Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, November 1903


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November 1903, in den Stunden d. Fledermäuse. <nach dem 19.11.1903 (80. Geburtstag von Wilhelm Dilthey)>
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Es weht jetzt ein belebender Wind. Ihre freundlichen Zeilen ließen mich, wie immer, Mut und Hoffnung schöpfen, um so mehr als wir dem Verstehen doch immer näher kommen. Wir haben hier einen großen, stillen Festtag gehabt. Nur wenige Schüler haben seine Weihe und Bedeutung empfunden, z.T., wie ich, im Exil. Aber gerade weil ich persönlich mit Dilthey gebrochen habe und brechen mußte, um frei und Selbst zu bleiben, erscheint mir das, was ich von ihm empfangen habe, wie ein großes Vermächtnis, dem geholfen werden muß, daß es ans Licht komme. Ich habe das Gefühl, in reichen Schätzen zu wühlen, aus denen sich eine ganze, goldene Welt auferbauen läßt. Darum fehlt es mir auch nicht an dem "realen Untergrund." Denn einmal habe ich Diltheys Lehre vom Lebenszusammenhang, in dem alle Realitäten gegeben sind,
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| und andererseits liegt vor meinem Blick das Reich der Geschichte, so von innen und in seinen metaphysischen Beziehungen gesehen, wie vor Ihnen das Reich der Natur.
In dem Artikel, den ich Ihnen schickte, hat ein Mensch von Genie (meine bescheidene Receptivität überschätzen Sie!), mein einstiger Freund, mit feurigen Worten aus intimster, persönlicher Kenntnis die neue Philosophie vor Ihnen entrollt. Die Sache ist besser empfunden, als gedacht; Dilthey selbst ist besonnener, logisch geschulter. Aber das Wichtige steht da, vor allem die 3 Systeme, von denen Sie sich unzweifelhaft die Verbindung von 1 u. 3 angeeignet haben, während meine, vorwiegend pädagogische Subjektivität auf 2 geht. Sie haben also Goethe, Spinoza [über der Zeile] Giordano Bruno u.a., ich Fichte, Kant, Schiller etc. Und wir alle zusammen sind doch wohl im Grunde, wie es sein soll, Schüler Goethes, dessen Bekenntnis ich Ihnen hier mitteile (1813):
"Ich für mich kann, bei den mannigfaltigen Richtungen meines Wesens, nicht an einer Denkweise genug haben; als Dichter und Künstler bin ich Polytheist, Phantheist hingegen als Naturforscher, und
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| eins so entschieden als das andere. Bedarf ich eines Gottes für meine Persönlichkeit, als sittlicher Mensch, so ist auch dafür schon gesorgt. Die himmlischen und irdischen Dinge sind ein so weites Reich, daß die Organe aller Wesen zusammen es nur erfassen mögen."
Die moderne Philosophie entwickelt die Gemütsverfassungen, aus denen heraus diese Anschauungen (vorstellungsmäßigen Symbole) erwachsen, und zeigt doch zugleich die ungeheuren, logischen Widersprüche, die jede von ihnen enthält. Wenn Sie mir sagen könnten, wie die Einheit des Bewußtseins, in dem sich Ihr Naturzusammenhang spiegelt, aus diesem Wirken elementarer Kräfte zustande kommt, so wollte ich Ihr Weltbild als abschließendes anerkennen. Das Protoplasma, der Wille zum Leben in Vererbung, Anpassung und Selektion sind für mich logisch lauter Rätsel. Auch für Sie; Sie "thun aber das Versöhnende hinzu", indem Sie von sich aus dies Leben und Treiben deuten. Das ändert nichts an der Wahrheit, daß Sie der Brennpunkt für dies alles sind, und daß sich [über der Zeile] Sie in der lebendigen
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| Erfahrung Ihres Lebens das Centrum der Welt haben, von dem aus Sie alles andere Leben deuten. Wenn Sie ahnten, auf wie schwachen wissenschaftlichen Füßen die Entwicklungslehre steht! Nehmen Sie aus uns den eignen Lebensdrang, und es bleibt nichts vom Leben all dieser Generationen von Wesen übrig, als deren letztes Produkt Sie wie ich den Menschen betrachten.
