Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Februar 1904 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 16. Februar 1904.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Ihr lieber Brief hat manche zustimmende Gedanken, noch mehr freudige Zuversicht in mir angeregt. Was Sie vom Hyperion sagen, trifft ganz meine eignen Empfindungen: in der That bleibt der Mensch hier eine Blume, aber ohne Kraft zum Wachsen; ein Resonanzboden, kein Meister der Töne. Das 3. (?) Buch ist hierin sehr interessant. Man sieht nämlich, wie wir mit einem oberflächlichen Terminus sagen, daß Fichte durchbrechen möchte, der enthusiastische Glaube an das Evangelium der That und an die Schöpferkraft der Persönlichkeit. Und eigentlich mußte ich über die leichte Wendung, die beinahe klang: "Man könnte wohl; aber - lieber nicht!" etwas lächeln. Es liegt jedoch hier wieder etwas sehr Tiefes zu Grunde, nämlich die Wahrheit, daß der Mensch mit dem Entschluß zur realistischen That Reinheit und Schönheit zu verlieren in Gefahr ist; das war nichts für die Romantiker. Und sie waren - wie man von "einseitigen Sokratikern" spricht, - einseitige Goetheaner. Denn Im Faust u. Meister war ja gerade dies Problem gestaltet: "Ihr stellt ins Leben ihn hinein und laßt den Armen
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| schuldig werden."
Noch verwandter traf mich Ihr Gedanke, daß in einer gewissen Pädagogik ein gefährliches, ja unmoralisches Bestreben stecken kann: "Wer kann denn wissen, was er vielleicht zerstört." Übrigens steht gleich im Anfang des Hyperion auch hierüber etwas: über die Tragik u. die Seligkeit des Erwachens. Aber das ist nun einmal wie in unserer wirtschaftlichen Entwicklung: Zu wünschen ist das alles nicht; aber es giebt kein Zurück; wir müssen. Bleibt uns aber nicht die Frage ob?, so bleibt uns doch die Frage wie? Und diese ist so wichtig, daß Grillparzer vor Goethe eine Fortsetzung des Faust dieses Inhalts plante. Ich für meinen Teil provociere nichts, aber ich liege geradezu auf der Lauer, und habe bisweilen Stunden von andachtsvoller Weihe dabei erbeutet. In aller Praxis bin ich selbst ein Knabe; aber wer mir mit solchen Fragen in die Netze läuft, d. h. von Jüngeren, den bekomme ich herum. Und das deshalb, weil ich die Psychologie dieses Landstrichs kenne. Hierin scheint mir die Antwort auf Ihre Frage zu liegen: es giebt keinen Unterschied zwischen Psychologen u. Menschenkennern als den, daß der erstere nur einzelne Zshge kennt, der letztere aber den ganzen Menschen, und
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| diesen weitaus am häufigsten nur in den groben Zügen. Auf dieser Arbeitsteilung in der psychischen Technik beruht auch, was Nietzsche sagt: "Mancher kann seine eigenen Ketten nicht lösen, und doch ist er dem Freunde ein Erlöser."
Wenn es eins giebt, was mich zum Naturalismus (Ihrem Pantheismus) hinzieht, so ist es in der That die Erfahrung, daß meine höchsten Ideale nicht meine sind, sondern eine durch meine Individualität wirkende Macht. Der Zusammenstoß von Ideal und Leben ist immer schmerzlich. Hyperion konnte Ihnen hierfür nichts geben, das habe ich nie gehofft. Für dieses Leiden ist auch mir kein Kräutlein bekannt, als die Kraft zum Ideal. Die suche ich mir zu erhalten, trotz Nerven u. Alltagswelt. Warum sage ich immer wieder: Philosophie ist Dichtung? Lasse ich von der Dichtung, so lasse ich von der Philosophie und bequeme mich zum sog. Leben. Aber das ist ja gerade meine Natur, daß ich ohne Dichtung nicht leben kann, und daß das Leben möglich ist, ist mein Grunddogma; den Weg aber suche ich; ist es nicht merkwürdig, daß das chinesische Wort für Philosophie Weg heißt? Hier nun ahne ich ein großes Mysterium des Christentums, das uns beiden
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| noch einmal aufgehen wird. Es ist nur noch nicht reif in uns, weil wir zu sehr Renaissancemenschen sind. Wiederum ist Goethes Weg typisch. Wäre es mir doch vergönnt, nach dem leidigen Doktor meinen Plan einer Ethik u. Pädagogik Goethes durchzuführen. Wie denken Sie hierüber? Lesen Sie doch einmal die Wanderjahre. Sie sind das Tiefste, was ich kenne, nur bin ich noch so wenig hineingewachsen. Manche "Predigten" kommen mir dagegen etwas mager vor. Aber ich muß wieder an Hölderlin denken: In seinen Gedichten kehrt immer wieder die drückende Furcht, ob sein Herz auch zur Liebe noch Jugend und Kraft behalten werde; und er hatte recht. Windelband führt seinen Wahnsinn auf das Scheitern s. Ideals von der "Totalität" zurück (notabene Schiller.) Bei ihm war es nicht einmal eigen u. etwas unwahr. Und ich muß meins sogar noch erkenntnistheoretisch verteidigen!
