Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 6. September 1904 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, den 6.IX.04.
Hochgeehrtes gnädiges Fräulein!
Noch blühen die Blumen so dicht auf dem heimischen Balkon, von dem ich Ihnen wieder schreibe, und mir ist doch, als müßte es schon Herbst sein. Freudig angelangt und freudig empfangen; Gott sei Dank daheim alles wohl und außer einer Hochzeitseinladung lauter erfreuliche Sachen für mich bereit. Nur daß eine so schöne Zeit wiederum Vergangenheit geworden ist, erinnert an den unentrinnbaren Schmerz, der uns nicht freiläßt. Aber frische That u. tägliche Arbeit helfen auch darüber hinweg, und ich fühle, daß mir diese Reise nicht nur gesundheitliche Kräftigung, sondern auch eine psychische Reinigung gebracht hat. Ich glaube und hoffe, über Vieles gesunder zu denken
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| als früher, und will daran weiter arbeiten. Das schöne Wort, das Sie mir mit auf die Reise gegeben haben, soll die Grundlage dieser erstrebten neuen Epoche sein. Es spricht mir aus dem Herzen; denn das Selbsterschaffene ist alles; das genießende Hinnehmen ist nichts.
Ich habe nun das Glück gehabt, eine kurze Zeit im Kreise Ihrer verehrten Familie in Cassel zu verleben. Da ich vorher meine ganze Denkenergie auf die schnelle Aussprache mit Hermann verwandt hatte, war ich - wie stets am letzten Reisetage - sehr indisponiert und es hat großer Nachsicht seitens der Ihrigen bedurft. Die ungemein liebenswürdige, frische Natur Ihres Bruders Kurt fascinierte mich außerordentlich. Hermann spielte ein wenig den Hausvater, was er doch bei einer so liebevoll sorgenden und allseitig Wärme ausstrahlenden
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| Mutter, deren Güte auch ich in reichem Maße erfahren habe, garnicht nötig hätte. Wir sahen die Rembrandts (denn neben ihnen schweigt man v. Dyk u. Rubens) und Hermanns Bücherschatz, auch den großen dicken, fetten Allgeist, alias Hegel. Weit besser gefiel mir vis-à vis der von Ihnen gestiftete Mädchenkopf, der einen unmittelbaren Eindruck auf mich machte.
Mit Hermann hatte ich ein formell vollendetes platonisches Gespräch, das zweimal auf einen Holzweg führte, weil wir Hegels Begriff des Begriffs nicht definieren konnten, dann aber zum Ziel gelangte, als wir uns auf dem gemeinsamen Boden befanden: daß das Subjektive nie ohne objektiven Zshg, der objektive Zshg aber immer nur in subjektiver Einkleidung erscheine. Wenn Hermann an letzterem auch künftig festhält, sehe ich ihn deutlich
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| und schnell in unser Fahrwasser steuern. Er will suchen, "was in allen subjektiven Philosophien der objektive Kern ist." Worauf ich antworte, dass nach Goethe alle Menschen zusammen nur die Natur erkennen, alle Menschen zusammen nur das Leben leben. Um einen möglichst großen Umkreis von alledem zu erfassen, ist der Weg: Psychologie und Geschichte! Eine eigne dialektische oder metaphysische Methode ist m. E. ein Irrweg, der wiederum nur psychologisch verstanden u. gerechtfertigt werden kann. Auch wußte mir Hermann vorläufig Hegels Begründung der dialektischen Methode nicht anzugeben. Es ist ein großes Glück, daß der menschliche Geist eine so große Fähigkeit hat, das Falsche oder logisch erkünstelte so schnell wieder zu vergessen.
Nach meinen Begriffen führt der
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| Weg vom Gefühlsleben zur Festigung nur durch Aktivität, nicht durch Spekulation. In der Schule des wirklichen Lebens bildet sich die "wahre" Philosophie. Da wir beide in dieser Schule noch nicht ausgelernt haben - u. wer lernte sie aus? - geht unsere beiderseitige Philosophie auf Stelzfüßen, die dem Unbeteiligten komisch erscheinen müssen. Was ich suche, ist daher nicht in erster Linie ein System, sondern eine Lebensaufgabe. Es werden auch für Hermann Zeiten kommen, wo er über der Praxis Hegel vergißt. Ob man dann noch 140 M für seine Werke giebt, weiß ich nicht. Dann aber bildet sich vielleicht in ihm eine neue Philosophie. Denn große Philosophien entstehen nur aus großen Schicksalen. - Doch ist gewiß, daß Hermann u. ich uns künftig wenigstens
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| "psychologisch" verstehen werden. Schade, daß wir nun nicht "gesammelte Beiträge zu einer Philosophie auf realer Grundlage" gemeinsam herausgeben werden. Aber, wie gesagt, wir werden uns künftig verstehen. Und hoffen wir, daß es nicht der absolute Geist ist, sondern Ihr guter Geist, der auch ferner über unsrer Verbindung waltet. Durch alle unsre Differenzen ist diese gemeinsame Verehrung als erster gemeinsamer Ton hindurch geklungen. Möge er stets der Orgelpunkt bleiben!
Was ich Ihnen danke, pflegen Sie mir als "Redensart" schnell unter die Courantmünzen zu werfen. Lassen wir also die unzulänglichen Worte; ich vertraue auf das stille, schöne Fortwirken der Erinnerung und darauf, daß noch einmal schöne Früchte aus ihr emporreifen, die ihren lebendigen Ursprung durch lebendige
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| Kraft bezeugen. In gesunden Tagen berauscht mich die Fülle dessen, was vor mir liegt und geschafft werden kann. Schon heute scheinen mir meine Anschauungen ein ungefähres Ganze, eine bisher noch nicht ausgesprochene Ansicht des Lebens, kein System. Lassen Sie auch über dieses werdende Produkt ferner die Sonne Ihrer belebenden Teilnahme scheinen. Ohne sie wäre ich einsam, hilflos und stimmungslos.
Schon eine Etappe meiner Reise hat sich nachträglich als Abschied erwiesen: Mein Erfurter Herzensfreund ist nach Sondershausen versetzt worden. Doch wird er mir an allen Orten der nächste bleiben, für den selbst die Badstuben meines Innern (wie es in Jacobsens Niels Lyhne, sehr lesenswert!) heißt), geöffnet sind. Ein anderer lieber Freund leidet
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| an einer typhösen Krankheit, und ist doch einer von den Menschen, die lauter Sonnenschein verdienten, weil sie es selbst sind. Alles das bezeugt mir, daß wir weniger Beweise des Geistes, als der Kraft bedürfen. Denn der Wille regiert die Welt, nicht der Begriff!
Noch nachträglich hat es mich bedrückt, daß Sie mir Ihre Zeit so gütig u. gewiß manchmal über Ihre Kraft gewidmet haben. Denn so ruhig u. konzentriert ich hier bin, so geschwätzig u. aufgetaut werde ich in Ihrer Nähe. Hoffentlich haben Sie die Anstrengungen bald überwunden u. am Montag einen friedvolleren Gast bei sich gesehen. Auch meine Eltern beauftragen mich mit dankbaren Empfehlungen. Schelten Sie mir auch die einsamen Kiefern nicht; ich wenigstens habe auch dort die bekannten Fäden gesehen, die über den Schwarzwald hinüberreichen, keine Fäden des Herbstes, sondern des Frühlings, wie wir hoffen.
Ich bleibe in herzlicher Dankbarkeit und mit den besten Wünschen für Ihr stetes Wohlergehen Ihr Eduard Spranger.