Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 22. September 1904 (Charlottenburg)


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Charlottenburg 2, am letzten Sommertag 1904.
Liebes Fräulein Hadlich!
"Ach wenn in unsrer engen Zelle
Die Lampe wieder freundlich brennt,
Dann wird's in unsrem Busen helle,
Im Herzen, das sich selber kennt!"
Die Poesie der Gelehrtenstube ist etwas Wundervolles, wenn der Kopf frei und die Seele leicht ist. Seit langer Zeit genieße ich annähernd diesen Zustand wieder einmal. Tiger und Löwe schlafen, und dem heiligen Hieronymus gleiche ich auch darin*[li. Rand] * Eigentlich sollte hier stehen: daß mir die Haare ausgehen, aber noch nicht die Gedanken. Rev. Text., daß mir das Gehäuse jetzt thatsächlich eine sehnsuchtfreie Welt ist. Auf wie lange?
Auf Ihren freundlichen ausführlichen Vermittelungsversuch hatte ich Ihnen bereits einen Brief geschrieben, der in des Papierkorbs gesammelte Werke übergegangen ist. So mag denn die Maxime des verhaßten Liberalismus laissez faire laissez passer auch hier Platz greifen.
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| Die Anwesenheit der Dame reißt die Hand von den Schwertern zurück, die angeborene Kampfnatur sucht die gesittete Form und hofft von einer reiferen Zeit ein innigeres Verständnis.
Mein Freund aus Erfurt war hier, und wir konnten die wenigen Stunden des Beisammenseins benutzen, um auf eine lange, gemeinsam durchkämpfte Krisenzeit mit ruhigerer Brust zurückzublicken. Wäre es doch keine Selbsttäuschung! Ein Gefühl kräftigerer Sachlichkeit scheint mir über mich gekommen zu sein. Auch dies war eine Frage der Gesundheit. Schlimme Tage, die mich bis zum Brom zurückführten, waren Gott sei Dank vorübergehend und ich erfreue mich jetzt einer maßvoll ausgenützten, einigermaßen befriedigenden Arbeitskraft. Meine Ideen gehen mir über alles; ihnen zuliebe discipliniere ich meine alte Neigung zum Epikuräertum. Auch meine Stellung zu Ernst hat sich dadurch verändert. Die tiefe, hoffnungsvolle Liebe, die ich ihm widmete, und die mich manchmal zu nachgiebig machte, war an eine noch sehr unreife Natur verschwendet.
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| Das Zusammensein mit meinem Freunde zeigte mir erst, wie wenig Höflichkeit des Herzens bei ihm vorhanden war, und ich habe keine Lust, meine Zeit an jemanden zu verschwenden, den ich erst darum ersuchen muß, daß er mich auf der Straße grüßt. Die Abschiedsworte, die ich unserem näheren Verhältnis in der "Phantasie" gewidmet habe, sollten Sie nicht auf die Goldwage legen. Ich habe von der Phantasie die trügerische Seite erfahren; damit sie real wird, muß noch etwas anderes hinzukomen; wenn ich darüber auch Erfahrungen gemacht habe, werde ich darüber schreiben. Das ist dann aber nicht mehr Sache der Phantasie. Übrigens sagt der vielcitierte, sehr geschätzte Fachgenosse, er finde den Aufsatz zwar geistvoll, aber noch viel unverständlicher als alle meine früheren. Mit dem zweiten mag er recht haben.
Sie verraten von Ihren Plänen nichts. Wer im Irrealen lebt, kann unbefangener davon reden: Ich stehe noch immer in Cap. II, aber ich habe eine Entdeckung gemacht, die unendlich fruchtbar ist, mir alle weiteren Schwierigkeiten mit einem Schlage aufhellt und mir den künftigen Weg zur System
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|bildung wohl auf Jahre hinaus weist. Das Werden der Sache haben Sie in früheren Briefen stets verfolgen können. Als ich Ihnen seiner Zeit die Frage nach dem Wesen der Entwicklung vorlegte, die Sie sehr zu Unrecht a limine ablehnten, sah ich in der That den Ausweg nicht. Jetzt weiß ich, daß die Seele ein teleologisches System ist, und wie man dieses Faktum auf logische Prinzipien bringen kann. Dadurch bin ich in einem neuen Teil Dilthey'scher Philosophie, ohne es zu ahnen, hineingewachsen. Was bei ihm, ja bei Paulsen, als intuitive Anschauung vorhanden ist, habe ich auf Formeln zu bringen versucht, die erkenntnistheoretisch streng sind. Nun bin ich mit einem Schlage mitten in d. phil. Entwicklung und kann ¾ der leidigen Litteratur einfach ignorieren. Wollen Sie sich über den sachlichen Gedanken orientieren, so versuchen Sie es einmal mit Diltheys poetischer, aber überaus schwerer Abhandlung in den Sitzungsberichten d. Berl. Ak. der Wiss. 1894. 2. Bd. Ideen zu einer beschreibenden u. zergliedernden Psychologie. Bes. Cap. 7. Eine unerschöpfliche Fundgrube der tiefsten Psychologie u. Philosophie, charakteristisch für seinen Leichtsinn wie seinen Tiefsinn, der ganze Mensch u. Philosoph. Ich betrachte es geradezu als
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| meine Aufgabe, ihn durch scharfe Systematisierung zu vollenden. Ich befleißige mich daher der äußersten logischen Strenge, um so mehr als das Buch meines Freundes u. Gegners, H. Nohl, von dem ich mir unendlich viel versprach, als ich es neulich von ihm erhielt, den ganzen flüchtigen, phantastischen Leichtsinn charakterisierte, mit deme die so geistvollen Diltheyaner arbeiten. Ich kann es Ihnen nicht schicken, ohne unsre "Schule" etwas zu kompromittieren. Unter dem Titel "Sokrates u. die Ethik" wird die ganze griechische Geschichte eigentlich apriori umkonstruiert. Ich bin glücklich, durch einen rechtzeitigen entscheidenden Schritt meine wissenschaftliche Integrität gerettet zu haben.
