Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 3. Mai 1904 (Berlin)


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3.V.04.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Herzlichen Dank für Ihren lieben Brief, sowie für die freundliche Nachsicht und die Liebenswürdigkeit, daß Sie unter der Unruhe dieser [über der Zeile] Tage Zeit gefunden haben, an mich zu denken. Auch ich hatte viel Unruhe; mein Vater hat wieder 8 Tage nicht unbedenklich krank im Bett zugebracht. Jetzt geht es besser. - Es freut mich herzlich, Ihren Bruder wieder hier zu haben, wennschon die Zersplitterung des täglichen Daseins immer deutlicher zeigt, wie schwer man das Ganze, das man dem andern gern sein möchte, und die Verehrung und Zuneigung in vollem Umfang zu zeigen vermag. - Das leider äußerlich so unschöne Ms behalten
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| Sie bitte, wenn es Ihnen dessen wert scheint. Hingegen bitte ich, die beiliegende Bildprobe (NB 1 Jahr alt u. die einzige, die ich selbst besitze) mir bei Gelegenheit freundlichst zurücksenden zu wollen. Halten Sie was von Physiognomik? Ich sehr viel, selbst bei so antilessingisch-forciertem Lachen. Daß ich meistens munter mitlachen kann, macht mir die Sache wert. Junge Menschen soll man nehmen, wie sie sind. Selbst ihr grenzenloser Egoismus hat etwas Gesundes. Weniger schön ist die Neigung zum Theatralischen und eine gewisse Mißachtung des Symbolischen, was Sie mir einmal bestritten, ich aber als Pädagoge u. Schüler Goethes und Platos aufrecht erhalten muß. Alles Höhere erscheint uns nur als Symbol, Mythos oder - Person. Der Grad der Ehrfurcht ist der Grad der Tiefe. - Könnte Heidelberg auf Sie so erfrischend wirken, wie auf mich noch in der Erinnerung, so würden Sie an diesem Wonnegefühl bald völlig genesen, was ich hoffe. Mit den besten Empfehlun<li. Rand>gen von meinen Eltern u. herzlichem Gruß Ihr E.S.