Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich


Daß ich die Sprache des Briefes gelernt habe und das Geheimnis der Kunst, die dieser Art der Mitteilung eigen ist, verdanke ich Ihnen. Wie ein Wunder war es mir, daß ich immer Neues und Unerschöpfliches aus meiner Seele Ihnen erschließen durfte, und daß gerade in der Gefühlsgemeinschaft mit Ihnen dieser Quell nie versiegte, mit dem ich bei andren schon in einer halben Stunde zu Ende war. Was es vielleicht der seltsame Hintergrund, der unser erstes Kennenlernen umsäumte? das sehnsüchtige Gedenken an die freundliche Landschaft und "Ihre" einsamen Kiefern auf der freien Höhe +) der Berge? Aber Sie wissen, daß ich von dort einen verlangende Blick auf die schimmernde Linie des Flusses drunten im Thale warf und daß ich lieber "bei den Menschen" geblieben wäre, meiner alten historischen Neigung gemäß. Genug, ich schrieb Ihnen; zuerst um jene leicht fließenden Unterhaltungen fortzusetzen, in denen ich mich verstanden fühlte, schon während und indem ich noch sprach. Dann mußte ich Ihnen schreiben, und ich merkte es an mir selbst, wenn es wieder so weit war, um mich durch das Medium des Briefes Ihnen zu nähern und diese Gemeinsamkeit des geistigen Lebens, die da war, wie hervorgezaubert, fortzusetzen. Und wenn Sie nun diese Briefe überblicken: Wie viel Leidenschaft und plötzliche Aufwallung, wie viel Unüberlegtes und Augenblicksstimmung! Gehörten Sie zu denen, die nur die Wahrheit suchen, gewiß, Sie hätten an diesen Blättern eine geringe Ausbeute. Aber wir verstanden uns tiefer. Wir erkannten stillschweigend und gegenseitig die unendliche Bedeutung des Moments an, dieses Aufflackern eines plötzlichen Lichtes, das mit der Fackel der Reflexion das Dasein erleuchtete. Wir wußten das Glück der Befreiung zu schätzen, wenn wir sagen durften, was wir fühlten und die Brücke des Wortes wie eine Brücke von goldenen Fäden weit über die Trennung des Raumes hin uns vereinigte. Alle Stadien und Gestalten unsres Lebens teilten wir uns mit, und doch immer nur in der geläuterten Form, wie sie aus der philosophischen Stimmung des Geistes entspringt. Und so geschah es einmal, vielleicht in der schwersten Zeit für uns beide, daß das Wort "Humanität" unter uns fiel und daß wir im Gedenken teils eigner Kämpfe, teils des Weisen, der sie den Deutschen zuerst gepredigt, von dieser "Humanität" träumten, wie der Nordländer sich nach dem italienischen Himmel sehnt. Wir kannten sie beide nicht; wir verehrten in ihr ein nebelhaftes Ideal, unsren Begriffen fern, aber dunkel im Gefühl geahnt. Wäre es nicht die Probe auf den inneren Wert unsres Briefwechsels, wenn wir diesem Zauberbilde näher gekommen wären, wenn "das Menschliche", das wir uns so manches Mal mitgeteilt haben, uns wahrhaft gefördert hätte in der Erkenntnis "reiner Menschlichkeit". Was Ihnen die Natur als glückliche Gabe in den Schoß gab, mußte ich auf dem Wege schwerfälliger Reflexion zu erringen suchen. Lassen Sie uns nun sehen, wie weit ich an Ihnen gewachsen bin; lassen Sie mich auch hierüber, wie bisher, mit Ihnen reden. Wie bisher: denn wie könnte ich glauben, am Ziele zu sein. Aber eben dies erbitte ich auch fürder als Gabe von Ihnen, daß ich meinen Zustand so rein aussprechen darf, wie er vor meinem Bewußtsein liegt. Welche Klärung bedeutete es für die Mehrzahl der Menschen, wenn sie diesen Blick in sich selbst zu thun vermöchten und die geheime Werkstatt