Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 31. Dezember 1903, Briefkarte


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Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Keine Antwort auf Ihre letzten Zeilen, sondern meinen Neujahrswunsch soll Ihnen diese Karte bringen. Und da weiß ich nichts Besseres als dies, daß Ihnen keine Zukunft die schöne kontemplative Ruhe stören möge, die Ihnen eine glückliche Fügung der Natur gewährt hat. Ein solcher Wandel, ruhig und gleichmäßig wie die Sterne, das denke ich mir als eines der wirklichen Wesen, die sich unter den vielen wesenlosen Glückwün
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|schen dieser Tage verbergen. Es giebt aber auch Weltkörper, die sich verzehren, indem sie leuchten. Vor mir liegt ein starkes Bändchen Briefwechsel, die Ausbeute weniger Monate. Und ich glaube schon daraufhin immer noch, daß die Seele reicher ist, als Sie mit Worten zugeben wollen. Auch Sie leben ja wie ich im Bann der unendlichen Rätsel, die jeder neue Tag uns enthüllt. Eine Lösung wird keines der künftigen Jahre bringen. Aber das hoff' ich vom nächsten, daß es uns mit dem eigentlichen Kern des Lebens noch tiefer durchdringe. Deuten Sie das nach Ihrer Art.
Mit herzlichem Gruß Ihr Eduard Spranger.