Das Prinzip, von dem ich ausgehe, ist kurz Folgendes: Teleologische Beurteilung im Gegstz. zur kausalen findet da statt, wo die Beurteilung vom Ganzen auf die Teile, oder - bei einem Prozeß - vom Erfolg auf d. Anfangszustand u.d. beeinflussenden Bedingungen zurückgeht. So verfährt die Biologie: die Lebenserhaltung (das Resultat) liefert erst das Verständnis der
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| Einzelvorgänge. In der Psychologie aber ist das Urbild dieser Betrachtungsweise. Es giebt keine isolierten Kausalrelationen in dem psychischen Strukturzshg., sondern diese können nur unter beständiger Rücksicht auf das Ganze ausgesondert u. verstanden werden. Weil der Beurteiler in sich dieses Ganze erlebt, werden ihm die unvollständig gegebenen Prozesse in dem zu Interpretierenden verständlich. Die wissensch. Formulierung dieser Psychologie kann also nur in teleologischen Systemen, nie in Kausalgesetzen erfolgen. Diese Teleologie ist nicht durchgängig bewußt, sondern nur an einzelnen Punkten. Das System der Wirtschaft ist rationalisierbar. Das System d. Ethik nur zum kleinsten Teil. Die im Erleben gegebene Teleologie der Ethik, wenn sie Produktiv wird, ist also nur z.T. Wissenschaft, zum größeren Teile Kunst u. Religion. Was Hermann forderte, das wissenschaftliche Auswahlprinzip psychologischer Typen, ist somit gegeben; sie müssen auf kulminierende Werte bezogen werden (z.B. d. Hölderlintypus auf den ästhetischen.) etc. etc. Die Beweise muß ich
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| schuldig bleiben. Sie sind aber in Cap. I. u. II geliefert. Dann folgt die Darstellung, wie sich diese teleologische Psychologie von d. Metaphysik relativ losgelöst hat, wie Lamprecht, Wundt, Sigwart sie übersehen; wie sie aus dem subjektiven Erleben in d. Objekt übertragen wird und wie schließlich die Geschichtsphilosophie selbst diesem teleologischen System angehört. Dies ist der einheitliche Faden der Arbeit, die bis Ende Oktober, resp. Mitte November fertig sein soll.
Machen Sie mich durch Karten vom Königsstuhl nicht sehnsüchtig u. neidisch. Die melancholische märkische Herbstlandschaft in ihrer tiefsinnigen Gewalt haben Sie vergessen. Ich kann mit ihr nicht fertig werden. Sie ist herrlicher u. schöner als der Gedanke erfaßt. Ihre Unbestimmtheit (leider, außer Potsdam) ist grenzenlos u. überwältigend. Das ewige Rätsel des Lebens steht über ihr geschrieben und meine Aufgabe ist doch, nur von der geringen Hemisphäre zu reden, die sich unserm Bewußtsein erhellt hat. Wie kann man an den Begriff glauben, wenn einem die Seele voll ist. Nächstens machen wir auch Musik aus reinen Begriffen, aber nur zu wohl
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|thätigem Zweck.
Obwohl die Schwerpunkte meiner Existenz auswärts liegen, habe ich hier einen freundlichen Kreis mitarbeitender Freunde. Philosophie, Philologie u. Geschichte werden gemeinsam betrieben, mit vielem Humor und frischem Sinn. Bliebe es so, wie lebenswert wäre das Leben in unserer glücklichen, produktiven, ernsthaft ringenden Epoche. Denn dies ist der psychologische Fehler Ihrer freundlich vermittelnden "spekulativen" Philosophie, daß sie das sittliche Recht u. die Notwendigkeit des Kampfes vergißt.
Auch Wilhelm Meister, dieses Buch, an dem ich mich seit Jahren bilde, habe ich wieder gelesen. Goethe u. kein Ende! Aus Hamburg schickt mir eine frühere Schülerin "die Pädagogik der That", ein freundliches Zeichen. Und so schließe ich mit Hamanns ungefähren Worten. Lasset und rüstig sein und arbeiten, so lange es Tag ist, daß wir zum Abendsegen sagen können: Wie wohl wird's thun! Möge auch Ihnen ein schöner Herbst und fröhlicher Mut beschieden sein! Empfehlen Sie mich Frl. Knaps u. seien Sie herzlichst gegrüßt von Ihrem Eduard Spranger
[li. Rand] Meine Eltern senden Ihnen die hochachtungsvollsten Grüße.