Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. Juni 1904 (Charlottenburg)


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9.6.04.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Die Antwort auf Ihren freundlichen Brief beginne ich mit der Diagnose, daß es Ihnen besser geht und bald ganz gut gehen wird. Denn Ihre Nachrichten hellen sich stets gegen Schluß so auf, daß ich sehe: Ihre Depressionen haben keine anderen Ursachen als meine: die bald so schlimmen, bald so grenzenlos dienstwilligen Nerven eben des - heutigen Menschen. Sie glauben, eine leichte Stimmhinderung von der Operation behalten zu haben. Darf ich urteilen, so fand ich gerade in dem Ton dieser Äußerung ganz meine Art wieder, wenn ich mir die unheilbarsten Leiden mit tiefem Ernst zuschrieb, woran ich doch schon in der nächsten Minute frischerer Stimmung nicht mehr glaubte.
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| Und ich habe leicht zu prophezeien, wo ich von Ihrem Bruder höre, daß er persönlich die gleiche Überzeugung gewonnen hat. So versicherte mir ein bekannter Oberlehrer bei Beginn seiner Laufbahn, er werde nie 2 Stunden Unterricht geben können, in seiner Familie sei der Kehlkopfkrebs erblich, er fühle sich stets heiser etc. etc. Derselbe Mann hat 5 Stunden hintereinander ohne Mühe gesprochen. Ich selbst, wenn ich sehr abgespannt bin, spreche so leise, daß kein Mensch mich versteht und gegenseitige Reizung die Folge ist. Das habe ich beinahe täglich; wenn ich aber im Auditorium spreche, versteht man mich vorzüglich, und es strengt mich nicht einmal an. Daß Sie aber nach der Operation dergleichen nervöse Beschwerden noch viel stärker empfinden müssen und fürs erste vielleicht auch noch empfinden werden, ist doch
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| nur natürlich.
Ja, die Nerven! Ich möchte ohne sie nicht leben. Was ich genieße gerade durch diese Reizbarkeit, kann keiner ahnen. Wenn Tage kommen, wo mich das Metaphysische in seiner Fülle geradezu quält und die Reflexion vergeblich gegen die Leidenschaft kämpft - denn eben an die Leidenschaften heftet sich das Metaphysische, und es wird da so erdnah, so wild und manchmal wesensfremd, daß ich es Ihrem etwas zu einem kleinen Philistertum neigenden Bruder nie sagen würde - dann habe ich das Gefühl, daß das Leben unendlich pulsiert, und was ist höher! Manchmal scheint es mir, als sollte das Leben überhaupt nur so sich verzehren, bald so, bald so, hin- und hergeworfen, ohne Bewußtsein des Ziels und ohne Einheit der Richtung. Das kann nicht sein. Aber verachten möchte ich auch den, der aus Armut nie die Größe des
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| Werks erfuhr, sich zur Einheit zu machen. Nur wenn die letzten Tiefen sich aufregen, kann die Mischung gut werden. Wozu sonst das lange Suchen? Der kategorische Imperativ thut's freilich nicht. Sondern der Kunstsinn des universalen Menschen, der die Zügel in der Hand behält, und doch keine Kraft als absolut wertlos unterdrückt. Dies ist der Neuhumanismus, die einzige Philosophie außer Platos, an der ich nicht auszulernen gedenke.
