Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. März 1904 (Charlottenburg)


[1]
|
Charlottenburg 2, den 18. März 1904.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Mir ist, als hätte ich inzwischen recht viel erlebt, und doch ist eigentlich "nichts vorgefallen". Eine Operation habe ich vollzogen, aber an einem Leichnam, der es freilich für mich nicht war, und darum ist mir mancherlei dabei durch den Kopf und zu Herzen gegangen. Ich habe Hölderlin unter das psychologische Seciermesser genommen, und nun liegen mir alle seine Teile so schön im Spiritus, daß jeder Anatom seine Freude daran haben könnte. Ich habe einen gewaltigen Genuß, wenn mir ein Mensch so durch und durch (vielleicht zu viel gesagt!) klar wird, aber der poetische Duft geht freilich völlig dabei verloren, und der Hyperion ist für mich jetzt wenig mehr als ein Register. Einiges an H. ist mir, abgesehen vom Grade, verwandt. Dieses Leben nach Innen, dieser rein
[2]
| lyrische Daseinsfaden und damit seltsam kontrastierend der sorgsam verborgene, immer brennende Ehrgeiz, der langsam verzehrt, weil er die nach innen brennende Flamme doch nicht nach außen lenken kann. Seine Briefe haben mir gesagt, was ich von vornherein fragte (denn das ist mein Stolz, daß ich für die verwickelte Psyche einige typische Kategorien gefunden habe, die überall passen und die ich durch reichliches Material aus der Litteratur auszugestalten suche.) H. konnte kein Stoiker [unter der Zeile] werden. Er selbst sagt es: "immer wechselnd Ebb' u. Flut." Das ist es, was an ihm nagt: die ewige Sehnsucht nach Frieden. Aber zwei Gewalten: das eigne rastlose Feuer und das immer feindlicher betrachtete Schicksal hindern ihn für immer daran. Nun kommen Goethe u. Schiller, wollen ihn zu einem tüchtigen Dichter erziehen. Hier hören unsere Größten auf, groß zu sein.
[3]
| G. beschäftigt sich ausführlich mit ihm; rät ihm, kleine Gedichte zu machen; mit einem Idyll solle er's versuchen. So wird kein Dichter, sondern er dichtet sich selbst. Wie die Reflexion befreit, so befreit die Dichtung. Eine ganze Lebensepoche kann ausklingen in einem Gedicht. Darum sind die sog. ersten, zweiten Sammlungen lyrischer Gedichte übhpt keine Lyrik. Dem wahren Lyriker gelingen solche Bündel nicht. Sollte er das alles ernsthaft empfinden, müßte er zu Grunde gehen an dem Getümmel. Mir aber scheint, daß die tiefere Tragik des Lebens mir darstellbar ist in der Lyrik. Vielleicht ist dies der Grund, daß ich sie eigentlich garnicht, oder nur in ganz geringen Mengen genießen kann. Selbst Goethe sagt mir vielfach nichts, teils weil ich ihn nicht immer reproducieren kann, teils, weil bisweilen nichts Rechtes zu reproducieren ist. - Nun aber war
[4]
| mir auffällig an H. seine Hinneigung zu Fichte, sein Glaube (in früherer Zeit) an die erziehende, versittlichende Macht des Schicksals u. die vorwiegend ethische Richtung des Lebensideals. Kann das echt sein, oder ist es nur ein Teil des ästhetischen Enthusiasmus? Die Frage ist mir um so wichtiger, als sie mir selbst gilt. Was ist ethischer Enthusiasmus ohne Praxis? Ich kenne viele solcher Menschen u. gehöre selbst - leider noch immer - zu ihnen. Hier liegt die schlimmste Gefahr, nämlich die einer völlig irreführenden, entnervenden Selbsttäuschung. H. war Pädagoge, u. nahm es ernst damit. Ich kann nicht sagen, wie ernst es mir unter Umständen damit werden könnte; aber das ist das Unheil des modernen Menschen, der um H.s Zeit beginnt, daß er von der ästhetischen Scheinwelt nicht loskommt. Wie anders dachte sich Schiller die ästh. Erziehung. Sie sollte nicht Selbstzweck sein, u. doch scheint es, als bliebe
[5]
| sie immer dabei stehen. M.E. giebt es hier nur eine Hilfe, die aber unserer Zeit versagt ist: große Aufgaben und große Ziele. Es scheint jedoch nicht, als sollten die gebildeten Stände eine nennenswerte Rolle in der sozialen Reform der Gegenwart spielen. Der jammervolle Liberalismus, dem Gott oder Bismarck ein 1870 in den Schoß warf, hat das Erbe der Väter, d. h. das Fichte'sche Vermächtnis gründlich und dauernd verspielt.