Und brauchen wir diese große Linie, um uns über das eigne Woher u. Wohin? klar zu werden, über die Bestimmung unseres Glückes und unseres Soll? Liegt das nicht alles tief eingesenkt in den Erfahrungen, die das menschliche Geschlecht auf seinem bisherigen geschichtlichen Wege gemacht hat? Darum sagt Dilthey: "Was der Mensch sei, erfährt er nur durch die Geschichte." Das möchte ich dahin korrigieren: er erfährt es eigentlich nur durch das Leben. Diese lodernde Flamme schmiedet und glüht das Eisen des individuellen Daseins; denn von Eisen muß es sein, um all diesen Mächten das entgegenzusetzen, was stillschweigend jeder thut: den eignen Wert. Jammervoll wäre es zu existieren, wenn diese Existenz
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| uns wirklich täglich sagte: Du bist einer von den Milliarden, die kommen und gehen, wie die Gäste eines Schauspiels. Sicher sind wir alles dies auch; aber damit ist die Frage nach dem Wert des Ganzen nur zurückgeschoben, nicht beantwortet. Worin liegt denn nun Wert und Bedeutung der Natur? Warum existiert nicht lieber Nichts? Warum muß dies Spiel sich ins Endlose wiederholen? Natürlich ist dies alles Anthropomorphismus; aber was können wir anderes sein als Menschen? "Könnt' ich Magie von meinem Pfad entfernen, Dann wär's der Mühe wert, ein Mensch zu sein!" Diese weitere, höchst metaphysische Frage beantworte ich nicht, weil in meinem Wertleben schon eine, jenseits vom Begriff liegende Antwort gegeben ist. Mein Agnosticismus ist die Gewähr meines Optimismus. Wenn ich nach unten schreibe, so deutet meine Graphologie dies als Energielosigkeit. Was mein Optimismus bejaht, ist (nach Paulsen) Lebensinhalt, aber für mich Nichtpolitiker der stille, tiefe, den Nietzsche entdeckt hat. "Die stillsten Worte sind es, welche den Sturm bringen; Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen, lenken die Welt." (Bitte! lesen Sie Zarathustra, von tausend und Einem Ziele!!) "Die größten Ereignisse, - das sind nicht unsere lautesten, sondern unsre stillsten Stunden. Nicht um die Erfinder von neuem Lärm: um die Erfinder von neuen Werten dreht sich die Welt; unhörbar dreht sie sich." "Schließlich erlebt jeder nur noch sich selbst." Und da ich einmal bei Nietzsche bin, warum nicht auch dieses subjektivste Bekenntnis: "Die Liebe ist die Gefahr des Einsamsten, die Liebe zu Allem, wenn es nur lebt! Zum Lachen ist wahrlich meine Narrheit und meine Bescheidenheit in der Liebe".
Jeder, der sich selbst entdeckt hat, muß überfließen von dem Staunen über diese ungeahnte Welt. Darum gibt es für mich keinen größeren ästhetischen Genuß als den, Menschen zu beobachten, die von sich selbst noch nichts wissen und darum von der Welt nichts verstehen als ein flüchtiges Außen. Dieser herrliche naive Egoismus, dieses selbstgewisse, stürmisch begehrende Wesen, das doch in die engsten Schranken gebannt ist, nach Baco die "Höhle" der Subjektivität, reizt mich immer wieder, die hoffnungsreichste Zeit des Lebens noch einmal anschauend und leitend mitzuerleben. In der Selbstgestaltung des Willens gestaltet sich auch die Welt; das ist der große Kern der Fichte'schen Lehre. Von allen metaphysischen Geheimnissen zieht mich darum keines so an wie das pädagogische des Charakterwerdens. Was glauben Sie aber, daß der Erfolg wäre, wenn ich meinen jungen Freunden Naturalismus predigte? Ein etwas gemilderter Materialismus, weiter nichts. Denn das Selbstverstehen aus der Natur wird eine Erklärung an inferiore, wenn nicht der große Gedanke einer den Willen bändigenden Gesetzmäßigkeit sich dazu gesellt. Das ist eine Lehre für fertige Charaktere, nichts für werdende. Die große Aktivität herauszuholen, Selbstvertrauen, Ideale, Kraft zu erwecken, ist die Aufgabe des Erziehers. Der Quietismus kommt früh genug, wenn die Realitäten ihr Recht im Bewußtsein geltend machen. Nur