Es giebt Menschen, denen das Metaphysische nie bewußt wird. Verstandesmenschen lernen es nie aus erster Quelle kennen. Deussen sagt einmal, wenn es Begriff u. Worte gefunden habe, sei es eigentlich schon weg. Wo das Lebens so recht ungebändigt sich regt, ist es da, und doch eigentlich nur für den, der es nun nicht zu leben vermag, sondern sich an die Stirn schlägt und fragt: Woher und wohin? Der Maler kann die Natur in ihrer offenbarungsvollen Schönheit festhalten u. in sich gestalten. Ich bekomme sie nicht in
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| mich hinein; sofort taucht die Frage in mir auf: was will sie? Dann arbeitet die Reflexion weiter, bis der erste Eindruck zu nichts verflüchtigt ist und Ruhe eintritt - bis zur neuen Erregung. Also ein Streben nach Herrschaft, wie Schelling sagt: ein unendlicher Trieb, in dem sich das Leben verzehrt, ohne je zum Ziel zu gelangen. "Zum Universum möcht' ich mich erweitern", das geht mir seit Tagen wieder durch den Kopf, und dann kommt ein Vegetieren, ohne Hoffnung und Mut. - Wie nun gar, wenn das eigne Schicksal es ist, das die Frage nach Sinn und Sein an uns stellt? Könnte ich Ihnen da raten wollen, so müßte ich unwahr sein und mit einem Besitz prahlen, den ich nicht habe. Nur den einen habe ich, meine Pädagogik: zu geben, was mir geworden ist an Jüngern und Ältern, der Natur helfen, daß es ihr besser gelingt. Da sitzt man dann am Markt und lauert auf Nachfrage, wie Sokrates, der nichts hatte und doch geben mußte aus innerer Überfülle.
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| Religiöse Naturen wirken ähnlich: Sie haben ein Gefühl für den Mangel, der ihrem Besitz entgegenkommt. Der Pädagoge hat selten die Freude, daß er einem bewußten Bedürfnis dient; er muß sich aufdringen, sich in mannigfacher Verkleidung einschleichen und von seinem Selbst opfern, auch wo er auf keine Ernte hoffen darf. Dies Wirken ins Unbestimmte, in die nie entschleierte und verstandene Zukunft ist sein Glück und sein Leid.
Und das hat auch auf meinen Briefstil eingewirkt; denn ich suche vergeblich den Ariadnefaden, der mich gestern durch dieses krause Zeug geleitet hat. Es ist besser, ihn abzureißen. Denn wer wollte sich aussprechen, wo wir uns selbst nicht verstehen? Dieses Alleinsein in der Tiefe der Individualität ist wie ein Blick in einen unendlichen Abgrund. Wer aus ihm emporsteigt, redet irre. Das werden
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| Sie verzeihen, wie so manchen Sprung und Riß in meinem Geschwätz.
Realer ist, was mir jetzt durch den Kopf geht: nämlich die Hoffnung, freilich nur die Hoffnung, Sie im Sommer auf der Durchfahrt durch Heidelberg wiedersehen zu dürfen. Das Neckarthal od. der Schwarzwald ist mein Ziel, wenn mich nicht das andauernde Mißbefinden meines Vaters auf einen näheren Ort verweist. In der Stiftsmühle mit Ihnen Kaffee zu trinken und Kuchen zu essen, ist etwas, was mir Heidelberg vom vorigen Jahr her noch schuldet; oder, wenn Sie zu einer weiteren Tour Mut hätten, der Speyrer-Hof mit dem gewundenen Weg, der soviel Gedanken weckt und noch immer zum Hintergrund meiner liebsten Träume gehört. So wird jede
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| Landschaft zu einem Stück Lebensbesitz.
Morgen werde ich voraussichtlich mit Herrmann und Ernst in Potsdam rudern. Wenn immer Sommer wäre, glaube ich, könnte man immer glücklich sein (?)
Prof. Troeltsch würde ich gern kennen lernen; er ist derjenige unter allen mir Bekannten, mit dem ich philosophisch am meisten übereinstimme. -
Das Wichtigste zum Schluß: nämlich der Wunsch, daß Sie jetzt bereits sich wieder so wohl und heimisch in Heidelberg fühlen, wie vor dem. Dies wünschte ich recht bald von Ihnen zu hören. Mit den besten Empfehlungen von meinen Eltern u. mit herzlichem Gruß
Ihr Eduard Spranger.