aufgesetzt, giebt
Ihnen, wie bekannt, den durchsichtigen Achtflächner.
Nehmen Sie 6 Stäbchen von der Länge der Ecken- oder Win-
kelschräglinie eines Hauptgeviertes, verknüpfen Sie je drei Enden
dieser Linien durch eine Erbse (Kork oder Wachs) und es entsteht,
wie Ihnen bekannt, der durchsichtige Vierflächner.
Nun wissen Sie, daß man auch auf leichte Weise alle diese
Körper mit gemeinschaftlichem unsichtbarem Mittelpunkt in
einem und eben demselben Würfel darstellen kann. –
Ja, und mit diesen Darstellungen ihrer Vergleichung mit und
unter einander und ihrer Vergleichung mit den sämmtlichen undurch-
sichtigen Körpern d.h. Festgestalten mit dem Schauen und Nach-
weisen des einen in dem andern, damit ist auf dieser Stufe die
Bethätigung u. die Kindergartenbeschäftigung eine Andeutung
der Entwickelung der Mannichfaltigkeit aus der Einheit, des Un-
sichtbaren aus dem Sichtbaren, des Innern aus dem Aeußeren und
umgekehrt; des Anschauens aus dem Vorstellen und dem Denken;
des Denkens aus dem Thun; des Vorstellens aus dem Wollen u.s.w.
gegeben und geschlossen. Das Kind ist reif, ist ganz hinlänglich
ausgebildet zum Eintritt in die Vermittelungsschule, es steht an der /
[32]
Schwelle, vor der Thür derselben, wie offen die Thür, das Kind
tritt in
die Vermittelungsschule.
(Aus dem Kinde des Kindergartens wird nun ein Knabe, ein
Mädchen.) Was Schlußstein der Kindergartenbildung war, wird
nun Ausgangspunkt, wird die erste Stufe der Vorschule, Vermitte-
lungsschule, die besonderen, einzelnen und Sachanschauungen
des Denkens.
Also:
der Einheit        steht die Einzelheit, }
der Einzelheit    steht die Mannigfaltigkeit, }
dem Aeußeren   steht das Innere, }
dem Sichtbaren steht das Unsichtbare, }
dem Einfachen  steht das Vielfache, Mannigfaltige,}
dem Einfaltigen steht das Mannigfaltige, }
dem Runden     steht das Gerade }
der Bewegung   steht die Ruhe, }
dem Ganzen      steht das Getheilte, }
dem Einigen      steht das Gegliederte, }
dem ruhigen und ruhenden innern Sein
       steht das äußere Erscheinen, Werden, }
dem äußern Aneinanderreihen steht der
       innere Zusammenhang, }
dem äußern Verbinden steht die innere Ent-
wickelung, }
dem vorübergehenden Erscheinen steht das
bleibende Wirken, }
dem bloßen Wirken steht das Leben, }
dem Leben steht das Lebendige, }
dem Lebendigen steht das Verständige, }
dem Verständigen steht das Vernünftige, }
dem Unbewußten steht das Bewußte} gegenüber und umgekehrt.
Man kann als vermittelnd noch hinzufügen:
Dem Unbewußtsein – das Bewußtwerden,
dem Bewußtwerden – das Bewußtsein,
der stummen und doch sprechenden Form –
das sprechende, schöne, das redende, laute Wort.*
Sehen Sie, m. l. E., zur klaren, ganz bestimmten Anschauung
und Auffassung aller dieser Gegensätze geschickt und fähig tritt das
Kind aus dem Kindergarten in die Vermittelungsschule, und sie
können und sollen diese nun, wie es die Gelegenheit und Auf-
forderung giebt (dieß wird aber immer in einer, der angegebenen /
[Fußnote]* Dem Naturleben und den Naturwerken stehen gegenüber das Menschenleben
und die Menschenwerke u. s. w. /
[33]
Reihe ähnlichen Reihenfolge geschehen), dem Kinde zur Beachtung,
zur Einsicht gebracht werden. Sehen Sie nun da, mit welch einem
Fundament, mit welch einer Grundlage, mit welch einer Summe
von Lebenskeimen in dem eingesammelten Lebensstoff das Kind
aus dem Kindergarten in die Vermittelungsschule tritt, nach keinem
Punkte des Lebens fehlt die angebahnte Richtung; für jede vom
Leben geforderte Entwickelung ist der Keim gegeben, wie sich dies
in dem großen Naturganzen zeigt. Alles dies harret nur der Ent-
wickelung vom Unbewußtsein durch das Bewußtwerden zum Bewußt-
sein, und dies nun ist die Aufgabe der Vorbereitungsschule; der
Schlußstein des Kindergartens ist – wie ausgesprochen, dazu die
erste Stufe.
