Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 16. Mai 1904 (Charlottenburg 2)


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Charlottenburg 2, den 16. Mai 1904.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Es drängt mich, Ihren Brief umgehend zu beantworten; denn ungern sehe ich Sie in einer Depression, die bisher auf meiner Seite war. Wie sehr ich diesen lastenden Zustand mit Ihnen fühlen kann, werden Sie wissen. Immer wieder habe ich seit nun 1 ½ Jahren das qualvolle Gefühl durchgemacht, nach Opfern aller Art und scheinbarer Besserung [über der Zeile] wieder am Anfang zu sein. Und tausendfach habe ich mich vergeblich gegen das Gefühl gewehrt, daß auch die Zukunft keine wesentliche Änderung darin bringen würde. Aber nicht diese leider unverscheuchbaren periodischen Verzweiflungszustände möchte ich mit Ihnen kollationieren, sondern ich würde Ihnen so gern, wenn es möglich wäre, aus meiner Erfahrung heraus zur Überwindung dieser langwierigen Besserungszeit helfen.
Ich glaube nicht, daß diese Krankheit ohne ein langes psychisches Leiden entsteht. Oft schleichen sich Mächte in unser Dasein ein, deren Kommen und Walten wir nicht bemerken, die uns fast zur lieben Gewohnheit werden, bis wir sie plötzlich als Herren empfinden, die unbeachtet an unserm Lebensmark zeh
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|ren. Daß etwas derartiges auch auf Ihnen gelastet hat, schrieben Sie mir selbst um Ostern herum. Gleichviel, ob dies das einzige war: in diesem Falle hilft nur eins: das Steuer des Lebens herumzuwerfen, sich durch eine noch so schwere Entscheidung das Bewußtsein innerer Freiheit und Aktivität wiederzugeben. Das ist der Wert der gescholtenen Selbstanalyse, daß sie den gefährdeten Zeitpunkt sorgsam beobachtet und durch das Bestreben, jederzeit sich selbst im Tiefsten zu verstehen, das Dasein in die ihm individuell angemessenen Bahnen lenkt, - und wer kann sagen, wie verletztlich und zart gerade die Existenz der höchstentfalteten Menschen ist.
Erst durch dieses Freiwerden von allem Seelendruck wurde mir eine Besserung möglich; kein Mensch kann mir nachfühlen, wie unendlich schwer mir der Bruch mit Dilthey geworden ist und noch immer ist; aber er war nicht das einzige: schwerer ist die Überwindung des eignen Stolzes und der Verzicht auf das Macht- und Lebensgefühl, das ich für meine eigentliche Natur gehalten hatte, zugunsten einer - nun auch Naturbestimmung. Aber Sie werden sehen, daß man sich wieder zurechtfindet: Dieses Bohren von Tag zu Tag, dieses Zusammennehmen der ganzen Kraft für die kleinste Aufgabe hat doch auch einen unendlich versittlichenden Wert und macht das, was man
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| erringt, erst zum Eigentum. Nur lassen Sie Nietzsche gerade in diesen Tagen. Er macht einsam, wennschon er einem das Leiden zum unendlichen Genuß macht. Aber das Bewußtsein, wirken zu können, ist das, was man in solchen Zuständen braucht. Wie sehr hat mich s. Z. die Teilnahme aufgerichtet, die Sie für mich hatten. Freilich wurde es mir leichter, weil mein intellektuelles Leben längst den Glauben an die Macht der niederen Natur über uns aufgegeben hatte. Deshalb durfte ich Ihnen glauben, als Sie mir sagten, daß dieses Leben nicht zwecklos wäre. Ich gebe Ihnen heut das Gleiche zurück: wenn ich davon erfüllt bin, daß das Leben in seinem unverstandenen Drange einen Sinn hat, der herausgeboren werden muß, so ruht dieser Glaube zwar in den tiefsten "Quellen meines Lebens". Aber seine Gewißheit ruht auf anderen: auf Ihnen, auf Paulsen, auf der pädagogischen Macht des Höheren, an die kein Beweis, keine Formel, keine bildliche Weltanschauung (wie z.B. die Ihre) heranreicht. Und diese Fülle u. Kraft des lebenweckenden Lebens kann Ihnen auch heute noch nicht fehlen, wie sie auch nur im 1. Teil Ihres Briefs fehlt, dem der 2. Teil widerspricht, was mich unendlich erfreut, ohne
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| übrigens der Lösung der Fragen näherzubringen. Sie glauben erst nicht an Fortschritt, dann aber an die wogende Macht des Lebens. Ich auch; und die Wissenschaft ist für mich nur Registrator, der aber auch geschickt angelegt werden muß.
Meine Diätetik könnte sich ins Unendliche weiterspinnen. Nur das eine mache ich Ihnen ernstlich und dringend zur Pflicht: Lassen sie Nietzsche jetzt bei Seite: Er ist zwar Optimist: er will den tief empfindenden, sensiblen Menschen mit der frischen Kraft des Naturmenschen vermählen. Aber er selbst konnte es nicht, und es ist unmöglich; daher das Vordrängen des Pessimismus bei ihm. Diese gewaltige Intensität des Lebens, die weit über das menschliche Gefäß hinaus ins Metaphysische hineinstrebt, kann sich nicht bei gleicher Kraft erhalten; sie zehrt an sich selbst. Langsam findet sie einen modus vivendi: am besten in stiller, stetiger Wirksamkeit. Dies ist der Sinn d. Wanderjahre, das übrige ist Kanzleisache.
Auch Ihre äußere Lebensweise müssen Sie durch sorgfältige Induktion regeln: Ich z.B. hasse die Geselligkeit, aber sie bekommt mir gut. Sonne u. frische Luft, das Plätzchen unten am Hause!, aber große Mäßigkeit im Spazierengehen. Änderung
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| der Kost, was bei mir viel [über der Zeile] Malzbier Obstessen bedeutet, und für momentane Stärkung - keines der modernen [über der Zeile] sog. Mittel - sondern das alte Chinin (z.B. als Chinawein), das Kant u. mir vorzügliche Dienste geleistet hat. Und wenn man dann in Heidelberg, im Sommer, bei freundschaftlichem Verkehr und gutem Willen nicht gesund werden soll, was sollen da wir armen Charlottenburger machen, denen außer dem letzten so ziemlich alles mangelt? Übrigens wenn mir bisweilen so Crematoriumsartige Gedanken kommen, sage ich mir: "Du wirst wieder einmal Ästhetiker, zu morgen 3 Seiten Fichte abschreiben!" Notwendigkeit der Décadence
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| giebt es nicht: Kein Gleichnis aus der Natur kann das Leben des bewußten Einzelwillens meistern. Wie das möglich ist, wer begreift es? Aber wer weiß überhaupt etwas von dieser Welt der Wunder? Nur sie einmal mit Bewußtsein erlebt zu haben, das ist herrlich; aber herrlicher noch: gestaltend, schöpferisch, bildend mitthätig gewesen zu sein an den höchsten ihrer Erzeugnisse. Vielleicht nur ganz in der Stille hier und da einen lebendigen Keim in eine Seele gesenkt zu haben - das ist die irdische Erscheinung der Unsterblichkeit; sie selbst ist über allen Begriff, wie sie für unser Leben über allen Zweifel ist. So kann ich nach 1 ½ Jahren noch sprechen: Warum sollten wir <li. Rand> nicht die Kraft finden, gesund zu werden? <Kopf> Mit herzlichen Grüßen Ihr Eduard Spranger.