Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. Oktober 1903 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 18.X.03.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Länger als ich wünschte, habe ich die Antwort auf Ihren freundlichen Brief hinausschieben müssen. Ich suchte eine ruhige Stunde, um unsere Diskussion im Zusammenhang fortzusetzen. Der Punkt nämlich, an dem wir angelangt waren, war der, daß Sie aus Ihrem Reiche der Kunst einen durchgängigen Realismus predigten, ich aber, der ich auf der dürren Heide der Theorie, wennschon nicht Spekulation, umhergrase, der weltentrückte Idealist sein sollte. Das wäre doch wohl eine zu merkwürdige Kombination!
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| Aber aus Ihren interessanten Ausführungen, die mit dem Rüstzeug einer reichen philosophischen Terminologie gewappnet waren, las ich sogar den Verdacht heraus, daß ich die objektive Existenz dieses soeben durch meine Handschrift verunzierten Briefpapiers leugne. Sie halten mir entgegen, daß der einfache Satz der Kausalität die Existenz der Außenwelt verbürge. Das ist ein Punkt, an dem man außerordentlich scharfsinnig und langweilig werden kann. Es ist genug, wenn dieses Kreuz mir allein beschieden ist. Darum möchte ich Sie nur auf folgendes aufmerksam machen: Ihre Naturwissenschaft lehrt [über der Zeile] seit Jahrhunderten, daß die spezifischen Sinnesqualitäten
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| subjektiver Natur sind, d.h. abhängig von der Natur der empfindenden Organe. Aber diese selbst sind etwas ganz anderes, wenn ich sie physisch betrachte, als wenn ich die ihnen zugeordnete psychische Seite berücksichtige. So sagt z.B. Bonnet (1756) "Was hat der Schmerz für eine Ähnlichkeit mit einer Nadelspitze?" Ebenso ist die Netzhaut etwas ganz anderes, als das von unendlich vielen und feinen Fäden des Intellekts und Gefühls durchzogene Bild der Welt, das sie uns angeblich abspiegelt. Alles dies muß uns stutzig machen. Die Materie wird uns so immer unbekannter. Nun sagen Sie: das "Ding an sich u. unsere Eindrucksfähigkeit machen zusammen die Vorstellung aus", ganz Hemsterhuis, Jacobi, Kant, Helmholtz etc. Aber dieses Ding an
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| sich eben ist das Rätsel. Schon seine Existenz ist eines logisch stringenten Beweises nicht fähig. Eine Willenserfahrung: der durch Kraftaufwand allein zu überwindende Widerstand, ist die Ursache, daß das populäre Weltbild von äußeren Gegenständen etwas weiß. Aber dieses Weltbild hat selbst seine Geschichte. Früher war es von Willenskräften belebt, Baum und Tier und Stein schienen dem Menschen verwandt, weil er nur eine Art der Auffassung kannte: die Interpretation aus der eigenen, vielfach verschlungenen Innerlichkeit. Unsere Kinder machen es noch heute so, und sie haben hierin eine so fein differenzierte Gabe, daß keine Dichterphantasie ihnen gleichkommt. Die fortschreitende
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| Erfahrung zeigte, daß diese Auffassung vom Ding an sich mit dem thatsächlichen Verlauf der Erscheinungen nicht stimmte. So vertrieb die eigentl. Naturwissenschaft jene mythologischen Willensmächte aus der Natur; aber es ist ein Irrtum, daß sie die Materie an ihre Stelle gesetzt habe. Vielmehr ersetzte sie die Götter und Geister durch lauter einzelne Kräfte; jede von ihnen wurde auf einen bestimmten Charakter verpflichtet (daher das Naturgesetz, das immer nur unter Annahme einer bestimmten, elementaren Kraft möglich ist.), und wo heute die Schwerkraft oder die einfache dynamische Kraft auftritt, da ist sie mihr ein lieber alter Bekannter und wird ebenso sicher ihre Rolle spielen, wie ich von meinen Bekannten im allgemeinen nichts Neues
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| erhoffe. Aber Mythologie bleiben diese Kräfte eben deshalb, weil sie durch Abstraktion aus dem Innern des Menschen gewonnen sind und das Thun der Natur aus dem eignen Thun interpretieren. Daß dies möglich ist, ist ein Hinweis auf etwas Objektives? Mit voller Sicherheit nicht. Kant schwankte selbst in dieser Frage. Ganz gewiß ist nämlich, daß eine Vollendung unserer Erkenntnis auf diesem Gebiet noch unendlich weit vom Ziele der Abgeschlossenheit ist.