Das Wesen, der Charakter der Vermittelungsschule ist mehrfach
scharf bezeichnet: das Besondere wird zur Allgemeinheit, die äußere
Einzelanschauung zur innern Gesammtauffassung erhoben, z.B. ein
und dasselbe Kind läßt in verschiedenen Orten des Schulzimmers
den Ball aus der verschlossenen Hand hinaus in’s Freie hüpfen, und
sich in den sich rechtwinklich durchschneidenden drei Hauptrichtungen,
hin, her; vor, zurück; auf, ab – bewegen; oder mehrere Kinder
thun dies mit einem Ball an der Schnur in Reihefolge; - oder
mehrere thun es zugleich; genug, das allgemeine Ergebniß, die Er-
kenntniß davon ist:
“Ueberall im Raume kann ich mir drei, sich rechtwinklich in
einem Punkt durchschneidende Hauptrichtungen denken“
oder:
„der allgemeine uns umgebende Raum kann nach drei unter sich
rechtwinklichen Hauptrichtungen bestimmt und gemessen werden.“
Die Form jedes körperräumlichen Gegenstandes kann nach
Länge, Breite, Höhe oder Dicke bestimmt werden.
(Für die sinnige Sprachbeachtung tritt hier gleich ein Zusam-
menhang mit der führbaren Sprachbezeichnung und der stummen
Sachanschauung entgegen: breit und Ausbreiten; dick und dicht;
Länge und Langen entgegen.)
Die Körperform, die eigentliche Gegenstandsform wird aber
bestimmt durch die Form, Lage, Zahl, Größe, Einigung oder Tren-
nung der Flächen oder Kanten oder der Ecken. Also hier die
unabweisliche Aufforderung zur abstracten d.h. abgezogenen, den-
kend vergleichenden Betrachtung aller der obengenannten, körper-
räumlichen Beziehungen und Verhältnisse; also Einführung
in die Raum -}
in die Form-}
in die Zahl- }
in die Größen- } Kunde /
[34]
aber auch weiter
in die Sprach-}
und Zeichen- } Kunde und Kunst.
Die Betrachtung der 14 Festgestalten führt Sie nun in all
diese genannte, besonderen, selbstständigen und Einzelbe-
trachtungen und Uebungen auf das Stetigste ein, wenn Sie nur
mit den angegebenen Beachtungen des in der Menschenerzie-
hung
– in dem Sonntagsblatt, in der Wochen- und der jetzigen
Zeitschrift, dann in den einzelnen Beschreibungsheften und lithogra-
phirten Blättern – Dargelegten und Ausgesprochenen die stetig
fortschreitende Betrachtung der 14 Festgestalten verknüpfen, dann
- von dem Würfel ausgehend, diese in ihre einzelnen Theile wie-
der auflösen und deren Einzeln-Erscheinung, wie mehrmals schon
ausgesprochen, zu allgemeinen Anschauungen erheben wollen, also
von Würfeln zu Tafeln und Flächen, von den Kanten zu den Linien
und den Stäbchen herabsteigen.
Das Einzelne hier nachzuweisen mangelt mir gänzlich Zeit und
Raum, kann auch als reine, todte Wortanschauung wenig nützen,
ich muß Sie hier auffordern, das, was Ihnen hier der Kindergar-
ten gab, selbstthätig und geistig fortzubilden.
Die Lehre der Zahlen können Sie durchführen, von der Kennt-
niß der einzelnen Zahlen und ihrer Verschiedenheit bis zur Lehre
der Verhältnisse und Proportionen, von der Stufe der Anschauung
bis zur Stufe der geistigen Auffassung in deren begründendem Umfang;
ebenso die Körper-, Flächen- und Linienform und Größe
wieder von ihrer Anschauung aus bis zur geistigen Auffassung der
Formen- und Größenverhältnisse und ihrer innern Wechselbeziehun-
gen zu einander, wieder innerhalb des allgemeinen, begründenden
Umfangs.
Die Anschauung und Auffassung der Form, der Größe, der
Zahl, überhaupt der Gestalt, führt wieder zur Anschauung, Auffas-
sung und Kenntniß der Umwelt, der Umgebung, kurz zur
Außenweltsbetrachtung.
