Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 23./24. April 1904 (Charlottenburg 2)


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Charlottenburg 2, den 23/4.IV.04.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Zu dem seits 14 Tagen bereits fertigen, leider erst heute abgegangenen Aufsatz möchte ich außer der Bitte um Nachsicht noch einiges hinzufügen, und um so mehr, als Ihnen der Inhalt selbst kaum neu sein dürfte.
Ich halte diesen Extrakt thatsächlich für Hölderlins eigentliche Physiognomie, obwohl für die Citate fast ausschließlich der Hyperion [über der Zeile] auch d. Fragmente als Quelle benutzt ist. Es scheint mir nämlich, daß die Briefe, die ich natürlich sämtlich genau berücksichtigt haben, bei Hölderlin nicht das ausdrücken, was er eigentlich ist, als vielmehr großenteils kalte und kluge Räsonnements, die
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| er sich selbst vorzuhalten pflegte, eben weil sie für ihn als lebendiger Besitz nicht zu erreichen waren. Mit wenigen Ausnahmen ist er hier immer äußerst verständig, und man verstände [über der Zeile] begriffe garnicht, daß er mit solchen Theorien praktisch nicht zurechtkam, wenn nicht der Hyperion zeigte, daß er ernstlich an sie nie geglaubt hat. Zum Überfluß kommt dies ganz grob auch dadurch zum Ausdruck, daß sein eigentliches Seelenleiden - Diotima - in den Briefen nirgends erwähnt wird. Ein solcher Grad von Selbstbeherrschung ist etwas ganz Erstaunliches, aber der beste Beleg für H.s einsame, gänzlich verinnerlichte Subjektivität. - Der Empedokles ist als Dichtung grenzenlos matt, nur wertvoll für seinen geheimen, im Übermenschentum schwelgen
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|den Ehrgeiz. Die Gedichte ließen sich noch weiter ausbeuten, wenn eine Entwicklungsgeschichte beabsichtigt wäre. Meine Ausführungen gelten nur für 1795 - 1799.
Wegen des Schlusses werden Sie keinen Schutz der Reichsgesetze anrufen. Sie sagten so unendlich schön und deutlich, was meine eigentlichste Überzeugung ist, daß Ihr letzter Brief tiefer als alle früheren auf mich wirkte. Warum sollte ich nicht abschreiben, was besser doch nicht gesagt werden konnte? Freilich ist von der lebendigen Wirklichkeit bis zum Ideal ein weiter Weg, der nur durch stündliche Selbsterziehung und - überwachung vollendet wird. Es gehört wohl auch etwas mehr dazu als der gute Wille: nämlich der Beruf des Handelnden und Lehrenden statt des Lernenden. Ich kann nicht dankbar genug dafür sein, daß mir
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| eine eigentümliche Veranlagung u. gewisse Erfahrungen einen innerlicheren Entwicklungsprozeß ermöglicht haben, als ihn der bloße Schüler der Wissenschaft, auch bei den besten Absichten u. Spekulationen, erfährt. Oft wird mir diese doppelte Aufgabe zu schwer; denn beide Interessen, Wissenschaft u. Leben, kreuzen sich feindlich, und man wird es meinen Arbeiten immer ansehen, daß sie mit einigen Tropfen Herzblut außer der Gehirnsubstanz erkämpft sind. Ihr Bruder würde an den Rand setzen: "Selbstanalyse!", er soll mir aber vormachen, wie man von sich sprechen soll, wenn man einmal solche Endeckungen in sich gemacht hat. Widerwärtig fände ich es nur, nach dem Muster neuerer Poeten diesen Besitz künstlich zu vermehren oder auf der Lauer zu liegen, ob nicht wieder etwas Erstaunliches am lieben Ich auftaucht. Daß das bei H. nicht der Fall ist, macht ihn mir z. B. Jacobi gegenüber lieb, von dem mein Freund
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| v. K. vorzüglich sagte, er habe immer den Thermometer in der Hand, um die Wärme des religiösen Gefühls in sich zu messen. Sicher erzähle auch ich viel lieber von dem, was ich gethan und erreicht habe, z. B. daß ich jetzt das Grundproblem der modernen Geisteswissenschaften gelöst zu haben glaube (wie, später), oder daß ich mit meinem Zögling zusammen etwas gelernt habe; aber von Studentenfahrten, die ich auch mache, oder von Professorengunst und Chinakriegen rede ich nicht gern.
