Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 9. September 1904 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 9.IX.04.
Liebes Fräulein Hadlich!
Nur ein paar Begleitzeilen zu diesen Papieren und vielen herzlichen Dank für Ihren lieben Brief. Daß Sie Pläne schmieden, gefällt mir sehr, und ich hoffe s.Z. davon zu hören. Schon das Bewußtsein, aktiv zu sein, wirkt belebend und erhebend. Man staunt dann selbst über das, was man - angeblich "noch" - kann und wird bald vom Objekt mehr getrieben, als man aus eignem, bewußtem Willen hinzufügt. Der Künstler, der eigentlich zu seinem Werke nur einer bestimmten persönlichen Verfassung bedarf u., sobald diese erreicht ist, gleichsam nur noch abschreibt, erfährt dies wohl ganz besonders. Wir sprachen schon in Griesbach, hoch über dem Badetreiben, wo der frische, feuchte Wind wehte und eine freiere Landschaft halb verschleiert
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| ahnungsvoll sich aufthat, von diesem Sich-selbst-Verstehen, das Grundlage aller originalen Produktivität ist. Es ist das Wesen der Kunst, daß jeder, der in ihr hervorbringend thätig ist, das Recht hat, sich selbst normativ zu setzen. Dieses "Selbstvertrauen" des Künstlers sollte auch da vorbildlich sein, wo es sich nicht um Kunstwerke im engeren Sinne handelt. Wir wissen ja, daß der ganze Umkreis persönlicher Lebensgestaltung eben unter diese Art des Kunstschaffens fällt.
Ich schrieb Ihnen schon, daß im Fortgang auch meiner Arbeit die Sache allmählich selbst produktiv gewesen ist. Alte Dispositionen würden Ihnen die unglaublichen Wandlungen der Idee zeigen. Ich schicke Ihnen diese kahle Übersicht, damit Sie ungefähr lokalisieren können, was ich Ihnen während der Vollendung daran schreiben werde. Daneben treibe ich Treitschke und Mittelhochdeutsch, starke u. schwache Verba, es ist göttlich!
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Der Brief von Hermann enthält rein sachliche Auseinandersetzungen. Ich nehme seine Erlaubnis zur Mitteilung derselben an Sie stillschweigend an. Ich schätze Herman u. sein ideales Streben so hoch; würde so gern an seinem festen Charakter eine Stütze für meine leichte Sensibilität finden. Aber seine Philosophie verstehe ich garnicht, d.h. wohl das Bedürfnis u. ihren psychologischen Ursprung, aber nicht, wie ein Mensch sich durch dergleichen unbeweisbare Mythologien logisch überzeugt fühlen kann. Es ist zu schade, daß Hermann sich nicht doch ein wenig in dieser Hinsicht beieinflussen läßt. Was ist das für eine Logik, für ein unrettbares Versunkensein in Hegel, das mich denn doch eigentlich überrascht; daß die lichten Geister unserer Philosophie für ihn hinter diesen Dunkelmann zurückstehen sollen, ist traurig, wirklich traurig, und ich bin ratlos, frage Sie, ob es Freundschaft heißen kann, einen Freund auf diesem sinnlosen Wege zu bestärken. Was ich Sie vor meiner
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| Reise bat, bitte ich Sie von neuem: raten Sie mir, wie ich Hermann von dieser merkwürdigen Weltflucht abbringen kann. Denn daß er mir gleichgiltig werden sollte, ist mir aus vielen Gründen ein schrecklicher Gedanke. Aber vielleicht verstehen Sie seine Meinung besser, und können mir den Zugang zu seinem Denken eröffnen. Ich kann ihn nicht finden. Hermann mag Dogmatiker sein, soviel er will, Antipsychologist u. alles, aber er müßte diesen Standpunkt mit der demselben eigenen logischen Stärke vertreten. So ist alles ein unverstandenes Gemenge.
Ernst habe ich seit meiner Rückkehr noch nicht gesprochen. Neu war mir dieser Zug nicht; junge Menschen taxiere ich nicht leicht falsch. Hingegen habe ich über das, was persönlicher Einfluß vermag, noch keine praktische Erfahrung. Daher die Enttäuschung. Doch halte ich zu dem Kalenderspruch; der gehört ins Kapitel "Phantasie".
Fräulein Knaps hat mir ebenfalls so schöne Worte gewidmet, daß ich zum zweiten Male empfand, wie schöne Begleiter wahre, aus dem Leben gegriffene Gedanken sind. Sagen Sie ihr bitte einstweilen herzlichen Dank.
Mein Vater hat heut seinen lustigen Tag gehabt. Dann kommen wir - ohne ärztliches Objekt - aus dem Lachen nicht heraus. Und ich kann sehr <li. Rand> gut lachen nach dieser Erheiterung. Meine Eltern empfehlen sich Ihnen herzlich. Ich <Kopf> bleibe mit herzl. Gruß an Frl. Knaps Ihr Eduard Spranger
[re. Rand,S.1] Vielleicht senden Sie mir Hermanns Brief bei Gelegenheit freundlichst zurück?
[re. Rand,S.3] Sie haben mich auch diesmal nicht für würdig erachtet, mir etwas v. Ihrer Kunst zu zeigen. Ich will mir nun ernstlich Mühe geben, daß ich etwas dazulerne. Bitte helfen Sie mir!