Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. September 1903 (Charlottenburg)


[1]
|
Charlottenburg, den 18.IX.03.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Sie haben mir eine so schöne und freudige Überraschung bereitet, daß Sie mir schon noch einmal gestatten müssen, recht kräftig von "Dankbarkeit" zu reden. Daß es nicht nur Worte sind und waren, läßt sich durch Worte eben so schwer bekräftigen. Und wie gern würde ich meinem unablässigen Kampf mit der "Form" ein Ende machen, wenn es nur gelänge, so schnell eine inhaltvollere Symbolik zu schaffen; das Symbolische selbst aber möchte ich nicht missen! Um so mehr ärgert mich dieses Mißverhältnis, als es schuld daran war, daß ich nicht
[2]
| noch einmal Ihre Gesellschaft genießen durfte.
Sie haben mir das liebgewordene Heidelberg noch einmal mit seinen angenehmsten Erinnerungen in "Wort und Bild" emporgezaubert, und mein stiller Wunsch, daß dies alles nicht mit den Herbstwinden verrauschen möge, hat sich so in unerwarteter Weise erfüllt. Denn zum mindesten wird jetzt bei der Arbeit mein Blick nicht nur über Kants besorgliches Antlitz und Paulsens freundliche Züge, sondern auch über Alt-Heidelberg wandern. Wollte ich dann "Kritiker" sein, so würde das einen Mangel an Selbstkritik bedeuten. Das Urteil des Laien kann dem Künstler doch eigentlich nur sagen, welche Empfindungen er ausge
[3]
|löst hatt. Mich berührte vor allem freundlich, hier zum ersten Male das ganz spezifische Kolorit der Stadt, diese mit dem hellen Horizont seltsam kontrastierenden, tiefen und ernsten Farben wiedergegeben zu sehen. So ungefähr stand mir Heidelberg vor der Seele, wenn ich von allem Zufälligen absah und nur den "Gedanken" der Landschaft zu fassen suchte. Denn daß die Natur "denkt" in ihren schönen Formen, gehört doch wohl auch zu der großen Dichtung, die wir über die Welt ausgebreitet haben?
Aber nicht minder freudig begrüße ich es, daß Sie mir ein freundliches Andenken bewahren wollen. Und das ist wieder ein Geschenk, bei dem ich mich des Wortes Dankbarkeit nicht erwehren kann. Doch es ist wiederum
[4]
| mehr als ein Wort. Denn wenn ich vor Sie hintrat wie ein Gefäß mit tausend unverbundenen Eindrücken und Ideen und Ihre Nachsicht dabei wohl empfunden habe: das Eine ist mir feste Überzeugung, daß in dem "inneren Universum" von dem Goethe spricht, die eigentliche und wahre Welt liegt, die zu bereichern und anzubauen allein Glück gewährt. Daß mir hierfür auch die schönsten Odenwaldfrauen nur Hintergrund waren, bekenne ich auf die Gefahr Ihres Zornes, abermals mit Dank. Wir - wenn ich mich bereits zur Zunft rechnen darf, leben ja ganz allein von der Gewißheit, die das Gespräch mit den Besten und der in ihnen verborgene Quell lebendiger Erfahrung uns gewährt. Darum sind wir wie die Dichter, oder wie die Künstler überhaupt, weil wir immer nur das Eine sehen wollen, mag es auch tausendfach gegen die realistische Wahr
[5]
|heit gehen. Gerade von dieser Welt zu reden, die nicht alle sehen, gewissermaßen von Entdeckungen zu berichten, von Inseln, die nur in langen Zeiten einmal vor dem Seefahrer auftauchen, das ist unsere Aufgabe. Die Zeit ist längst vergangen, wo Schiller fragen konnte: Was hätte der Mensch dem Menschen Besseres zu geben als die reine Wahrheit? Lessing dachte darüber tiefer, und an uns ergeht die Forderung, für vieles mit Bewußtsein blind zu sein. Daß Sie dieses Recht nicht bestreiten werden, wird schon aus der täglichen Erfahrung Ihrer Kunst folgen. Leider hielt mich auch von ihr die Mauer der "Form" fern.
Und doch ist unser Los in mancher Beziehung ungünstiger. Denn während es mein lebhafter Wunsch wäre, auch meinerseits diesen Zeilen etwas Eignes beizufügen,
[6]
| wird mir der Unterschied zwischen dem vollen Aussichschöpfen des Künstlers und unserer Lage bewußt. Bei uns heißt es immer zuerst: "Hast Du auch Litteratur gelesen", und obwohl ich in der glücklichen Lage bin, diese Frage momentan bejahen zu können, wird doch die notwendige Vermittlung des Buchdruckers etwa 2 Monate verstreichen lassen, ehe ich Ihnen einen ganz kleinen, durch zufällige Umstände veranlaßten Versuch zusenden darf. Er führte mich in die Reformationsgeschichte und damit auch auf den Boden von Worms. Denken Sie sich mein Entsetzen, als ich aus den Reichstagsakten las, daß Luther die Stadt um 10 Uhr vorm. verlassen hat. Das ist der Segen der Objektivität! Mir ist kein Zweifel, daß es bei "Nacht und Nebel" geschehen mußte;
[7]
| wenn ich nur wieder daran glauben könnte!
Das erinnert mich an meine Flucht von Heidelberg. Eine glückliche Idee ließ mich in Gelnhausen aussteigen. Dort sah ich in der Barbarossapfalz die herrlichsten romanischen Säulen und eine Kirche im Übergangsstil von einer Klarheit des Gedankens, wie die Hohenstaufensche Politik. In Weimar traf ich in der Hoffnung auf Lionardo und Spalatins Manuskripte ein; leider wurde ich krank und kam in sehr materialistischer Depression in Berlin an. Meine Nerven gestatten mir kaum 3 Stunden wirklicher Existenz am Tage. Wie die Fledermäuse beginne ich mein lichtscheues Werk am Abend. Nur der herrliche Herbst bereitet mir Freude.
So hätte ich denn einen "Augenspiegel" zustande gebracht, wegen dessen ungebührlicher Länge ich mich
[8]
| eigentlich wieder entschuldigen müßte. Werden Sie mir zürnen, wenn ich statt dessen sogar bitte, Ihnen hin und wieder auch künftig schreiben zu dürfen?
Und noch eine andere Bitte liegt mir auf dem Herzen: unsere Gespräche im Odenwald über die Deutung der Natur erinnerten mich schon damals an einen holländischen Roman mit eigentümlicher Durchdringung von Poesie und Philosophie. Da mir das Resultat sehr zusagte, so werden Sie es um des Abschlusses der Diskussion willen verzeihen, wenn ich Ihnen in einigen Tagen ein äußerlich sehr unscheinbares kleines Buch zu zusenden wage.
Ihren Bruder habe ich gebeten, die durch 12 Jahre um den Zusammenhang gebrachte alte Schulfreundschaft wieder aufleben zu lassen. Ich hoffe auf einen schönen Winter.
Indem ich auch Ihnen für diese Zeit das beste Wohlergehen wünsche, bitte ich um die Erlaubnis, die besten Empfehlungen von meinen Eltern ausrichten zu dürfen.
[li. Rand] Mit herzlichem Gruß Ihr doch dankbarer Eduard Spranger.