bleibt auch dem Leben in den Idealen seine Realität, und weil es einer großen Kraft bedarf, ihnen zum Bestehen und Durchdringen zu verhelfen, so muß man wohl manchmal die Augen schließen, um die Niedrigkeit und den Schmutz des menschlichen Durchschnittsvolkes nicht zu sehen, sondern an die Dichtung und den Blick des inneren Auges zu glauben. Das war es, was ich sagen wollte und immer wieder beteure. Unsere Zeit ist dem nicht günstig, weil sie keine großen, gemeinsamen Ziele hat. Aber es gab solche Zeiten, und selbst Goethe endete doch in dieser Lebensphilosophie: Faust II. Teil, letzte Scene, oder die Wanderjahre, wo ist da der Naturalismus geblieben? Sicher sah er immermehr, daß im Menschen das Problem steckt, nicht in Wald und Höhle und Erdgeist etc. Warum soll nun einem solchen Standpunkte der reale Untergrund fehlen? Auch mein Studium führt auf Realitäten, oder halten Sie Wirtschaft, Recht, Staat und ihre Geschichte für Ideen? Nur sagen Sie bitte nicht, es seien Naturphänomene; denn daß der bei solchen Diskussionen vermeidliche Ameisen- und Bienenstaat für unsere Lebensprobleme nichts bietet, ist doch jedem Denken klar, das sich nicht allzusehr an dichterische Introprojektion gewöhnt hat. Wer mir sagt, alle Erscheinungen sind wirtschaftlicher Natur, spricht für mich immer noch verständlicher, als der, der sie für physiologische erklärt [über der Zeile] (Ein Freund sagte mir mal sehr nett: Eine Physiologie der französischen Revolution dürfte wohl heute noch nicht geschrieben werden können.); denn mit der Physiologie endet für uns wenigstens die Naturwissenschaft; was Sie und Häckel versuchen, hat mit naturw. Methode nichts mehr gemein, sondern ist Naturphilosophie, die deshalb nur einen Stimmungswert hat, weil es ihr an erkenntnistheoretischer Kritik als Grundlage fehlt.
Streng wissenschaftlich ist daher eine solche Anschauung nicht haltbar, m. a. W. sie muß bei dem, der auch andere als naturwissenschaftliche Resultate berücksichtigt, scheitern, weil sie nichts hat, als die absolut gesetzte, zum durchgängigen Prinzip erhobene Naturwissenschaft. Wer neben der Erkenntnistheorie auch noch die geschichtliche Entwicklung der naturwissenschaftlichen Methoden kennt, der sieht die unglaublich widerspruchsvollen Voraussetzungen und Hypothesen, die dieser "best-fundierten" Wissenschaft zu Grunde liegen. Sie haben sich für einige wenige Naturphänomene als brauchbar erwiesen. Aber bei der Elektricität und dem Magnetismus hört es schon auf, und in der Entwicklungslehre kommt dann eine so völlige Mythologie hinein, daß Wundt ihre Methoden mit zur Psychologie (!) rechnet.
Von allem diesen würde ich Sie mit Unfehlbarkeit überzeugen, wenn ich Ihnen diese Entwicklung des naturw. Denkens darstellen könnte. Aber das würde ein Buch werden. Dilthey hat es gethan, so daß ich mich in diesem Falle vielleicht einmal auf Autoritäten berufen darf? Resultat: "Daß wir nichts wissen können". Diese Wahrheit ist m.E. das höchste Gut der modernen Menschheit, daß sie an die indischen Kindheitsträume der Philosophie anknüpft und sie über das Danaergeschenk des griechischen Intellektualismus erhebt. Wir sind Wille, und alles, was wir an Glück und Gaben erhoffen, haben wir von dem "guten Willen unseres Willens" zu erwarten. Macht er sich ein Weltbild zurecht, das ihn befriedigt, so gelingt ihm in dieser selbstgeschaffenen Welt vielleicht ein Stoicismus. Ich kann das nicht, weil immer wieder die Unzulänglichkeit des Wissens vor mir auftaucht. Bei diesem Agnosticismus gedeiht die antike Stoa nicht mehr; es tritt die moderne Stoa des Sichabfindens ein. Pessimismus und Optimismus fallen in eins, wie bei Nietzsche. Denn hier thut sich das große Wunder der menschlichen Seele auf: die Wonne des Leidens. Ein Beweis mehr für meine Ansicht, daß wir in den Werten und nicht im Wissen die Wirklichkeit erfassen.
