Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 30. November 1903


Zwei Welten

(Grunewaldfahrt im Schnee, 30. November 1903.)
Du gehst wie träumend durch den Wintertag;
Ringsum die Dämmerung, lastend, ahnungsschwer.
So liegt auch Dir, was einst erblühen mag,
Nachttief versenkt in dumpfes Nebelmeer.
Wie dieses Schweigen Töne in mir regt!
Verwandte Wehmut flüstert die Natur,
Und alles Sinnen, das mein Herz bewegt,
Es blickt mich an aus winterstiller Flur.
Dein muntres Wort vernehm' ich wie im Traum:
Tiefschwarz der See, leuchtend der Ufer Saum.
Im Waldesschnee, die Wipfel feucht und schwer, -
Du neben mir so jugendleicht einher!
Ist's eine Welt, die beide uns umfängt,
Und dieses Glück, das uns die Stunde schenkt,
Kehrt es zurück, wenn einst der Zeitengang
Auch Dir enthüllt, was heute mir erklang?
Wenn nun die Nacht auf uns sich niederbreitet,
Die bricht sie an sorglos im ganzen Sinn.
Vielleicht, wenn einst Dein Herz sich ahnend weitet,
Strahlt Dir der Lenz auf See und Fluren hin.