Wie schön aber ist es - und damit zurück in den blühenden Rosengarten des Ästhetischen - Briefe aus einer Zeit zu lesen, die man kennt, versteht und wohl auch zurückwünscht. Wenn dann die großen Kerle so faustdick auf einem Zweige sitzen und noch größer werden, indem sie sich drängeln und schieben. Wenigstens von weitem hätte ich das auch gern einmal verspürt. Aber die Universität ist heute, wie es scheint, nicht
[6]
| der Boden dafür. Immer wieder heißt es, Litteratur lesen, und in den gelehrten Anmerkungen steckt der ganze Kerl. Eins dachte ich wenigstens fertig zu bekommen: die Naturwissenschaft wie einen Viehknecht zu behandeln. Aber wie könnte man so einseitig sein; dann interessiert einen auch wieder, wenn ihr von fern ein großer Zug gelang, und schließlich liegt sie jedem so in den Gliedern, daß mir z.B. unter den Fingern eine Biologie des Erkennens gewachsen ist, an die ich prinzipiell nicht glauben wollte.
Aber jetzt macht sie mir Freude, weil sie einmal wieder tief drinsitzt: Radium oder Gesetz v. d. Erhaltung der Kraft? Ja, ja, es giebt mehr Dinge zwischen u.s.w. und die Herren sehen, wie es stets war, einmal wieder, was der Philosophie seit langen Zeiten be
[7]
|kannt ist, als gänzliche Novität auftauchen. Selbst die Natur ist reicher als die Naturwissenschaft, und der Mensch, der sie ausgedacht hat, sollte nicht noch reicher sein? Eigentlich ist es lächerlich, daß das Ei klüger sein will als die Henne. Natürlich geht alles dies nur gegen die Naturwissenschaft, nicht gegen den Naturalismus als Weltanschauung. Aber daß Carneri jetzt für 1 M zu haben ist, hat mich doch geärgert. Warum muß Scheinphilosophie unter das Volk? Glaubt man wirklich, daß eine Ethik fürs Leben so einfach sein kann? Dann ist Goethe mit seiner Zeit recht unökonomisch umgegangen. Noch ein paar Bände Morphologie wären verdienstlicher gewesen.
So beschäftigt mich jetzt ein neues Mysterium: wie entsteht unser Ichbewußtsein? Im höheren Sinne, als persönliche Einheit, ist
[8]
| es durchaus ein Kunstprodukt, ja es giebt hochstehende Menschen, denen es nicht gelingt aus Mangel an ethischem Kunstsinn. Auch ist das Schicksal unser Feind: es will dem Menschen keine Selbstheit, keine Einheit in s. Existenzfaden gestatten. Interessant ist es zu sehen, wie der Mensch in seiner vulkanistischen Epoche mit allen Kräften danach strebt. Doch glaube ich kaum, daß ihm in dieser Zeit häufig ein selbstständ. Wachstum beschieden ist. Als Schlingpflanze allenfalls mag er gedeihen. Wie glücklich ist er, wenn er hier einen entscheidenden, tiefwirkenden Halt findet. Ich kann von mir das nicht sagen. Gute Menschen sind es alle gewesen, aber keine Charaktere; keine Seelen von selbstständiger Lebensauffassung und dem pädagog. Drange zu helfen. Erst in jüngster Zeit fand ich echte Vorbilder; vor allem in Paulsen den praktischen Ethiker, den schöpferischen, durch und durch
[9]
