Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 29. Juli 1904 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 29. Juli 1904.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Ist dieser Sommer nicht herrlich? ein rechter Nährboden für Optimismus und Thätigkeit, nur nicht für Gras, das ist im Grunewald lange weg; er sieht jetzt ganz so aus wie die Breysigsche Geschichtsauffassung, und ich muß mich vor Verwechslungen hüten.
Es thut mir leid, daß Ihr Elgersburger Projekt nicht zustande gekommen ist. Wahrscheinlich war es Ihre Freundin, die Sie nach Norden zog; denn sonst möchte ich Heidelberg mit Thüringen nicht vertauschen. Mit ein wenig Egoismus freue ich mich jedoch, daß Sie mir nun vielleicht erlauben, am
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| Nachmittag des 5. August bei Ihnen anzuklopfen? Mein Plan steht nunmehr fest, und nur besonders ungünstige Umstände könnten meine Ankunft in H. um einen halben Tag verspäten. Besonders freut es mich, daß ich hoffen darf, Sie wieder in voller Gesundheit anzutreffen; mögen meine Erwartungen in dieser Hinsicht noch übertroffen werden!
So geistig ausgehungert, wie voriges Jahr, werden Sie mich nicht finden, wo ich 3 Wochen nur in Monologen gedacht hatte. Mir ist als hätte ich in diesen Sommermonaten um 100 ko an Schaffensfreudigkeit, Selbstvertrauen und Zuversicht für den Erfolg zugenommen. Trotz gelegentlicher barometri
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|scher Depressionen habe ich Erstaunliches leisten können. Mein Reisegewissen ist geglättet: die Arbeit liegt fertig da, und sie erfüllt die höchste Bedingung der Produktion, über die wir sprechen müssen: sie wirkt objektiv auf mich selbst zurück. Sie erscheint mir nicht wie meine Arbeit, sondern wie die Darstellung der Sache. Was noch zu thun ist, besteht nicht mehr in der subjektiven Selbstbelehrung, sondern liegt im Objekt vorgebildet. So ist es mir z.B. gelungen, die starke antiwissenschaftliche Tendenz, die meiner zufälligen, subjektiven Natur angehört, fast ganz zu überwinden und überall das dem Wissen erreichbare zu betonen. Dies habe ich dadurch bewerkstelligt, daß ich mich von Dilthey möglichst losmachte und so heterogene Naturen wie Mill, Paulsen, selbst Lamprecht möglichst tief auf mich wirken ließ.
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| Stundenlang könnte ich Sie mit der Fülle des Neuen belästigen, was mir dabei aufgegangen ist und vielleicht überhaupt wissenschaftlich neu ist. So hat sich mir das teleologische Prinzip ganz in den Vordergrund gedrängt, und ich bin erstaunt, was es mir allenthalben geleistet hat.
Dabei nun hat mir das glänzendste Dokument objektiver Produktivität, das wir Deutschen besitzen, halb unbewußt größartige Dienste gethan: Goethes u. Schillers Briefe, die ich dem mir noch immer unbekannten Bielschovsky als Lektüre weit vorgezogen habe. 3 Bände habe ich fast hintereinander gelesen. Sie glauben nicht, wie das reich macht. Dieser gesunde, tief realistische Zug, diese Universalität und Tiefe! Schreiben kann man darüber überhaupt keinen Brief, sondern nur Abhandlungen. Vielleicht aber bedeutet das vorläufig meinen Abschied von der Litteraturgeschichte u.
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| die längst dringend notwendige Rückkehr zur Sozial-, Wirtschafts- u. Verfassungsgeschichte. Die soziale Funktion der Philosophie muß geklärt werden; sonst kommen wir zur Herrenmoral u. dergleichen Unwirklichkeiten.
In einem Aufsatz von Simmel, den ich Ihnen hoffentlich in H. zeigen kann heißt es: "Die Philosophie ist das Ganze der Welt, gesehen durch ein Temperament."
Eine Vorarbeit negativer Art dazu ist seit Wochen an die Propylaeen eingesandt und muß demnächst erscheinen. Ich glaube, sie wird Ihnen nicht unsympathisch sein. Dieses Blatt ist übrigens recht untergeordneter Natur (wie Beilage zur Täglichen Rundschau), hat aber den Vorzug, daß es meine Beiträge unbesehen nimmt und sehr gut honoriert, so daß ich dafür Straßburg zu sehen hoffe.
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| Da die "Gegenwart" die Bedingung der Quellenangabe gestellt hat, wird der "Hölderlin" wohl nicht dort erscheinen können.
Über das Verhältnis des Religiösen zum Tragischen habe ich nachgedacht. Auch einen Abschnitt über das Religiöse in der Geschichtsphilosophie in meine Arbeit eingefügt. - Über das Verhältnis von Kunst u. Geschichte habe ich bei Aristoteles glänzende Beobachtungen gefunden, über die wir uns unterhalten müssen.
