Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. April 1904 (Berlin)


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3.IV.04.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Verzeihen Sie dieses Briefpapier; am 1. Osterfeiertage giebt es kein anderes, und ich bin sehr in der Stimmung, zu schreiben. Vor allem in dankbarer Stimmung über Ihren lieben Brief, aber auch etwas unzufrieden, daß Sie sich so anstrengen, um mir eine Freude zu machen. Beruhigt war ich schon, als ich las, daß es Ihnen besser ginge. Wenn ich dessen fortdauernd versichert sein darf, so will ich -- fürs erste -- gern auf weitere Nachrichten von Ihnen verzichten; denn Sie müssen sich schonen, damit predige ich nur Ihr altes Thema. Machen Sie mir vor, wie man durch Energie gesund wird, ich will gern folgen!
Wie verwandt berührte mich Ihre Erzählung von dem Wiedersehen u. Wiederverstehen mit Ihrer Freundin. Wir leben nicht in uns, sondern weit mächtiger, tiefer in andern. Auch meine Existenz hängt ganz von solchen Gewißheiten über geliebte Personen ab, und ich schrieb Ihnen schon einmal, daß mir nichts so schmerzlich ist als derartige Enttäuschungen, die ich metaphysisch nannte, weil sie in die verborgenen Quellen des Lebens zurückreichen, die wir nur ahnen. Weil wir beide mit solcher Intensität gerade in diesen metaphysischen Erfahrungen leben, wirft uns die leiseste Erschütterung ganz aus der Bahn unserer Existenz, ja ich könnte mir vorstellen, daß mein ganzer Charakter an solchen Erfah
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|rungen zu Grunde gehen könnte. Aber betreffs der Phantasie schreiben Sie mir eine Ansicht zu, die ich nicht habe. Das wäre ja ein jammervoller Pädagoge, dessen Phantasie nur Abdrücke seiner selbst zu erzeugen wüßte. Gerade weil ich ich in diesem oder jenem Jungen ein Ideal sehe, das mir nie gelänge, das ich aber ahne, während seine Seele noch schlummert, möchte ich ihm helfen, daß er es herausbringt. Und darum hat er mir genau so viel zu sagen, wie ich ihm. Ich laure auf das Material, das er beibringt, und zeige ihm: so und so kannst Du das kombinieren und zusammenbauen. Wenn ich aber sehe, daß gar kein Ideal potentiell vorhanden ist, dann habe ich auch nichts zu thun. Wenn mir nun die Natur durch die physische Bildung sagt: "Hier bin ich dabei, ein Kunstwerk, etwas Edles zu schaffen", und sie hat nur ein zufälliges Spiel getrieben, so betrügt sie mich, weil sie meine Phantasie anregt und nachher bloß Laterna magica gespielt hat.
Die Schuld kann aber auch auf des Menschen Seite liegen, wenn er seine Phantasie arbeiten läßt, auch wo ihm längst gesagt ist: hier ist nichts. Der eigentliche Konflikt aber beginnt, wo die Zweiseitigkeit der Äußerungen vorläufig keine definitive Entscheidung zu läßt, weil man dann jeden Augenblick die tragische Katastrophe zu erwar
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|ten hat.
