Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Februar 1904 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, am Schalttage 1904.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Vor allem herzlichsten Dank für den Anthropologen im 2. Stadium seines Werdens. Ich freue mich außerordentlich, ihn nun bald am Ziele zu sehen. Er ist bereits einer renommierten Firma, dess[über der Zeile] ren Besitzer, mir seit langem bekannt, hoffentlich Geschmack entwickeln wird, übergeben worden. Der Herr hat an einem eignen Exlibris eine besondere Papiertönung erprobt; ob das dieselbe Wirkung thun wird, wie ein bräunlicher Untergrund, ist mir leider zu beurteilen nicht möglich. Ich hoffe, daß er die Sache technisch richtig behandelt, vor allem aber, auch Ihre maßgebende Zufriedenheit erringt. Ich selbst aber spinne mich einstweilen in das Bewußtsein, immer tiefer in Ihre Schuld zu geraten, recht lebhaft und deutlich ein.
In Ihrem schönen Brief kann ich eine Stelle nicht ohne schleunige Anmerkung lassen. "Daß ich an Ihrem Bruder so wenig hätte" habe ich weder gedacht noch gesagt. An ernsten und edlen Naturen hat man immer viel, auch wenn der völlige Zusammenklang noch nicht erreicht ist, ja wenn er selbst für immer ausgeschlossen sein sollte. Gegensätze
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| sind bekanntlich kein Hindernis. Vielmehr binden sie, wie ich fast an allen, die mir wertvoll sind, bis auf eine große Ausnahme, erfahren habe, fester als alles andere. Unisono ist keine Harmonie. Aber ein Gegensatz besteht auch zwischen Ihrem Bruder und mir m. W. garnicht. Wir sind beide im Werden, und das äußert sich immer in Attraktion und Repulsion. Ich bin überzeugt, daß das, was an ihm bereits vollausgeprägte Persönlichkeit ist, nur noch nicht ihren adäquaten Ausdruck in Anschauungen u. Theorie gefunden hat. Und Goethe sagt: "Gesinnungen vereinigen, Meinungen trennen." Und das schrieb er an einen Freund, der sich immer mit ihm aufs Herzlichste eins gewußt hatte und diese Deduktion sehr schmerzlich empfand. Aber sie ist wahr. Denn in unseren Meinungen divergieren wir gründlich. Aber dafür liegt die spezielle Ursache in der Eigenart der Philosophie. Sie ist eigentlich jedes Menschen Sache, und darf doch zugleich den Anspruch nicht aufgeben, eine vollentwickelte Fachwissenschaft zu sein. Sie wissen, wie sehr ich das lebendige Werden einer Lebensanschauung dem System namhafter Philosophen vorziehe, fast bis zum Verrat an der Wissenschaftlichkeit der Phil. Darum ist mir Ihr Naturalismus eine echte, wahre und große Lehre. Aber
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| Ihre Beweisgründe kann ich alle nicht teilen. Und das deshalb, weil Jahrhunderte die philosophischen Begriffe und Methoden so weit ausgebildet haben, daß wissenschaftlich nur in Anknüpfung an sie gearbeitet werden kann. Wir können Kants Werk nicht ignorieren; wir können selbst die kleinen u. kleinsten Resultate der Erkenntnistheorie nicht übersehen. Was glauben Sie, daß Fichte, Schopenhauer, Sigwart, Lipps etc. etc. in ihrer Lebensarbeit Positives geleistet haben! Das kann ebensowenig ignoriert werden, wie Häckel, Helmholtz, Mach u.s.w. Jeder hat Freude an der Malerei; aber über ihre Technik zu sprechen, sind wenige berufen: nämlich nur die Fachleute. Es giebt in jeder Wissenschaft auch eine sog. Modernität. Die ist auf Lassons Seite nicht. Also, worauf ich hinaus wollte: einigen kann ich mich mit Ihrem Bruder in diesen Dingen nicht, weil er Lage u. Art der Probleme nicht kennt. Ich habe Ihre phil. Gegenüberstellung gelesen. Sie müssen mir erlauben, aufrichtig zu sein. Auf der linken Seite steht nichts, was philosophisch ausgedrückt, geschweige gedacht wäre. Im ersten Satz liegt bereits, daß hier nicht Erkenntnistheorie, sondern Psychophysik getrieben
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| wird. Das letztere gilt auch für rechts. Hingegen herrscht hier überall Schärfe des Ausdrucks, Richtigkeit im einzelnen, kurz es wäre Phil, bis auf den Ausgangspkt, der nach Kant einfach nicht mehr möglich ist. Sie mögen im Resultat dazu kommen, aber voraussetzen können Sie es nicht. Ich habe meine Ansicht in gleicher Weise formuliert; vielleicht bekommen Sie das einmal zu lesen. Natürlich mußte ich zu kurz sein. Sie sind aber im Prinzip mit mir einig, das weiß ich. Nur müssen Sie sich daran gewöhnen, das ganze Denken, bis auf die Thatsache eines von uns Unabhängigen, uns Bestimmenden (diese ausgenommen) für eine subjektive, objektiv nicht erweisliche Form zu halten. Heute ist übhpt nur die Frage: Ausgehen vom gesamten psychischen Zshg oder von den Formen des logischen Denkens.[unter der Zeile] ? Ich entscheide mich für das erstere - weil nur so eine Biologie des Erkennens möglich sein wird. Das zweite aber führt notwendig zur Transscendenz, die ich weder behaupte noch bestreite, weil ich davon nichts weiß, wissen kann. Wissenschaftliche Vorsicht bringt mich für die letzten Fragen zum Agnosticismus. Der Drang des Lebens aber äußert sich im metaphysischen Dichten und Bauen. - Ihr Bruder hat auch meine
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| letzte Arbeit ungünstig kritisiert. Warum? Weil in ihm Fichte lebt: der Drang zum Allgemein Verpflichtenden, über aller Relativität Stehenden, der Drang zur Idee. Ach, er lebt auch in mir. Aber etwas anderes ist es, ob ich ihn wissenschaftlich begründen kann, und das muß ich als ehrlicher Forscher, ungern, für die Gegenwart bestreiten. Es geht nicht, es geht nicht, ohne daß die Fülle des Lebens verliert. Eine Wissenschaft aber, die das Leben meistern will, wird sich zuletzt immer lächerlich machen. Bleiben wir lieber hübsch im Einklang mit ihm; es verrät uns für die Praxis noch immer genug von dem, was es will und muß. Für die Theorie aber ist noch nicht aller Tage Ende. Wäre das nicht auch gräßlich, wenn der Prof. v. Katheder sagen könnte: "wir haben gefunden: es giebt nichts als die Pflicht. Diese aber besteht in A.I.1. α.ß. II.2 a. α.ß. b. α.ß. B.......... Dieses Kolleg würde ich schwänzen. - So aber machen es die Neukantianer.
