Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 15. Dezember 1903 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 15. Dezember 1903
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Es war meine Absicht nicht, Sie zu bekehren. Nun muß es aber doch geschehen, weil Sie eine Ketzerin sind. Denken Sie also bei jedem Gedankenstrich ein "Potz Tausend" oder Ähnliches. Denn ich bin sehr grimmig und habe schon mehr als zwei Gesetzestafeln zertrümmert, als ich am letzten Sonntag das Goldene Kalb sah, das ich anbeten soll. Denn wenn Sie wirklich so im Besitze der vollendeten Wissenschaft sind, so ist Ihnen das Interesse für meine Zwecke etc. doch höchstens ein Interesse an der Psychologie der Ignoranz, resp. der idealistischen Verblendung.
Sie fragen, was Sie sehen sollen. Hier steht der Wegweiser <Zeichnung: Wegweiser mit Aufschrift Delphi>
Zum Orakel. Eintritt frei. "Erkenne Dich selbst".
Wahrspruch:
"Einem gelang es, er hob den Schleier der Göttin zu Sais;
Aber was sah er? Er sah, Wunder des Wunders - sich selbst!
Novalis.
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Thesis: Die Naturwissenschaft hat eine Berechtigung als Erklärung der uns gegebenen äußeren Welt als Erscheinung; aber sie ist einseitig, weil sie nicht hinzusetzt: alles dies ist nur so für uns, für unsere Denkformen. Denn: Was ist die Natur, sobald sie nicht mehr gedacht wird? Was denken Sie sich unter einer Natur, die Sie nicht denken? Das Denken ist also das Erste, wie das Licht erst da ist mit dem Auge. Daraus aber schließe ich nicht: diese ganze Welt ist nur Schein, sondern: (indem ich naturwissenschaftlich genug das große Dogma mache: mein Denken ist fähig, eine objektive Realität zu erfassen, wennschon nicht abzubilden, so doch ihre wesentlichen Daseinsformen, die Art ihres Wirkens [über der Zeile] + zu umschreiben abzubilden, - das ist strenggenommen schon lauter Unsinn, ein unglaublicher Zirkel!):
1) Mein Denken ist dasjenige, was zuerst betrachtet wird. Dieses Denken ist aber nicht ein logischer Apparat mit 12 Schubkasten, sondern meine ganze Innerlichkeit: z.B. Wirken+ ist mir verständlich nur aus der Wirksamkeit meines Willens. Kraft ist eine grobe Personifikation (Dubois-Reymond) eine Psychologisierung, ein Mythos, eine Introprojektion, eine Hypothese!
2) Mein Denken findet die Natur gesetzmäßig. Dies ist das größte Rätsel der Philosophie. Diese Gesetzmäßigkeit erfährt mein Wille. Dies ist die sicherste Realität. Aber nur deshalb, weil er in sich selbst Spuren einer konstanten Reaktionsweise in sich
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| entdeckt. Physik u. Chemie enthalten eine weit vollkommenere Constatierung gleichmäßiger Reaktion. Aber die Entwicklungslehre hat ein sehr kompliziertes Gesetz: das Gesetz der Selbsterhaltung und Anpassung, dies ist eine komplexe seelische Thatsache. Bitte, erfahren Sie diese Selbsterhaltung erst in sich, oder erst in der ganzen Ahnenreihe, und dann auch in sich?
3) Sie können die naturwissensch. Resultate als Ausdruck metaphysischer Realitäten Ihrem ganzen Lebensbilde zu Grunde legen. Das würde auch ich thun, wenn ich sie verfolgte, und wenn sie mir Antwort gäben auf das, was ich frage. Das thun sie aber nicht; darum sage ich: Hübsche Sachen, aber für mich wertlos. Denn das Lebensprinzip, das sich in Ethik, Staat, Religion etc. offenbart, kann ich doch wahrhaftig am Ameisenhaufen nicht studieren.
Nun sagen Sie: Ja, aber ich sehe hier eine kontinuierliche Stufenreihe; ich sehe die Sache werden vom Einfachsten an.
Nein! - - - sage ich; ich sehe hier nur überall dasselbe Rätsel. Ich frage garnicht, warum lebt die Natur als Ganzes, sondern vorsichtiger: warum lebe ich? Welche Lebenswerte sind wirksam in mir? Wenn ich die alle ansehe, habe ich weder ein plus noch ein minus. Mehr giebt es auch nicht, als in mir u. der historischen
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| Welt. Ich wiederhole: Sie schieben das Rätsel zurück und glauben es gelöst zu haben. Ich lasse es stehen und finde: es ist in begrifflicher Erkenntnis nicht zu lösen.
