Briefwechsel Eduard Spranger/Käthe HadlichBibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung

Eduard Spranger an Käthe Hadlich, 7. Oktober 1904 (Charlottenburg 2)


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Charlottenburg 2, den 7. Oktober 1904.
Liebes Fräulein Hadlich!
Aus stilistischen Bedenken habe ich Ihnen wiederum einen langen Brief unterschlagen müssen. Hoffentlich sind mir die Musen heute günstiger.
Seit der Hochzeit, wo ich als Festredner und Musikus mein Nichttänzertum abbüßte und vom Konsistorialrat die wohlmeinende Mahnung erhielt, mein Talent vor den modernen Bahnen zu hüten, weil ich Liszt (!) gespielt hatte, muß ich mir das "Recht auf Arbeit" mühsam erkämpfen. Mein Freund Nieschling widmet mir wiederum einige schöne Herbsttage, um die alte necessitudo (sehr schön sagt nämlich der Lateiner für Vertrautheit "Notwendigkeit") nach manchen wichtigen Ereignissen zu erneuern. Ich erfreue
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| mich der Anwesenheit dieser vornehmen Seele um so mehr, als keinerlei philosophisches Band unsere enge Gefühlsgemeinschaft verknüpft.
Dieses Glückes wegen hat mir aber Gott, wie Goethe an Jacobi schrieb, einen Pfahl ins Fleisch gesetzt und mich mit der "Metaphisick" gestraft, d.h. ich stecke so tief in einer mir sehr wichtigen Gedankenfolge, daß meine Seele geteilt zwischen zwei Himmeln schwebt, und das ist es, was man einer von mir gemachten Entdeckung zufolge, im streng philologischen Sinne unter Hölle zu verstehen hat. Nur aus der vollendeten Koncentration entspringt der vollendete Ausdruck, und dieses Hingegebensein an die Sache gelingt mir jetzt absolut nicht.
Trotzdem will ich versuchen, Ihnen die Sache zu skizzieren. Bei der Ausar
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|beitung von Kap. 3 kam mir der Gedanke, wie die phil. Entwicklung seit Kant durch die spekulative Philosophie hindurch ein immer tieferes Erfassen der geistigen Welt darstellt und zwar in der Form, daß aus dem dunklen metaphysischen Hintergrunde, auf dem das Leben sich abspielt, ein hellerer Bezirk psychologischen Selbstverständnisses sich abhebt. Diese Aufhellung des Bewußtseins ist ein Ringen mit dem Ausdruck, aber auch ein Ringen mit der vielverschlungenen, erst dunkel triebhaften Innerlichkeit, die sich in Teilbeziehungen erfassen will. Die unzulänglichen Symbole der spekulativen Philosophie weichen dem künsterisch-nachfühlenden psychologischen Ausdruck. Wie Goethe im Studium der Einzeldinge sich ahnend dem metaphysischen Zusammenhange näherte, so offenbart sich hier in der gekräuselten Oberfläche die wogende Tiefe. Dieser Fort
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|schritt hat sozial-wirtschaftl. Ursachen. Er spiegelt sich in der Litteratur: Tolstoi, die Russen, die Nordländer Neubelebung d. Romantik u. Renaissance etc. So stehen philosophisch Nietzsche, Dilthey, Wundt gegen Kant, Schelling, Hegel. Humboldt, dieser unvergleichlich geistvolle Mann und der tief-innerlich religiöse Ranke bilden den Übergang. Das ist das Gebilde von Fleisch u. Blut, das hinter dem Gespenst "Subjektivismus" steckt und hinter der wachsenden psychischen Intensität, der fortschreitenden Differenzierung etc.
