Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7./8. November 1903 (Charlottenburg)


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Charlottenburg,den 7./8. November 1903.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Damit Sie sehen, wie wenig ich mit Ihrem Vorschlag auf Abbrechung der Verhandlungen einverstanden bin, benutze ich die erste Möglichkeit, mit einigen Zeilen für Ihr freundliches Schreiben und die Sendung des Vortrages, der mir geradezu eine offene Stelle in meinen Arbeiten ergänzte, herzlichst zu danken. So sehr ich übrigens die gütige Absicht des erwähnten Vorschlags empfinde, so gänzlich widerspricht er dem, was mir das Wertvollste scheint - cf. meinen ersten Brief-: ein Gedankenaustausch, von dem man überzeugt sein darf, daß er nicht bloße Selbstbespiegelung ist, und das Lebendighalten solcher Erinnerungen, die den -"antimaterialistischen" Traum in uns bestärken. Daß Ihnen die Natur nichts Materialistisches ist, sehe ich längst. Aber eben damit verlassen Sie den Boden
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| der Naturwissenschaft (denn deren Ideal ist ein durchgeführter Materialismus, folglich auch meines, so oft ich naturwissenschaftlich denke.), um in ein Reich überzugehen, dessen ganzes Wesen Dichtung [über der Zeile] ist und dessen einzelne Eigenschaften ich Ihnen gern aus Ihrem Innenleben herausanalysieren will, wie ich es aus Briefen, Memoiren, Dichtungen berufsmäßig oft genug gethan habe. Das ist ja eben der lebendige Hauch, der durch die moderne Geschichtsschreibung der Philosophie weht, daß sie nirgends an die Arbeit eines trocknen, nachbildenden Verstandes glaubt - es sei denn in den Einzelwissenschaften - sondern hinter all diesen Weltanschauungen und Lebensgefühlen immer die ganze ringende, hoffende, fürchtenden oder - zur kontemplativen, scheinbar objektiven Ruhe in sich gelangten Menschenseele sieht. Sie haben sehr recht - und ich werde es nie bestreiten, daß unter den Lebensrealitäten positiv-wissenschaftliche Resultate stets mit in erster Linie stehen. Sie enthalten aber immer nur Thatsachen, während die Wertphänomene nirgends der wissenschaftlichen Erkenntnis unterworfen sind. Daß es eine
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| Regelmäßigkeit in der Natur giebt, ist im ganzen wie im einzelnen unbestreitbar, weil es uns die tägliche Erfahrung zeigt. Aber die ungeheure Wertbeziehung dieser Thatsache auf unser Leben, die eine viel, viel greifbarere Realität darstellt als ihre rechnungsmäßige Formulierung etwa durch Astronomen, für die giebt es keinen wissenschaftlichen Ausdruck, sondern nur ein unmittelbares Erleben und eine künstlerische Intuition. Durch Kant ist die Welt der Werte von der Welt des Wissens geschieden worden. Die Naturwissenschaft hat durch lange Arbeit (!) derartige grundlagen empfangen, daß sie alle Werte ignorieren kann. Nun giebt es aber Geister, die diesen positivistischen Weg nie gänzlich erreichen können, und zu denen - verzeihen Sie, gehören auch Sie, gnädiges Fräulein! "Lebensmaterie", "Anbeginn", "Wandlung der Form", "Wesensverwandtschaft", "unendliche Causalität u. Notwendigkeit" etc. etc. Das hat keine Naturwissenschaft Ihnen eingegeben, sondern die große Dichtergabe des Metaphysikers, die in uns allen lebt.
Aber was nützen meine Predigten, wenn ich nicht endlich mit Beweisen komme.
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| So will ich denn durch ein Handorakel den Beweis antreten und Ihren Metaphysiker ans Licht holen.
Sie haben Ruhe gesucht. In der wilden Flucht von Menschen, Bildern, Werten, Hoffnungen suchten Sie den festen Boden, der Ihrem Willen, wie er nun einmal war, denn alles Lebendige ist individuell, ein Fundament werden könnte. Das Christentum, wie es Ihnen bekannt war, schematisierte den inneren Menschen, riß ihn los von allem, an dem er hätte haften können. So auch von der Erkenntnis; denn das Christentum sagt, daß der Friede Gottes höher ist als alle Vernunft. Nun ist es ein seltsames Spiel, daß dieser Friede bei manchen Naturen nur in einer Form erscheint: in der Form einer befriedigenden Erkenntnis. Als Sie diesen Schritt thaten, kamen Sie vom Christentum im engeren Sinne zur Philosophie. Die Philosophie, meine geliebte Philosophie beruht nämlich auf dieser einen seltsamen Thatsache, daß sie den Willen nicht mit Erfüllung, auch nicht mit Hoffnung, sondern mit Erkenntnis beschenkt. Diese Gabe aber ist eine der wunderbarsten auf der Welt; sie beruht nämlich keineswegs auf der absoluten Zulänglichkeit unseres Wissens, sondern darauf, daß der
