Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 14. Januar 1904 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 14. Januar 1904.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Aus Ihrem lieben Brief lese ich heute nur die eine, mich erschreckende Thatsache heraus, daß Sie leidend sind. Schon Ihr Bruder brachte mir diese betrübende Nachricht mit. Da finde ich es sehr unrecht, daß Sie sich, jedenfalls wider ärztliche Vorschrift, die Anstrengung des Schreibens machen, so sehr mich Ihre Zeilen stets erfreuen. Alle Mahnungen, die Sie an mich gerichtet haben, gebe ich Ihnen zurück. Nehmen Sie doch ja die Sache nicht zu leicht! Auch der eignen Gesundheit gegenüber giebt es ein Pflichtbewußtsein, das habe ich allmählich, leider etwas zu spät gelernt. Und vor allen Dingen schonen Sie die Nerven, diese eigensinnigen Begleiter, nicht Schöpfer unseres Lebens und höheren Daseins. Auch Sie haben eine Neigung, sich von Ihren Gedanken
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| beherrschen zu lassen. Aber gewähren Sie ihnen jetzt keinen Zutritt, sondern zwingen Sie sich zur Ruhe. Wenn Sie das thun und mir dann, bald, schreiben, daß Sie wieder ganz gesund sind, so werde ich Ihnen dafür dankbarer sein als für alles Bisherige. Sie wissen: "Edle Naturen zahlen mit dem was sie sind." Diese Münze weiß ich zu schätzen.
Daß mein Aufsatz Ihnen gefallen hat, freut mich herzlich; er war zum großen Teil an Sie gerichtet. Meine Fachgenossen klagen, man verstehe ihn nicht.
Darf ich Ihnen ein Sedativum als Lektüre empfehlen: W. v. Kügelgen, Jugenderinnerungen eines alten Mannes; falls Sie es noch nicht kennen.
Eine Flutwelle von Besuchen raubt mir nicht nur Arbeitszeit, sondern alle Concentrierung. Leider kann ich auch Ihnen daher noch nicht ausführlicher auf Ihren interessanten Brief ant
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|worten. Sobald es mir möglich ist, schreibe ich; aber mehr zur Unterhaltung, nicht spekulativ!
Mit den herzlichsten Genesungswünschen
grüßt Sie
Ihr
Eduard Spranger.

Sonnabend bin ich bei Hermann.