Die Außenweltsbetrachtung macht in ihrer ersten Auffassung
einen Hauptgegenstand der Vermittelungsschule aus. Auch hier kann
ich mich nur auf die „Menschenerziehung Fr. Fröbel’s“ beziehen;
obgleich seit dem Vierteljahrhundert und länger, seit sie dort nieder-
geschrieben und öffentlich mitgetheilt worden ist, sie in ihrer Behand-
lungsweise mannigfach abgerundet und vereinfacht worden ist. Diese
Außenweltsbetrachtung führt höchst merkwürdigerweise (was in der
Menschenerziehung noch nicht abgerundet und durchgeführt worden
ist) in die Gliederung der menschlichen Thätigkeiten und Berufe
und selbst in die Geschichte der menschlichen Entwickelung
mit ein. /
[35]
Die Außenweltsbetrachtung führt ebenso merkwürdig wieder zur
Anschauung und Auffassung des Sprachgebietes
als hörbare (und durch’s Schriftwort) sichtbare Darstellung der
Außen- und Innenwelt des Menschen. Sie schließt die gesammte,
begründende Ton- und Schriftsprache unserer Muttersprache in
entsprechendem Umfange in sich ein.
Durch den Ton und den Rhythmus (das Bewegungsgesetz) des
Wortes und des Satzes, des Redeganzen schließt sich hier wieder an
der begründende Gesang,
die begründenden Sing- und Gesangsübungen.
Der Gesang führt aber das Kind und den Menschen wieder
zur Natur zurück, und so entwickelt sich aus der allgemeinen Außen-
weltsbetrachtung die eigentliche
Naturbetrachtung und Naturkunde
in ihrem begründenden Umfange, wie im ganz besonderen als wich-
tiger Keim- und Ausgangspunkt
        die Pflanzenkunde.
An die Pflanzenkunde schließt sich ganz organisch und lebenvoll
die Erdoberflächenkunde [an];
denn manche Pflanzen sind Genossen des Wassers und säumen das
Ufer des Baches unnd des Flusses und umkränzen die Quellen beider;
manche Pflanzen bilden gern den Wiesen- und Thalteppich, und
manche lieben die klare, luftige und duftige Höhe des Berges und
der Gebirge, manche die Nähe des Menschen und manche das ein-
fache verborgene Waldthal, manche bringt uns das Schiff des Welt-
meeres aus fernem Welttheile, das Dampfboot den Strom herauf
und der Canal oder die Eisenbahn u.s.w. in Jedes Heimath,
Garten und selbst in seine Wohnung, sein Zimmer. So sind die
Pflanzen ächte Wegweiser und Führer zur Erdoberflächenkunde,
zur Erdbeschreibung.
Aber auch unsere Kindergartenübungen, Spiele und
Beschäftigungen treten jetzt helfend heran: unser Bilden im leicht-
gestaltbaren Lehmen und feuchten Sand lehrt uns Berge und
Thäler, und blauer Mergelsand uns Bäche, Flüsse, Ströme, Seeen
darstellen. Ja, unser Stäbchenlegen bildet dazu gleichsam den Grund-
riß, wie es im Allgemeinen die Haupt- und Nebenrichtungen der
Bäche und Flüsse anzugeben sucht. Aber auch unser Ausstechen
zeigt sich hierbei praktisch wichtig, indem uns dasselbe sechs gleiche
Flußcharten giebt, welche wir einmal als Flußcharte,
dann als Gebirgscharte,
weiter als Städtecharte,
als politische Staatencharte, /
[36]
endlich als Distrikts- oder Provinzialcharte,
zuletzt als Zusammenfassung des Ganzen
benutzen können.
