Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Juni 1903


Stufenweis schafft die Natur das bunte Gewimmel der Wesen,
Aber in allem treibt stets sie das nämliche Spiel.
Was da herrscht ist die Laune des unerschöpflichen Gebers,
der sich regt, und es schäumt flüchtig die Woge empor.
Das erkannte der Mensch schon längst als das Wesen der Dinge;
Wer so bekennt, er ist leider nicht einmal modern.
Aber bisweilen geschieht's, da greift ihm das lustige Treiben
Tief in's Werk; und es bricht manchmal ein Herz wohl davon.
Welch' ein Rätsel! Doch giebt des Dichters Wort Dir die Lösung;
denn das Inn're der Welt: ihm gestaltet es sich.
Was von außen erscheint, mag vielfachen Namen sich fügen:
Sinn empfängt es und Wert, erst wo das Leben erglüht.
Wo eine Seele ringt, erschließt sich des Seienden Brennpunkt;
Wo der Begriff versiegt, thut sich das Wirkliche auf.
Glücklich das Volk, das hier mit seinem Edelsten wurzelt,
dem eine Sprache ward auch für die Fahrt in dies Land!
22. Juni 1903