Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 8. Februar 1904 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 8.II.04.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Ich unterbreche die Lektüre der Arbeit Ihres Bruders, um Ihnen zu schreiben, da ich hoffe, daß Sie jetzt alles, auch meine schlechte, auf abschüssiger Bahn befindliche Handschrift wieder lesen dürfen. Daß Sie jetzt so manche Unpäßlichkeit zu bestehen hatten, habe ich herzlich bedauert. Warum doch die "Natur" in uns so schwach ist? Möge Ihnen ein schöner Frühling in Heidelberg auch die letzte Erinnerung daran verwischen, bis auf das angenehme Gefühl, am heimischen Herd gewesen zu sein.
Aber erwarten Sie von mir nichts Philosophisches. Ich habe es fertig gebracht, eine ganze Woche zu leben und zu arbeiten. Geselligkeit, Natur, Erkenntnistheorie haben sich so merkwürdig gemischt, daß es in meinem Kopf etwas kraus ist. Sie werden es nicht für Blasiertheit halten, wenn ich gestehe, daß mir die ganze Klasse von Menschen, die zwischen der Erdnähe und der Himmelsnähe die Mitte halten,
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| etwas gleichgiltig geworden war. Sie hatten so wenig von den beiden großen Gaben, die das Leben machen: Kraft und Liebe. Aber ich habe mir jetzt ernstlich vorgenommen, diese thörichten Ansprüche aufzugeben und zufriedener zu sein. Die mechanotherapeutische Behandlung, in der ich mich seit einiger Zeit befinde, wirkt physisch anscheinend ganz günstig. Dazwischen habe ich in ganz wenigen Stunden die ersten Partien meiner Dissertation ausgearbeitet. Leider versichert mir mein hochverständiger Kollege auch von dieser rein fachwissenschaftlichen Erörterung, daß man sie nicht verstehen könne. Und ich habe doch von Natur eine so unheilvolle Anlage zur Breite!
Übrigens habe ich Ihnen noch zu danken für die schöne Herrichtung des Dilthey-Aufsatzes. Das Werk meines einst befreundeten Kollegen und einzigen Rivalen in dieser Form zu sehen, wird mir sagen, was ich nicht kann und mich an die unvergeßlichen Stunden erinnern, wo Dilthey mit freundlichem Lächeln auch mir entgegenkam, bis "Verfasser dieses" uns vielleicht zu beiderseitigem Bedauern
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| trennte.
Daß ich dafür Paulsens Lieblingsschüler bin, entschädigt mich reichlich. Gestern Abend, als auch Nohl anwesend war, hatte ich das Vergnügen neben Frl. Mauderer zu sitzen. Sie hat mir viele freundliche Grüße aufgetragen; auch soll ich Ihnen mitteilen, daß sie demnächst bei Keller und Reiner einiges ausstellen wird, Bilderbücher koncipiert, - und, wie ich hinzufügen darf, ein großes Licht in der Kunst ist. Gleichzeitig durfte ich ein Fräulein Schäfer kennen lernen, mit der ich lange über mein liebes Heidelberg geplaudert habe, nicht ohne einen sehr ungünstigen Abschluß für unser doch auch schönes Berlin zu erzielen. Ein neuer Beweis dafür, daß uns Natur und Gegend nur in subjektivem Lichte erscheinen.
Ihren Bruder habe ich zu Schleiermacher und Windelband verführt. Daß Sie mit Elsenhans vorlieb nehmen sollen, thut mir eigentlich leid. Denn beides, Logik und Psychologie, sind in dieser Form längst tot. Die neue Logik hat wohl Sigwart geschaffen, die neue Psychologie Dilthey,
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| nicht ohne uns viel übrig zu lassen. Ich wünschte Ihnen nur einmal die pädagogische Psychologie, die mir fertig im Kopf sitzt, entwickeln zu können. Nach der Geschichtstheorie kommt die an die Reihe. Praktische Erfahrungen habe ich genug, wenn Windelband Recht hat, daß man aus einem richtig beobachteten Fall generalisieren kann. Simmel, wie immer tief, macht einen Unterschied zwischen psychologischer Begabung und Menschenkenntnis. Junge Menschen getraue ich mir auf das erste Zusammensein hin zu durchschauen. Wenn nur auch hier Wissen sogleich Macht bedeutete! Aber auch hier hilft die Zeit. Wo ich anfangs verzweifeln wollte, habe ich zu meiner unbeschreiblich Erhebung jetzt auch gesiegt. Denn ich verlange eigentlich nur das, daß man mich in einer Krisis sucht, und das habe ich bisher immer erreicht. Nur so kann ja der schwere Weg, den man sich selbst gebahnt hat, anderen nutzbringend werden. Ich weiß nicht, ob ich Ihnen den Ausdruck Nietzsches für das pädagogische Gefühl schon einmal mitgeteilt habe: "Die Natur hat es schlecht mit Dir gemacht; du willst ihr helfen, daß es ihr künftig besser gelinge."
