Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 21. August 1904 (Freudenstadt)


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Freudenstadt, den 21. August 04.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Sie dürfen wirklich nicht mehr erwarten, daß in meinen Briefen was drinsteht. Ich habe mich so an die dialogische Form gewöhnt und bin auch so dankbar dafür, wenn des Morgens jemand mit mir redet, daß ich gleich antworten muß. Außerdem ist heute großer Ruhetag, u. die Epischtel des vorigen Sonntags war nicht derart, daß ich nicht vorzöge, während der Zeit selbst eine zu machen. Ihr lieber Brief ist eine reine Glücksendung; das Kleeblatt, die energische, kleine Feder u. sogar noch etwas in baar - na!
Nun aber raten Sie mir in meinen Feldherrnnöten; selten schreibt man mir; aber dann sind es meistens Marschordres, die selbst ein Kuropatkin nicht befolgen könnte. Mein Vater "glaubt sehr richtig zu vermuten", daß ich nach Wildbad komme. Ein alter Lehrer, eine stolze, große, einsame Natur, der aber um mich mit rührender Liebe besorgt ist, empfiehlt, nicht zu lange auf einem Punkte zu bleiben, sondern meinen Stock u. meinen Gott zu nehmen u. weiter nach Süden zu ziehen. Der Jude von Horb rät mir, den Lichtenstein zu besuchen: das Schenscht von
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| gansch Sieddeitschld! Die Ärzte sagen: "Bleibe an einem Ort u. nähre dich redlich." Das Letzte ist sicher das Beste, denn das Herumziehen mit täglichem Logiswechsel greift mich stets sehr an. Aber hier wird es von Tag zu Tag kälter, u. länger als 1 Woche wird es kaum etwas werden. Dann war mein Plan: 1 Nacht Triberg; 1 Nacht Straßburg ½ Tag Baden-Baden u. 1-2 Nächte Neckarthal zw. Heidelberg u. Hirschhorn, ev. Heidelb. selbst. So wird es wohl auch werden; denn Wildbad liegt sehr v. d. Route. Da würde mich Lichtenstein oder Freiburg od. Hohenzollern noch eher interessieren.
Ist man erst einmal gierig geworden, so ist auch Tübingen sehr notwendig u. - Nürtingen. Als ich gestern über dem Neckar im Walde lag, mußte ich an Hölderlin denken, der mir in dieser kurzen Zeit wie ein Freund geworden ist. Seine Jugendheimat zu sehen, hätte für mich einen großen Reiz. Aber es ist zu weit u. zu viel anderes liegt dazwischen. - Haben Sie übrigens gelesen, daß der Tübinger Philosoph Sigwart gestorben ist? ein Mann, dem ich viel
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| verdanke u. der in meiner Arbeit eine große Rolle spielt.
Horb hatte ich aufgesucht, um der Kälte hier zu entgehen. Natürlich wurde es nun bodenlos heiß. Aber ich bereue es nicht, sondern bin ganz entzückt davon, wennschon ich - ganz ahnungslos - daselbst unter die Juden fiel.
Mein Geist funktioniert heut sehr langsam, wohl kaum auf Grund der "polizeilichen Sonntagsruhe." Also möchte ich's mir bequem machen u. bitte Sie, als Kennerin der Entwicklungstheorie, mir für meine "Teleologie" zu sagen, wie viel Stücke für die Aufstellung eines Entwicklungsgesetzes gegeben sein müssen? und ob die Daten überhaupt erschöpft sind, wenn ich habe: Anfangszustand, Erfolgszustand und umgebende Bedingungen? Die Biologie als Wissenschaft wird die Antwort darauf haben.
Haben Sie vielleicht Schleiermachers 4. Rede inzwischen einmal angesehen? Dieses ganze Buch ist für mich Vorbild zu der geplanten Pädagogik, von der ich zu meinem eignen
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| Erstaunen sehr abgekommen bin. Vielleicht liegt es daran, daß die pädagogische Lebensgemeinschaft, die als Grundphänomen anzusehen wäre, mir in reiner Form noch immer nicht bekannt geworden ist. Was Sie neulich sagten, traf gerade jetzt auf guten Boden bei mir. Je mehr ich sehe, wie meine Protégés, wenn sie selbständiger werden, sich mir entziehen, um so weiter entferne ich mich selbst von der Kindlichkeit, die Rousseau vom Erzieher fordert, und unwillkürlich finde ich es ratsam, das unnahbare Prae im Umgang mit ihnen zu betonen, wodurch dann jeder Einfluß definitiv fortfällt. Andererseits ist die Thatsache, daß ich dieses Prae ungewollt bei gleichaltrigen Freunden genieße, vielfach für die Ungezwungenheit u. Gleichheit in diesen Verhältnissen störend. - Aber demungeachtet glaube ich durchaus für eine pädag. Laufbahn prädestiniert zu sein. An Anstalten, wo ein Alumnat ist, etwa Schulpforta, könnte ich wohl viel glücklicher sein wie als Privatdocent vor den Bänken der Utilität. Meine Gesinnungen übrigens sind in dem Maße staatsfreundlich, daß mir mit 70 Jahren die ordentliche Honorarprofessur sicher ist. - Indessen -. Wie denken sie über die Figur der Therese im Wilhelm Meister? Mir schien sie immer verwandt mit dem Antonio im Tasso, u. der ist mein erklärter Liebling. Doch genug von diesem Ragout; wenn die Karawane erst <li. Rand> hier ist, brauchen Sie gleiches nicht zu fürchten. Inzwischen atmen Sie die ganze Kraft <Kopf> dieser Wälder ein u. nehmen Sie sie mit! Herzl. Gruß Ihr E.S.