An die Außenweltsbetrachtung, besonders an die Betrachtung
der Pflanzenwelt knüpft sich wieder die Ausbildung des Far-
ben- und Gestaltensinnes, die Anbahnung des Zeichnens und
des Malens an. Die Beachtung der Pflanzen-, Gewächs- und
besonders der Baumwelt ist für das Kind der Vermittelungs-
schule so wichtig; erstlich zeigt sie fast den ganzen, begründenden
Vermittelungs-Unterricht und schließt denselben auf das Vollkom-
menste in sich ab, sie führt darum aber auch Alles zum Anfangs-
und Ausgangspunkt zurück; aber auch das Kind und somit den
Menschen auf sich selbst, auf die Entwickelung und den Gebrauch
der Gesammtheit seiner Anlagen und Kräfte, auf die Erkenntniß
und Pflege seines Wesens; auf die Verknüpfung und Einigung des
großen Weltalls- und Lebensganzen, und zu dem Lebensquell,
der Lebens-Einheit, dem an und in sich guten Gott, wie zur
inneren und äußeren Entwickelungs-Geschichte der Menschheit,
welche merkwürdiger Weise nach unsern heiligen Schriften, welche
Quelle ihnen auch die Kritik zuerkennt, mit dem Verhältniß des
Menschen zum Baume und zu dessen Frucht beginnt; wie denn auch
wieder in der zweiten großen Hauptepoche der Menschheitsentwicke-
lung und namentlich in dem Beginne derselben die Gewächs-,
Pflanzen- und Baumwelt und ihre Erscheinungen eine große
und merkwürdige Wichtigkeit hat und Rolle spielt, den Menschen
fast nach allen Seiten seines Lebens einigend, lehrend, mahnend,
fordernd rc. zur Seite steht, so vor Allem einigend mit Gott:
“sehet die Lilien auf dem Felde“;
den Menschen zurückführend auf und in sich zur Entwickelung,
Kräftigung und zum richtigen Gebrauch seiner Kräfte: „ein jeder
Baum, der nicht gute Früchte bringt, wird abgehauen und ins
Feuer geworfen“;
vom Verhältniß der sittlichen Ausbildungsstufe zu seinem Han-
deln: „wie kann man auch Trauben von den Dornen und Feigen
von den Disteln erndten“;
vom Verhältniß Jesu als vermittelnder Menschheitslehrer und
Erzieher zwischen den Menschen und den ewigen Gottesforderun-
gen; als Verkündiger der ewigen Gott- und Menschheit-einigenden
Lebenswahrheit: „Es ging ein Säemann aus, zu säen seinen Samen“;
vom Verhältniß des Menschen zu sich und seiner zu der Mensch-
heit: „Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben“;
von der Pflege und Wirksamkeit der Wahrheit und ihres Er-
folgs: Vom Senfkorn und dessen strauchartiger Entwickelung. /
[37]
Aber nicht bloß in religiöser und christlich-religiöser Beziehung
ist der Baum und die ganze Pflanzenwelt wichtig für das Kind
und den Menschen, sondern auch vorzüglich noch wichtig für uns
als Deutsche und für unsere Kinder als deutsche Kinder;
denn ist das Sinnbild unsers deutschen Volkslebens und des Lebens
jedes einzelnen Deutschen nicht die Eiche, die deutsche Eiche ?? -
Stehe fest im Lebenssturm, wie eine deutsche Eiche! – Er steht
fest u.s.w. u.s.w.
Unsere Hunderte veredelter Obst- und Apfel- und Birnensorten -
sind sie nicht, wie uns die Pomologen lehren und bezeugen, durch
veredelnde Menschheitspflege verknüpft mit seiner Naturbeachtung,
mit Beachtung ihres ursprünglichen, eigenthümlichen Wesens, sind
sie nicht alle aus dem einfachen Waldapfel- und Waldbirnenbaum
hervorgegangen? – Was sind also diese veredelten Fruchtbäume??
Antwort: „Gottes-, Natur- und Menschheitswerke.“ Und
so kann auch der einzelne Mensch in seiner vollendeten Erziehung
nur werden und sein: -
„ein Gottes-, Natur- und Menschenwerk.,“
Also kann er, was er werden soll, nur werden in: ungestörter,
ungetrübter, wahrer
„Gott-, Natur- und Menschheitseinigung.“
Mit dieser geweckten Ahnung soll nun der reife Knabe, das
reife Mädchen aus der Vermittelungsschule – wenn man will, aus
der Begründungsschule – in
die Lehr- und Denkschule
eintreten, aus welchen sie später wieder heraus – und: in die
Berufs- und Lebensschule eintreten.
Also, m. l. E., zur vollständigen Erfüllung dessen, was die
Führung Ihrer Vermittelungsschule fordert, müssen Sie stets das
Bild und Leben eines Baumes in der Allseitigkeit seiner Verrich-
tung, wie seiner Verhältnisse vor Augen haben, so werden Sie ge-
wiß keine Ihrer Pflichten unerfüllt, keine Anlage, Kraft und Be-
stimmung Ihres Zöglings unentwickelt lassen.