Daß ich den H. zum Druck bringe, ist so gut wie ausgeschlossen, wennschon ich es entgegen der honetten Studentensitte nicht scheute. Vielleicht arbeite ich ihn bei Gelegenheit zu einer wissenschaftlichen Arbeit um, was nur die Darstellungsform beträfe. Jedenfalls bitte ich Sie, sich ihn in dieser wie jeder künftigen Gestalt freundlichst zuzueignen.
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Meine Arbeit ist gut fortgeschritten. Das Durcheinander der Ansichten über den wissenschaftlichen Wert der Geschichte ist unglaublich. Man möchte eben garzugern auch den letzten Menschenseufzer noch in ein System von Wissenschaftsobjekten einordnen. Meine Lösung betont den Punkt, an dem eine Art künstlerischen Verfahrens die strenge Wissenschaft ablösen muß. "Psychologie" ist dabei mein beständiges Feldgeschrei; aber schon dieses Verstehen bis ins Letzte kann nur von Menschen erreicht werden, die über das adäquate Material an Innerlichkeit verfügen. Von diesem Verstehen aus zum Abwägen der Werte zu gelangen, ist das Fundamentalproblem der Geisteswissenschaften, das bisher ohne Gewaltsamkeiten nicht gelöst worden ist. Man bleibt entweder beim historischen Relativismus oder
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| stellt dogmatische Normen auf, die dem Leben widersprechen. Nun aber bedienen wir uns der Ausdrücke "Entwicklung u. Fortschritt in der Geschichte", als wenn wir wüßten, was das ist. Ich habe früher einmal die Zeit des Verfalls der Antike daraufhin untersucht, wie man damals über Fortschritt dachte. Das Ergebnis war höchst interessant; die allgemeine Stimme war immer dafür, das Dekadenteste als "zeitgemäß" zu bezeichnen. Tacitus sagt das an einer Stelle einmal ganz unzweideutig. Prof. Ed. Meyer, der mich dabei beriet, fand an dieser Zweischneidigkeit garnichts Auffallendes, während v. Liszt mich als moderner Mann sofort verstand. Tacitus (Florus, Seneca, Marc. Aurel) haben ein absolutes Verfallgefühl. Wo liegt nun das wissenschaftliche Kriterium? Ein wissenschaft
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|liches m.E. überhaupt nicht. Ranke lehnt einen ethischen Fortschritt in d. Geschichte übhpt ab. Lamprecht formell auch. Der Ausweg, um das unleugbare psychologische Faktum zu erklären, scheint mir nun darin zu liegen, daß im vollen Lebensbewußtsein zugleich das Wertkriterium für den Wert der einzelnen psychischen Funktionen gegeben ist. Diese Weisheit wäre nicht groß, wenn sie nicht im einzelnen durchgeführt würde. Neuere Philosophen wie Eucken u. Münsterberg, auch Troeltsch haben nun nicht mit Unrecht betont, daß dies nicht mehr im Rahmen bloßer Psychologie liegt. Sie wollen eine Metaphysik des Geistes zu Hilfe rufen, d.h. den Geist Hegels beschwören. Richtiger wäre es, auf den Lebenswert der Geschichte hinzuweisen. In ihr werden alle die Standpunkte entwickelt, die den gegebenen Realitäten gegenüber lebensfähig sind. Diese Art von Pro