Z. B. Wenn Sie glauben, daß in mir ein großes Können liegt, so lassen Sie sich durch unvollkommene Indicien täuschen. Täglich muß ich erfahren, daß ich keine Selbstbeherrschung besitze, daß ich der kleinlichste Egoist bin, wo ich nie aufhören sollte, dankbar zu sein. Könnte ich mich selbst erziehen, wie ich es bei andern zu können glaube, so brauchte ich Ihnen nicht zu gestehen, daß ich in solchen Fällen das unüberwindliche Gefühl habe: "Ich kann nicht." Meine Arbeit mit ihren ethischen Zwecken ekelt mich an, denn sie ist unwahr, und ich finde die Energie nicht, um diesem Zustand, der einmal schwer auf mir lasten wird, ernstlich ein Ende zu machen. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen? Sie sollen es jedenfalls nicht für Gerede halten. Also will ich deutlicher sein: Ich bin in periodischen Konflikten mit meinen Eltern, die für mich alles thun, und zwar mit dem größten Feingefühl, dessen Menschen nur fähig sind. Mein Egoismus aber ist unüberwindlich, und das allerdings - darin haben Sie recht - weil ich das Gefühl habe, daß ich für eine Aufgabe leben und arbeiten muß, die bis heute noch nie so bestimmte Gestalt angenommen hat, als in mir. Aber das läßt sich mit der Rücksicht auf die schuldige Dankbarkeit so häufig nicht vereinen; und diese verdiente, höher gestellt zu werden, als alles
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| was ich jemals leisten könnte. Wenn ich gesund wäre! Aber ich bin eine Treibhauspflanze, ohne die Kraft echter, großer Talente, und kann nur etwas leisten, wenn um mich alles still ist, auch im geistigen Sinne. Meine Reizbarkeit ist unglaublich; meine psychische Empfindlichkeit geradezu krankhaft und mein Ehrgeiz egoistisch. Lassen Sie mir den Trost, daß das alles krankhaft ist; sollte ich es als Charakter und allgemeine Naturerscheinung ansehen, so wäre meine Hoffnung auf andere und mein Denken für andere umsonst. Sie kennen jetzt meine Krankheitsgeschichte, die mehr als Selbstquälerei ist. Sie wird fortdauern, und wer weiß, ob ich sie überwinde, aber klagen sollen Sie mich nicht mehr hören.
Sie fragen nach meinem Zögling. Ich bin Ihnen dankbar dafür, denn zu Hause versteht man mein Interesse nicht und es kommt nie ein Wort darüber über meine Lippen; was ich als meine Lebensaufgabe betrachte, ist für unsere Gespräche tot. Wie viel also könnte ich Ihnen erzählen; denn für mich ist diese prakt. Psychologie eine ununterbrochene, wunderbare Entdeckungsreise. Meine langsamen Minierungsarbeiten sind am Ziel. Neulich haben wir zuerst den Boden ethischer Fragen berührt. Ich
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| weiß, daß ich gewirkt habe, wenn die eigentümliche Stille eintritt, in der der andere sich mit sich selbst allein wünscht. Ich entwickelte ihm einfach, aber eindringlich die sozialethische Arbeiterfrage und die Verpflichtungen, die der Gebildete hat, aber so selten kennt. Schließlich wurde er ganz still. Endlich aber sagte er: "Das ist nichts für mich. Mancher hat viel gelernt, mancher weniger; ich kann daran nicht mitarbeiten." Für den Anfang genügt mir dies. Ein Stück jüdischer Ethik mag dahinter stecken. Diese scheint mir auch theoretisch ganz jammervoll schlecht und zurückgeblieben zu sein; ihn zum Christentum zu bereden, hielte ich nicht für fair. Aber dies ist ein Ausnahmefall, wo ich einen absichtlich auf Philosophie hinführe. Denn was ich zerstöre, scheint mir diesmal so grundschlecht zu sein, daß es fort muß. Übrigens scheint mir bei ihm eine erstaunliche Begabung latent zu sein. Den Charakter eines Bekannten, der ein ziemlich hochdifferenzierter, moderner Mensch ist, gab er mir bei einmaligem flüchtigem Sehen bis in die Einzelheiten sicher an.