Sollte Ihnen Hamann einmal in die Hand kommen, so widmen Sie diesem merkwürdigen Cyniker u. Bibelgläubigen einen Blick. Das war einer von denen, die mit dem Metaphysischen rangen und kämpften und die in der Sprache den eigentlichen Feind des
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| Tiefsinns sahen. Wieder eine unendliche Fundgrube; aber man darf sich der Receptivität nicht zu sehr überlassen. -
Paulsen hat meine Resultate acceptiert; auch sind einige vorsichtige Andeutungen über Habilitation gefallen. Doch habe ich das Gefühl einer großen sachlichen Differenz, und die persönlichen Schwierigkeiten würden für mich in Berlin so groß sein, daß P. allein mich wohl nicht durchbringen könnte. Daß ich mit Dilthey nicht in Verbindung geblieben bin, ist aber wohl für meine selbständige Entwicklung von großem Vorteil.
Ernst ist verreist; seine Anhänglichkeit, die sich in auffallend häufigem Schreiben äußerte, überraschte mich. - Mein Freund K., der ein großer Hußschwärmer ist und mich mit einem ganzen Hußmuseum ausgestattet hat, hat sehr inter
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|essante Traktate von Huß entdeckt, die ich Ihnen s. Z. mitteilen werde. Übrigens ist er m.E. geschichtsphilosophisch auf einem besseren Wege als Tröltsch, den er entfernt persönlich kennt; T. wird sicher von den Hegelianern und Kantianern allmählich absorbiert werden.
Dies letztere gilt längst von unserem Hermann. Ich kann mich wissenschaftlich kaum in einem Punkte mit ihm einigen. Wir haben beide eine Neigung zum Schulmeisterlichen, schätzbare Eigenschaft, doch bei gegenseitigen Verhältnissen nicht sehr fruchtbar. Könnte er sich doch von dieser ständigen, fast hausväterlichen Peinlichkeit freimachen. Diese Art von Reflexion muß ihn um allen Genuß der Jugend bringen; es macht fast den Eindruck, als wäre er unablässig besorgt, sein Hauswesen zu bestellen. Dilthey
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| ist ihm ein Dorn im Auge, wie ich durch Dritte erfahre. Zu mir selbst sagt er garnichts über ihn, und ich habe beständig das Gefühl, als müßten alle meine Ansichten ihn kränken; da er sich aber nicht äußert, so kommen wir nicht weiter. Kann ich es einrichten, so komme ich auf der Rückfahrt durch Cassel (das ich übrigens kenne.) Auch ihn selbst glaube ich als Menschen durchaus zu verstehen, und ich ehre sein entschiedenes Wertgefühl. Daß er es aber mit Hegel in Verbindung glaubt und im Gegensatz gerade zu der Philosophie, die mir vorschwebt, scheint mir ein Irrtum. Kant und Fichte würden ihm ganz dasselbe leisten. Er ist eben Ethiker durch und durch, doch ohne sich der Stärke dieses Standpunktes und seiner philosophischen Bedeutung
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| bewußt zu sein. So ist z.B. seine historische Bildung für ihn kein lebendiger Besitz, außer allem Zusammenhang mit seinem Wollen. Mit der muß sich aber der Ethiker auseinandersetzen. - Unser eigentlicher Differenzpunkt ist aber der Verein, nicht die Metaphysik. Der Verein Ethos ist mir im höchsten Grade antipathisch, wie alles Vereinswesen, besonders das akademische. Deswegen und aus vielen anderen Gründen habe ich den Eindruck, daß er sich nicht nur über mich ärgert, sondern daß ich ihm bisweilen verdächtig bin. Es ist merkwürdig, daß keine Aussprache uns verständigt. Ich bedaure es sehr, auch deshalb, weil es ihn hindert, an meiner und meines Freundes guter Laune teilzunehmen und seine Sorglichkeit bei unsern Partien zu Hause zu lassen. Ich
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| appelliere also an Sie und hoffe, daß es Ihnen gelingt, wo Sie uns beide besser kennen als wir uns gegenseitig, uns den Punkt zu zeigen, an dem es liegt. Sagen Sie vor allem mir, woran Sie glauben, daß Hermann Anstoß nimmt, und worin ich mich zu ändern habe.
Der Stoff ist lange nicht erschöpft; aber die Hand. Sie würden mich glücklich machen, wenn Sie mir schrieben, ob ich Sie am 5.VIII. zu Hause zu treffen hoffen darf. Bis dahin grüßt Sie herzlich, mit den besten Empfehlungen von meinen Eltern
Ihr
Eduard Spranger.

Freudenstadt ist mein Ziel!