Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 18. August 1904 (Freudenstadt)


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Freudenstadt, den 18.VIII.04.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Daß mich auch diesmal der Abschied wehmütig gestimmt hat, will ich Ihnen diesmal verschweigen, damit Sie mir nicht wieder beweisen, es müßte nicht sein. Gemischt mit dem Ärger, der mich hier bei der Heimkehr erwartete, giebt das eine wunderliche Stimmung; es geht ganz bedenklich nach rechts unten und wird wohl nichts Vernünftiges werden.
Um also mit einer allgemeinen Sentenz zu beginnen, behaupte ich, daß das Schicksal wunderbar spielt. Mein erstes Gefühl war die Sehnsucht nach Herrn Stocks Fleischtöpfen, als ich auf der Alexanderschanze eine Stunde auf jämmerliche Verpflegung warten mußte, und ich wäre
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| abermals gestorben, wenn Sie nicht so freundlich für Wegzehrung gesorgt hätten. Nur die Preiselbeeren (so steht es im Blättchen (?)) entgingen meinem Vandalismus. Auf der Württembergischen Chaussee staubte es, was ich aber, mit meinen Gedanken beschäftigt, garnicht merkte. Doch habe ich an der Sensationsschrift noch nichts gefördert; mir ging ein Märchen durch den Sinn von den leichtverwundbaren Seelen, für die die wirkliche Welt zu grobkörnig ist, so daß sie sich eine neue aus lichten und leichten Gedankenfäden schaffen müssen. Solche Gewebe reichen wunderbar vom einen zum anderen hinüber. Wie schön, wenn die Fäden sich treffen, ja selbst wenn man Knoten mit hineinverschlingt. Geht man dann auseinander, so sieht man zunächst nur das ausgefaserte,
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| unfertige Ende, wo der trennende Schnitt hindurchgegangen ist, und man hat gar keine Freude an dem unfertigen, nur halb erkennbaren Muster. Man möchte es sich gern objektiv machen; aber ich weiß noch garnicht so sicher - Hermann hört es nicht - ob das nicht eine Selbsttäuschung ist.
Nur das eine scheint mir gewiß u. bemerkenswert, daß nicht das Nachdenken befreit, sondern nur der unablässig ausspähende, wachsame Wille, der sich einem drückenden Zustande entgegenstemmt und so - vielleicht allmählich - den Weg zu einer wirklichen Befreiung bahnt. Ich bin zu unerfahren, um Ihnen raten zu dürfen; aber das ist so ein Dogma doch von mir, daß etwas derartiges möglich sein muß. Sie glauben doch auch an das große - nicht Natur- , sondern Geistesgesetz, daß es eine aktive Anpassung giebt, nicht bloß
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| eine passive.
Mit wahrer Freude habe ich eben meine Kurtaxe entrichtet, voll innigen Dankes, daß man mir dafür die Teilnahme am Kurleben erspart.
Nun aber habe ich noch eine Bitte, mit der ich Sie leider belästigen muß. Zuspät habe ich bemerkt, daß auf meiner Rechnung der Nachmittagskaffee vergessen worden ist. Würden Sie wohl die große Güte haben, das zu regulieren? Es ist kalt; der Wind heult, u. ich höre lauter Melodien aus der Winterreise heraus. Wir wollen aber die Saiten täglich neu stimmen, daß sie uns nichts anderes vorspielen, als was in unsern Noten steht; die malen wir munter in die Höhe mit großen Bogen u. lustigen Schwänzchen. Das wäre übrigens auch noch eine Frage, ob der absolute Geist musikalisch ist? Empfangen Sie herzlichsten Dank für die frohen u. wohlthuenden Stunden, die Sie mir noch bis zuletzt so aufopfernd bereitet haben, und seien <li. Rand> Sie herzlichst gegrüßt aus "Freudenstadt". Empfehlen Sie mich auch Ihren hochgeehrten Ver<Kopf>wandten mit dem verbindlichsten Dank Ihr ES.
[li. Rand S. 1] Mein Zimmer ist voll von Blumen, ob diese Probe hübsch ankommt?