Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 13. August 1904 (Freudenstadt)


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Freudenstadt, den 13.VIII.04. Abends.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Ich war heute sehr nah bei Ihnen, und als ich zurückkehrte, fand ich, erst nach Ihrer freundlichen Karte, Ihren lieben Brief, der mir als Kommentar zu vielen Fragen, die mich diese Zeit über unausgesetzt beschäftigt haben, sehr willkommen war. Daß ich in H. gedrückt erschienen sein soll, kann ich mir garnicht denken. Gerade weil ich mich dort so selten glücklich fühlte,*[li. Rand] * Dies ist philologisch leider doppelsinnig ausgefallen. kam das Gedrückte hinterher. Äußerlich kennen Sie mich wohl doch zu wenig; zwei Register guter Stimmung habe ich: das eine ist Sarkasmus u. Straßenjungenlaune, das andere, bessere, spielt nur dann, wenn meinem heißen Blute Mäßigung getropft wird und ich das Gefühl habe, eine mehr nach innen gelegene Seite hervorkehren zu können. Aber ist es nicht merkwürdig, daß ich diese Tage
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| immer geglaubt habe, daß Sie, vielleicht ohne es sich selbst zu gestehen, einer bedenklich schwermütigen Neigung huldigen, daß Sie, indem Sie der Einsamkeit nachgeben, vielleicht gefährlicher daran sind, als ich, der ich sie künstlich vermeide. Ich würde darüber nicht gesprochen haben, aber diese Gegenseitigkeit ist doch zu überraschend. Wer war es, der den Friedhof in H. mit Vorliebe aufsuchte; und weiter: die Ziele Ihrer Ausflüge sind sehr schön, sehr - "lohnend", aber sie bevorzugen das Unbestimmte der Landschaft, das, dem sich die eigne Individualität ganz aufprägen läßt, während ich z.B. allein diese Wege nicht machen würde, sondern bei dem freundlichen Neckarthal mit seinen belebenden Bildern u. menschlichen Charakterzügen bleiben würde. Dies Unbestimmte ist das, was mich am Schwarzwald, trotz seiner unleugbaren Schönheit, enttäuscht. Dazu kam bei
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| mir, daß ich seit 8 Tagen von meinen Eltern nichts gehört hatte, - woran ich garnicht gewöhnt bin - , und ferner, daß ich mit meinen Freunden, meinem eigentlichen Existenzboden, noch ohne Verbindung war. Das ist seitdem hergestellt, und nun bin ich den ganzen Tag beschäftigt, über das, was man mir schreibt, nachzudenken; fühle mich also insofern garnicht einsam. Bei mir ist es etwas anderes, was mich am Vegetieren hindert. Einmal daß ich als konsequenter Goetheaner wohl Abwechselung am Lernstoff gesund finde, aber seinen Mangel nicht ertragen kann. Dann die erwähnte, innormale Richtung auf das Metaphysische. Wenn ich ein Dorf im Thal liegen sehe, wenn ich
"betrachte, wie in Abendsonneglut
die grünumgebenen Hütten schimmern",
so kommt mir sofort die Frage, wozu ist das alles, welcher Sinn in dem Leben drunten, welcher Sinn in Dir?
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| Dann springe ich auf und renne fort. Weshalb? - Wegen der faslschen falschen Fragestellung. Denn wer von außen sieht, in bloßer Betrachtung, ergründet nichts. Aber wer mit diesen Menschen drunten lebt, kämpft u. sich freut, der sieht die Innenseite des Lebens. Na, und das giebt es bekanntlich weder bei Gebrüder Stock noch auf der "Schönen Aussicht" und sonst. Um aber die Leute aufzusuchen, fehlt es mir an Gewandtheit u. Gelegenheit. Das ist doch alles ganz normal; das besondere ist bloß das, daß ich es Ihnen schreibe, während ich es früher bloß dem Erfurter Träumer geschrieben habe. Aber meine Gedankenarbeit dreht sich ganz um d. aktive Philosophie, und unterwegs hatte ich die Absicht, Ihnen die Resultate des heutigen Tages jetzt mitzuteilen, wozu ich aber nicht mehr komme.
Den Wert Ihrer Freundin können Sie nicht zu hoch schätzen. Was zunächst als glückliches Temperament erscheinst, ist hier inneres, kernhaftes Wesen.
