Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Januar 1904 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 9. Januar 04.
Raptim.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Sie sehen, es hat sich ein ganzes Päckchen für Sie in der Zeit, wo ich nicht schreiben konnte, angesammelt. Das Exlibris habe ich durch meine Unterschrift verunziert. Ich habe daran gedacht, es durch Holzschnitt vervielfältigen zu lassen, da ich zufällig einen geschickten Xylographen kenne. Oder was empfiehlt sich sonst am meisten für diesen Zweck? Bitte raten Sie meiner Unerfahrenheit in allem Schönen.
Den Hyperion [li. Rand] *) existiert leider nicht gebunden lege ich Ihnen besonders warm ans Herz, damit er bei Ihnen die Kärrnerphilosophie Carneris verdränge. Hier sprudelt echtes philosophisches Leben; hier sieht [über der Zeile] man, freilich oft fein verhüllt, den ganzen Reichtum subtilster Seelenerfahrungen. Daher liest es sich sehr schwer und ist eigentlich nur für tiefphilosophische Naturen bestimmt. Denn als Kunstwerk und Roman ist er frei
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|lich jammervoll. Interessant ist es für den Fachmann, wie hier eine eigentümliche Synthese von Shaftesbury, Schiller, Kant, Fichte (!) und - Nietzsche vorliegt. Dabei fällt mir ein, daß auch Hegel und Schleiermacher drinstecken, und daß Sie des letzteren "Reden über die Religion" schleunigst lesen müssen, wenn Sie es noch nicht haben.
Endlich mein Aufsatz, aus dem Sie weit mehr als andere herauslesen werden; denn eigentlich habe ich meine ganzen Ideen hineingeschachtelt, und zu einigen Stellen könnte ich geradezu Namen nennen.
Im übrigen freut es mich, daß die Campagne des vorigen Jahres siegreich für mich geendet hat. Denn nichts beweist besser, wie hart die Subjektivität ist, als die Thatsache, daß wir sie nicht durch logische Gründe, ja nicht einmal durch naturwissenschaftliche, zum Ausgleich bringen konnten. Einer der unduldsamsten Schüler Diltheys sagte mir einmal, der große Gewinn der historischen Philosophie à la Dilthey wäre die "große Toleranz". Wennschon der betreffende Herr jede andere Ansicht als die seine apriori für Unsinn hielt, so hatte er theoretisch
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| doch recht, und ich schlage vor, daß auch wir uns künftig mit der "ingrimmigen Toleranz" behandeln, die der Weise sich da anerzieht, wo er nicht gern gleichgiltig werden möchte. Sie mögen recht haben, daß auch für mich ein Quietismus kommt, den ich übrigens heute schon sehr gut nachempfinden kann. Ich versichere Ihnen aber, daß ich auch dann nicht aufhören werde, Carneri für herzlich flach zu halten. Auch Sie müssen so was nicht lesen. Die Zeit ist doch so kostbar, und Philosophie ist für Sie Gott sei Dank nicht Handwerkssache. Da haben Sie also das Recht, sich nur an das Edelste zu halten, an Menschen und Werke, in denen phil. Andacht und Größe liegt. Diese Art von "Diätetik der Seele", wie sie angeblich den "modernen Menschen" ausmachen soll, na, die macht sich doch wohl am Ende jeder selbst. Warum ich Ihnen keinen Ersatz nennen kann: weil beim konsequenten Darwinismus alle wirklichen Ethiker Reißaus nehmen. Aber was haltbar ist, das ist schon bei Paulsen, System d. Ethik, hundertmal tiefer; und bei Nietzsche ist das natürlich auch alles da. Wer schon mit der Willensfreiheit anfängt, wird kaum eine moderne Ethik schreiben. Will ich aber dergleichen Sachen in vergeistigter Form lesen, so wende ich mich an Spinoza, oder, wenn ich weniger Geschmack
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| habe, an Schopenhauer.
Jenes rätselhafte Tat twam asi ist die neutrale Basis für unsere künftigen Gefechte. Die erhabene indische Phil. ruht eigentlich in dieser Formel: tat twam asi: das bist du. Ich sehe Ihr Vergnügen über diesen so deutlichen, innigen Naturalismus. Dieses Verwandtschaftsgefühl mit der Natur war den Indern unzweifelhaft eigen; aber offenbar in einem Sinne, der uns beide nähert. Wenn ich von mir ausgehen darf, so habe ich kein Verwandtschaftsgefühl der Natur gegenüber, solange sie für mich bloße Natur bleibt. Habe ich sie aber, aus eigener Kraft, etwas spiritualisiert, habe ich ihr das niedrig Materielle genommen,das ihr die naturw. Abstraktion gegeben hat [über der Zeile] (!), kann ich sie zum Willensphänomen [über der Zeile] (Schopenhauer, Schelling) machen, dann wird sie mir höchst verwandt. Dann sage ich: Tat twam asi: Du spiegelst dich in dieser ganzen Umgebung: es ist Dein Selbst, das Dir in so zahllosen Formen erscheint. Was hier das Frühere ist, kann kein Mensch entscheiden; es ist wohl bei solcher Identität nicht wesentlich. Die Inder aber waren echte Subjektivisten (wie alle alternden Völker): denn sie sagten weiter: Brâhman ist âtman, das All ist das Selbst. Und Brâhman, das unendl. göttl. Selbst hat die ganze Welt der Vielheit nur geschaffen in sündiger Begier; denn sie ist nichts als die Vorstellung seiner Wünsche, die sich ihm im Schleier der Maya als die irdische Welt darstellte. Erlösung von diesen Wünschen, dieser Welt, ist das letzte Ziel. Und so frage ich wieder: ist nicht alles subjektiv. Leider ist es allein objektiv, daß ich nicht mehr schreiben kann [li. Rand] für heute, u. so schließe ich mit herzl. Gruß u. Empfehlungen von meinen Eltern Ihr Ed. Spranger.