ihres geistigen Lebens tiefer durchschauten! Wer nur da Vollendetes geben will, zeigt daß er im Tiefsten sich und den Menschen doch nicht verstanden hat. Denn vollendet ist für den Menschen entweder nichts oder derjenige Zustand, in dem er am kräftigsten um die Bedingungen seiner Existenz ringt: der Zustand des Kampfes. Lassen Sie uns ängstlich besorgt sein, daß uns diese Epoche nicht unergründet entflieht, sondern daß wir sie mit derjenigen Stärke erleben, die keine Reife des Verstandes und keine Willenskraft des Verzichtens in ihrem eigentümlichen Werte zu ersetzen vermag. Nur einmal empfindet der Mensch mit ganzer Macht, was er soll, nämlich dann, wenn er die schicksalschaffende Entscheidung über sich noch nicht getroffen hat. Dieser Augenblick ist da. Tauchen Sie mit mir hinein in seine Weihe und teilen Sie mit mir den Kampf, den so viele mit Bewußtsein schon vor mir begonnen haben, und der doch über jeden einzelnen hereinbricht, wie die Gewalt und Herrlichkeit des ersten Schöpfungstages, sofern er dem Schöpfer gleich zu werden strebt in jenen beiden ersten Wundergaben des Allmächtigen: der Kraft des Gedankens, der Reinheit des Willens. Lassen Sie mich von dieser Reinheit ein weiteres sagen. Ich rede mit Ihnen in menschlicher Sprache. Es hat Männer in Deutschland gegeben, die eine eigene Sprache und jedem Ding einen eignen Namen schaffen wollten. Ich weiß nichts davon, daß der Wille eine praktische Vernunft und der reine Wille ein Vernunftgesetz sei. Ich vertraue dem, was ich in mir finde, und weiß, daß es Realität hat, so wie ich es erlebe, oder gar keine Realität. Und so vertraue ich auch, daß das Wort "Reinheit des Willens" einen Nachhall in Ihnen wecke, der lebendiger ist als ein metaphysischer Begriff, daß Sie an nichts dabei denken, als an die Erfahrungen Ihres eigenen Herzens. Und dieses Herz wird Ihnen dasselbe gesagt haben wie mir: daß es eine Reinheit des Willens, eine Fleckenlosigkeit des Innersten in uns nicht giebt. Aber Sie deuten mit mir die größte und heiligste Lehre, die den Menschen ward, dahin, daß kein Bewußtsein der Sündhaftigkeit und Verworfenheit uns die beglückende Gewißheit nehmen könne, daß das Edle und Reine in uns eine unversiegbare Macht habe, die von keiner Einstellung berührt und vertilgt werden kann. Wer dieses Reine noch sieht, für den ist es nicht tot. Ja es tritt um so viel glänzender heraus, als die Dunkelheit dem Lichte zu als Rahmen dient und als der Friede nur für den Kämpfenden etwas bedeutet. Dies also ist mir gewiß. Die Kraft des Gedankens aber ist nichts anderes, als das Leben voll tiefen Bewußtseins, keine Gabe der logischen Rechenkunst und des Gebäudebauens, sondern ein offener Blick für das Leben; in dem alles Gesetz ist und Kraft und Zusammenhang, und wer es liebt, der empfindet auch dieses Gesetz, diese Kraft, diesen Zusammenhang, an welchen Platz ihn immer das Schicksal gestellt haben mag. Trotzdem sage ich Ihnen: ein Schöpfungstag ist es; und dies ist der Punkt, an dem wir beginnen müssen. Könnte ich Sie mit gleicher Klarheite zu diesem Bewußtsein hinführen, wie es mir seit geraumer Zeit aufgegangen ist. Das ergründeten wir längst, daß das Wissen von dem, was der Mensch soll, uns nur erwachsen kann aus der Kenntnis dessen, was der Mensch ist. Es ist die glückliche Gabe unsrer Zeit, daß sie an allen Enden in dieses Geheimnis der menschlichen Natur tiefer einzudringen strebt. Ein unendlich