Wie denken eigentlich die Quallen über Sittlichkeit? Erziehung? Instinktiv haben sie das wohl auch. Ein merkwürdiger Instinkt, daß sie ihre Gattung erhalten wollen. Im Menschen sehe ich vielmehr als das, was ich den Quallen introprojiziere. Ich sehe, daß dieser Lebenswert viel, viel reicher ist, als daß der allgemeine Begriff Mensch erhalten werden soll. Wenn mit dieser Ethik Ernst gemacht wird, geht es uns beiden sehr schlecht. Erklärung ab inferiore! Auslöschen des Lebens dem blassen Begriff zu Liebe! Wohin und woher das Leben geht, weiß ich auch nicht; aber ich fühle es mächtig in mir rauschen und habe Lust, davon abzugeben. Ja ich fühle den Drang, es zu steigern, wie es bereits weit über das Tierische gesteigert ist. Sonst kommen wir auf eine Pädagogik der Utilität. Um die rühr' ich keinen Finger. Seine Börsengeschäfte kann jeder machen, wie er will.
Dies ist meine Anschauung; sie ruht auf der Geschichte. Die Naturwissenschaft reicht nicht bis an die Geschichte. Sie reicht als solche auch nicht bis an mich: aber als Naturphilosophie kann sie es.
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Und dieser Ausdruck ist mehr als eine Terminologie. Er sagt nämlich, es ist zu scheiden das in positiver, wissenschaftlicher Einzelarbeit bisher Erreichte, von dem, was wir vorschnell an Zusammenhängen, letzten Beziehungen und Resultaten hinzufügen. Und warum thun wir dies? Weil der Zusammenhang unseres Innern, die durchgängige Verknüpfung unserer Erfahrungen zu einer Lebenseinheit danach strebt, sich auch die Natur als ein einheitliches gegenüberzustellen. Darum übersehen wir alles, was an der vollendeten Erkenntnis noch fehlt, z.B. daß der Begriff des Atoms ein Denkprodukt sehr zweifelhafter Güte ist, das man daher jetzt auch aufzugeben beginnt; daß eine klaffende Lücke zwischen Chemie und Biologie ist (deshalb nämlich, weil die an der Chemie ausgebildeten Begriffe für die andersartige Wirklichkeit der Organismen natürlich nicht passen, und weil ein weiter Schritt ist zwischen dem Constatieren einer Thatsache und ihrer Unterordnung unter das Denken.) Denn das Denken ist ein Teil unserer Wesensart, der Äußeren gegenüber vielfach heterogenen; aber der Wille zur Harmonie (der Philosoph, des Naturforschers Urfeind) ist damit bald fertig. -
Dann aber der letzte Schritt: der Übergang von der räumlich-zeitlichen Natur in die Einheit des Bewußtseins ist logisch überhaupt nicht zu vollziehen (nach Art des Photographierens dürfen Sie sich das doch nicht denken.) Darum etabliert sich an dieser Grenze eine neue "Naturwissenschaft", die Erkenntnistheorie, die nun mit Staunen bemerkt, daß sie Isolierung der Natur von den Thatsachen des Willens und des Bewußtseins, eine mühselige Abstraktion zu technischen Zweck ist, eine Abstraktion, die das Leben zerstört und bei Menschen, die nichts erlebt haben und erleben können, den Materialismus erzeugt.
Etwas ganz anders aber ist es, wenn der Wille, unter der Fülle seiner Realitäten wählend, die Entscheidung trifft: mir ist das wertvoll, was gleichförmig in bleibenden Gestalten mir gegenübertritt. Diesem Walten ordne ich mich unter; ihm zuliebe mache ich mein eigenes Begehren stiller, darin finde ich Glück. Wie verehre ich Sie darum, daß Sie ganz auf eignem Wege diese ewige, erhabene Philosophie in sich ausgebildet haben. Aber daß Sie das Naturwissenschaft nennen und Häckel citieren, das finde ich schade; denn damit sagen Sie: ich halte dies für allgemeingiltig, objektiv, allein wahr. Das ist es aber nicht. Es ist ein Glücksfall, wenn man mit dieser Anschauung allein die geistige Existenz behaupten kann. Goethe ist damit nicht zustande gekommen, Schleiermacher nicht, Hegel nicht, überhaupt kein Mensch, der, statt sofort zu objektivieren, immer sorgfältig auf die subjektiven Wurzeln seiner Anschauungen achtet. Thun Sie das bitte künftig auch; denn das allein ist Wissenschaftlichkeit, weil Unbefangenheit. "Dichten" können Sie daneben auch noch, wie ich es thue (in Ethik und Pädagogik); aber vergessen Sie bitte nicht, daß Sie sich gegen die Freiheit, die Individualität und vieles andere dabei "bewußt oder unbewußt blind gemacht haben".