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| Wille die einzelnen Elemente des Erkannten, so zusammenzuschließen weiß, daß er selbst mit dieser von ihm geschaffenen Ordnung der Dinge in Harmonie zu leben vermag. Das gelingt durchaus nicht allen Menschen. Mir nicht. Auch Schopenhauer gelangte zu diesem seinem Ideal nicht. Übrigens ist dies Ideal das der antiken Stoa, die, wie ich schon längst einmal nachweisen wollte, zu denjenigen Typen ethischer Lebensgestaltung gehört, die in der modernen Weltanschauung notwendig scheitern müssen. Wie die moderne Stoa aussieht, sehen Sie in Nietzsche. Aber weiter. Ihnen gelang es, aus Ihrem Willen herauszuspinnen eine große, einheitliche Welt, die das Individuum mit ungemilderter Notwendigkeit umfaßt. In diesem Bilde finden Sie Ruhe. Sie reden von Wesensverwandtschaft. In der That, diese Welt ist nichts als Ihr geruhiges Selbst im Großen, der Makrokosmos, diese feinste und doch so durchsichtige Personifikation. Aus ihr interpretieren Sie sich selbst. Eigentlich ein großer methodischer Fehler, aber eine durch und durch beseelte Dichtung. Sie haben "Ihre Seele stiller gemacht" (mein Aufsatz in d. Dtschld handelt davon) Aber
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| ich garantiere Ihnen nicht, daß sie für alle Zeiten still bleiben wird. Denn Sie haben sich für gewisse Realitäten bewußt blind gemacht, z.B. für die völlige Inkommensurabilität des Individuums, und die kommt wieder in anderen Dichtungen zum Ausdruck. Aber Ihre Dichtung hat einen Vorzug: sie ist zeitgemäß, sie liegt in der großen Strömung, die noch immer nicht in Nietzsche gemündet ist und vielleicht auch selbständig ins Meer der Ewigkeit fließt: Spinoza, Goethe, mein Lehrer Paulsen, der mich von ihr nicht überzeugen konnte, und der Kopist Häckel. Bitte berufen doch auch Sie sich künftig auf jene originalen Köpfe, z.B. Goethes Faust u.s. Aufsatz über die Natur. Sie haben zwar von Pantheismus nicht gesprochen; aber ich versichere Ihnen, er ist da, wo man von Wesensverwandtschaft etc. s.o. spricht.
Sie werden mir diesen Versuch, Sie zu verstehen, verzeihen, auch wenn er bei meiner unzulänglichen Kenntnis
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| fehlgegangen sein sollte. Auch ich will mit einem Selbstbekenntnis nicht zurückhalten.
Seit meiner Knabenzeit verläuft meine Existenz in einem seltsamen Gegensatz: eine krankhafte Nervenreizbarkeit steigert jedes Gefühl in mir zu einer Stärke, die mir die Besinnung raubt. Bei allen meinen Idealen einer thätigen Ethik bin ich ein Mensch ohne Energie. Ich kann meine Leidenschaften nicht nach außen wenden, und doch rauben sie mir ganze Perioden lang alle Herrschaft über mich selbst. Darum ist es für mich eine Zeit des tiefsten Glücks, wenn es mir endlich gelingt, eine solche Leidenschaft zu rationalisieren, sie zu durchschauen, vielleicht in eine bleibende Form zu bringen, mich selbst zu denken und selbst aufzuschreiben. Kommt diese Stunde, so bin ich fertig mit der Sache. Die rein psychologische Erkenntnis leistet mir das, was Ihnen die naturwissenschaftliche gewährt. Gelingt sie mir nicht, oder dringt sie nicht so tief, daß sie die Lebendigkeit der Empfindung erschöpft, gelingt mir die
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| angemessene künstlerische Form nicht, so bin ich machtlos und haltlos. Ich muß ihr folgen, bis ich sie ausgekernt habe. Der Aufsatz, der in H. nicht zustande kam, war der Grund, daß ich psychisch u. physisch von dem Aufenthalt nichts hatte, sondern ruheloser zurückkehrte. Jetzt lösen sich die ersten Kristalle los, für jeden anderen geringfügig, für mich die ganze Ausbeute meiner Existenz. Ist dieses Suchen nach Erkenntnis nicht dem Ihren sehr verwandt? Sie gelangen sicherer zum Ziele; ich aber glaube, psychologischer, und, -(!)- bei aller Subjektivität objektiver zu sein, weil ich nicht das Ganze umfassen will, sondern mit dem einzelnen ringe.
Leider muß ich für heute schließen. Den Carneri hatte mir Ihr Bruder schon lange empfohlen. Wenn ich etwas aufnahmefähiger bin, will ich ihn doch lesen. Leider ist es damit schlecht bestellt. Aber eine Frage: Glauben Sie, daß er über Spinoza, Shaftesbury, Goethe hinausreicht? Derselbe Typus ist es sicher. (S.o.) Wie vieles ist noch unberührt geblieben. Stoff genug für nächstes Mal! Mit den besten Empfehlungen von meinen Eltern u. mit herzlichem Gruß Ihr dankbarer Ed. Spranger.
[re. Rand S. 4] Was ich hier über d. Verhältnis v. Wille u. Erkenntnis sage, ist nicht ein plötzlicher Einfall, sondern ein aus d. Gesch. u. d. Psychologie d. Erkennens gewonnenes, ganz sicheres wissensch. Resultat, das ich leider hier nicht näher begründen kann.
[li. Rand S. 4] "Daß der Schwerpunkt" bei mir "auf der christlichen Seite" liegt, ist doch nicht der Fall. Ich bin Agnosticist, halte nur die Werte für objektiv u. freue mich daher an d. Ritschl'schen Theologie.
[li. Rand S. 3] Den grünen Blättern (doch wohl "zur Pflege persönl. Lebens?") bin ich garnicht grün. Wenn sie den Titel "zur Pflege der äußeren Erscheinung" führten, oder ähnlich, sähe man auch ein, wie sie das machen wollten.