Briefausgabe Friedrich FröbelBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung / Fröbel-Forschungsstelle der Universität Duisburg-Essen

F. an Superintendent <?> in Hamburg v. <1852>


F. an Superintendent <?> in Hamburg v. <1852>
(BN 707a, Bl 80-81, undatiertes Abschriftfragment 1 B 8° 3 S. von der Hand Ungers(?). Die Abschrift hat Überschrift ”Auszug aus einem Briefe an den H. Superintendenten in Hamburg”. Briefliste Nr. 1722 dat. „(1852)“)

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Darf ich mir nun wohl erlauben, Ihnen hochzuverehrender Herr
Superintendent ein paar Worte über die Grundlage meiner entwickelnd
erstarkenden Kindheitpflege auszusprechen? – Ich halte sie für so einfach als
sie, bei einer so allgemein gültigen Sache als die Erziehung ist – denn die
Fürstenkinder wie die der Bettler werden erzogen – sein muß.
Gott ist der Ausgangspunkt, der Urgrund und Urquell alles Wesens,
alles Seyns, alles Lebens.
In allem was ist, wirkt und lebt, ruht, ist, wirkt und lebt Gottes
Wesen, Gottes Leben, Gottes Geist.
Auch in dem Kinde lebt er, so wie in allem was das Kind umgiebt,
allein das Kind muß für dessen Wirken, Wahrnehmen, Einwirken und
Nachleben empfänglich gemacht werden.
Gott ist das Leben und alles Göttliche wirkt als Leben und für Leben,
darum muß denn auch die erste entwickelnd erstarkende Pflege der
Kinder an das Leben desselben und an das Leben in allenUm-
gebenden anknüpfen und sie thut es überall, wo die Mutter, wo
die Erziehung ihren ungestörten natürlichen Gang geht.
Das Leben und die Umgebung in der unendlichen Mannigfaltigkeit
ihrer Erscheinung hat nun aber gewisses Allgemeingültiges worin
sich ihr Wesen ausspricht und kund thut.
Es ist aber zur Erkenntniß u besonders Handhabung des Mannigfal-
tigen in der Umgebung und im Leben wichtig, zunächst dieses Allgemein-
gültige klar zu erkennen, recht u gewandt zu handhaben, richtig zu ge- /
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brauchen.
Dieses Allgemeingültige ist aber: Körper, Masse, Stoff, Form, Ge-
stalt, Größe, Schwere, Ruhe, Bewegung, Raum, Zeit, Ganzes, Theil, Äußeres,
Inneres pp. pp. Sichtbares, Sichtbarkeit, Unsichtbares, Unsichtbarkeit pp.
Alles dieses muß aber das Kind zuerst im Allgemeinen und als
allgemeine Eigenschaften nicht den Worten u Begriffen, sondern der
Sachanschauung u. Thaterfahrung nach, recht kennen, erkennen und
vor allen zu handhaben verstehen, ehe es sich, sein Leben, die Umgebung
dessen Leben, eben in der Mannigfaltigkeit u Einzelheit seines Wesens
wie seiner Entstehung nach verstehen kann.
Was ich oben andeutete ist gleich sein das ABC – ist das Ein mal Eins, ist die, einfache
Tonleiter des Lebens u des Naturverständnisses, zunächst des Verständnisses u der Behandlung des unmittelbar Umgebenden.
Gott selbst gieng diesen Weg als er die Mannigfaltigkeit, als er die Welt,
die Erde u zuletzt – zuletzt die Menschen schuf; diesen Weg sollen wir auch in der
entwickelnd erstarkenden Erziehung der Menschen gehen. Erst schuf Gott Welten-
Sonnen- Erdbälle; hinzu trat das Feste, Festgestaltige, Krystallinische, Eckige;
dann das vielgetheilte Pflanzliche, dann wieder das Gesammelte, Geeinte,
Belebte, Beseelte, das Thier u zuletzt den denkenden vernünftigen
Menschen, ähnlich muß das Kind in seiner Entwickelung geführt ihm auf diese
Weise in seiner Entwickelung nachgegangen werden, wenn es, sich, sein
Leben und das Leben der Natur und der Umgebung verstehen soll; u
das Kind geht u führt sich selbst diesen Weg, erst bewegt u versucht
es seine Glieder, seinen Körper auf die mannigfachste Weise, dann
sucht es schöne glatte, runde, scharfkandige u gradflächige Steinchen
u Klötzchen; weiter sucht es Blümchen, pflanzt sie; wie es abgebrochne
Zweige als Bäumchen auf sein Beetchen setzt; weiter läuft es allen /
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Beweglichen nach, zuletzt aber ist ihm doch sein menschlicher Spielgenosse
doch das Liebste.
Das Kind muß also zuerst sich u das Wesen seiner kleinen
Welt u. in derselben verstehen, dann versteht er auch bald den Schöpfer;
und die Ahnung eines lebenden, liebenden, alles pflegenden und
erhaltenden Urgrundes aller Dinge welcher mit der Entwickelung
seines eigenen Lebens u ganz ungetrennt von demselben in
ihm heraufdämmert wird ihm zuletzt zum klaren, lichten, lebendigen
und liebenden Gotteswesen.
So ist denn nach Grund, Weg, Mittel, Weise, Ziel und Zweck die
von mir angestrebte entwickelnd erstarkende Kinderpflege u Führungsweise
eine ächt religiöse, die wahrhaft religiöse, gotteinigende.
Diese Erziehungsweise ist aber auch ächt u. wahrhaft christlich denn
die Aufrichtigkeit und der Wahrheitssinn der Erziehenden sei es Mutter
u. wer es sei, läßt dem Kinde gar bald fühlen u. erkennen, und das
erste leben- u. freudvolle Christfest welches es eben als ein Christfest u als eine Weihe-Nacht feiert,
macht ihm ahnen, daß es alles dieses einem liebenden Gott- und
Menschen-Gott, Kind u Natur vermittelnd einenden Wesen verdankt
u. mit der reinsten Seelenfreude u. höchsten Lebenswonne spricht er
dafür den Namen aus, welchen es sein[er] Mutter, seine[n] Erziehenden
Wesen - Jesus - [verdankt] pp. pp. [Text bricht ab]