Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 5. Oktober 1904 (Charlottenburg)


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Charlottenburg, den 5. Oktober 1904.
Liebes Fräulein Hadlich!
Wenn die Saison so weitergeht, werde ich zum Lebemann. Mein Freund aus Erfurt ist wieder hier; der Protestantentag bringt bekannte Geistliche (das sind die schlimmsten), und so schwindet ein Abend um den anderen ohne die Gunst der Musen dahin. Ob sie sich am heutigen freien Tage wenigstens für diese Zeilen einstellen werden? Der Stoff ist jedenfalls genug angewachsen.
Ein Freund, ohne Philosophie, ganz Mensch und vornehm bis in den tiefsten Winkel der Seele, wie es Nieschling ist, in schönen Herbsttagen hier mit dem ausdrücklichem Wunsch, durch persönliches Zusammensein die alte, innige Durchdringung zu erneuern, das ist erhebend und fördernd zugleich. Alles kommt jetzt meinem aktiven Menschen zugute; das Hölderlin-Stadium ist vorbei. Gerade die unter uns selbstverständliche Abwesenheit aller Philosophie, die bloße Bewertung dessen, was man für einander ist, trotz beiderseitiger philosophischer Neigung, belebt unser Verhältnis. Dazu kommt ein beinahe ehr
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|furchtsvolles Respektieren der gegenseitigen Daseinssphären, das ich als schönen Gewinn früherer Kämpfe miteinander betrachte. Ich schrieb Ihnen schon einmal von diesem Abgrenzen der Machtsphären, von dem Kampf, den ich mit jedem meiner Freunde geführt habe, weil ich jeden nach mir zu gestalten strebte und erst allmählich das Recht einer fremden Subjektivität verstehen lernte. Vorher mußte allerdings das Bewußtsein dasein, daß man den andern von Natur wegen als sein Eigentum beanspruchen konnte. Es ist eigen, wie schonend man später um die alten Schlachtfelder herumzugehen lernt. Es giebt aber, wie in einem erwähnten Briefe stand, eine Ausnahme hiervon: die Logik kennt keine Toleranz; sie ist nur ein, und ich möchte nicht Arbeiter in dem Weinberge der Wissenschaft sein, wenn auch hier die Subjektivität ihr Recht haben sollte. Welche Logik ist nun realer, die nur einen Standpunkt allgemeingiltiger Art anerkennt, oder diejenige, die für viele Wertrichtungen Raum läßt? Ich könnte mich hierüber noch näher erklären. Aber Sie verstehen mich: eine
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| ganze Jugend habe ich dem Suchen nach diesem Standpunkte gewidmet. Ich kann hiervon nicht ablassen, ohne meinen besten Besitz für ein Nichts zu verleugnen. Was man für einen Bruder empfinden kann, glaube ich zu verstehen. Aber verstehen auch Sie, was man für ein Lebensinteresse empfinden kann? Was man dafür opfern kann u. was ich dafür geopfert habe? Als ich anfing zu studieren, stand mir der Weg zur Gesellschaft und zum Leben offen, man schätzte mich als einen der lebendigsten und lustigsten Genossen. Heute fühle ich mich wie der Fisch, den Kinder vom Strande in einen ausgegrabenen Teich gesetzt haben. Wenn eine Woge herüberspült, dann kommt ihm die Sehnsucht, noch einmal zu schwimmen in der großen Flut. So ungefähr fühlte ich mich auf der Hochzeit, die mir wieder ein Stück Vergangenheit abschloß. Ich hatte einen ausdrücklichen Contrakt aufgesetzt, daß ich nicht zu tanzen brauchte. Derartige Einladungen pflege ich durch Musik u. Tischreden abzuverdienen. Und ich bin glücklich, wenn es mir dadurch gelingt, wenig
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|stens mitgezählt zu werden. Das ist mir immer ein besonders glücklicher Moment, wenn es mir gelingt, die so heterogene Gesellschaft durch ein paar Worte in meine Art zu denken hineinzuzwingen. Da hab' ich den Leuten meinen von mir schwärmerisch verehrten Onkel (der beim 2. Triumvirat mit unterzeichnet hat) vor die Augen gestellt, wie er mir erscheint, in seiner schlichten Größe, habe mir so recht vom Herzen geredet, wie die im Verborgenen wirkende Liebe herrlicher ist als der Glanz der Welt. Und ich habe gefunden, daß die Thränen, die man bei dieser Gelegenheit sieht, schöner sind als günstige Kritiken im Litteraturblatt.
