Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. September 1904 (Cassel)


Auf der Reise von Heidelberg nach Cassel
an Fräulein Hadlich

Die selbstgeschaffne Welt! Ein luftig Weben,
Ein Heimatsuchen auch am fernen Ort,
Ein andachtvoller Blick in fremdes Leben,
Ein stilles Schauen! Daß es sich zum Wort
So selten nur, so fern dem Wunsch gestaltet
Uns nur als Sehnsucht Harmonie durchwaltet!
Das selbstgeschaffne Ich! In wechselvollen
Gestalten scheint der Mensch dem eignen Blick;
Verschwiegen sagt er ungestümes Wollen
Und unvergessen alter Zeit Geschick:
Doch über allen Bilder thront das eine,
Das höchste, wahrste, unvergänglich reine!
Denn dies zu sein, das Größte, was er kann
Zieht wunderbar sein ganzes Sehnen an,
Und dankbar für die köstlichste der Gaben
Verehrt er den, der ihm den Weg enthüllt,
Und wie dem Ort, wo Wunderquellen laben,
Naht er ihm gern, von frommer Scheu erfüllt
Cassel, den 5. September 1904
Eduard Spranger

Laßt uns sammeln am Gefieder
für den Flug in ein unbekanntes
Reich. Wer weiß, ob nicht auch wir
Wandervögel sind?
[quer rechts]
1   Zur herrl. Erinnerung an Sommertage 1904
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