| Halt besitzenden Mann. Jede Erziehung besteht schließlich darin, den Weg zu sich selbst zu zeigen. Kein vollendeter Erzieher wird eine Kopie seiner Selbst wünschen. Aber das Material, das er vorfindet, ist wirr und wild wie ein Trümmerfeld; in ihm muß er den künftigen Menschen ahnen und den Bau beginnen, ehe der eigene Wille daran denkt. Er muß die geistige Heimat gründen; denn ohne sie keine Einheit. Darum auch keine Erziehung ohne gemeinschaftliche Lebenssphäre. Aber welch ein Verzicht liegt für den Erwachsenen in diesem Hinabsteigen! Für mich ist es ebenso sehr Qual wie Genuß: das sind eben die "zwei Welten", von denen mir doch nur die meine als die reale erscheinen kann. Wie sehr mich dann ein Mißverstehen dieser Selbstentäußerung verstimmt,
[10]
| kann ich Ihnen nicht beschreiben. Und leider ist der Anlaß dazu so häufig, daß seine Art Angst nie von mir weicht. Denn leider ist es nicht immer wahr, was Hölderlin sagt:
O den Menschenkenner! Er stellt sich
kindisch mit Kindern,
Aber der Baum u. das Kind suchet, was
über ihm ist.
Ideal u. Natur stehen sich, noch wie zu Schillers Zeiten, schroff gegenüber. Mögen sie, wie Kant in d. Kritik der Urteilskraft spekuliert, in einem höheren gemeinsamen Prinzip zusammenstoßen, so liegt doch eben in ihm das Rätsel. Wer an die Natur glaubt (im üblichen Sinne), hat nicht das Ideal, wer im Ideal lebt, entfernt sich von der Natur. Wir Epigonen Goethes wissen nun, daß
[11]
| eine Synthese beider möglich [über der Zeile] ist. Aber wir haben verschiedene Namen dafür: Sie nennen es wiederum Natur, ich nenne es Geist; wir meinen dasselbe. Sie kämpfen gegen das Irreale am Geist, ich gegen das Irreale an der Natur, d. h. das, was "bloße" Natur ist. Wie weit es dem Menschen damit gelingt, ist teils Gabe, teils Schöpferkraft. Sie betonen die erste, ich die zweite, weil ich gern an eine unbegrenzte Herrschaft über uns selbst glauben möchte, wennschon dieser Glaube der Wirklichkeit nicht adäquat ist. Aber wenn dies auch nur wieder ein ästhetischer Rausch wäre? Wenn man sich ewig im Kreise drehte im Selbstgenuß, ohne Kraft und Leben von sich zu strahlen? Das wäre mir das Furchtbarste unter den vielen Bedrückungen, die der Décadence anhaften, und zu einem frischen, freudigen Aufleben wird es in mir realiter wohl nicht kommen. Man wühlt im lieben Bestand schöner Empfindungen, wie Hölderlin, um schließlich am Schicksal zu grunde zu gehen.
Ihnen ist es gelungen, dem Schicksal zu trotzen; den großen Schritt zu thun, der zum Stoicismus führt. Vielleicht fürchten Sie das Schicksal nicht mehr? Sie haben Realitäten, in denen Sie leben; und daneben doch die schöne Gabe der Contemplation. Bei mir dreht sich alles in dem einen Kreise: Leidenschaft und Reflexion, u. das Resultat ist der ausgebrannte Krater, vor dem H. sich immer gefürchtet hat:
Hochauf strebte mein Geist, aber die Liebe zog
Bald ihn nieder; das Leid beugt' ihn gewaltiger
So durchlauf' ich des Lebens
Bogen u. kehre, woher ich kam.
Ich fürchte, meine Absicht, Sie zu erheitern, ist mir wenig gelungen. Haben Sie Nachsicht mit mir; wenn ich ins Schreiben komme, verliere ich meist die Herrschaft über das Was. Mögen Sie sich recht gut erholen u. bald völlig gesund sein Mit Empfehlungen v. m. Eltern <li. Rand> grüßt sie herzlich Ihr Eduard Spranger.