Wenn ich Ihnen nun erzählen sollte, was ich in der Zwischenzeit für innere Fortschritte gemacht habe, würde ich wohl sehr breit werden müssen. Als eine klare Anschauung steht nun vor mir, was ich lange ahnend und tastend gesucht habe. Ein Gedanke von unendlicher Tragweite, ob ich ihn nun durchsetzen kann oder nicht. Die ganze Geistesgeschichte bis heute erscheint mir als ein Prozeß der Aufhellung des Bewußtseins über sich selbst. Denken Sie sich einen dunklen Untergrund, aus dem der Mensch emporwächst, unkundig seiner und
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| unkundig der Welt. Mit beidem ringt er; aber ganz spät erst erhellt sich ihm in der Selbstbesinnung ein Streifen seines Selbst. Er lernt die psychologischen Vorgänge in sich kennen, er ringt mit der Terminologie, er erfaßt sich in spekulativen, naturwissenschaftlichen Symbolen. (Cap. III.) Das innere Universum erscheint ihm allmählich in schärferen Umrissen. Im fremden Leben spiegelt er sich selbst; und immer verschiedenartiger wird die Fülle dieser Lebensformen. Er muß verstehen lernen, wenn er leben will. So sondert sich ein Bezirk psychologischen Wissens aus dem metaphysischen Urgrund. Heute ist die Zeit reif, um mit der Fixierung dieser Resultate zu beginnen. Und so nähert man sich wie Goethe oder Ranke durch die Kenntnis der Einzeldinge ahnend dem allumfassenden Zusammenhange. Wie Spencers Agnosticismus die Natur im Entwicklungsgesetz erfaßt, so erfolgt die Selbsterkenntnis in Psychologie u. Geschichte. Wir brauchen Psychologie zum Verständnis unserer Religiosität, Ethik, aber auch unserer Metaphysik. Dies weise ich (leider kurz) im 3. Capitel an der Loslösung der Psychologie v.
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| der Metaphysik nach.
Und nun - Ihr Naturalismus! Verstehen Sie ihn von hier aus, verstehen Sie ihn von sich selbst aus, oder besser: verstehen Sie sich selbst. Beobachten Sie die verborgene Produktivität, mit der Sie die Welt gestalten; denn sie ist mir ein Spiegel Ihres Selbst. Lesen Sie Ihren Charakter ab aus dem, was Sie von der Welt gesagt: messen Sie das Quantum Wissenschaft, Gefühl, Phantasie, das Sie für sich brauchen, daran gegeneinander ab. Oder nehmen Sie jemanden, der von der Welt sagt, sie sei ein Begriff. Was hat er erlebt? Manches, aber zur Selbstkritik hat er sich nicht gebildet, sonst würde er sich besser analysieren und sagen, das ist Dein Drang nach Gegengewicht. - Dies alles ist nichts anderes als der wissenschaftliche Ausdruck für Goethes Weltanschauung. Wir müssen noch viel Goethescher werden, als wir sind, und wenn Sie und Hermann nicht wie ich täglich 50 Seiten von Goethe lesen, so werde ich das sehr beleidigend finden. Das liegt nun da wie lauteres
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| Gold für die Menschen; aber man liest das Moderne und staunt, daß man so wenig Fortschritte macht.
Jetzt stehe ich mit etwas dumpfem Kopf vor diesen Arbeiten in Cap. IV. Ich muß bis Mitte November fertig werden. Was dann wird, ist gleichgiltig.