Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 26. September 1904 (Berlin)


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26.IX.04.
2 Stunden vor einer Hochzeit.
Liebes Fräulein Hadlich!
Soeben erhalte ich Ihren Brief, der mich überrascht und erschreckt. Ich weiß nicht, ob die Unzulänglichkeit des Geschriebenen auf mich einen irrigen Eindruck hervorruft. Der Gedanke, zwischen Sie und Ihren Bruder mich zu drängen oder auch nur zu treten, vielmehr die Vorstellung, daß man auf diesen Gedanken kommen könnte, ist mir so völlig neu und so ganz gegen das, worin ich mich mit Hermann auf Wilhelmshöhe so innig einig einig fühlte, daß ich damit vorläufig noch nicht fertig werden kann. Da Sie mir zu bedenken geben, was ich nie vergessen zu haben glaubte, so muß ich unbewußt dagegen gefehlt haben; ich erbitte aufrichtig Ihre Verzeihung dafür. Da Sie selbst von
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| "beleidigend" sprechen, muß ich fürchten, nicht Unrecht zu haben, wennschon mir dieses Wort in unserer Correspondenz unglaublich fremd vorkam. Nach dem Inhalt Ihres Briefes wundert es mich übrigens, daß Sie in Antonio die Beziehung auf mich nicht herausgefunden haben.
Ich muß mir das alles noch lange durch den Kopf gehen lassen. Nur wollte ich meine Bitte um Verzeihung nicht länger anstehen lassen. Mir geht soviel sinnlose Musik und Trostkonzepte durch den Kopf, daß ich Ihnen jetzt beim besten Willen nicht mehr schreiben kann.
Leben Sie wohl und erfreuen Sie sich einer guten Gesundheit.
Mit herzlichem Gruß
Ihr Eduard Spranger.