Was Sie über Naturwissenschaften sagen, scheint mir diesmal sehr acceptabel. Sie gehen vom Wissen zurück auf den bereichernden Wert des Nichtwissens - mehr
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| kann ich nicht verlangen; denn davon ging ich aus. Harmonie von Verstand und Gefühl ist die phil. Aufgabe, die auch mir vorschwebt; nur ist sie nicht zu lösen, ohne daß hier und dort ein wenig verschoben und ausgeglichen wird. Der Verstand ist an sich ein ganz reizloser Diener; bloß was er an objektiven Resultaten feststellt, erhält einen Gefühlswert. Dieser ist für manche bei der Naturwissenschaft so groß, weil sie so metaphysisch ist, d.h. Thatsachen auffaßt, deren Warum und Wie uns immer dunkel bleibt. Dahin gehört auch die Regelmäßigkeit der Natur, die ein nicht genug zu bewunderndes, weil ganz unerklärliches Faktum ist. Aber deren finde ich in meinem Selbstbewußtsein noch mehr, weil hier Werte auftauchen, die für d. Naturwissenschaft garnicht existieren. Ob diese Werte eine objektive Bedeutung haben, ist die große Frage. Sie gehören gewiß zur Konstruktion des Weltalls, aber nicht ganz so wie sie sind, weil sie ja eben durch die individuelle Lebensbedingung, nicht durch die Lebensbedingung des großen All hervorgerufen sind. Das ist einmal
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| eine schöne, dicke Metaphysik, wie ich sie nur in ganz unbewachten Augenblicken mache; bitte verraten Sie mich nicht. Übrigens ist das Bedürfnis nach Metaphysik eine Degenerationserscheinung, wie ich neulich mit einem Freunde festgestellt habe. Die eigentliche Welle des Lebens läßt so etwas nicht aufkommen. Nur wo die Gefühlsreaktionen ungewöhnlich stark nach innen gehen, tritt diese Ablenkung der Lebenskraft auf.
Die naturwissenschaftl. Psychologie kommt immer mehr dahin, das Bewußtsein als ein unerhebliches accedens zu betrachten. Die Persönlichkeit hat Ribot bereits auf ihre physiologischen Grundlagen zurückgeführt. Ich bin nur neugierig, ob sie bei mir an der Leiche noch gefunden wird. Dann lasse ich sie ausstellen. [zwischen den Zeilen] [Sehr logisch! In einem alten Roman heißt es von Leuten, die sich an den Ofen gesetzt hatten: Als sie am andern Morgen aufwachten, merkten sie, daß sie tot waren.]
Ließe man mich doch mit der Wissenschaft in Ruhe. Als Junge habe ich mir immer gesagt: "Du kannst nie Gelehrter werden, aber ein Künstler." Dieses Bewußtsein habe ich inzwischen verloren, leider! Aber das Gewirr der gelehrten Meinungen quält mich. Käme doch einer, der etwas ganz Falsches sagte
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| und es wäre nur etwas Großes dahinter. Solange ich philologisch genau arbeiten muß, werde ich nie Befriedigung finden.
Mein Freund v. K. hat auch eine stattliche Kiste Ideale zu Grabe getragen. Wenn er es konnte und mußte, wird mir's auch gelingen. Ich habe hier Menschen gesehen, die magna cum laude promoviert haben, das ist doch einmal ein Anblick von wahrer Größe!
Hier in Berlin blüht jetzt ein neues Pflänzlein: die Theosophie, eine von Rudolf Steiner importierte Sache. Es giebt also doch auch noch andere psychopathische Veranlagungen, die gefährlich sind. Bei der Witwe v. Hans v. Bülow traf ich neulich eine ganze Reihe von Herrschaften, die auf dem besten Wege waren, ihren Verstand dem Obskurantismus zu opfern. Aber die Vertreter der wahren Wissenschaftlichkeit erschienen mir auch nicht viel besser wie als Charlatane. Beide zankten sich um den Besitz Goethes! ein neuer Beweis, daß wir ihn noch nicht haben.
Spencers Philosophie würde Ihnen interessant sein. Kennen Sie ihn?
Viel, aber wenig Interessantes für Sie. Aber darf man Ostern nicht einmal beichten? Herzlichen Gruß u. gute Genesung <li. Rand> Ihr Eduard Spranger. Ihrem Bruder bin ich noch immer einen Brief schuldig. Verraten Sie mich nicht oder entschuldigen Sie mich.