Wenn trotzdem unwillkürlich alle einzelnen Erfahrungen, die uns Leben und Wissenschaft darbieten, sich zu einem einheitlichen Weltbilde zusammenschließen, und diese Systeme, so vielgestaltig und wissenschaftlich unzulänglich
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| sie sind, dieselben typischen Formen wiederkehren lassen, so verfolge ich als Schüler moderner Philosophie in diesen Gebäuden nicht mehr die Thätigkeit des Verstandes, auch nicht ausschließlich die des Willens, sondern ich sehe hinter diesen systematischen Formen das ganze Leben brodeln, ich sehe, wie in einem Akt künstlerischer Intuition die Werte des Lebens wie ein Gewand über die ins Bewußtsein kommende Außenwelt gebreitet werden. Da sieht der eine nur ästhetischen Schimmer, der andere nur Kampf ums Dasein, dieser ewige Ruhe, jener ein immer vollendeteres Werden. Und wenn ich diesem Schauspiel lange Zeit nachempfindend zugesehen habe, so bin ich auf dem besten Wege, mich selbst, Persönlichkeit u. Charakter
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| in diesem Getriebe zu verlieren. Damit dies nicht geschehe, sage ich mir: Du willst bewußt auch so ein Künstler werden; denn "Ins Ganze der Natur dringt kein erschaff'ner Geist."
Daß dies möglich ist, ist das einzige positive Resultat der negativen Erkenntnistheorie, darum aber auch das Rüstzeug, das ich jeden Augenblick parat haben muß.
Wenn ich nun die Geschichte befrage: was soll ich thun oder wollen, so wiederholt sich dasselbe Spiel. Meine Dissertation wird den erkenntnistheor. Nachweis führen, daß die Geschichtliche Erkenntnis als ganzes, d.h. d. Problem der Werte mit eingeschlossen, eine unlösbare Aufgabe ist. Sie sagt mir keineswegs, ob Nietzsche oder die Sozialdemokratie. So lasse ich denn meine volle Subjektivität hervorleuchten und sage:
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| Allein in der Lebensfähigkeit liegt die Probe dafür, ob meine Werte allgemeingiltige Werte sein können. Das ist aber in meinen Augen identisch mit der Frage, ob ich Erzieher im höchsten Sinne sein kann. So fällt für die gegenwärtige Philosophie - ganz analog ihrer Geschichte im Altertum - die Aufgabe d. Philosophie geradezu mit Ethik u. Pädagogik zusammen. Sie sehen, daß Nietzsche weder Erkenntnistheorie noch eine demonstrierte Metaphysik hat. Im Hintergrunde liegt natürlich beides. Ich für meine Person gehe ein gut Teil mit Nietzsche, um von ihm aus zu Fichte zurückzukehren und zu sagen:
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| Ich sehe allerdings in Geschichte u. Gegenwart, daß Wirtschaft, Erwerb und die Beherrschung der Natur Lebensbedingungen für den Menschen sind. Aber für mich laufen alle diese Fäden zusammen im Centrum des ethischen Lebens. Werdet sittlich, und ihr werdet das Leben leichter finden. Das ist im Grunde ganz u. gar Tolstoi, nur daß ich die Mittel und Wege ganz wo anders suche. Zwar stehe ich durchaus auf dem Boden des Christentums und gehe ganz und gar mit der Ritschl'schen Theologie; aber neue Lebensrealitäten sind gekommen, die mitaufgenommen werden
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| müssen. Dazu bedarf es keiner Neuschöpfung, sondern nur des Rückgangs zu den Begründern des modernen Lebensideals, vor allem also Goethe, der auch in die Schulen soll, dann Fichte, Kant, Herder Schiller, auch Lessing. Doch das sind alles nur Skizzen. Reden ließe sich darüber viel.
Ganz dasselbe sagt nun der kleine Johannes. Überströmende Phantasie zeigt er nur deshalb, um sie zu bekämpfen. Das Exemplar cum adnotationibus wird mir willkommen sein, um Ihre Antwort daraus zu lesen.
Wenn ich Ihnen etwas "Eignes" ankündigte, so werden Sie nach dem Vorangegangenen nur noch halb so sehr erstaunen, daß es aus dem Gebiete der Theologie stammt. Huttens lat. Briefe an
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| Luther mit einer Einleit. von dem beschriebenen Standpunkte aus werden Ihnen sicherlich eine geringe Freude sein. Doch wird ein Sie interessierender Aufsatz von mir in der Monatsschrift "Deutschland" des Grafen Hoensbroech erscheinen; wann, weiß ich freilich noch nicht. Die Idee kam mir zwischen d. Speyrerhof u. der Kanzel; ausgearbeitet ist er in d. Neuen Schloßstraße u. erzählt habe ich Ihnen Teile daraus bei den einsamen Kiefern.
Damit ich Ihre Geduld nicht zu ungebührlich in Anspruch nehme, möchte ich Ihnen nur noch mitteilen, daß ich mich auf die baldige Ankunft Ihres Bruders herzlich freue. Meine Arbeit schreitet langsam fort; es gehört Energie dazu, bei solchen Hemmungen nicht ganz Nietzscheaner zu werden.
Wenn ich Sie gelangweilt habe, so hoffe ich auf Ihre freundliche Nachsicht. Mit Empfehlungen von meinen Eltern verbleibe ich herzlich grüßend
Ihr Eduard Spranger.