Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 10. August 1904 (Freudenstadt)


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Freudenstadt im Schwarzwald, Murgthal-Str. b. H. Hosch
10.VIII.04
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Noch ganz erschöpft von der Gründung meines eignen Hausstandes, schreibe ich Ihnen mit diesem von Ihnen so freundlich gespitzten Blei! Ich bewohne hier ein Gärtnerhäuschen am Abhang, u. sehe von meinem Eckzimmer aus in ein reizendes Thal aufwärts u. abwärts. Es ist das letzte Haus der Stadt, dicht an Wald und Wiesen, also ganz Natur, man könnte hier schwelgen, nur ich weiß nicht, ob ich dazu lachen oder weinen soll. Wochenlang in so einen Winkel gesetzt, mit der Verpflichtung nichts zu thun, täglich so viel Amüsement zu suchen, als Thal x Thahl y u. Höhe 2 bieten - das kann
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| man doch eben nur als Medicin hinnehmen. Wenn man das Ganze als scenischen Hintergrund für irgend eine Arbeit betrachten könnte, hätte es noch einen Sinn. Indessen es hat so vieles keinen Sinn.
Die Luft ist hier auffallend kräftiger, auch die Gegend nach meinen Begriffen schöner. Man sieht nicht bloß die Alpen, sondern auch wieder mal einen Juden. Besonders die Fahrt von Alpirsbach an war unbeschreiblich schön. Das Städtchen hat echt württembergischen Charakter, einen interessanten Markt, dessen Häuser mit ihren Vorhallen einen geschlossenen Arkadengang bilden, an d. einen Ecke steht die merkwürdige Doppelkirche: <Skizze: Anweisung Kirche u. Turm>
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| Es ist staunenswert, überwältigend, tiefsinnig.
Um nun auch aus diesem mürrischen Zustand einen bleibenden Nutzen zu ziehen, will ich hier den Rückgang zur Sozialgeschichte, von dem ich Ihnen schrieb, anzubahnen suchen. Ich will mich selbst als Objekt benutzen, um zu sehen, was das für ein merkwürdiger Mensch ist, der "über sich selbst zum Bewußtsein gekommen ist" u. der über den Pfirsich reflektiert, statt ihn zu essen. Da ich nicht glaube, daß es ein objektives Bewußtsein über die Welt giebt, so muß ich das philosophische Streben von vornherein als eine eigentümliche Art ethischer Produktivität auffassen. Doch kann es sich nicht in erster Linie um Selbstkultur handeln, sondern es muß damit eine soziale Funktion verbunden sein. Welche ist das? Wenn ich hier die guten Leute
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| ringsum sehe, denen ich noch nicht soviel zu geben vermag, wie sie von mir erwarten, nämlich die Sentenz, daß dieser Sommer trocken ist, die mich mit Recht verachten und die wir bisweilen doch erst durch eine längeren theoretischen Umweg achten, so kommt [über der Zeile] mir das Sokratische "Leben in der Philosophie" recht oligarchisch vor. In Griesbach habe ich vielleicht schon einiges heraus; denn daß ich jetzt so ein Griesgram bin, scheint mir ein Wink, wie voriges Jahr u. stets meine pathologischen Zustände nutzbar zu machen für die Selbsterziehung.
Möge Ihnen die Scene "Wald und Höhle" auch diesmal reinen Genuß bringen. Eigentlich sollte ich Ihnen böse sein, daß Sie durch die Contrastwirkung Heidelberg - Freudenstadt mich in ein Flensburg versetzt haben. - Wenn ich einmal nach G. kommen darf, sobald Sie sich dort eingelebt haben, würde ich sehr glücklich sein.
Herzlichen Gruß Ihr Eduard Spranger.