Paulsen schreibt mir in s. Brief u.a: "Ich habe d. Eindruck, daß Ihre Arbeit, auf ernsthaftem u. gründlichem Durchdenken der Probleme bau aufgebaut, eine wirkliche Förderung der Pro Sache zu werden verspricht; auf jeden Fall bin ich überzeugt, daß Sie ein Arbeitsgebiet in Angriff genommen
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| haben, das Ihren Kräften angemessen ist und Ihnen Gelegenheit giebt, zu zeigen, daß Sie die Dinge selbständig zu erfassen im Stande sind."
Dabei wird er gewußt haben, daß meine Ansichten von seinen vielfach etwas abweichen. Es giebt eben nichts allgemein Verpflichtendes; noch nicht einmal eine Logik, über die sich alle einig wären.
Das Christentum ist noch nicht ausgeschöpft. Das ist seine Bestimmung auf Erden, daß es Lebensmöglichkeit erst da giebt, wo so manches stolze Ideal gescheitert ist. Ich wiederhole: Wir sind Renaissancemenschen, aber wir werden im Christentum enden. Wenn die Kraft des Denkens, Wollens, Fühlens erlahmt: die Kraft der universellen Liebe schleicht in uns hinein, wir mögen wollen oder nicht. O, der Geheimnisse sind so viele, und wenn einst alles für uns Vergangenheit ist, so wird die ewig weiterspinnende Liebe uns nicht verlassen. Wenn neue Geschlechter kommen, an der Kraft der Lebenden sich emporranken, wenn wir zurückdenken an unsere eigene Kindheit, dann, möchte ich wissen,
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| wer da nicht die Ewigkeit fühlte. "Wer liebt, fürchtet den Tod nicht, denn er fühlt die Unsterblichkeit", sagt Wildenbruch. Ist das ein Dogma? Ich meine nicht. Wenn aller Stolz sich auflöst in Liebe, dann schlägt die Stunde der Erlösung, nämlich der Erlösung von einem wilden Lebenstriebe, der unglücklich macht und nie sein Ziel erreicht. Dieses Schicksal prophezeie ich meinem Ehrgeiz, Ihrem Aufgehen in der Ruhe des Wissens.
In den "Predigten" ist vieles Amalgamierung. Aber auch Ihr Naturalismus ist nur die Amalgamierung Ihrer erzwungenen Ruhe. Soviel Macht hätte ein Theorem allein nicht! (Überschätzung des Intellektuellen!)
Auch ich glaube nicht an die Möglichkeit eines Zurückgreifens. Jedenfalls muß alles Historische neu erschaffen werden, wenn es wieder leben soll.
Was Sie über Freiheit sagen, enthält eine große Wahrheit. Nur daß unser Innerstes überhaupt an nichts gemessen werden kann. Nicht an der Natur; denn sie messen wir an uns. Ich vertraue Ihnen als meine beste Einsicht: Freiheit u. Determiniertheit sind beides falsche Aus
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|drücke. Aber was wir meinen, wissen wir, nämlich uns. Wir vernehmen das Sausen wohl; aber wer weiß woher u. wohin?
Schließlich: meinen Sie, daß ich an Wildenbruch schreiben soll oder nicht? Er ist der intimste Freund von Dilthey; aber als Mensch wohl unendlich mehr als der Historiker. Und eigentlich: was soll ich schreiben? Er hat so viel von "den deutschen Menschen" gedichtet und weiß so viel von der Kinderseele. Ob er nicht brennen müßte, ihr zu einem Deutschsein zu helfen? Er ist so hoch über mir; aber ich fühle mich ihm verwandt bis auf die Unarten.
Abends wird manchmal meditiert. Haben Sie Nachsicht mit dem flüchtigen Moment, so lege ich einen solchen extemporierten Brief bei.
Was sagen Sie dazu: eine Dame, mit der ich im Sommer Schopenhauer gelesen habe, hat neulich (als erste Dame) bei Paulsen referiert. Und zwar wiederum, wenn man v. d. Schärfe des Ausdrucks absah, mit Glanz. Auch sie war anfangs Naturalistin. Aber Schopenhauer (für mich der greulichste Mensch) sagt das mit Recht: Die Welt ist meine Vorstellung, ausgenommen das, was sie für meinen Willen ist. Ich glaube, Sie würden durch ihn am interessantesten in d. Erkenntnistheorie eingeführt werden. Und die Biologie anticipiert er allenthalben! <li. Rand> Nun aber Schluß und herzliche Grüße von Ihrem dankbaren Eduard Spranger.