Mit diesen 4 W endet der philosophische Teil. Neulich las ich bei Treitschke, dem Unerreichten, Gewaltigen: "Das epheuumrankte, in den Blüthen der Bäume wie verschneite Schloß, die Türme der alten Dome drunten in der sonnigen Ebene, die geborstenen Ritterburgen, die wie Schwalbennester an den Felsen hängen, alles erinnerte hier an eine hochgemute Vorzeit, die der Sehnsucht so viel tröstlicher scheint als die nüchterne Gegenwart". Alles wurde in mir lebendig bei diesen Worten. Solche Verbindung von Geschichte und Natur hat für mich den höchsten ästhetischen Reiz; darum gefiel mir auch Heidelberg so gut. Freilich fehlte meinem Enthusiasmus die Kraft; aber das ist Schicksal eines jeyden Enthusiasmus, der nicht von thätigen Idealen getragen ist. Da haben Sie nun völlig recht, daß eine gleichmäßig ernste vita activa allein das innere Gleichgewicht erhält. Seit 4 Jahren arbeite ich so still für mich hin, und wenn ich aufblicke, so finde ich, daß ich den großen Kreis einstiger Weggenossen und Freuden immer weiter aus den Augen verliere. Die Manuskripte für die eigene Belehrung häufen sich, aber gestalten will sich noch nichts. Dieser Zustand lastet nicht nur auf mir, sondern, wie ich mit Sicherheit weiß, auch auf Ihrem Bruder, ja ich fürchte fast, daß er darunter leidet, wie man eben nur unter einem seelischen Druck leiden kann. Zu helfen ist uns eigentlich nicht; das ist eine Krisenzeit unseres Lebens, die überwunden sein will und deren Besiegung eigentlich erst den Mann in uns gestalten wird. Also rufen wir mit Goethe: Einschränkung! "Von der Gewalt, die alle Wesen bindet, befreit der Mensch sich, der sich überwindet!" Als ich nach Heidelberg kam, war ich mit der völligen Resignation zustande gekommen. An den Abenden las ich Nietzsche, am Tage ging mir zuweilen noch meine große Lieblingsidee einer philosophischen Pädagogik durch den Kopf.
Sie war fertig; aber ich fand die Gestaltungskraft nicht, sie zu objektivieren. Der Ausdruck war zu matt gegenüber der Leidenschaft, mit der die Sache mich gerade damals durchbrauste. Sie haben, vielleicht ohne es zu wissen, mir geholfen, mich wiederzufinden. Ist es Eitelkeit, wenn man es gern hört, daß man hoffen darf, sich nicht in völlig wertlose Gedanken eingesponnen zu haben? Mögen Sie mich für eitel halten, ich werde Ihnen gerade für diese Gabe immer danken. Ein sichtbarer Erfolg belohnt unsere Arbeit ja nicht. Nun müssen Sie aber auch Ihrem Bruder über dieselbe Klippe helfen, indem Sie ihm sagen, daß er schaffen kann, wenn er nur Selbstvertrauen hat und frei zu werden wagt. Ohne Praxis können wir alle nicht leben. Wenn er die Möglichkeit fände, pädagogisch zu wirken, glaube ich, würde er aufleben unter all dem wissenschaftlichen Wust, der uns nicht glücklich machen kann. Durch Paulsen habe ich den Auftrag bekommen, eine Dame, die ganz und gar in den Idealen sozialer Arbeit lebt, in die Philosophie, speziell Kant, einzuweihen. Wie oft gedenke ich unserer Correspondenz, wenn ich auch hier immer wieder den Vergleich mit dem Leben der Natur höre. Selbstverständlich führe ich den Kampf bis aufs Messer. Daneben macht es mir Freude, einen ganz jungen Menschen, der seinem Wesen nach noch Kind ist, auf munteren Grunewaldstreifereien unvermerkt in meine Bahnen zu lenken. Er ist nicht der erste; wenigstens ist mir doch immer gelungen, nach Sokrates' Art, das Auge für die Frage des Lebens zu öffnen; die Antwort kann natürlich der Mensch nur sich selbst geben. Das alles ist auch quantitativ besser als qualitativ; aber Sie werden nachsichtig sein, und so scheide ich für heute von Ihnen mit herzlichen Grüßen und Empfehlungen von meinen Eltern.
Ihr dankbarer Eduard Spranger