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| Auch mich hat es sofort belebt und aufgeschlossen; ich war nicht ohne Furcht. Denn am Tage vorher hatte ich es erst an mir erlebt, dass ein missglückter Übergang mich geradezu in Holz verwandelt, und es wäre mir peinlich gewesen, hätte ich in Ihrer Gegenwart durch mein ungelenkes Wesen eine neue Neckarbrücke gezimmert. Vielleicht ist es keine vergebliche Hoffnung, dass ich bei der Rückreise in H. noch einmal persönlich meinen Dank sagen darf. - Allerdings hatte ich den Eindruck, dass der Optimismus z. Z. ganz auf der Seite Ihrer Freundin war; doch schienen Sie mir zu meiner Freude ebenfalls z. Z. nicht ganz unabhängig. Das ist beinahe Hegelisch ausgedrückt; wenn von solchen Dingen die Rede ist, fürchte ich im Stillen Hermanns Tadel. Man kann aber nicht immer wieder dazu sagen, daß das Interesse an den subjektiven Beziehungen nur um des Objektiven willen, das aus Ihnen hervorgeht, wertvoll ist. Das beschäftigt mich jetzt theoretisch sehr, nämlich der Zusammenhang v. Individualismus,
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| Mysticismus u. persönlicher Ethik. Der Aufs. v. Simmel ist darin sehr lückenhaft. Er wäre zu ergänzen durch die Bestimmung des Verhältnisses v. sozialer Arbeitsteilung u. Philosophie. Doch diese Überschriften nützen nichts.
Hier habe ich in 6 Tagen 7 Tagespartien gemacht, kenne schon die geheimsten Schliche, nur noch nicht die Scene des Kurlebens. Wenn ich eine Trompete hätte, so wäre ich ein Automobil; auch habe ich mir ein Kilometerheft angelegt, das ich jeden Abend von meiner Wirtin abstempeln lasse. So habe ich auch sämtliche Wege nach Griesbach ausprobiert. Erst den direkten, über die Höhen; (Kastelstein etc.) mit glänzendem Fiasko und einigen gebrochenen Gliedmaßen. Dafür entschädigte mich das liebliche Klösterle. Heute war ich bis zur Alexanderschanze; doch stieß ich dort auf derartig schlechte Verpflegung, daß ich mit Grausen über den Kienberg (wundervoll) nach mei
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|nem lieben Baiersbronn zurückwandte. Dort wäre ich an einem kalten Aufschnitt beinahe gestorben. Indessen ...... das ist weder das "Ding an sich", noch etwas Metaphysisches. - Fahre ich mit der Post, so kann ich gerade 5 Mittagsstunden in G. sein, und was Sie vom Hôtel schreiben, ist mir höchst widerwärtig, wennschon ich von meinen Knabenjahren her daran gewöhnt sein sollte. Ob es Ihnen unter diesen Umständen genehm ist, mich en touriste bei sich zu sehen, ist mir zweifelhaft. Haben Sie Mut, so habe ich ihn auch, jedoch unter einigen formlosen Bedingungen. Ich komme zu Fuß über den Kniebis und gehe am nächsten Tage ebenso zurück. Mahlzeiten und Logis wähle ich in einem nicht zu steifen Hôtel. Und dann darf ich vielleicht hoffen, den Nachmittag, sollte es Ihnen nicht lästig sein, etwa auch den nächsten Vormittag mit Ihnen im Walde zu vegetieren. Die Tage wollen Sie gütigst
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| bestimmen: denn vor mir sind alle Tage gleich. (etwas Berlinisch, nicht?) Oder aber ich gehe hin zu Fuß, genieße mit Ihnen das Glück der Table d'hôte, und fahre um 5 mit der Post zurück. Da wir neulich hier im Thal nachts einen Brand hatten, der v. meinem Fenster herrlich aussah, ferner eine italienische Nacht, so habe ich für d. 1. u. 2. Gang schon ein Tischgespräch. Auch will ich rasch noch was lesen.
Die Quellen rieseln vor meinem Fenster. Eichendorff kommt mir in den Sinn: "Wenn die Brunnen verschlafen rauschen" "Wer da mitwandern könnte in der lieblichen Sommernacht!" O non, ich danke bestens, meine 25 km sind mir für heute testiert, die Lampe brennt trüber, der Geist auch, und so scheide ich von Ihnen mit der Bitte um freundliche Antwort und mit herzlichem Gruß
Ihr Eduard Spranger.

[li. Rand] Mir ist eingefallen, daß Sie über Kant etwas fragen wollten, das wäre <Kopf> etwas für den 3. Gang. Kalthoff zum Eis.