1/3 meiner Dissertation habe ich Paulsen im Entwurf zu lesen gegeben. Es steckt, wie ich hoffe, viel Fachgelehrsamkeit und gründliches Denken drin. Aber es stimmt herrlich, und mir selbst war es willkommen, nach einer starken Gefühlsperiode zu meiner
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| ersten Liebe, dem strengen Denken*), [re. Rand] *) Ich war nämlich nicht immer so larmoyant wie heute, eher bissig. mit reicheren Inhalten zurückzukehren. Die Arbeit war so subtil, daß ich über meine Kraft selbst erstaunt war. Denn für mich ist dies doch immer nur nebenbei, Mittel zum Zweck, wie Sie wissen. Als Erfinder einer neuen Methode zu glänzen ist nicht mein Ehrgeiz. Wohl aber möchte ich jetzt damit zu Ende kommen, um frei zu werden. Ich werde kaum allgemeinere Aufsätze bis dahin schreiben, - außer auf diesen Blättern.
Ihr Bruder überschätzt den Intellektualismus; wirft mir Mangel daran vor und beanstandet die Unterschrift der Feder. Gefühl zur Zeitkrankheit zu machen, wäre wahrhaftig überflüssig. Aber es zur Kraft zu machen, ein erwünschtes Mittel gegen unsere kleinen u. kleinsten Ästheten. Methodisch spiegelt sich das in der Aufgabe, von der Analyse u. Deskription der Gefühle zur Normierung überzugehen. Ich möchte nun zeigen, daß das, was wissenschaftlich unmöglich ist, nicht überhaupt unmöglich ist. Dilthey versagt hier. Die Neukantianer schematisieren. Eucken phantasiert. Aber der Rückgang auf
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| Fichte ist bei allen unverkennbar. (Lesen Sie bitte: Reden an d. dtsch. Nation oder Bestimmung des Menschen, beides nicht leicht.)
Hoffentlich leiden Ihre Augen nicht unter meiner schlechten Handschrift. Es freut mich, daß Sie mit Ihrer Gesundheit zufrieden sind. Unsere Leiden bessern sich nur mit gleichzeitiger psychischer Regeneration. Ich sehne mich nach einem Menschen, der mich stützt. In Heidelberg habe ich einen Brief an Wildenbruch angefangen. Er ist noch heute unvollendet, weil die gleichzeitige Supplikantenrolle den Ton unangenehm entstellt. Und doch ist er der einzige, an den ich mich herandrängen könnte.
Es ist eigentlich gegen die Verabredung, daß Sie auch noch die Mühe auf sich genommen haben, dem Anthropologen zur Vervielfältigung zu helfen. Aber da Sie das gleiche auch an mir gethan haben, bleibt mir für diese Vollendung der Symbolik nur der herzlichste Dank.
Mit Empfehlungen von meinen Eltern und herzlichen Grüßen
Ihr dankbarer
Eduard Spranger.

[li. Rand] Ästhetisch sieht dieser Brief wirklich nicht aus. Aber 1) ist Ästhetik das einzige Philosophische Gebiet, das ich gar <re. Rand> nicht habe. 2) habe ich heute einen ganzen Privatdocenten excerpiert. 3) kommen mir die Gedanken besser ohne <Kopf> Schönschrift.