Wenn man Jahre ernstester, vielfach entsagungsvoller Arbeit auf die Gewinnung einer ehrlichen [über der Zeile] wissenschaftlichen Überzeugung verwandt hat, so gehört es zum Charakter, daß man sie verteidigt. Hegel und - der Naturalismus liegen nicht auf diesem Wege. Aber wenn beide "sich selbst verstehen", so sagen sie eben tat twam asi und erkennen in dem Weltbilde, das sie sich entworfen haben, die psychologisch analysierbare Produktivität ihres Selbst. Dies ist nicht mehr Frage des guten Willens und der Subjektivität,
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| sondern Frage der Logik, und ich möchte nicht Arbeiter in diesem Weinberge des Herrn sein, wenn man auch bei ihr noch das Recht der Persönlichkeit anerkennen soll. Ich will Ihnen gestehen, daß meine neueste Gedankenreihe dafür spricht, daß man die Resultate der biologischen Naturwissenschaft vortrefflich dieser psychologischen Anschauung einreihen kann und daß sich dann eine Art Monismus in der Weltauffassung denken läßt. Nur so, daß die Linie: Geschichte, Biologie, Physik eine absteigende Linie immer weiterer Abstraktion m. psychologischen Bedingungen bedeutet, wie unser vortrefflicher Wundt das klar und plan auseinandergesetzt hat. Anerkennung der positiven Wissenschaft soweit wie möglich, ist mein phil. Feldgeschrei, und ich danke Ihnen, daß Sie mich von der naturw. Seite so freundlich ergänzen und vor Einseitigkeiten bewahren. Hingegen erkläre ich Ihnen auf Ihre Ermutigung frei, daß es mich ein wenig unserm lieben, charakter
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|vollen Hermann entfremdet, wenn er sich in einem eigentümlichen Sich-selbst-nicht- Verstehen mit solcher Verve dem philosophischen Dilettantismus in die Arme wirft. Was zu Hegels Zeiten möglich war, ist heute für den logisch-wissenschaftlichen Standpunkt einfach Unsinn, und ich hoffe, daß eine tiefere Selbstbesinnung und "Selbstanalyse" meinen Freund aus dieser unfruchtbaren Kräftevergeudung rettet. Jeder soll sich den Weg selbst bahnen, das ist die Theorie des Abbé im Meister; aber ich stehe mehr auf Jarnos Seite und bin z.B. der Meinung, daß Hermann von Goethe, Kant, selbst von Windelband lernen könnte, was seinen Weg erheblich abkürzt. Hegel hat die Philosophie in Verachtung gebracht; das sagt noch nicht, daß man von ihm nicht auch lernen könnte u. daß ich z.B. von ihm nichts gelernt hätte, aber gerade der Historiker und der Ethiker muß sich über ihn stellen; denn er ist überwunden,
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| was die Genannten nicht sind. Dies meine offene Ansicht. Wenn ich die Diskussion über diesen Punkt abbreche, gebe ich damit mein persönliches Verhältnis zu Hermann auf? Sollte ich mich hier als Antonio fühlen, so wissen Sie, wo ich mich als Tasso, d. h. den Irrenden u. Suchenden, fühle, und ich habe in der beanstandeten Wendung nur ausdrücken wollen, daß es Ihnen leicht ist, mir das Antoniohafte auszutreiben.
Daß ich in der Philosophie modern bin, verdanke ich der Wahl meines Themas, das mir wirklich nicht gestattet hat, in der bequemen Bahn der Anlehnung vorwärts zu gehen. Jede Position habe ich erkämpft und muß sie verteidigen.
Ich stehe noch in Kap. IV u. ringe mit der Darstellung mehr als ich glaubte. Wie schwer ist es, überzeugend und doch kurz zu sein. Die vorhandenen 52 engen Folioseiten betragen etwa ein Drittel des Ganzen.
Der Mitunterzeichnete beim 2. Trimuvirat ist ein von mir schwärmerisch verehrter Onkel. Ernst ist nun glücklich Lehrling mit Dienstzeit von 8-5, was ich für den geradesten Weg zur Humanität halte. Wenn er da ist, werde ich es Ihnen schreiben. v. K. hat ganz recht mit der "unpraktischen Philosophie". In Zürich würden Sie ihn gern nehmen; er hätte dort ein Publikum von 20 Theologiestudierenden in summa!! dann doch lieber die 36 Quintaner des mir befreundeten philosophischen Oberlehrers.
Eigentlich höre ich jetzt von Ihrem persönlichen Ergehen und Befinden sehr wenig. Die schönen freien Tage im Süden bilden zu meiner jetzigen koncentrierten Anspannung noch immer den poetischen Hintergrund. Der Kopf ist garnicht einwandfrei; aber etwas energischer glaube ich geworden zu sein. Daß man für ein paar Druckseiten so ernsthaft seine Kraft einsetzen kann! Schluß, wennschon noch kein Ende. Bitte empfehlen Sie mich Fräulein Knaps und grüßen Sie das geliebte Heidelberg u. Windelband, dessen Präludien mir <li. Rand> trotz d. abwegenden <ein Wort unleserlich> immer mehr als ein klassisches Buch erscheinen. Mit herz<Kopf>lichem Gruß und Empfehlungen v. m. Eltern Ihr Eduard Spranger.