Ehe ich das Glück hatte, Sie kennen zu lernen, kannte ich ernstzunehmende Naturalisten nur aus Büchern, führte also keine Kämpfe mit ihnen. Die Lektüre von Wildenbruchs "Vicemama" veranlaßte mich damals schon zu den beifolgenden Zeilen, deren schwache Form Sie verzeihen werden, um der warmen Überzeugung willen.
Was Sie über die 3 Systeme sagen, ist glänzend, echt philosophisch, wie Sie überhaupt von Natur zum philosophischen Denken, nicht dem trennenden, sondern dem intuitiv-verbindenden, prädestiniert sind. Darum sind Sie auch zum Naturwissenschaftler genau so gründlich verdorben wie ich. Einen ganz kläglichen Kompromiß schließt aber in dieser Hinsicht Häckel, weil er die positiv-naturwissenschaftlichen Begriffe verfälscht, ohne doch das philosophische Leben damit zu bereichern. Denn das ist das Wesen aller Philosophie, daß sie ihr Leben hat in einer Sphäre, die in Allgemeinbegriffen nicht aufgeht, sondern der Form des intellektuellen Fixierens widerstrebt. Daher auch die Widersprüche in ihren Formeln, die die innere Wahrheit ihres erlebten Untergrundes nicht aufhebt. Was man aber überhaupt erlebt, das hängt von der Natur unseres Willens ab. Er setzt die Accente auf die eintönige Melodie all der zahllosen Einzelwissenschaften. So z.B.: Ich habe nicht das Gefühl, daß alle die Gesetze, die uns die Naturwissenschaft zeigt oder ahnen läßt, heranreichen an die Lebendigkeit, die mein eigenes Innere mir zeigt. Ich empfinde hier ein Mehr, ein Phänomen, das durch die Einordnung in die Natur noch nicht restlos erklärt ist. Daher ein latenter Supranaturalismus bei mir. Aber ich kann verstehen, und es ist mir ein ästhetischer Genuß, wie dieses Verwandtschaftsgefühl mit der Natur sich ganz und gar ausbreiten kann über ein inneres Leben. Ein Quietismus bleibt es; denn das ist sein Wesen. Vielleicht steht er auch mir noch bevor; aber das wäre für mich keinesfalls eine Garantie seiner objektiven Allgemeingiltigkeit. Auch mich zieht es, wie Sie wissen, zur Natur. Aber nicht, weil sie ewig gleich und gesetzmäßig ist; sondern weil sie still zu den Melodien, die ich auf mir selbst und emporknospenden Seelen spielen möchte, weil sie mir meine wechselnden, unendlich vielfältigen Stimmungen spiegelt. Also gerade das Gegenteil!
Darum nun ist jener Kampfruf zu Beginn doch nur ein Scherz; denn ich sehe eben uns beide auf demselben Boden der Subjektivität, und am Subjektiven hat meine Streitsucht von jeher ihre Grenzen gefunden. Je kräftiger es ausgebildet war, ja je einseitiger, um so lieber ließ ich es gelten. Darum liebe ich Theologen und Kinder, ja eigentlich alle aufrichtigen Menschen. Mit Ihrem Bruder hoffe ich am Donnerstag noch einmal zusammen zu sein. Wie ich höre, werden auch Sie nach Cassel fahren. Ich erlaube mir, Ihnen von Herzen ein recht schönes Weihnachtsfest, dieses wahre Fest der Subjektivität, zu wünschen. Überlegen Sie einmal, wie viel davon in den naturalistischen Zusammenhang nicht hineinpaßt! Aber auch Sie machen sich ja bewußt blind. Hölderlins Ode: An die Natur, wie überhaupt der ganze Mann, dann Schleiermachers "Reden über die Religion", Giordano Bruno, Shaftesbury, Spinoza, Herder und Goethe empfehle ich Ihnen als Breviere. Ist es nicht merkwürdig, daß ich von den Vertretern meiner Richtung außer Fichte keinen leiden kann? hingegen für die oben genannten sämtlich schwärme? - Wegen der verzögerten Fertigstellung meines Hutten muß ich Sie um Geduld und Verzeihung bitten.[] +) ist mir soeben zugegangen. In wenigen Tagen werde ich mir gestatten, Ihnen ein Exemplar zu senden.
Dieser Brief zeigt nichts von dem lückenlosen Zusammenhang der Natur. Aber besser als Nichts.
P.S. "Absolute Werte" dürfen Sie mir nicht imputieren. Die macht Windelband bei Ihnen u.a. In Berlin ist das eigentlich ein Grund zum Duell.
Mit herzlichem Gruß und Empfehlungen von meinen Eltern
Ihr
Eduard Spranger