verwickeltes Dasein umfängt uns vom ersten Moment. Zahllose Gebiete der Thätigkeit ziehen den Menschen in ihren Bann. Er ist keine Einheit, sondern ein Gliederwesen in eine Unendlichkeit von Zusammenhängen verwebt. Und unter ihnen wieder ist keiner umfassender als der, der seine Wurzeln gleichsam in sich verborgen hält: der geschichtliche Untergrund. Die Geschichte hat es geschaffen, was das System der Wortschaft, des Staates, der Religion, der Bildung heute von uns fordert. Sie ist das feste Gestein, das ehemals eine glühende Lava von Zwecken und Trieben war. Da giebt es kein Ummodeln, sondern nur ein Mitarbeiten, ein im kleinen gestaltendes Eingreifen und einen dienstwilligen Gehorsam. Nehmen Sie den Statt: der hat über uns entschieden, ehe wir mit Bewußtsein seine Macht empfinden. Er bestimmt uns Macht, Rang und Stellung. Er kettet ein sorgendes Elternpaar fester +) an uns, als die bloße Gewalt der schon so wirksamen Natur es vermöchte. Darum erscheint es uns als etwas Übermenschliches, während er der schärferen Einsicht sich doch als so durch und durch menschlich erweist. Die Verteilung des Einkommens, die Abmessung unserer Rechtssphäre, der Gang unserer rein geistigen Ausbildung, das alles hängt zuletzt von ihm ab. Wir wären nichts ohne ihn, und doch bedarf es einer tiefen Bildung, um ihn in seinem geschichtlichen Wesen, seiner Funktion u. seinen Grenzen zu verstehen. Denn immer bleibt er in der engsten Verkettung mit uns selbst und vermag ohne unsere thätige Mitarbeit ebensowenig zu existieren, als wir ohne ihn. Dieser Bund muß darum zuerst geschlossen werden, und er kann es nicht ohne das, wovon ich ausging, ohne Menschenkenntnis. Deshalb, ich wiederhole, weil er durch und durch etwas Menschliches ist. Aber, auch dies sagte ich schon, wir nehmen ihn hin als etwas gegebenes, und darin sind wir glücklicher als die Zeit, die uns sonst als das leuchtendste Vorbild erscheint. Schwingen Sie sich nun mit mir auf den Standpunkt, daß wir alle diese Systeme: wie den Staat, so auch die Wirtschaft, die Religion, die Geselligkeit, das Recht und die Sitte in ihrem eigentümlichen Wesen und ihrer Funktion durchschauen: ein Standpunkt, der immer nur allgemeinhin und nicht in völliger Durchdringung zu erreichen ist. Zugänglich jedoch ist uns die Einsicht, daß alle diese Bildungen aus einer vorurteilsfrei gefaßten Menschennatur hervorgehen, daß sie keine Irrtümer und keine Blendwerke einer geschichtlichen Entartung sind, sondern Niederschläge des menschlichen Zwecklebens, so bleibt doch der Kern dieser gesamten Produktivität, die dies alles schafft, der über das bloß mechanische Treiben weit erhebende triebhafte Zweckcharakter des menschlichen Wesens. Dieser Zweckcharakter, der in uns selbst lebt und webt, ist das Centrum unsres Problems. Wir sprechen nicht von dem ethischen Leben als von etwas das ist, sondern von der ethischen Produktivität, die unablässig schafft und gestaltet. Wir können kein Phänomen des sittlichen Lebens erfassen, ohne zugleich diese Triebkraft des Zweckgestaltens mit zu belauschen. Sittlichkeit ist kein System von Naturgesetzen, sondern ein empfundenes Ganzes von Werten. Sprechen wir von dem ethischen Leben einer Zeit, so müssen wir zu gleicher Zeit fragen. Welches waren ihre Lebensbedingungen, welches ihre empfundenen Werte und wie gestaltete sie sich den Zusammenhang zwischen ihren Bedingungen, Trieben, Werten und Zwecken.