Ob Sie von allem hier Gesagten die Anwendung auf alle und
jede Einzelforderung Ihrer Vermittelungsschule machen können, ist
freilich eine Frage, welche ich schwerlich mit Ja beantworten kann,
denn ich kann und mag wirklich nicht voraussetzen, daß Sie mich
selbst durchweg im Allgemeinen werden verstanden haben; allein,
wie gesagt, ohne ein aufklärendes Zwiegespräch und ohne vermit-
telnde
Anschauung läßt sich auf dieser Stufe schwerlich vollkom-
mene und allseitige Klarheit, mit allseitiger Anwendung erreichen,
jedoch sehen Sie wenigstens aus der Bestimmtheit, mit welcher ich
mich über alle diese Forderungen und Leistungen ausspreche, daß ich /
[38]
dieselbe zu erreichen für möglich erachte, daß ich davon tief in mir
überzeugt bin, und das ist schon etwas, wenn man nur weiß, daß
ein Mensch das Schwankende und Unbestimmte überwunden
und darüber zur Klarheit, Sicherheit und Festigkeit gelangt ist, und
diese Gewißheit wird Ihnen hoffentlich das Vorstehende gegeben
haben, kann sie Ihnen wenigstens gegeben haben.
Nun noch ein paar Einzelnbemerkungen zu dem Kasten mit den
14 Festgestalten.
1) Die beiden mittlern Gefachreihen enthalten die Körper,
2) die beiden äußern Gefachreihen enthalten die Ergänzungsformen,
3) die linke Gefachreihe des innern Gefachs enthält die Vermit-
telungsformen von dem Würfel aus,
4) die rechte mittlere Gefachreihe enthält die Hauptformen vom
Würfel zur Kugel,
5) die äußere linke Gefachreihe enthält die Ergänzungsformen
zu den Hauptformen,
6) die äußere rechte Gefachreihe enthält die Ergänzungsformen
zu den Hauptformen.
7) Die Ergänzungsformen zu den Körperformen kön-
nen zu ganz neuen schönen Zusammenstellungen benutzt wer-
den und bieten jede unter sich wieder sehr viel Belehrendes
dar, wie angenehme spielende Unterhaltung.
8) Die Erkennung der Körperformen oder der Festgestalten bietet
durch ihr Erkennen, durch das Gefühl und besonders durch
das Getaste bei verschlossenen Augen oder auf dem Rücken
wieder reichen Stoff zu unterhaltendem Spiele.
Von Ihnen aus abwärts oder vorwärts den Kasten mit seiner
Öffnung zu Ihnen gekehrt, folgen die Festgestalten oder Körper in
folgender Reihe auf einander:
1) die Kugel;[die Walze] 2)
3) der reine Würfel; der durchbrochene Würfel; 4)
5) der 6-8Flächner; der 8Flächner; 6)
7) der 6-12Flächner; der 12Flächner; 8)
9) der 4-6Flächner; der 4Flächner;10)
11) der 2mal 4-u. 1mal 2Flächner; der 2mal 4-u.2mal 2Flächner; 12)
13) der doppelspitze 12Flächner;die doppelspitze 6seit. Säule 14)

Ich hoffe, daß diese Darstellung mit den bezeichneten Schnüren
und Stäbchen Sie mit dem vollständigen und nützlichen Gebrauch
dieses Kastens vertraut macht.
Bemerken will ich nur noch, daß diese 14 Festgestalten mit
dem darin weiter Angedeuteten Sie in das ganze Reich und Gebiet
der Natur und Körperformen eingeführt [sc.: einführt], und zwar in die 3 Haupt-
abtheilungen und Entwickelungsreihen derselben: /
[39]
I. in den Formen 1 bis 10 die Ausbildung der 3 unter sich
rechtwinkeligen Flächenrichtung;
II. in den Formen 11 und 12 die Ausbildung je einer Kanten-
richtung;
III. in den Formen 13 und 14 die Abbildung [sc.: Ausbildung] je einer Ecken-
richtung,
wodurch die ganze Körperausbildung beschlossen, die Entwickelung
aber durch die Pflanzen- und Thierformen, wie durch die Denkfor-
men fortgeht.
----------
Mögen Sie mir in Ihrem nächsten Brief schreiben können, daß
Ihnen meine Mühe und Zeitopfer etwas genützt hat. Mit herzlichem
Gruß von meinem ganzen Hause an das Ihre
Ihr
        treugesinnter väterlicher Freund

Fr.Fr.

N.S. Jetzt erfreut mich der Besuch der Frau Director Dr.
Marquart mit ihren 3 Töchterchen; ist dieser vorüber, werden
wieder 2 Mütter mit ihren Töchterchen Marienthal für einige Zeit
besuchen; so erfüllt sich nach und nach mein Wunsch, den Gegenstand
in deutschen Familien zu befestigen.