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|duktivität ist künstlerisch und kann von der Wissenschaft nie ersetzt werden. Aber sie kann von der Wissenschaft studiert werden, weil jeder Mensch potentiell alle Standpunkte in sich enthält, die historisch notwendig geworden waren, sie also auch durch Phantasie nacherzeugen kann. Dann handelt es sich darum, [über der Zeile] [das ist Bedingung!] zu einer gegebenen Größe, der Lebensrealität, die Unbekannte x, nämlich die lebensfähige Disposition des Subjekts zu suchen. An dieser Aufgabe arbeitet synthetisch die Kunst, analytisch die Wissenschaft. Erst wo sich beide Standpunkte vermählen, entsteht eine fruchtbare Mischung. Darum ist die unethische Litteratur unserer Tage wie die dogmatische Philosophie gleich ungenügend. Die erstere ist psychologisch tief, ohne normativ zu sein, die zweite umgekehrt. Klassisch heißt eine Periode, wo beides zu
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| einem verschmilzt. An sie muß angeknüpft werden. Dies wäre meine Antwort auf die Frage nach dem Wert der Geschichte. Für die Pädagogik (Bildungsideal) liegt das auf der Hand. Für die Religion der Gegenwart ist es deshalb so schwer, weil der betreffende produktive Akt noch nicht geleistet worden ist und daher vorläufig wissenschaftlich nichts auszumachen ist. Die Wissenschaft aber arbeitet beständig Zusammenhänge von Lebenslage und Anpassungsformen heraus, die als Vorarbeiten gelten können. Auch liegt bei Schleiermacher u. Ritschl vieles. Z. B. aus einem anderen Gebiet: wie ist die Anpassung ethischer Lebensformen an Geld- u. Kreditwirtschaft im einzelnen zu denken? Hier hat Schmoller viel Positives vorgearbeitet. Oder wie ist die Anpassung des Christus
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|glaubens an moderne Wissenschaft möglich? Wie die Anpassung des Rechts an die gegenwärtige Produktionslage (Marx)? etc. Als Analyse der Zshge ist das alles nur auf wissenschaftlicher Basis zu entscheiden. Das Ganze positiver Gestaltung aber wird kein Gelehrter erzeugen, sondern z.B. ein Tolstoi und viele andere, die da kommen sollen, nach Goethe, der die Wege eigentlich überall gewiesen hat. Sie sehen zugleich, daß die ganze Biologie nur eine abstrakte und verkürzte Übertragung dieses psychologischen Verfahrens auf Naturvorgänge ist. Andererseits ist die eigentliche Centralwissenschaft, der Methode nach, nunmehr abhängig v. d. Vorbild der Ästhetik: Auch diese erzeugt ihren Gegenstand nicht, sondern analysiert und versteht ihn.
Verzeihen Sie diese langweilige Analyse, die diesmal keine Selbstanalyse ist. - Genießen Sie auch den schönen Früh
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|ling ordentlich? Sie halten von der Mark wenig; ich um so mehr. Selten habe ich so schöne Landschaften u. Abenddämmerungen gesehen, wie jetzt. Neulich habe ich mit Ernst L. auf dem Schlachtensee gerudert, dabei mich kräftig gefreut, wie solche heilige Abendstille auch junge Seelen, die den Mund sonst nicht halten können, in ihren Bann zwingt. Ein so erstaunliches Gedächtnis für jedes Wort u. jede Anregung ist mir selten vorgekommen. Nur habe ich beständig zu thun, um eine gewisse Nonchalance im Verkehr zu verhüten. Übrigens komme ich mir immer mehr wie Lessing vor; der beste Gewinn dieser seltenen Zusammenkünfte ist wohl der, daß ich auch das Judentum verstehen lerne u. sehe, daß diese Menschen nicht anders können; Strebt doch jeder danach, sein Selbst u. s. Vergangenheit zu bewahren. Warum nicht auch sie? Nur diese gänzliche Vergeblichkeit des Bemühens wirkt eigentlich tragisch; und um so tragischer, als ihnen schöpferische Geister der Gegenwart dazu nie die Hand reichen können. - Sie sehen, ich schließe gewaltsam, und grüße Sie herzlich Ihr dankbarer Eduard Spranger.