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| Es wird Sie wenig interessieren; aber ich möchte Ihnen doch den Fall mitteilen, der mich seit Jahren unglaublich beschäftigt hat. Es handelt sich um einen kleinen Juden, der in seinem Äußeren alles das darstellt, was meinen Idealen von deutschem Wesen entspricht. Aber nun diese eigentümliche psychologische Konstellation! Schon das ist eigentlich ein metaphysisches Problem, ob die Bildung der Natur ein Recht zu geistiger Deutung giebt. Herder hat die Frage einseitig geistig gelöst. Hier fand ich nun zunächst doch manchen Contrast. Die eigentümliche Frühfertigkeit, Unbildsamkeit des jüdischen Wesens, dabei eine leichte, etwas oberflächliche Fassungsgabe, Interesse für alles, aber mit souveräner Nonchalance und Selbstverständlichkeit. Und - ich muß es zu meiner Schande gestehen, - persönlich lasse ich mich gerade von jüngeren Menschen so ungern selbstverständlich behandeln. Von dieser Seite also mein Stolz, das gab eine sehr klägliche Kombination. Jahrelang herrschte der Stolz, bis meine Neigung, einzugreifen, siegte. Aber damit
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| mußte ich das Beste von vorneherein aus der Hand geben. Meine Freunde nahmen mir den Entschluß ab, und heute genieße ich die reinste Freude an den ersten Zeichen des Erfolgs.
Denn das ist ja gerade die Dichtung in der Philosophie, daß sie das persönliche Leben über alles schätzt, daß es ihm den Lauf frei machen möchte über alle Hemmungen dessen, was uns alle bändigt, aber ihm auch zeigen möchte, wo die Grenzen u. die pflichtgemäßen Schranken seines Daseins liegen. Das scheint bisweilen so traumhaft idealistisch, als hätte es zum realen Leben der Erde keine Beziehung. Wir wissen auch nicht, von wo es kommt u. wohin es geht, aber das wissen wir: es muß sein und soll sein; wir sagen "um seiner selbst willen", weil der Zweck zu tief im Metaphysischen liegt, als daß wir ihn aussprechen können. Wie ich nun über das Verhältnis des Rationalen hierzu denke, haben ich [über der Zeile] Sie gelesen. Es muß einmal deutsch sein, weil ich nichts andres schaffen und denken kann. Dazu paßt die Realität eines jüdischen Umgangskreises
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| so grauenhaft, wie Sie es sich vielleicht garnicht ausmalen können. Dazu paßt auch schlecht die naturgemäße Enge des halb kindlichen Bewußtseins. Das gilt aber nur teilweise. Denn im Kindlichen liegen ja gerade die unbegrenzten Möglichkeiten, die den produktiven Sinn anziehen. Und dieses Bewußtsein, aus dem Vollen zu schaffen, durch bloßen Umgang in dieser Richtung zu wirken, ist das Höchste, was ich kenne. Hier liegt das Ästhetische, Ethische und Physische so eng bei einander, daß man auf alle Theorie verzichtet und nur den künstlerischen Eindruck wirken läßt.
Diese Seite der verborgenen Quellen des Lebens ist in der Geschichte so selten empfunden worden, daß ich, abgesehen von Plato, Goethe, Herder und allenfalls Jean Paul, natürlich auch von Fichte, dem Übergroßen, auf eignem Boden stehe. Die Reflexion hierüber greift in die tiefsten Zusammenhänge der Philosophie. Dilthey natürlich hat auch dies geahnt. Aber die Sprache dafür hat ihm ganz gefehlt. Sein Freund Wildenbruch hat die Sprache,
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| aber nicht die methodische Reflexion. Hoffentlich habe ich beides.
Das heißt aus der Schule geplaudert, zum mindesten sehr einseitig von mir, betrachten Sie es bitte als einen Beitrag zu der heiligen Lehre von der Subjektivität, die, wenn Sie wollen, an sich die höchste Kunstleistung Ihrer Natur ist. Lassen Sie mich Gutes von Ihrer Gesundheit hören und seien Sie herzlich gegrüßt von Ihrem
Eduard Spranger.

Die besten Empfehlungen von meinen Eltern.