Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 1. Juli 1904 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 1. Juli 1904.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Auf meiner Karte hatte ich ganz vergessen, die mir von Fräulein Mauderer an Sie aufgetragenen herzlichen Grüße zu bestellen. Sie war im Frühling mit Frau Paulsen 8 Wochen an der Riviera, jetzt ist sie mit I[über der Zeile] ihrer Mutter nach Starnberg gefahren.
"Wer da mitwandern könnte" ist jetzt meine tägliche Melodie. Zwar brauche ich nur selten nach Berlin, sitze unter Rosen und Palmen auf meinen Balkon gebannt und schreibe Folioseiten, bis sie von oben begossen werden und ich in den Grunewald flüchte. Ich war - und freue mich, daß ich es konnte -, so sehr auf meine Sache koncentriert, daß ich nur dafür existier
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|te. Ich bin daher für viele leider recht langweilig gewesen, freue mich aber, daß ich Gelegenheit gefunden habe, mit Hermann die philosophische Welt ex ovo zu konstruieren, wobei wir uns sehr gut verständigt haben, nämlich dahin, daß er Metaphysik will und ich keine. Wenigstens will ich keine andere als die, die alles ausdrückt, was mir das Leben offenbart; in dieser Art, als modus vivendi aufgefaßt, wird sie denn freilich unvermeidlich sein.
Da mit Genehmigung der "Gegenwart" der "Hölderlin" noch einmal in der "Propyläen" erscheinen soll (- und hoffentlich auch mit Ihrer?), war ich beinahe in Versuchung, die harmlosen Worte "- und für wen nicht?" wieder wegzustreichen. Daß man sie mir immer wieder vorrückt geht noch. Aber neulich hat gar ein alter, sehr ge
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|lehrter Lehrer von mir daraus entnommen, daß ich die Philosophie nun dick bekommen hätte und zur Historie umsatteln wollte. Diese Unterhaltung hat mich nicht nur sehr amüsiert, sondern ich habe einen alten Gedankengang neu verfolgt und in 2. Potenz gefunden, daß Philosophie Dichtung ist. Ich habe in letzter Zeit viel mit alten Leuten über solche Fragen gesprochen; immer wieder den typischen Quietismus, den Glauben an universelle Notwendigkeit und den Zweifel an jeder erziehlichen Wirkung persönlichen Lebens gefunden. Dies hat an seiner Stelle seine Wahrheit. Denn wer da glaubt, daß die Wahrheit nur eine sei, ist rückständig. Mit dieser Anschauung aber kann die Jugend nicht leben. Sie muß sich blind machen gegen das zu frühe Auftreten dieser Überzeugung. In den Idealen schafft man sich die Welt, wie man sie zum Leben braucht, das ist die dichterische Mauer, mit
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| der man sich vor zu großer Klugheit schützt. Und auch dies hat seine teleologische Notwendigkeit u. Wahrheit. Wenn Erziehung nicht möglich ist, wozu sollte ich leben? Sie muß möglich sein, d.h. ich muß leben, sub specie ihrer Möglichkeit, wie jeder Mensch unbewußt sub specie aeternitatis lebt, wie Hölderlin sub specie des Schönen lebte. Sehr schön sagte mir ein tiefsinniger Freund, als ich zweifelte, ob man ein Recht habe, sich der sozialen Arbeit zu entziehen: "Wir dürfen unsern Willen durch Mächte, die über unsere Kraft gehen, nicht brechen lassen." Wer aber so denkt, darf nicht mehr behaupten, daß er den Realitäten allseitig gerecht werde: er nimmt sich sein Teil heraus und macht es für sich zurecht. So sagte mir auch einer von jenen Alten: "Ich kann Ihre Kreise nicht stören. Sie müssen Ihre Entwicklung selbst durchmachen: "Nur der Irrtum ist das Leben." Das stimmt dann aber wieder zu meiner Ansicht, daß die Philosophie vor allem eine Lebensfunktion zu erfüllen hat.
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| und noch besser stimmt dazu, was Sie über die individuelle Überwindung des Relativismus sagen. Das unterschreibe ich Wort für Wort. Es ist echte, wahre Philosophie.
Bei meiner Arbeit, die jetzt im Juli wohl die 200. Foliospalte und damit den Schluß des bereits sehr durchgefeilten Entwurfs erreichen soll, bin ich jetzt auch an dem eigtl. philosophischen Punkte angelangt und freue mich über das Neue, das mir aufgeht, um so mehr, als es ganz u. gar Resultat der Untersuchung selbst und nicht vorgefaßter Meinungen ist. Besondere Freude machte es mir, immer wieder herauszuarbeiten, daß die Geschichte ein zweites, weiteres Leben ist, das die Menschheit über dem engen Jetzt erbaut. Dann die eigenartige Mischung des immer gleichen Menschen mit dem Fluß der Verhältnisse, dies Aufblitzen der Ewigkeit
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| im scheinbar so zufälligen Individuellen. Dann wieder das rein Logische: das Typisieren der verwickeltsten psychischen Beziehungen, das Herausarbeiten der Individualität, das künstlerische Zusammensehen des Einzelnen und Zerrissenen. Vor allem aber Droysens flüchtiger Satz, daß der Mensch erst im Verstehen anderer und im Verstandenwerden von Andern Totalität wird, wodurch ich auf ganz neue Gedankenreihen geführt bin, und endlich das Vergnügen., in der historischen Arbeit überall das Interesse der Gegenwart, das unbewußt treibende, herauszulösen; eigentlich wäre es mir jetzt egal, wenn die Gelehrten die Sache nicht "genügend" fänden. - Übrigens habe ich nebenbei noch eine [über der Zeile] kurze Entgegnung auf einen flachen Artikel gegen
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| Paulsen im letzten Kunstwart geschrieben, zweifle aber, ob sie berücksichtigt wird. - Wenn der Deutschland-Artikel nicht bis zum Oktober erscheint, kann ich den Vertrag kündigen und mein Heidelberger Produkt dann wenigstens in den Propyläen erscheinen lassen, um den Kreis der Aufsätze gegen den Ästheticismus zu schließen. Denn Aktivität allein erhält gesund und glücklich, und deshalb freut es mich, daß Sie die schreckliche Zeit erzwungener Unthätigkeit so bald überwunden haben.
Große Wünsche äußere ich nicht gern laut: Wenn sich doch der Heidelberger Plan realisierte! Weiter als nach dem nördlichen Schwarzwald möchte ich nicht gern. Wissen Sie vielleicht einen geeigneten Ort? Ihre Gründe gegen das Neckarthal leuchten mir ein. Ich ginge nach Thüringen [über der Zeile] oder dem Rhein, wenn ich nicht Heidelberg, falls nur irgend möglich, berühren möchte. Allenfalls
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| wäre es vom Rhein aus auch zu erreichen. Eigentlich hatte ich gehofft, mit Hermann zusammen irgendwohin fahren zu können.
Wenn ich in 4 - 5 Wochen das Glück haben sollte, mit Ihnen zusammensein zu dürfen, sollen Sie mir auch sagen, ob man einen Menschen, der mit guten Anlagen in ein solides Bürgertum hineinsteuert, aus seiner Sphäre herausreißen und ihm das Gefieder der Seele wachsen lassen darf? Ich habe das Gefühl, daß man es nicht darf, obwohl ich es könnte.
Möge Ihre Gesundheit sich weiter kräftigen und alle Krisen bald vergessen sein! Ich bin mit den besten Empfehlungen von meinen Eltern und mit herzlichen Grüßen
Ihr
Eduard Spranger.