Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. Januar 1904 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 22. Januar 1904.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Als Sie bei dem heidnischen Opferstein, alias fürstlich H.schen Grenzstein die Feder aufnahmen, hatte ich eine geheime Angst, daß Sie sie nach kurzer Betrachtung wieder fortwerfen könnten. Es regte sich bei mir eine leise Habsucht, der bekannte Drang nach dem Symbolischen, und fast wäre ich unbescheiden geworden. Wie freudig erstaunte ich, als sie zu mir zurückkehrte. Sie umgaben mich mit einer so schönen, beziehungsreichen Kunst, als wenn Sie mein Bedürfnis danach ahnten, das mich jetzt zum Beispiel einen Zettel mit d. Vers: "Verbiete Du dem Seidenwurm zu spinnen" in einer Bilderrahmenecke stecken läßt. Wie selten kann ich Ihnen mit gleichen Erinnerungszeichen danken; hätte ich mehr Kraft, so würde Ihnen manches druckunfähige Manuskript zugehen.
Ich war in Weimars verschneiten Schlössern und hatte nicht die Absicht zurückzukehren. Eine Sehnsucht nach absoluter Einsamkeit u. gesunder Ruhe überkam mich. Ich wollte mich in Ettersburg vergraben. Ich überschritt meinen Ur
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|laub. Aber der Rationalismus meiner Eltern holte mich zurück; anfangs provisorisch. Der Arzt riet Ausspannen am Orte. Das ist nicht möglich, darin haben Sie Recht; ich wußte es längst und werde es nie können. Nur muß ich noch sparsamer werden. Sollte sich meine Antwort einmal etwas verzögern, so werden Sie das nicht falsch auslegen. Sind mir doch Ihre Briefe geradezu eine Arzenei. Besonders freut mich, daß es Ihnen besser geht.
Es waren herrliche Tage in Weimar. Mein Freund verachtet die Philosophie, bis auf meine. Ich reiche mit der Theologie nicht aus, ehre aber die seine. So verstehen wir uns bis in den Grund der Seelen, obwohl er 10 Jahre älter ist. In Bacharach am Rhein, auf einer Terrasse, wo wir stundenweit die hügligen Ufer mit Dörfern und Burgen übersehen konnten, haben wir uns kennen gelernt. Seitdem möchte ich an Wunder glauben. Aber das alles läßt sich nicht schreiben. Vielleicht darf ich Ihnen einmal einen Band Predigten von ihm schicken, die in meiner Bibliothek in zahllosen Gebu verschiedenen Gestalten existieren. Ob sie so was lesen, weiß ich nicht; ich offen gestanden nicht gerne. Vieles ist drin, was ich sehr beanstande; manches ist versöhnend, wie er selbst
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| auch den höchsten Stolz darin sieht, daß er gerade mit der Naturwissenschaft eher in Harmonie als Konflikt leben kann.
Ich war in diesen Tagen außerordentlich melancholisch. Es grünt hier ringsum, selbst bei den verehrungswürdigsten und mir wohlwollenden Persönlichkeiten so viel abscheuliche Philosophie, daß ich nicht weiß, wie hindurch kommen. Es freut mich, daß Hölderlin Ihnen zusagt; genau dieselben Stellen hatte ich auch angestrichen. Prof. Simmel, der große, feinsinnige Psychologe, sagte neulich etwas, was mir sehr gefiel: "Menschen, die von der Welt leben, sind viel kräftiger, als die vom innern Kapital zehren. Darum war Goethe so kräftig, weil er mit der Welt lebte." Glauben Sie aber nicht, daß ich "im Reiche der Idee gestalte." Ich bin jung; aber ich habe in den letzten Jahren Erfahrungen durchgemacht, die unsagbar an mir gezehrt haben. Ich bin Ihnen dankbar, weil meine Philosophie erst jetzt einen Inhalt hat. Meine Natur ist wie die Herders eine pädagogische. Man kann an dieser Lebensbestimmung unglaublich leiden. Wenn man wie Sokrates aus jungen Seelen das Göttliche, was in ihnen
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| drinsteckt, herausholen möchte, so empfindet man jede Hemmung, jede Paarung des Edlen mit unüberwindlich Unedlem wie eine Zerstörung des eignen Lebensglücks. Wie das Jahrelang an mir genagt hat, kann ich Ihnen nicht sagen. Sie haben hierin den Hintergrund des Humanitätsaufsatzes und werden eine Stelle darin nunmehr persönlich deuten. Es ist eigentümlich, wie die Natur den einzelnen Menschen in ihren Dienst zwingt, wie sie durch eine List (Hegel) sein persönliches Glück von ihren Zwecken abhängig macht. So giebt sie ihm auch nur um dieser List willen den Supranaturalismus. Aber daß sie diesen Zweck übhpt hat, macht sie zur Supranatur.
Wenn ich von meinen erkenntnistheoret. Arbeiten mit solcher Absicht in den Grunewald komme, erkennen Sie mich nicht wieder. Ich kann zum Knaben werden, alle Reflexion von mir werfen, in Schnee u. Eis das lusterregendste Interesse finden, und doch erreiche ich bisweilen so wenig. Diese Täuschung empfinde ich dann als eine metaphysische Enttäuschung. Also: aus bloßen Ideen wird nichts, es will alles mit eignem Blute erkauft sein. Darum bin ich häufig so unbrauchbar und ungenießbar, u. auch deshalb, weil mich an dieser prakt. Phil. vorläufig häufig noch die theor. hindert, oder auch deshalb, weil oben eine Dame den Krönungsmarsch a. d. Propheten im ¾ Takt spielt. Und nun - bitte, - antworten <li. Rand> Sie mir recht bald aus - Heidelberg. Mit herzlichen Grüßen Ihr Eduard Spranger.
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Verbiete Du dem Seidenwurm zu spinnen,
Wenn er sich schon dem Tode näher spinnt.
Das köstliche Geweb' entwickelt er
Aus seinem Innersten und läßt nicht ab,
Bis er in seinem Sarg sich eingeschlossen.
Tasso V, 2.